One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2019 Klaus Schäfer (Hrsg.): Aufbruch aus der Zwischenstadt. Urbanisierung durch Migration und Nutzungsmischung.

Klaus Schäfer (Hrsg.): Aufbruch aus der Zwischenstadt. Urbanisierung durch Migration und Nutzungsmischung.

Book review Erdkunde 73 (1) 2019, by Claus-Christian Wiegandt

Klaus Schäfer (Hrsg.): Aufbruch aus der Zwischenstadt. Urbanisierung durch Migration und Nutzungsmischung. 222 S., 33 fotos, 6 Abb., 5 Karten, 10 Tab. Transcript Verlag. Bielefeld 2018. ISBN: 978-3-8376-4365-7. € 29,99.

Vor über 20 Jahren hat Thomas Sieverts den Begriff der Zwischenstadt geprägt, der seinerzeit Anstoß für eine intensive und durchaus heftig geführte Debatte über die Stadtentwicklung der Nachkriegszeit gewesen ist. Jetzt findet er sich im Titel eines Sammelbandes wieder, den der Architekt und Stadtplaner Klaus Schäfer im transcript-Verlag herausgegeben hat. In der heutigen Zeit, in der die Debatten in Deutschland stärker durch Reurbanisierungsprozesse geprägt sind, macht dies zunächst neugierig – zumal im Untertitel dann noch die beiden Begriffe Migration und Nutzungsmischung auftauchen.

Um es vorweg zu nehmen: Nach der Lektüre des Buches bin ich ein wenig ratlos und enttäuscht, weil sich mir der rote Faden des Buches nicht richtig erschließt. Die Zusammenstellung der acht für sich teils lesenswerten Beiträge scheint mir recht willkürlich und nicht von einer systematischen Beschäftigung mit dem Phänomen der Zwischenstadt geleitet. Stattdessen geht es in einigen Beiträgen um das Konzept der Ankunftsstadtteile, das durchaus interessant und diskussionswürdig ist, aber nur recht wenig mit der Gestaltung der suburbanen Räume zu tun hat. So fragt sich der Leser, wie der Herausgeber Klaus Schäfer die einzelnen Beiträge eigentlich ausgewählt hat. Weder in seiner kurzen Einführung zum Sammelband, den er selbst immerhin als ein „Plädoyer zur Revision der gegenwärtigen Stadtentwicklung“ versteht, noch in seinem abschließenden Beitrag findet sich eine plausible Antwort.

Nach der Einführung in den Sammelband kommt der ehemalige Leiter des Stadtsanierungsamtes in Tübingen – und Querdenker – Andreas Feldtkeller kurz zu Wort. Sein Plädoyer für eine generell nutzungsgemischte Stadt und sein unermüdlicher Einsatz gegen das „Trennungsprinzip“ sind nicht neu – eher seine Überraschung, dass in den vergangenen Jahren ein Trend zur Reurbanisierung zu beobachten ist. Für den Stadtrand fordert er jetzt mit seiner ihm eigenen Verve eine „Nachurbanisierung“ (S. 17), für die weiterhin ein Widerstand gegen die Entwicklungslogiken am Stadtrand notwendig sei.

Bemerkenswert ist, dass Klaus Schäfer den bekannten britisch-kanadischen Journalisten Doug Saunders für einen Buchbeitrag gewinnen konnte. Saunders weist auf die neue Bedeutung des Stadtrandes für die Integration von Migranten hin. Bei zunehmenden Engpässen auf dem innerstädtischen Wohnungsmarkt liegt für ihn hier das „neue Gravitationszentrum für Neuankömmlinge“ (S. 29). Er empfiehlt diesen Quartieren zum ersten planerische und gestalterische Eingriffe zur Bebauung und zur räumlichen Anordnung, um die Dichte und den Austausch von Beziehungen zu erhöhen sowie die funktionale und soziale Mischung zu verbessern. Zum zweiten sieht er in einer Verbesserung der Verkehrsanbindung an die Kernstadt und in der Bildung von Anziehungspunkten integrationsfördernde Wirkungen. Schließlich plädiert er zum dritten für eine selbstbestimmte Gestaltung der baulichen Umgebung. Für alle drei Strategien bringt er Beispiele aus verschiedenen Stadtregionen der ganzen Welt, bei denen nach meinem Empfinden aber die spezifischen lokalen Rahmenbedingungen zu wenig berücksichtigt werden. Die Nachverdichtung von Großwohnsiedlungen in den Niederlanden ist nach meiner Einschätzung anders zu beurteilen als der kommunale Wohnungsbau in Mexiko-City. Und die Integration von Migranten am Stadtrand mit dem prominenten Projekt der Tübinger Südstadt zu verbinden, erscheint mir in Anbetracht der Sozial- und Eigentümerstruktur in diesem Quartier auch ein wenig gewagt.

