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Book review: Ingrid Breckner; Albrecht Göschel and Ulf Matthiesen (eds.): Stadtsoziologie und Stadtentwicklung

Book review Erdkunde 75 (2) 2021, 164-165 by Claus-C. Wiegandt

Breckner, Ingrid; Göschel, Albrecht und Matthiesen, Ulf (Hrsg.): Stadtsoziologie und Stadtentwicklung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis. 847 S., 35 Abb., 8 Tab. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2020. ISBN: 978-3-8487-3340-8 (Print). € 148,00

Zu Beginn der 2020er Jahre glänzen die Stadtsoziologinnen und Stadtsoziologen mit einem opulenten Werk zur Stadtentwicklung, das bewusst einen Fokus auf den deutschsprachigen Raum richtet. Auf rund 850 Seiten stellen 78 meist renommierte Autorinnen und Autoren aus Hochschule und außeruniversitärer Praxis in 71 Beiträgen ein umfassendes Spektrum an bedeutsamen Themen zur europäischen Stadt vor. Für alle Stadtgeographinnen und Stadtgeographen in Lehre und Forschung, aber auch außerhalb der Hochschulen liegt damit – dies sei schon vorab gesagt – ein gelungenes Nachschlagewerk vor.
Der eigene inhaltliche Anspruch des Sammelbandes ist es, ein Handbuch für eine „spezifisch sozialwissenschaftliche Stadtentwicklungsforschung und -planung“ zu sein, das seinen Fokus auf „urbane Akteure, Prozesse und Strukturen in Deutschland und im deutschsprachigen Raum“ richtet. Dieses Vorhaben gelingt der Herausgeberin Ingrid Breckner sowie den beiden Herausgebern Albrecht Göschel und Ulf Matthiesen ohne Zweifel ganz vorzüglich. Dazu trägt zunächst wesentlich die Auswahl der 71 Themen bei. Es finden sich nahezu alle Inhalte, die in der Stadtforschung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte diskutiert wurden und die zudem auch in der deutschen Stadtentwicklungspolitik eine gewichtige Rolle spielen. Stellvertretend für viele weitere Beiträge in dem Buch seien hier urbane soziale Bewegungen (Roth) und Öffentlichkeitsbeteiligung (Selle), Integration (Siebel) und Polarisierung (Kronauer), städtische Lebensstile (Dangschat) und Baukultur (Durth), Leitbilder (Becker und Jessen) und Architekturformen (Wolfrum) sowie Nachhaltigkeit (Grabow und Jossin) und klimagerechte Stadtentwicklung (Rösler und Hasse) genannt. Aber auch weniger prominente Themen wie etwa Bewegungsordnungen und -praktiken in urbanen Räumen (Klein) oder städtische Food-Kulturen (Drenckhan und Matthiesen) haben Eingang in den Sammelband gefunden. Die Zusammenstellung der Beiträge repräsentiert hervorragend die deutschsprachige Stadtforschung in ihrer ganzen Breite.
Die drei Herausgeber haben die vielen Beiträge fünf inhaltlichen Kapiteln zugeordnet und verzichten bewusst auf eine etwa am Alphabet orientierte Reihenfolge der Themen – wie etwa jüngst im vierbändigen Handwörterbuch der Stadt- und Raumentwicklung der Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (ARL). In einer Gesamteinleitung begründen die Herausgeber den Aufbau und stellen die jeweilige Klammer für die einzelnen Kapitel kurz vor. Im ersten Kapitel finden sich zunächst zehn Beiträge, die die Stadt als politische Institution in enger Anlehnung an die lokale Politikforschung betrachten. Im zweiten Kapitel sind 24 Beiträge zusammengestellt, die aus unterschiedlichen Perspektiven die Herausforderungen gesellschaftlicher Integration und Differenzierung betrachten. Das dritte Kapitel versammelt zehn Beiträge zur Stadtkultur, im vierten Kapitel finden sich fünf Beiträge zu Utopien, Visionen und Leitbildern der Stadt. Im fünften Kapitel werden schließlich in elf Beiträgen Innovationen als zentrales Moment der Stadtentwicklung betont.
