One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2020 Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne

Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne

Book review Erdkunde 74 (3) 2020, 218-219 by Jochen Burger

Reckwitz, Andreas: Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne. 306 S., Suhrkamp Verlag, Berlin, 2019. ISBN 978-3-518-12735-3. € 18,-.

Andreas Reckwitz wagt nach seinem mittlerweile viel rezipiertem Werk „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (2017) mit seinem neuen Buch „Das Ende der Illusionen – Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne“ (2019) eine weitergehende Analyse spätmoderner Gesellschaften mit ihren aktuellen politischen Krisen und gesellschaftlichen Polaritäten. Grunddiagnose des Buches ist, dass sich das liberale Fortschrittsnarrativ der letzten 30 Jahre mit all seinen Implikationen der Digitalisierung, Demokratisierung und Globalisierung als eine Illusion entpuppt. Konzeptionelle Grundlage für diese „Sozioanalyse“ des Krisenmodus‘ spätmoderner Gesellschaften bildet der fundamentale Strukturwandel von der industriellen Moderne hin zur Gesellschaft der Singularitäten, die nicht nur eine Gesellschaft der Polarisierung ist, sondern auch von einem Kapitalismus der Extreme getragen wird. Dieser Strukturwandel, den Reckwitz bereits im besagtem Vorgängerwerk präzise beschreibt und analysiert, wird in seinem neuen Buch mit fünf Essays zu ausgewählten Krisen und Ambivalenzen unserer Zeit prägnant zusammengefasst und weitergehend in gesellschaftliche Kontexte gesetzt. Wer also auf das Lesen des Hauptwerkes verzichten möchte, findet in diesem Buch eine hervorragende Zusammenfassung inklusive soziologischer Begriffsdefinitionen und reckwitzscher Begutachtung. Von geographisch-räumlicher Relevanz sind vor allem zwei der fünf Essays, die die soziologischen und ökonomischen Verwerfungen aus der Perspektive der Singularitäten untersuchen, auf den Raum als Analysekategorie aber nur am Rande eingehen.
Wie der Titel vermuten lässt, nimmt Reckwitz in dem Buch die Gesellschaft als Ganzes in den Blick, verzichtet dabei aber auf einsilbige Erklärungsansätze, die die komplizierten Sachverhalte verkürzen könnten. In allen fünf Essays, die unabhängig voneinander gelesen werden können, bedarf es längerer historischer und argumentativer Herleitungen, um die polarisierenden Ambivalenzen begründen zu können. Sie beziehen sich auf fünf gesellschaftliche Teilbereiche: im ersten Essay auf die Kulturphilosophie, im zweiten auf die Soziologie, im dritten auf die Ökonomie, im vierten auf die Psychologie und im fünften auf die Politik.
Ausgangspunkt für die Sozioanalyse bildet die These, dass sich die Logiken ökonomischer und gesellschaftlicher Produktions- und Konsumprozesse grundlegend – wenn nicht diametral – geändert haben. Galt in allen Teilbereichen der Gesellschaft der industriellen Moderne die Logik und Reproduktion des Allgemeinen als Norm, so hat sich dies in der Spätmoderne umgekehrt: Das Besondere, das Singuläre, die Prämierung qualitativer Differenzen gilt nun als die Norm, als das Erstrebenswerte. In der Ökonomie (dritter Essay) lässt sich dies vielleicht am einfachsten erkennen: Nicht die Massenproduktion und -konsumption von standardisierten Gütern versprechen wirtschaftlichen Erfolg (Ökonomie) und soziale Anerkennung (Gesellschaft/Subjekt), vielmehr werden jetzt der wirtschaftliche Erfolg und soziale Status durch das Besondere, das Singuläre eines Produkts bestimmt. Wer ein