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You are here: Home Archive 2020 Sonne, Wolfgang und Wittmann, Regina (Hrsg.): Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet

Sonne, Wolfgang und Wittmann, Regina (Hrsg.): Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet

Book review Erdkunde 74 (1) 2020, 81-82 by Claus-C. Wiegandt

Sonne, Wolfgang und Wittmann, Regina (Hrsg.): Städtebau der Normalität. Der Wiederaufbau urbaner Stadtquartiere im Ruhrgebiet. 320 S. und ca. 350 Abb. DOM publishers, Berlin 2018. ISBN 978-3-86922-616-3 € 98,- / CHF 116,60

Experten des Städtebaus kennen den Architekturhistoriker Wolfgang Sonne als einen engagierten Streiter für die Schönheit der Städte. Jetzt zeigt er gemeinsam mit der Mitherausgeberin Regina Wittmann, dass ihm nicht nur schön gestaltete Städte, sondern auch schön gestaltete Bücher am Herzen liegen. Dies offenbart schon der erste Blick in den großformatigen 320-seitigen Sammelband zum Wiederaufbau kriegszerstörter städtischer Quartiere im Ruhrgebiet. Es sind vor allem die Bilder des Fotographen Matthias Koch, die zu diesem positiven Eindruck des Buches beitragen. Die elf Fallstudien zum Wiederaufbau ausgewählter innerstädtischer Quartiere in den acht Ruhrgebietsstädten, die von West nach Ost, also von Duisburg nach Dortmund, angeordnet sind, werden durch jeweils sechs eindrucksvolle Aufnahmen eingeleitet, die die 1950-Jahre Architektur im Ruhrgebiet auf jeweils drei Seiten hervorragend veranschaulichen. Die Bilder vermitteln allen Kennerinnen und Kennern des Ruhrgebiets ein besonderes Déjà-vu, das bereits dadurch hervorgerufen wird, dass alle Bilder in den frühen Morgenstunden aufgenommen sein müssen, weil Menschen oder auch Verkehr auf den Straßen vollkommen fehlen. Dadurch wird das Augenmerk des Betrachters auf die Architektur gerichtet und so die unaufgeregte Schlichtheit des Wiederaufbaus der Ruhrgebietsstädte betont.
Diese Fotos passen hervorragend zu den elf Fallstudien des Wiederaufbaus, die von den verschiedenen Autorinnen und Autoren für die zweite Hälfte der 1940er-Jahre und vor allem die 1950er-Jahre bearbeitet wurden. Eingebunden sind diese Fallstudien in ein DFG-gefördertes Projekt, das 2012 bis 2014 am Lehrstuhl Geschichte und Theorie der Architektur der TU Dortmund von Wolfgang Sonne geleitet und von Regina Wittmann koordiniert wurde. Gudrun Escher für das Münzstraßenviertel und den Stadtteil Marxloh in Duisburg, Regina Wittmann für die westliche Innenstadt in Alt-Oberhausen, Christian Beese für das Dichterviertel in Mülheim und das Saarlandstraßenviertel in Dortmund, Benedikt Boucsein für die nördliche Innenstadt um die Limbecker Straße in Essen, Harry Schöpke für das Eltingviertel in Essen, Alexandra Apfelbaum für die beiden Quartiere Griesenbruch und Ehrenfeld in Bochum, Yasemin Utku für die nördliche Innenstadt von Witten und Franziska Wiegand für das Münsterstraßenviertel in Dortmund beschreiben jeweils anschaulich und detailreich den Wiederaufbau dieser innenstadtnahen kriegszerstörten Quartiere in den Ruhrgebietsstädten.
Allen Autorinnen und Autoren gemeinsam ist es ein Anliegen zu dokumentieren, dass es im Ruhrgebiet nicht nur die viel zitierten Arbeitersiedlungen des montanindustriellen Komplexes gibt, sondern dass sich das Ruhrgebiet auch durch Stadterweiterungsgebiete der Industrialisierungszeit mit einer Blockrandbebauung und einer gemischten Nutzungsstruktur auszeichnet. Im konventionellen Wiederaufbau dieser in weiten Teilen zerstörten Quartiere zeigt sich im Ruhrgebiet – so die zentrale Botschaft des Sammelbandes – eine unauffällige Normalität, die weder den modernistischen noch den traditionalistischen Haltungen im Städtebau folgt, sondern vielmehr durch einen pragmatischen Städtebau geprägt ist, der bestehende Konventionen fortschreibt und auf die politisch-moralische Aufladung städtebaulicher Leitbilder verzichtet.
