One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2020 Seger, Martin: Österreich – Raum und Gesellschaft

Seger, Martin: Österreich – Raum und Gesellschaft

Book review Erdkunde 74 (3) 2020, 222-223 by Nadine Scharfenort

Seger, Martin: Österreich – Raum und Gesellschaft. 644 S. 450 Graphiken und Diagramme, 30 doppelseitige Karten und zahlreiche Fotos, Verlag des Naturwissenschaftlichen Vereins für Kärnten, Klagenfurt, 2019, € 39,-. ISBN 978-3-85328-087-4

Nach den in den 1900er und frühen 2000er Jahren in kurzer Zeitfolge erschienenen Monographien über Österreich (z. B. Lichtenberger 1997, Jülg 2001, Borsdorf 2005) schließt mit Segers Oeuvre nun ein Werk an, das die früheren komplementär ergänzt und inhaltliche Lücken in beeindruckender Detailliertheit, Tiefe und Akribie schließt. Die Publikation versteht sich als geographische und zugleich transdisziplinäre Präsentation der Republik Österreich und bietet mit seinen humangeographischen sowie bio- und geowissenschaftlichen Zugängen eine Fülle von Wissensbeständen an, die ein vielschichtiges Porträt des Landes ergeben.
Segers Werk ist in drei eigenständige Teile gegliedert, die sich mit dem (a) Raum und Gesellschaft, der (b) Vermessung der Landschaft sowie den (c) Porträts der Bundesländer befassen. Allein der erste Teil (Raum und Gesellschaft) mit seinen sechs übergreifenden Themenbereichen (1) Österreich – der Staat und sein Territorium, (2) Bevölkerung, städtischer und ländlicher Raum (3) gesellschaftliche Prozesse und räumliche Disparitäten, (4) Erwerbsstrukturen und Wirtschaftsleistung, Daseinsvorsorge, (5) Landschaft, Landwirtschaft und Wald sowie (6) Tourismus als Wertschätzung von Landschaft und Kultur bietet einen exzellenten geographischen Überblick über das Land und seine (historische) Raumentwicklung. Die fundierten und detailreichen Ausführungen, die kartographischen Visualisierungen sowie zahlreichen Exkurse würden bereits eine eigenständige Publikation aus diesem Teil des Bandes rechtfertigen!
Der zweite Teil (Vermessung der Landschaft) dient einem vertiefenden Verständnis der Raumstrukturen sowie einer Verortung und Vernetzung von Sachverhalten auf der Ebene biotischer und abiotischer Fachbereiche. Auf zahlreichen doppelseitigen Landbedeckungs-Landnutzungskarten im Maßstab von 1 : 200.000 werden unter Nutzung des Kartenwerks Landcover Austria, einem durch den österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanzierten räumlichen Modell der Kulturlandschaft, die differenzierten Strukturen Österreichs sichtbar.
Der dritte Teil (Porträts der Bundesländer), der knapp zwei Drittel des Gesamtvolumens des Bandes einnimmt, ist den neun Bundesländern Österreichs mit individueller Vorstellung gewidmet. Angefangen mit der historischen Entwicklung und Einordnung widmet sich jedes Kapitel der Bevölkerung, Wirtschafts- und Siedlungsentwicklung sowie den jeweiligen Raumstrukturen, Landschafts- und Lebensräumen mit ihren Besonderheiten, Potenzialen, strukturellen Stärken und Schwächen sowie deren Herausforderungen. Alle Kapitel sind ausgewogen mit Text und zahlreichen Abbildungen, Visualisierungen und Kartenmaterial gestaltet, die ihnen zusätzliche Lebendigkeit und inhaltliche Tiefe verleihen und den Leser auf eine analoge Reise durch Österreich auch ab der bekannten Pfade einladen. Seger ist in der Entstehungsphase dieses zeitaufwändigen Publikationsprojekts selbst jahrelang mit dem Anliegen durch Österreich gereist, sein Heimatland „bis in den hintersten Winkel“ kennenzulernen, hat eine Vielzahl seiner gesammelten Fotografien in die Publikation integriert und vermittelt auf sympathische und verständliche Weise komplexes Wissen über die Alpenrepublik.
Die abgehandelte thematische Breite des Werks ist beachtlich und sprengt alle üblichen Rahmen von Länder-Monographien. Die Sonderpublikation enthält einerseits wissenschaftsnahe Informationen nach sozioökonomischen und demographischen Merkmalen und naturwissenschaftlichen Fakten sowie andererseits eine Präsentation Österreichs und seiner Bundesländer auf unterschiedlichen geographischen Maßstabsebenen. Beeindruckend ist dabei die Vielzahl der thematischen Karten, die alle Sachverhalte inhaltlich abrunden und den transdisziplinären Zugang nuancieren. Das umfangreiche, und nach humangeographischen und naturwissenschaftlichen Themen sowie nach Bundesländern gegliederte, Literaturverzeichnis dient zugleich als bibliographisches Nachschlagewerk zur Zweiten Republik Österreich.