Produkt konsumiert, will – anders als in der industriellen Moderne – nicht das haben, was andere schon haben, sondern möglichst ein Produkt, was sich von diesem abgrenzt und das Subjekt selbst besonders – eben singulär – macht. Die Besonderheit dabei: Alles kann singularisiert und damit kommerzialisiert werden: Das einzigartige Event, die besondere Yoga-Schule, die einmalige Weltreise usw. Reckwitz beschreibt dies als einen Wandel vom Industriekapitalismus zu einem polarisierten Postindustrialismus und einem kognitiv-kulturellen Kapitalismus. Polarisiert, weil einer wachsenden Gruppe von geringqualifizierten Arbeitnehmer*innen im Niedriglohnsektor mit einfachen Dienstleistungen eine wachsende Gruppe hochqualifizierter Erwerbstätiger gegenübersteht, die in den meisten Fällen einen Hochschulabschluss vorweisen können. Kognitiv-kulturell, da Wachstum vor allem in dem Bereich generiert wird, wo das Besondere, das singuläre Produkt, mit sehr spezifischer kognitiver Wissensarbeit von hochqualifizierten spezialisierten Arbeitnehmer*innen konzipiert wird und dann durch die konsumierenden Subjekte eine kulturelle Wertung bzw. Aufmerksamkeit erfährt. Als Beispiel dient Reckwitz hier die Vermarktung eines Nike-Schuhes, der zwar industriell hergestellt wird, dessen Wert sich aber nicht mehr an den industriellen Produktionsmitteln bemisst. Vielmehr wird der Großteil der Kosten durch intangible assets, wie das einmalige Design, den Aufbau einer singulären Marke, die Social-Media-Kampagnen usw. verursacht. Durch die Subjekte, die den spezifischen Schuh begehren, wird dann das Produkt kulturalisiert. Angetrieben wird der neue kognitiv-kulturelle Kapitalismus, der das Singuläre begünstigt, so Reckwitz im zweiten Essay des Buches, von einer neuen Mittelklasse, die er in der westlichen Gesellschaft und den aufstrebenden Staaten des globalen Südens ausmacht. Die neue Mittelklasse grenzt sich von der alten Mittelklasse ab, die die ‚viel beschworene schrumpfende Mitte‘ unserer Zeit ist. Stellt die alte Mittelklasse die industrielle Moderne mit ihrem Streben nach standardisierten Gütern, nach ‚Anstand und Ordnung‘ durch die Anpassung des Subjekts an die Norm (das Allgemeine), nach sozialem Status durch Arbeit und Fleiß, nach einer regionalen Verortung (meist in Klein- und Mittelstädten) und wenig Mobilität dar, so verkörpert die neue Mitteklasse genau das Gegenteil: Sie konsumiert singuläre Produkte, wendet sich von Pflicht- und Akzeptanzwerten ab und Selbstentfaltungswerten zu, erreicht sozialen Status vor allem durch eine singuläre, sich von anderen abgrenzende Lebensführung, ist in hohem Maße räumlich mobil und konzentriert sich vor allem auf die begehrten Metropolen mit kosmopolitischem Antlitz. Ähnlich wie die Ökonomie der Spätmoderne die Arbeitnehmerschaft polarisiert, so ist auch die Gesellschaft der Spätmoderne polarisiert: Einer aufsteigenden neuen Mittelklasse (und kleinen äußerst vermögenden Oberklasse) steht eine absteigende und schrumpfende alte Mittelklasse und wachsende Unterklasse gegenüber. Gesellschaftliche und damit auch räumliche Spannungen sind daher vorprogrammiert.
