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You are here: Home Archive 2019 Schmitt, Tobias: Dürre als gesellschaftliches Naturverhältnis – Die politische Ökologie des Wassers im Nordosten Brasiliens

Schmitt, Tobias: Dürre als gesellschaftliches Naturverhältnis – Die politische Ökologie des Wassers im Nordosten Brasiliens

Book review Erdkunde 73 (2) 2019, 156-157 by Dorothea Hamilton

Schmitt, Tobias: Dürre als gesellschaftliches Naturverhältnis – Die politische Ökologie des Wassers im Nordosten Brasiliens. 437 S., 46 s/w Abb., 12 s/w Tab. Franz Steiner Verlag. Stuttgart 2017. ISBN: 978-3-515-11721-0. €66,00

Ins Besondere im Kontext des Klimawandels wird die Knappheit natürlicher Ressourcen zunehmend als Ursprung von Konflikten dargestellt. Schmitt nennt diese Argumentation „eine der größten Erzählungen des 21. Jahrhunderts“ (S.25), da die Reduzierung von Konflikten auf natürliche Gegebenheiten die Rolle von bestehenden Machtverhältnisse vernachlässigt. Er dekonstruiert im vorliegenden Druck seiner Dissertation die Kausalkette, welche Unterentwicklung als Resultat natürlicher Unterprivilegierung durch geringe Niederschlagsmengen sieht am Beispiel des Nordostens Brasiliens.
Dazu interpretiert er Dürre nicht nur als ökologisches Ereignis und nimmt ihr somit ihren „natürlichen und unvermeidbaren Charakter“ sondern versteht sie vielmehr „als Ergebnis von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und Machtverhältnissen“ (S. 104). Die rhetorische Instrumentalisierung des scheinbar natürlichen Ereignisses setzt er, im Sinne der Politischen Ökologie, in ihren machtpolitischen Kontext. Die bestehende Desertifikation in Brasilien wird dann als Resultat von Übernutzung, asymmetrischen Bewässerungssystemen, Besitzverhältnissen und Entwicklungsmodellen verstanden.
Ausgehend von der Hinterfragung der Kultur Natur Dichotomie bildet Schmitt in einer poststrukturalistischen Sichtweise eine fundamental andere Perspektive auf die Zugänge, die Geographinnen und Geographen zu „klassischen“ Themen wählen können. Aus der Perspektive diskursiver Forschung mit Bezug auf Foucault, stellt er die Konflikte um Wasser im Nordosten Brasiliens als Manifestierung von Machtverhältnissen und nicht von „an sich“ (S. 87) existierenden natürlichen Probleme dar. Wasserknappheit entlarvt er somit als Narrative die er aus ihrer augenscheinlichen Natürlichkeit enthebt und in ihren politischen Kontext setzt.
Er nutzt eine Art des „wissenschaftlichen Erzählens“ deren Ziel es nicht ist möglichst der „Wahrheit ein Stück näher zu kommen“ (S. 31), sondern Machtverhältnisse, die sich in Sprechweisen und Materialisierungen widerspiegeln, aufzuzeigen. Methodisch stützt er seine Analyse auf Zeitungs- und Redebeiträgen sowie Institutionalisierungen (Gesetzen), Materialisierungen (Zäune und Staudämme) und Widerständen anhand derer er die sozialen Rahmenbedingungen und Sprechweisen über Dürre analysiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Dürre benutzt wird, um über tradierte Ungleichheiten hinwegzutäuschen.
Dem Selbstanspruch Foucaults folgend, sieht er den Wissen Schaffenden als „Zerstörer von Evidenzen und Universalien (…) der die Schwachstellen kenntlich macht“ (S. 60). Diesem Anspruch kommt er in seiner Arbeit gefährlich nahe, in dem er vieles von dem, was häufig als „gängige Forschungspraxis“ angenommen wird, thematisiert. Somit legt er den Finger in so manche Wunde epistemologischer Unklarheiten und postkolonialer Praktiken der Geographie. Sein Wissenschaftsverständnis zieht sich sehr stringent durch die gesamt Arbeit und beinhaltet eine radikale Hinterfragung seiner selbst und seiner Disziplin in der er so manche „blinde Flecken“ der Geographie benennt, was den Leser zum Überdenken der eigenen Position und Ansätze zwingt.
Gerade im theoretischen Teil geht er manchen Konzepten wie „Macht“ oder „Subjekt“ erkenntnistheoretisch tief auf den Grund und wagt mitunter einen philosophischen Rundumschlag, dessen Bezug zum roter Faden dem Leser erst nach Ende der Lektüre vollständig kenntlich wird. Auf der anderen Seite stilisiert er Begrifflichkeiten wie „natürliche Ressourcen“ (s. 149), „die sozialen Bewegungen“ (S.172),  oder „Agrareliten“ ohne sie näher zu differenzieren und reproduziert damit die an anderer Stelle von ihm kritisierte „Reduktion von Komplexität“ um ein „einfach zu verstehendes, möglichst bildhaft vermittelbares Problem“ (S. 276) zu skizzieren. Größter Kritikpunkt seiner Arbeit ist aber, dass er es nur bedingt schafft die Inhalte für ein weiteres Publikum zugänglich zu machen was sowohl sprachlich auch als durch die Länge des Werkes (400 Seiten) bedingt ist. Somit wird die von ihm benannte Machtreproduktion selber reproduziert und das fast revolutionäre Potential angewandter Politischer Ökologie bereits im Keim erstickt.
Trotzdem ist es doch höchste Zeit, dass auch deutschsprachige Geographinnen und Geographen sich im Kontext moderner Wissenschaft den grundsätzlichen Konzeptionen und Methoden der Geographie reflektieren. Auch wenn das Buch mehr als ein Forschungsreisebericht, ein Prozess des „Suchens und Findens“ (S.55) zu lesen ist und mehr Fragen stellt als Antworten liefert, sei das Buch den Lesern empfohlen, die nicht davor scheuen Bekanntes in Frage zu stellen. Es ist daher als Wegbereiter einer machtsensible Forschung zu Themen der Naturaneignung zu verstehen. In Zeiten vom Klimawandel und den in diesem Zusammenhang stehenden zunehmenden Konflikten bietet Schmitt mit seiner Analyse einen essentiellen „Beitrag für weitere Auseinandersetzung“ (S. 406) in der sich die Geographie als Wissenschaft positionieren kann und sollte.

Dorothea Hamilton

 

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