Basis für diese Aussagen sind umfangreiche Archivarbeiten für die einzelnen Fallstudien. In allen Beiträgen wird für die einzelnen Städte die Arbeit der Stadtbauräte und Stadtplaner gewürdigt, die hinter dem Wiederaufbau nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs stehen. Manche Akteure waren schon in den 1920er-Jahren in den Ruhrgebietsstädten tätig und stehen so für eine gewisse Kontinuität in der Architektur bzw. im Städtebau des Ruhrgebiets. Dies gilt auch für Philipp Rappaport, der als Erster Beigeordneter und stellvertretender Direktor des Siedlungsverbandes Ruhrkohlenbezirk schon in den 1920er Jahren großen Einfluss auf den Städtebau in den Ruhrgebietsstädten hatte und sich nach seiner Wiedereinsetzung als Direktor bis in die 1950er-Jahre hinein sehr bewusst und eindeutig für eine Blockrandbebauung eingesetzt hat. Weiterhin wird in den einzelnen Fallstudien deutlich, dass der Wiederaufbau jeweils durch Neuordnungspläne und Baustufenpläne gezielt gesteuert wurde. Die traditionelle Formensprache im Wiederaufbau der innenstadtnahen Quartiere ist also kein Zufall. Zahlreiche Fotos und Bauzeichnungen, Karten und Graphiken illustrieren die jeweils lesenswerten und gut recherchierten Beiträge.
Den elf Fallstudien vorangestellt sind ein informatives Vorwort zur Einordnung des Sammelbandes sowie vier sogenannte Essays, die nicht ganz so innovativ und überzeugend sind wie die elf Fallstudien. Wolfgang Sonne stellt hier zunächst die besondere Rolle des SVR für den Wiederaufbau in den Ruhrgebietsstädten heraus und begründet so die städtebauliche Linie, die sich durch die Fallstudien zieht, bevor er dann im zweiten Teil seines Beitrags den Wiederaufbau in deutschen Städten in allgemeiner Form beschreibt. Mit Hinweisen auf den Wiederaufbau in Münster und München oder gar auf die 16 Grundsätze des Städtebaus in der DDR driftet der Text schließlich ein wenig ab. Der Neuigkeitswert dieses Teils ist dann wie auch der Essay von Jörn Düwel zur Geschichte des Städtebaus in Deutschland geringer und bezieht sich kaum auf die folgenden Untersuchungen zu den Ruhrgebietsstädten. Hilfreicher ist hier der dritte Essay von Michael Kanther, der die Ruhrgebietsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1970er Jahre beschreibt und damit der Leserin bzw. dem Leser, die nicht mit dieser Region vertraut sind, einen kleinen Einblick in den wirtschaftlichen Aufschwung bzw. den folgenden tiefgreifenden Strukturwandel von Kohle und Stahl gibt. Interessant und zum Sammelband passender sind schließlich die Überlegungen von Hans Hanke zum Denkmalwert der „grauen Architektur“, also einer Standardarchitektur, die den Wiederaufbau im Ruhrgebiet prägt und die meist zu wenig beachtet wird.
Insgesamt schließen Wolfgang Sonne und Regina Wittmann mit ihrem lesenswerten Sammelband zum Wiederaufbau der kriegszerstörten innenstadtnahen Stadtquartiere eine Lücke in der inzwischen reichhaltigen Fachliteratur zum Ruhrgebiet. Die architektur- und städtebauhistorischen Untersuchungen können dazu beitragen, das physische Erscheinungsbild der innenstadtnahen Quartiere im Ruhrgebiet besser zu verstehen. Die elf Fallstudien verdeutlichen sehr schön den „Städtebau der Normalität“, der den Wiederaufbau der vom Zweiten Weltkrieg stark betroffenen Ruhrgebietsstädte kennzeichnet.

Claus-C. Wiegandt
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