Bei der Auswahl der Themen, aber ebenso in den Ausführungen der meisten Beiträge fällt der enge Bezug zur konkreten Praxis einer Stadtentwicklungspolitik auf. Der Bezug zu den realen Handlungen und Praxisformen aller Akteure, die die Stadtentwicklung prägen, ist immer wieder erkennbar. Die meisten Autorinnen und Autoren haben die aktive Gestaltung der europäischen Stadt im Blick. Für alle sind die konkreten Realitäten und Konzepte der Stadtentwicklung Ausgangspunkt ihrer Überlegungen. Deutlich wird dadurch, wie eng verschränkt sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung und die Praxis der Stadtentwicklung in Deutschland darstellt. Allen Beiträgen ist zudem gemein, dass die vielen verschiedenen gesellschaftlichen Akteure als Treiber der Stadtentwicklung immer wieder im Fokus stehen – seien es die Kommunen im Spannungsfeld zwischen Selbstverwaltung und lokaler staatlicher Verantwortung, die Unternehmen bei ihren Standort- und Investitionsentscheidungen, die Haushalte bei ihren Wohnstandort- oder Konsumentscheidungen oder auch die zivilgesellschaftlichen Akteure. Die Liste dieser Akteure der Stadtentwicklung ließe sich leicht fortführen und weiter ausdifferenzieren. Stadtentwicklung zeichnet sich für alle Autorinnen und Autoren durch ein komplexes Akteursgeflecht aus, dessen Zusammenspiel die „konflikthaltigen globalen Urbanisierungsdynamiken“ ausmachen.
Auch den Anspruch eines Handbuchs, benutzerfreundlich zu sein, löst der Sammelband gut ein. Wesentlich trägt dazu bei, dass die Titel fast aller Beiträge kurz und prägnant formuliert sind, sodass sich die Leserinnen und Leser bereits mit einem schnellen Blick in das Inhaltsverzeichnis sehr gut orientieren und sich gezielt in die Lektüre der einzelnen Beiträge vertiefen kann. Ein umfassendes Stichwortverzeichnis bietet eine zweite Hilfestellung, sich in dem voluminösen Sammelband zu orientieren und Beiträge zu identifizieren, die sich mit gesuchten Begrifflichkeiten auseinandersetzen. Es ist schließlich kaum zu erwarten, dass es in dieser schnelllebigen Zeit Leserinnen und Leser geben wird, die die 850 Seiten streng von vorne bis hinten durcharbeiten werden. Kritisch angemerkt sei, dass nur wenige Autorinnen und Autoren Abbildungen nutzen, um ihre Inhalte zu veranschaulichen. Hilfreich ist das abschließende sechste Kapitel mit elf Beiträgen zu den Institutionen der Stadtforschung, in dem die Geographie neben anderen Fachdisziplinen als eine von mehreren Cousinen der Stadtsoziologie gewürdigt wird (Sturm). Bei den Institutionen der Stadtforschung, Stadtplanung und Architektur hätte noch der Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung Erwähnung finden können, der durch zahlreiche Publikationen und Veranstaltungen spannende Beiträge zu vielen Themen des Sammelbandes liefert.
Insgesamt ist es eine bemerkenswerte Leistung, einen solch bunten Strauß an Themen zur Stadtentwicklung in Deutschland zusammenzustellen und in eine gut nachvollziehbare Ordnung zu bringen. Der Sammelband erweist sich als ein außerordentlich hilfreiches Handbuch, das für die jeweiligen Themen der Stadtentwicklung einen hervorragenden ersten Überblick bietet und mit jeweils weiterführender Fachliteratur einen ausgezeichneten Einstieg in die vielen Forschungs- und Diskussionsstände der Stadtentwicklung bietet. Einziges Problem des Sammelbandes ist sein Preis: 148 Euro für ein Buch sind kein Pappenstil!

Claus-C. Wiegandt (Bonn)
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