In zwei weiteren lesenswerten Beiträgen setzen sich Kai Vöckler und Matthias Schulze-Böing dann jeweils kritisch mit dem Konzept der „Arrival City“ von Saunders auseinander. Beide Autoren sind Insider für die Offenbacher Stadtpolitik. Sie nutzen ihre Erfahrungen, den Allgemeingültigkeitsanspruch der Thesen von Saunders ein wenig zu relativieren und auf seine recht angelsächsische Sichtweise hinzuweisen. Sie machen auf das sozialstaatliche Modell der Integration in Deutschland aufmerksam, bei der die alltägliche Integrationsarbeit der Kommune eine höhere Bedeutung für die Einbindung der Migranten hat als die spezifischen Baustrukturen und Siedlungstypologien. Diese beiden Beiträge beeindrucken, weil sie das Konzept der Ankunftsstadtteile mit einer gehörigen Portion Alltagserfahrung kritisch hinterfragen.

Im fünften Beitrag geht es ebenfalls um das Zusammenleben von Migranten und Bewohnern der Mehrheitsgesellschaft in verschiedenen Stadtteilen. Für die Stadt Kaiserslautern vergleichen Annette Spellerberg und Lutz Eicholz die Situation in vier verschiedenen Stadtteilen im Rahmen eines Forschungsprojekts aus der Nationalen Stadtentwicklungspolitik. Im Ergebnis gibt es zwischen den einzelnen Stadtteilen keine wesentlichen Unterschiede bei den sozialen Netzwerken von Zugewanderten und Alteingesessenen.

Im sechsten Beitrag macht sich der Stadtforscher Manfred Kühn Gedanken über die Regenerierung von Städten durch Zuwanderung und beschäftigt sich dazu mit der Zuwanderungspolitik der Hansestadt Bremen. Ein aktives Anwerben von Zielgruppen – etwa aus der Zwischenstadt – kann er nicht beobachten. Stattdessen wird ein Integrationsmanagement für Migranten betrieben. Ankunftsquartiere, in denen sich Menschen mit Migrationshintergrund konzentrieren, werden in der Bremer Stadtpolitik nicht unterstützt.

Der Stadtökonom Dieter Läpple greift schließlich Gedanken auf, die er bereits in seinen früheren Texten veröffentlicht hat. So diskutiert er Möglichkeiten, die industrielle Produktion in Form von High-Tech-Strategien oder handwerklichen Manufakturen wieder in die Stadt zu bringen. Dies bezieht er auf den deutschen Diskurs der „Lokalen Ökonomien“ und den amerikanischen Diskurs über „Urban Manufacturing“ und diskutiert das Verhältnis von „lokalen Kreisläufen“ und „Turbulenzen des Weltmarkts“ in einer postindustriellen Stadt. Im Resümee angehängt ist dann noch die allgemeine Forderung, dass eine funktionale Nutzungsmischung auch Einwanderern Vorteile für die Integration bieten könne.

Im achten Beitrag stellt zu guter Letzt der Architekt und Stadtforscher Rainer Hehl einige grundsätzliche Überlegungen zum Umgang mit städtischer Informalität vor. Er diskutiert die interessante Frage, ob und wie informelle Praktiken in der Stadtentwicklung auf den Kontext von formal gesteuerten Stadtsystemen übertragen werden können. Ihm geht es um eine Selbstorganisation und Eigenbeteiligung der Zivilgesellschaft, die durch ein Baugeschehen im formalen Markt durch private Interessen eingeschränkt werden. Er ist angeregt von einem Planungsinstrument aus Brasilien, mit dem dort Eingriffe in unkontrolliert gewachsene Stadtsysteme vorgenommen wurden, ohne bestehende soziale Strukturen zu beeinträchtigen, und fordert etwas diffus ein „Recht auf Aneignung“.

Zusammengefasst ist es schade, dass nicht nur dieser, sondern auch die meisten anderen Beiträge des Sammelbandes kaum etwas mit dem Titel „Aufbruch aus der Zwischenstadt“ zu tun haben. Stattdessen thematisieren drei Beiträge das Konzept der „Arrival City“ und die weiteren Beiträge tippen es an. Andere Beiträge greifen aktuelle Trends der Stadtentwicklung auf und diskutieren neue Formen von Stadtkonzepten. So ist insgesamt ein Sammelsurium an für sich interessanten Beiträgen entstanden, die die Erwartungen, die der Titel des Buches vermittelt, leider nicht einlösen können. 

Claus-C. Wiegandt
Document Actions