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Book review: Günther Maihold, Hartmut Sangmeister, Nikolaus Werz (Hrsg.): Lateinamerika. Handbuch für Wissenschaft und Studium

Book review Erdkunde 75 (3) 2021, 245-246 by Dorothea Hamilton

Maihold, Günther; Sangmeister, Hartmut und Werz, Nikolaus (Hrsg.): Lateinamerika. Handbuch für Wissenschaft und Studium. 692 S. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2019. € 98.00 ISBN 978-3-8487-5247-8

Das 2019 im Nomos Verlag erschienene Handbuch ist als Nachschlagewerk für lateinamerikabezogene Begriffe und Themengebiete aus verschiedenen Disziplinen gedacht, in die, erfreulicherweise, auch die Geographie Einzug findet. Damit gehört es zu den wenigen aktuellen interdisziplinären Handbüchern für Standardkonzepte mit Lateinamerikabezug wie z. B. „Washington Consensus“, „Buen Vivir“ oder „Dependenztheorie“. Aufgrund seines breit angelegten Glossars und einem Personenregister eignet es sich insbesondere für die Lehre. Interdisziplinäre und durchaus konträre AutorInnen aus der deutschsprachigen Lateinamerikaforschung geben Aufschluss über „Grundlagen und Perspektiven“ (Kapitel 1), „Lateinamerikaforschung/Lateinamerikanistik (Kapitel 2), „Recht und Rechtspolitik“ (Kapitel 3), „Politik und Politische Systeme“ (Kapitel 4), „Lateinamerika in den internationalen Beziehungen“ (Kapitel 5), „Politische Ökonomie“ (Kapitel 6) und „Kulturelle und soziale Dynamiken“ (Kapitel 7). Erstaunlich ist die Vielfalt der abgedeckten Themen, die sich der Ambition, Schlüsselbegriffe zu skizzieren und wichtige Themen der Debatte in Bezug auf Lateinamerika abzudecken (S. 15), durchaus annähert.
Zu betonen ist die (selbst)kritische Sichtweise der Herausgeber, die darauf hinweisen, dass die „europäischen Projektionen (…) aus der Außenperspektive eine Homogenität [suggerieren], die so nicht vorhanden ist“ (S. 14). Diesem Selbstanspruch steht jedoch der Aufbau des Buches entgegen. Auch wenn die politische Färbung durchaus von Meinungen einzelner Herausgeber und AutorInnen abweicht, bleibt die Gestaltung konservativ. Zwar lassen sich bei der genauen Lektüre einzelner Kapitel erfreulicherweise auch kritische Gegenstimmen finden, diese sind jedoch meist in den hinteren Bereichen der Kapitel platziert, sodass [statt einer gleichmäßigen Verteilung] erst gezielt danach gesucht werden muss.
Das genannte Phänomen wird beispielsweise anhand der Skizzierung von Entwicklungskonzeptionen sichtbar: Die gesamte Entwicklungsrichtung des sogenannten Neo-Extraktivisimus - also einer vorwiegend auf unverarbeiteten Primärgütern basierenden Wirtschaft unter staatlicher Kontrolle - wird wohl in den Kapiteln von Kristina Dietz und Martin Coy diskutiert, aber im Vorwort unter „autoritäre, staatskapitalistische Gegenmodelle“ (S. 6) zusammengefasst und findet keinen Eingang in das Glossar. Auch alternative Entwicklungsmodelle wie der Postextraktivismus - die Idee, dass auch lateinamerikanische Ökonomien auf anderen, sozial und ökologisch vertretbareren Wirtschaftssektoren basieren könnten - werden nur peripher betrachtet.
Daran zeigt sich der problematische Aspekt des Buches, dass wichtige Schlüsselbegriffe, insbesondere solche, die mit weniger privilegierten Gruppen im Zusammenhang stehen, über das Glossar nicht gefunden werden können. Dies gilt für sogenannte „Femicidios“ - systematische Frauenmorde -, „Kinderarmut“ sowie die Bedrohung von „Menschen- und Umweltrechtsaktivisten“. Diese in der aktuellen Debatte in Lateinamerika wichtigen Themen werden zwar in den entsprechenden Kapiteln teilweise benannt, müssen aber gezielt gesucht werden, was Vorwissen voraussetzt. Zum Beispiel wird im Kapitel „Frauenbewegungen“ (VII. 8.) das Problem der geschlechterbezogenen Gewalt aufgegriffen, jedoch schlägt der nur fünfseitige historische Abriss einzelner Gruppierungen mitunter unzulässige Brücken zwischen den Ländern und lässt gleichzeitig wichtige Frauenbewegungen wie z. B. die tragende Rolle von Müttern oder Frauen im Kontext der Verschwundenen während der argentinischen Militärdiktatur („Madres de la Plaza de Mayo“) unerwähnt. Bewegungen nach den 2000er Jahren, wie vor allem die chilenische Bewegung #niunamenos (zu Deutsch: keine weniger), die Gewalt gegen Frauen verurteilt, taucht genauso wenig auf wie die Debatte um das Abtreibungsverbot in Argentinien, sodass auch hier eine regionalspezifische Betrachtungsweise vermisst wird. Die fehlende Betrachtung des Kontinents aus weiblicher Perspektive zeigt sich auch im Personenregister am Ende des Bandes: Von den 96 im Buch benannten Schlüsselpersonen aus Politik, Literatur und Kunst sind nur sieben (!) weiblich gelesene dabei. Dieses Verhältnis allein wirft die Frage auf, von und mit wem der im Vorwort geforderte Dialog geführt wird.
