One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
 
Two
INDEXING

ERDKUNDE is covered by:

  • COS GeoREF
  • GEOBASE - Earth Science Database
  • NSD Norwegian Social Science Data
  • Clarivate Social Sciences Citation Index (SSCI)
    GEOGRAPHY - SSCI
  • Clarivate Science Citation Index Expanded (SCIE)

    GEOGRAPHY, PHYSICAL - SCIE

  • ISI Journal Citation Report Impact Factor 2020: 2.184
  • Scopus CiteScore 2020: 3.1
 
You are here: Home Archive 2021 Book review: Dirksmeier, Peter und Stock, Mathis (eds.): Urbanität

Book review: Dirksmeier, Peter und Stock, Mathis (eds.): Urbanität

Book review Erdkunde 75 (2) 2021, 163-164 by Claus-C. Wiegandt

Dirksmeier, Peter und Stock, Mathis (Hg.): Urbanität. Basistexte Geographie Band 2, 201 S., 4 Abb., 2 Tab. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2020. ISBN: 978-3-515-12410-2.  € 26,00

Urbanität ist ein recht schillernder Begriff, der heute nicht nur in der Humangeographie, sondern auch in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen Aufmerksamkeit findet: Die Hafen City Hamburg GmbH verspricht etwa auf ihrer Webseite für den neuen Stadtteil „Urbanität im sozialen Kontext“, ein Projektentwickler in Bonn nutzt die Bezeichnung „Urban Soul“ zur Vermarktung seiner neuen Immobilie oder die Textilkette „Urban Outfitters“ führt gar Urbanität in ihrem Namen, um in über 200 Modegeschäften in den USA, in Kanada und Europa eine hippe Käufergruppe anzusprechen, die für eine tolerante, weltoffene Haltung steht. Schon 2004 hat Thomas Wüst (2004, S. 185) in seiner Dissertation deshalb festgestellt, dass der Begriff Urbanität den Charakter eines Mythos habe, bei dem die Gefahr bestehe, dass er zu einer Worthülse verkomme.
Vor diesem Hintergrund ist es ein sehr verdienstvolles Vorhaben der beiden Herausgeber, 13 Schlüsseltexte zum Phänomen der Urbanität in der Reihe „Basistexte Geographie“ zusammenzustellen, um die lange Geschichte einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem zentralen Begriff der Stadtentwicklung zu erhellen. Vier Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes „Basistexte Geographie“ zum Thema „Raum und Ort“ haben der Hannoveraner Professor für Kulturgeographie Peter Dirksmeier und der Schweizer Professor für Tourismusgeographie Mathis Stock jetzt im zweiten Band der „Basistexte“ eine interessante Auswahl an mehr oder weniger prominenten Texten getroffen, die die geographische Debatte über Urbanität in den vergangenen Jahren beeinflusst haben.
In der Einführung begründen die beiden Herausgeber die Anordnung der Beiträge, die sie in eine „dialogische Struktur“ von jeweils deutschsprachigen, englischsprachigen und französischsprachigen Beiträgen in vier Abschnitten gebracht haben. Diese vier Abschnitte stehen jeweils für unterschiedliche Perspektiven bzw. zeitliche Epochen, was beim Lesen der älteren Texte eine durchaus interessante Erfahrung darstellt. So schrieb beispielsweise Georg Simmel 1903 zum Geistesleben in den Großstädten: „Wenn alle Uhren in Berlin plötzlich in verschiedener Richtung falschgehen würden, auch nur um den Spielraum einer Stunde, so wäre sein ganzes wirtschaftliches und sonstiges Verkehrsleben auf lange hinaus zerrüttet. Dazu kommt, scheinbar noch äußerlicher, die Größe der Entfernungen, die alles Warten und Vergebenskommen zu einem gar nicht aufzubringenden Zeitaufwand machen. So ist die Technik des großstädtischen Lebens überhaupt nicht denkbar, ohne daß alle Thätigkeiten und Wechselbeziehungen aufs pünktlichste in ein festes, übersubjektives Zeitschema eingeordnet würden.“
Einige der englisch- und französischsprachigen Beiträge wurden eigens ins Deutsche übersetzt. Für viele Leserinnen und Leser dürfte dies den Zugang vor allem zu französischsprachigen Debatten erleichtern. Die Textsammlung beginnt mit drei frühen Klassikern der Soziologie aus Deutschland (Georg Simmel), den USA (Louis Wirth) und Frankreich (Paul-Henry Chombart de Lauwe). Vor allem die ersten beiden Beiträge dienen in der deutschsprachigen Geographie schon lange und immer wieder als Referenz für den Urbanitätsbegriff. Es ist deshalb spannend, sie einmal im Original und nicht nur in Zitaten der Fachliteratur zu lesen. Im zweiten Abschnitt haben die beiden Herausgeber drei weitere Schlüsselwerke von Edgar Salin, Melvin M. Webber und Henri Lefebvre unter die Überschrift „Vom ‚Ende‘ zur ‚Ubiquität‘ der Urbanität“ gewählt. Sie wollen mit diesen Beiträgen darauf hinweisen, dass es in den Diskussionen über urbane Gemeinschaften auch um nicht-verortete Phänomene gehen kann. Schwer eingängig ist hier allerdings der Text des in der jüngeren Zeit so oft zitierten französischen Soziologen Lefebvre. Einiges bleibt bei diesem erstmals ins Deutsche übersetzten Text mit dem Titel „Die Stadt und das Urbane“ für mich nebulös.
