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You are here: Home Archive 2019 Monheim, Heiner: Wege zur Fußgängerstadt: Analysen und Konzepte

Monheim, Heiner: Wege zur Fußgängerstadt: Analysen und Konzepte

Book review Erdkunde 73 (4) 2019, 343-344 by Mathias Wilde

Monheim, Heiner (2018): Wege zur Fußgängerstadt: Analysen und Konzepte. 224 S. und zahlr. Abb. Hohenwarsleben: VAS. (= Für eine zukunftsfähige Verkehrswende; Band 2). Bad Homburg 2018. ISBN 978-3-88864-553-2 € 17,80

„Basismobilität“ ist ein besserer Begriff für den ursprünglichen Akt des Gehens – jedenfalls schlägt ihn Heiner Monheim für die Fachkommunikation vor. Ob wir mit dem Bus, Auto oder Fahrrad unterwegs sind – alle Mobilität beginnt und endet mit einer Gehetappe. Und somit ist Fußverkehr die Basis aller Mobilität und Urbanität.
Doch so bedeutend das Gehen als ursprünglichste Form der Fortbe-wegung sein mag, im Auge der kommunalen Verkehrsplanung ist Fußverkehr kaum mehr als eine Randnotiz. Die Verkehrsplanung der Moderne orientiert sich am ungebremsten Kfz-Verkehrsfluss. Menschen zu Fuß sind einer Stadtmorphologie ausgesetzt, die im Maßstab einer Maschinerie der Fortbe-wegung geformt ist.
In der Reihe „Für eine zukunftsfähige Verkehrswende“ nimmt sich Heiner Monheim dem Ungleichgewicht zwischen den Verkehrssystemen an und bringt seine Erfahrungen als Praktiker in der Verkehrsplanung und Wissenschaftler in der Verkehrsgeographie auf das Papier – unermüdlich im Einsatz für nachhaltigen Verkehr und Städte zum Leben.
Angewandte Verkehrsgeographie aus 55 Jahren Berufsleben lassen sich nicht allein in einem Werk unterbringen, und so reicht die Reihe über vier Bände – von „Wege zur Fahrradstadt“ über „Wege zur Stadt der Busse und Bahnen“ bis hin zu „Auswege aus der Autostadt“. Der hier besprochene Teil „Wege zur Fußgängerstadt“ ist der zweite Band der Reihe. In ihm verarbeitet Heiner Monheim sein Wissen über den Fußverkehr – der Urform des Unterwegssein. Er veranschaulicht die Folgen der autogerechten Stadtplanung und ist dabei schonungslos in seinem Urteil gegenüber der deutschen Verkehrspolitik und kommunalen Verkehrsplanung.
Das Buch beginnt mit der Geschichte des Gehens. In kurzen Absätzen beschreibt der Autor die Hilfsmittel im Zeitverlauf, geht auf die anthropologisch-kulturelle Seite des Gehens ein und zeichnet Strukturen, Inhalte und Prozesse der Verkehrspolitik in Sachen Fußverkehr nach. Der zweite Teil enthält eine Bibliographie ausgewählter Werke zum Themenkomplex. Der Autor fasst von 13 Publikationen die Inhalte zusammen und geht dabei auf Werke ab 1971 ein, die er somit wieder in Erinnerung bringt.
Über die weiteren 17 kompakten Kapitel hinweg entwickelt Heiner Monheim seine Analyse und entwickelt Konzepte für die Gestaltung einer Stadt, die zuvörderst den Menschen zu Fuß in den Blick nimmt. Er stellt Methoden zur Empirie des Fußverkehrs vor, beschreibt die Anforderungen der Menschen an die Stadtgestaltung allgemein und an Fußverkehrsanlagen im Besonderen und zeigt Wege zu einem Leben ohne eigenem Automobil auf. Dabei spart er nicht mit Kritik an vorangegangene und aktuelle Stadtentwicklungsplanung. Die Zerstörungskraft des ungebremsten Verkehrswachstums führt der Autor mit Hilfe anschaulicher Beispiele vor Augen. Die Zuspitzung seiner Argumentation bringt er dann auch zum Punkt: „Das Maß ist voll“ (S.111).
Indem er Lösungen nachzeichnet und Strategien aufzeigt, geht Heiner Monheim jedoch zwei Schritte weiter und vermeidet die Gefahr, mit seinem Werk ins Polemische abzugleiten. Aus dem Zusammenspiel von Kritik und Lösung zeigt sich somit auch eine Stärke des Bandes.
Der Autor gliedert den Text in kurze Sachabschnitte. Die Abschnitte können durchaus mit Einträgen eines Lexikons verglichen werden. Anders als Lexikoneinträge folgen sie einer inhaltlichen Logik, so dass der Text zusammenhängend bleibt. Diese Struktur markiert eine weitere Stärke des Buches: Es hat alle Elemente einer Enzyklopädie des Gehens. Ohne eine umständliche Suche nach Begriffen in unübersichtlichen Fließtexten erlaubt es ein zügiges Auffinden von Wissenselementen zum Fußverkehr.
Von der Aufmachung erinnert der Band an Werke der klassischen Verkehrsplanung. Sie sind auf die Vermittlung von Inhalten ausgerichtet und wollen weniger mit Kapriolen im Layout gefallen. Ganz besonders augenfällig wird das Gestaltungsprinzip bei den Abbildungen. Die Fotos, Diagramme und Zeichnungen stammen gewiss aus einem Fundus, den der Autor über einige Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte aufgebaut hat. Diejenigen der Leserschaft, die an polierten Hochglanzbroschüren und dem Desingkonzepten neuer Medien übersättigt sind, mögen manche Abbildungen als antiquiert erscheinen. Dabei symbolisieren sie bereits beim durchblättern, wie zeitlos das Thema ist, seit wie lange wir uns für Verbesserungen im Fußverkehr einsetzen und wie wenig wir erreicht haben.
Wer sich für einen nachhaltigeren Stadtverkehr einsetzt, findet in „Wege zur Fußgängerstadt“ eine Fülle an Argumenten und guten Beispielen. Menschen in Politik, Planung und Verwaltung sei das Werk eigens empfohlen, es vermag ihnen helfen, über die Folgen ihrer Entscheidungen nachzudenken. Für alle anderen am Thema Interessierten kann es als Nachschlage-werk dienen und als Dokumentation des Umganges mit dem Fußverkehr in der bundesdeutschen Kommunalplanung der letzten Jahrzehnte.

Mathias Wilde
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