Eine genauere Betrachtung der AutorInnen gibt Hinweise über den Ursprung darüber, warum manche in Lateinamerika stark diskutierten Probleme keinen Einzug in dieses aktuelle Werk finden. Von den 54 AutorInnen haben lediglich elf Frauen als Erstautorinnen veröffentlicht, obwohl auch in der deutschsprachigen Lateinamerikaforschung durchaus weibliche Expertinnen aus unterschiedlichen Fachbereichen zu finden sind. Noch unangemessener verhält es sich in Bezug auf AutorInnen mit familiären Verbindungen zu Lateinamerika. Dem Namen nach haben nur drei (!) einen lateinamerikanischen Ursprung. Im Kontext der aktuellen Debatte zu strukturellem Rassismus und „institutional whiteness“ sollte Augenmerk darauf gerichtet werden, wer das Wissen über einen Kontinent produziert. In diesem Kontext steht zur Diskussion, ob von einer „Stärkung der europäisch-lateinamerikanischen Zusammenarbeit (…) auf der Grundlage eines breiten gesellschaftlichen Dialogs“ (S. 6-7) gesprochen werden kann.
Dies wirft aus kritischer Perspektive die Frage auf, ob koloniale Strukturen ausreichend in der Konzeption des Buches Betrachtung gefunden haben. Auch wenn an diversen Stellen auf die koloniale Vergangenheit hingewiesen wird (hier sei insbesondere auf das Kapitel „Lateinamerika - ein eroberter Kontinent und die Errichtung des Modells der westlichen ‚Christenheit‘“ von Margit Eckolt hingewiesen), grenzt sich das Buch nicht ausreichend gegen subversiv herrschende koloniale Persistenzen ab und reproduziert diese mitunter. Beispielsweise wird im Vorwort mehrfach von der „Wiederentdeckung Lateinamerikas“ (S. 6) gesprochen, was, zumindest sprachlich, einer kolonialen, zumindest aber europäischen, Tradition folgt, die impliziert, dass Lateinamerika entdeckt und nicht erobert wurde. An verschiedenen Stellen bewirkt die Konzeption der Kapitel das Gegenteil dessen, was intendiert ist: Beispielsweise verweist die Autorin Juliane Ströbele-Gregor in dem Kapitel „Indigene Bewegungen“ zwar darauf, dass es sich beim Begriff der „Indigenen“ um ein „soziales Konstrukt (…) [handele], mit dem die Kolonialherren die unterworfenen Völker rechtlich und ideologisch zu einer homogenen Gruppe zusammenfassten“ (S. 614), bündelt aber in einem Absatz kulturell und organisatorisch sehr unterschiedliche indigene Bewegungen verschiedener Länder, zwischen denen keinerlei Verbindung besteht. Somit praktiziert sie die als „Othering“ bezeichnete Praxis, die sie vorher kritisiert. Die homogenisierende Wirkung, die das sprachliche Zusammendenken von Personengruppen in einem Kontinent hat, der fast doppelt so groß wie Europa ist, soll aber nicht primär der Autorin geschuldet sein, sondern dem Aufbau des Buches.
Die Konzeption des Werkes wirft jedoch auch die übergeordnete Frage auf, welchen Sinn eine ausländische Perspektive auf einen Kontinent hat. Wir als Forschende sollten uns fragen, welchen Wert ein Buch von beispielsweise chilenischen EuropaexpertInnen für ein „Handbuch Europa“ hätte. Zumindest zwingt es uns jüngere WissenschaftlerInnen, darüber nachzudenken, in welcher Weise und mit wem wir die zukünftige Lateinamerikaforschung gestalten wollen. Immerhin sind die Herausgeber Jahrgang 1945 bis 1957, wodurch ihre Einflussnahme auf den von ihnen geforderten Dialog zeitlich sehr begrenzt ist. Wie oben skizziert, reicht es aus dekolonialer Perspektive nicht aus, unterprivilegierten Gruppen ein Kapitel zu widmen, da dies zu einer ungewollten Reproduktion von Verhältnissen führt. Stattdessen müsste in der Planung des Werkes und in der Auswahl der AutorInnen bereits auf bestehende Macht- und Mitspracheverhältnisse geachtet werden.
Trotzdem sei das Buch als Nachschlagewerk empfohlen, da viele der einzelnen Beiträge einen guten Überblick über die genannten Sachverhalte und Diskurse geben. LeserInnen sollten jedoch stets im Blick behalten, dass es sich um eine weiße, deutsche, vor allem männliche sowie akademische Sichtweise handelt, die in der Herausgeberschaft mit der Konrad-Adenauer-Stiftung politisch motiviert ist. Die Konzeption einer Gegenschrift aus herrschaftskritischer Perspektive sollte insbesondere im Kontext der sozialen Proteste in Lateinamerika infolge der Pandemie in Erwägung gezogen werden.

Dorothea Hamilton (Gießen)
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