Umso verständlicher sind zumindest die ersten drei der fünf weiterführenden Beiträge im dritten Abschnitt, die neue Wege und Perspektiven für eine weitere Beschäftigung mit dem Phänomen der Urbanität eröffnen sollen. Beim Soziologen Peter Gleichmann geht es den Herausgebern darum, die sich wandelnden Wohnverhältnisse in städtischen Gesellschaften herauszustellen. Mit dem Beitrag der Geographin Ilse Helbrecht wollen die Herausgeber auf das Zusammenspiel von Individualisierung und Urbanisierung als besonderes Kennzeichen von Urbanität verweisen, wobei Ilse Helbrecht dazu etwas überraschend den griechischen Philosophen Sokrates bemüht. Der Beitrag von Saskia Sassen steht dann recht klar für die wachsende ökonomische Polarisierung in den Global Cities. Der nicht leicht eingängige Beitrag von Boris Beaude und Nicolas Nova will auf digitale Spuren der Urbanität aufmerksam machen. Schließlich setzt sich der französische Geograph Augustin Berque mit dem Wesen der japanischen Urbanität auseinander.
Die beiden letzten Beiträge von Jacques Levy und Christian Schmid bieten in der Einschätzung der Herausgeber schließlich Zusammenfassungen einer Theorie moderner Urbanität und runden den Sammelband ab. Levy beschreibt hier mit den Begriffen des „Amsterdam-Modells“ und des „Johannesburg-Modells“ idealtypisch zwei Urbanitätsmodelle, die in der deutschsprachigen Stadtentwicklungsdebatte als „europäische“ bzw. „amerikanische“ Stadtentwicklung intensiv behandelt wurden. Schmid setzt schließlich an den gegenläufigen Trends von Desurbanisierung und Reurbanisierung an und stellt Lefebvres Theorie der Produktion von Raum in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.
Nach der Lektüre des Sammelbandes zwei abschließende Anmerkungen: Zum Ersten werden in den 13 Beiträgen vielfältige Aspekte der Urbanität angesprochen, doch nicht in allen Beiträgen steht das Phänomen der Urbanität an sich im Zentrum der jeweiligen Überlegungen. Deshalb hätte ein Text von Walter Siebel (2000, S. 264ff) für den Sammelband durchaus noch bereichernd sein können, in dem Urbanität ganz ausdrücklich in einer eher historischen Perspektive für verschiedene Epochen aufgearbeitet und charakterisiert wird. Klar – bei einer Anthologie handelt es sich immer um eine bewusste Auswahl an Texten. In ihrer Einführung weisen die beiden Herausgeber deshalb auch selbst darauf hin, dass neben den 13 gewählten Beiträgen noch weitere Autorinnen und Autoren national wie international Klärungen zum Begriff der Urbanität geleistet haben: Bei einer Anthologie ist es offenbar ähnlich wie im Fußball: Der Trainer stellt die Mannschaft auf. Und jeder meint dann im Anschluss, der bessere Trainer zu sein.
Zum Zweiten beschäftigen sich die beiden Herausgeber in ihrer Einführung damit, dass Urbanität in der deutschsprachigen Humangeographie lange Zeit nicht thematisiert wurde bzw. bis in die 1960er Jahre sehr kritisch gewertet wurde. Hier erinnert die Einführung zum Sammelband streckenweise an die vielen Veröffentlichungen in der Humangeographie, die sich auf die vielfältigen Entwicklungslinien des eigenen Faches beziehen. Für die Geographinnen und Geographen an den Hochschulen hat dies einen gewissen Reiz, der aber außerhalb der Hochschulgeographie kaum zu verspüren ist.
Der Sammelband zeigt, dass die Beschäftigung mit dem Phänomen der Urbanität in den raumbezogenen Sozialwissenschaften eine sehr lange Tradition hat, die allerdings nicht zu einem klaren und eindeutigen Verständnis von Urbanität geführt hat. Auch nach der Lektüre des Sammelbandes bleibt Urbanität ein ausgesprochen vielschichtiges Phänomen, dass sich nur schwer auf einen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Eine abschließende Definition ist unrealistisch, eine eindeutige Zuschreibung von städtischen Qualitäten für Urbanität fällt schwer. Dies stellen die beiden Herausgeber schon einleitend fest und umschreiben Urbanität deshalb sehr anschaulich mit einem Sternbild, das sich aus der immer wieder neuen Konfiguration von Menschen, Dingen und Institutionen ergibt. Vielleicht ist dies dann auch eine Ursache für den Mythos Urbanität.

Claus-C. Wiegandt (Bonn)

 

Literatur
Siebel, W. (2000): Urbanität. In: Häußermann, H. (Hrsg.): Großstadt. Soziologische Stichworte. Opladen, 264–272.
Wüst, T. (2004): Urbanität. Ein Mythos und sein Potential. Wiesbaden.

Document Actions