Seger gelingt es einerseits, stets eine wissenschaftsnahe Perspektive durch geschickte Verzahnung der vermittelten Informationen mit wissenschaftlichen Konzepten (z. B. Zentrale-Orte-Theorie) einzunehmen und andererseits eine alltagsweltliche Sicht zur Kennzeichnung regionaler Lebenswelten sowie raumbezogener Zugehörigkeit und Identität – mit besonderem Augenmerk auf die Bundesländer – zu generieren. Diese basieren auf human- und physisch-geographischen Themen, die jedoch nicht dem klassischen Schema einer länderkundlichen Abhandlung folgen, sondern die wechselseitige Beziehung zwischen Mensch und Umwelt, insbesondere das menschliche Handeln mit seinen Implikationen, in den Vordergrund stellen.  Seger führt mit seiner Österreich-Monographie somit den Beweis an, dass Geographie mehr ist als nur „Stadt, Land, Fluss“, und liefert einen detaillierten Überblick über alles Wissenswerte rund um Österreich. Ziel ist es dabei nicht, ausschließlich eine Momentaufnahme anzubieten, sondern aus den zur Verfügung stehenden Daten (überwiegend bereitgestellt von Statistik Austria) Raumbilder abzuleiten, Entwicklungen darzulegen und Trends aufzudecken (z. B. NUTS-3-Regionen nach Wirtschaftskraft und Lagemerkmalen).  Auch wenn der Autor eingangs bemerkt, dass „mit der thematischen Breite von der Tiefe und der Spezialisierung der Ausführungen Abstand zu nehmen war“ (S. 9), lädt das Werk zum ausgiebigen Schmökern ein, und der interessierte Leser läuft Gefahr, sich in den geographischen und häufig weniger bekannten oder nur schwer zugänglichen Details über die Alpenrepublik zu verlieren.
Die Publikation mit ihrer Vielzahl an hervorragenden inhaltlichen Ausführungen und den über 450 kartographischen Visualisierungen übertrifft die „Zielsetzung des vorliegenden Werkes […] ein Potenzial an „Landeswissen“ […] zu bieten“ (S. 9) bei Weitem! – Nichtsdestotrotz wäre an manchen Stellen weniger gleich mehr gewesen: Zu häufig wird einerseits der ohnehin informationsdichte Text durch ebenso inhaltsreiche Abbildungen oder Exkurse unterbrochen, so dass der interessierte Leser einer kontinuierlichen Ablenkung unterliegt, während andererseits Ausführungen zu Sachverhalten knapp sind oder fehlen (z. B. SINUS-Milieus in Österreich 2010 nach Dangschat et al. 2013, S. 50).
Wenn es etwas an dem imposanten Werk zu bemängeln gibt, dann sind es Umfang, Handlichkeit und partiell die Aktualität der verwendeten Daten. So basieren einige Darstellungen und Illustrationen auf Daten, die zum Zeitpunkt der Publikation bereits veraltet sind (z. B. Future Landscape: Dörr und Kals 2003, S. 81 oder Almflächen und ihre Nutzungsformen, BA für Bergbauernfragen 2010, S. 90f) und nicht aktualisiert wurden. Nicht recht stimmig mit dem Gesamtbild sind zudem die immer wieder auftretenden „Momentaufnahmen“, in denen Sachverhalte lediglich anhand eines Jahres dargestellt werden (z. B. Viehbestand nach Bundesländern 2018, S. 92). Im Gesamtkontext, und im Vergleich zu den zahlreichen Zeitreihendarstellungen (z. B. Demographischer Wandel: Fertilitätsraten 1961-2017, S. 41; Tourismusgeschehen 1970/75-2018, S. 99), fehlen in diesen Einzeldarstellungen trotz deren Aktualität zentrale Informationen zur Entwicklung über einen längeren Zeitverlauf, was jedoch von Interesse gewesen wäre.
Das Opus Magnum eignet sich für wissenschaftliches Publikum ebenso wie für eine breite interessierte Leserschaft, die sich für das Land Österreich begeistern und ihr Wissen entsprechend vertiefen möchte. Aufgrund der holistischen Abhandlung geographischer und transdisziplinärer Themen sollte die Publikation in Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen verfügbar sein und als Basiswerk im Bildungsbereich und für mediale Berichterstattung im österreichischen Kontext fungieren!
Um die Arbeit des Autors über dieses Werk hinaus würdigen zu können und ob der ausgezeichneten Qualität der Beiträge und kartographischen Darstellungen wäre es zudem wünschenswert, der Publikation eine eigene Online-Präsenz zu widmen bzw. durch andere Medien einem weitaus größeren Publikum auch außerhalb der Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Bildung digital zugänglich zu machen.

Nadine Scharfenort

 

Literatur
Borsdorf, A. 2005: Das neue Bild Österreichs. Strukturen und Entwicklungen im Alpenraum und in den Vorländern. Wien.
Dangschat, J. (2013): Der Milieu-Ansatz in der Mobilitätsforschung, ausgewählte Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt mobility2know. https://www2.ffg.at/verkehr/file.php?id=424
Doerr, H. und Kals, R. (2003): Ländliche Entwicklung(en) unter gewandelten Identitätsbezügen. In: Land & Raum, 4/2003. Österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖLK), 14–18.
Jülg, B. (2001): Österreich: Zentrum und Peripherie im Herzen Europas. Stuttgart.
Lichtenberger, E. (1997): Österreich. Geographie, Geschichte, Wirtschaft, Politik. Darmstadt.

Document Actions