Es wird deutlich, dass dieses Buch für die Geographie als raumbezogene Mensch-Umwelt-Wissenschaft fruchtbare Anknüpfungspunkte schafft sowie neue, tiefergehende Erklärungsansätze für alte ‚typisch-geographisch‘ Phänomene wie Gentrifizierung, Segregation, Land-Stadt-Flucht oder Suburbanisierung bietet. Denn es ist nach Reckwitz vor allem die kosmopolitische neue Mittelklasse, die in den angesagten Vierteln wachsender (singulärer) Metropolen wie Hamburg, Köln, München, Berlin wohnen möchte und dort die Mietpreise in die Höhe treibt, während die traditionelle alte Mittelklasse treibende Kraft der Suburbanisierung (vor allem in den 1970er und 1980er Jahren) war und nun vielmehr in den ‚abgehängten‘ Klein- und Mittelstädten zu finden ist. Es ist die Spaltung der gesamten Mittelklasse in Gewinner*innen (neue Mittelklasse in den Metropolen) und Verlierer*innen (alte Mittelklasse in den Provinzen), die eine räumliche und damit politische Polarisierung (z.B. Neue Rechte) hervorruft, denn die alte Mittelklasse fühlt sich kulturell und politisch in die Ecke gedrängt. Da gerade die neue Mittelklasse viele der einfachen Dienstleistungen mit niedrigen Qualifikationen beansprucht, findet sich die wachsende Unterklasse aber in denselben schillernden Metropolen der neuen Mittelklasse wieder – nur werden sie dort aufgrund der Immobilienpreise immer weiter an den Rand gedrängt und räumlich segregiert.
Lassen sich beim Lesen daher viele bekannte geographische Phänomene jenseits reiner Deskription gut soziologisch erklären, spielt der Raum als Analysekategorie und Forschungsgegenstand von Polarisierung, Krise und Ambivalenz bei Reckwitz aber nur eine untergeordnete Rolle. Der Raum bleibt für den Autor immer Ergebnis des Wandels von der sozialen Logik des Allgemeinen hin zur Logik der Singularitäten. Es wirkt geradezu verlockend, z.B. gentrifizierte Viertel und steigende Immobilienpreise oder auch die Verortung der Neuen Rechten in strukturschwachen Regionen mit einer Spaltung in Gewinner*innen und Verlierer*innen der Mittelklasse zu begründen. Doch die Entwicklung der großstädtischen Immobilienpreise fußt nicht nur auf der gesteigerten Nachfrage der neuen Mittelklasse, sondern unter anderem auch auf einem Finanzialisierungsprozess mit neoliberalen Strukturmerkmalen eines globalen Kapitalismus, der von staatlicher Seite noch befördert wird. Ebenfalls gibt es weiterhin auch strukturstarke ländliche Regionen des ‚traditionellen‘ Mittelstandes in Deutschland, der durchaus auch in einer spätmodernen Ökonomie der Globalisierung überlebens- und zukunftsfähig ist. Darüber hinaus spielt die ökologische Krise nur eine sehr geringe bzw. kaum existierende Rolle in Reckwitz‘ Entwurf. Für die Geographie ist jedoch eine Konzeptualisierung dieser Krise zentral, insofern diese auf fundamentale Weise das Mensch-Umwelt-System erschüttert. Es bedarf weiterer Arbeit, die Polarisierungen infolge der ökologischen Krise in das Analysemodell der Gesellschaft der Singularitäten einzubetten.
Dieses sehr einleuchtende und bedacht geschriebene Buch lässt sich leichtfüßig und flüssig lesen und schafft es, eine differenzierte, realistische Perspektive auf die drängenden Krisen unserer Zeit zu entwickeln, die trotz der Konstatierung des Endes der Illusionen nicht nur ins Pessimistische abrutscht: So benennt Reckwitz im letzten Essay fünf konkrete Herausforderungen für eine neue Form eines einbettenden Liberalismus. Ihm schwebt ein Gleichgewicht von Regulierung und Öffnung vor, auch in Bezug auf die Klimakrise, deren Wirkung jedoch schwer abzuschätzen ist. „Das Ende der Illusionen“ ist, wie auch Reckwitz‘ Hauptwerk „Die Gesellschaft der Singularitäten“, eine prägnante Analyse der heutigen Gesellschaft, der allerdings der sozialräumliche Bezug fehlt. Insofern bleibt der Wunsch nach einer Geographie der Singularitäten vorerst offen.

Jochen Burger

 

Document Actions