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You are here: Home Archive 2019 Dittmann, Andreas und Gieler, Wolfgang (Hrsg.): Syrien. Eine Einführung in Politik und Gesellschaft.

Dittmann, Andreas und Gieler, Wolfgang (Hrsg.): Syrien. Eine Einführung in Politik und Gesellschaft.

Book review Erdkunde 73 (2) 2019, 157-159 by Nadine Scharfenort

Dittmann, Andreas und Gieler, Wolfgang (Hrsg.): Syrien. Eine Einführung in Politik und Gesellschaft. 194 S.. 18 Abb., 3 Tabellen. Peter Lang Verlag. Berlin 2018. ISBN: 978-3-631-74281-5. €34,95

Im März 2011 kam es in Syrien zu Protesten gegen die Regierung Assads, die sich zu einem Bürgerkrieg entwickelten und noch heute tagtäglich die internationale Gemeinschaft beschäftigen. Der Konflikt hat sich inzwischen zu einem Stellvertreterkrieg mit geostrategischen Dimensionen entwickelt, in dem Assads Schicksal eng mit den Vorstellungen und Zielen seiner Verbündeten verknüpft ist (S. 32). Für die meisten Menschen werden die Ereignisse der vergangenen Jahre in Syrien immer undurchschaubarer, und es mangelt häufig – auch aufgrund einer weitgehend verbreiteten Abwesenheit von Fachwissen – an notwendigem Basiskenntnissen, um die Ereignisse einordnen zu können. Inzwischen gilt Syrien als Failed State, als zerfallener Staat, der elementare Aufgaben nicht mehr erfüllen kann und in dem staatliche Organe massiv gegen die eigene Bevölkerung vorgehen (S. 7). Zugleich hat sich der Konflikt zwischen Regime und Protestierenden in fortschreitenden Stadien in Komplexität und Brutalität gesteigert (S. 75).
Das heutige Syrien ist Produkt der Aufteilung der Region der Levante durch die europäischen Großmächte nach dem Ersten Weltkrieg. Vornehmlich westliche Analysen der aktuellen Ereignisse bedauern das Auflösen der Grenzen; vergessen bleibt jedoch, dass die heutigen Grenzen 1916 durch Großbritannien und Frankreich im Sykes-Picot-Abkommen, dessen Auswirkungen sich bis heute in Konflikten im Nahen Osten widerspiegeln, ohne Rücksichtnahme auf die geographische Verbreitung kultureller, religiöser und ethnischer Gruppen verhandelt wurden. Zum Verständnis aktueller Begebenheiten, Entwicklungen und politischer und soziokultureller Transformationen in den Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens ist eine Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der Region seit dem frühen 20. Jahrhundert sowie eine Einbettung in einen regionalen Kontext unentbehrlich – wie beispielsweise der Konflikt zwischen Sunniten und Shiiten zeigt (S. 77). Die Anthologie leistet hierbei einen wichtigen Beitrag: In insgesamt acht Beiträgen, die größtenteils den Herausgebern entstammen, erhält der Leser einen tiefgründigen Einblick in die Entstehung und Entwicklung Syriens im politisch-geschichtlichen Kontext und in rezente Entwicklungen.
Gieler leitet mit einem kompakten und informationsdichten politisch-geschichtlichen Überblick ein, der von den ersten Stadtstaaten vor unserer Zeitrechnung über das Osmanische Reich bis zur Gründung der unabhängigen Republik Syrien unter der politischen Führung von Hafiz al-Assad (1971-2000) bzw. seinem Sohn Baschar al-Assad (seit 2000), der bereits in den 1990er Jahren systematisch als dessen Nachfolger aufgebaut wurde, reicht. Ein Beitrag von Gieler und Lassotta vertieft die Amtszeiten von Hafiz und Baschar al-Assad: Nach anfänglichen Hoffnungen der Modernisierung (Damaszener Frühling), nahm Baschar al-Assad 2002 einen Großteil der zuvor zugestandenen Freiheitsrechte wieder zurück und lenkte die Öffnung in eine einseitige ökonomische Liberalisierung um (S. 31). Unmissverständlich herausgearbeitet wird in diesen beiden Kapiteln die politisch herbeigeführte Ungleichverteilung in der Repräsentation der heterogenen Bevölkerungsstruktur (ethnisch, religiös, sozial), insbesondere der Unterrepräsentation und faktisch von der Herrschaft ausgeschlossenen Sunniten im Vergleich zu den shiitischen Alawiten, die mit einem Bevölkerungsanteil von nur 10 Prozent die herrschende Schicht bildete (S. 25).
Auch der Krieg in Syrien, in dem sich verschiedene Akteure erbitterte Kämpfe bieten und der alte Machthaber noch im Amt ist, gilt als Beispiel für politische Bewegungen in der Region mit turbulenten Revolutionsverlauf (S. 58f.), wie Gieler (unter Mitarbeit von T. Rienäcker) in einem Beitrag über die so genannten Arabellionen argumentiert. Dittmann schließt mit einem Beitrag über den Zerfall des Nahen Ostens und das Aufkommen und den wachsenden Einflusses des Islamischen Staates an: Er vertritt die These, dass sich der Zerfall der Staaten Syrien und Irak in den idealtypischen Stadien des „Terror-Staaten-Modells“ widerspiegelt (S. 89) und entwickelt seine Argumentationskette entlang historischer Ereignisse, insbesondere Territorialfragen (z.B. Kurdistan, Golan-Höhen, Antakya/Hatai), die die Region in den vergangenen gut 100 Jahren seit Abschluss des Sykes-Picot-Abkommens gefordert hat. Dem Islamischen Staat räumt Dittmann keine Perspektive ein und wagt einen vorsichtigen Blick in die noch völlig offene Kartographie eines „Neuen Nahen Ostens“ (S. 101ff.).
Dittmann widmet sich in einem weiteren Beitrag der Kulturgutzerstörung in Mesopotamien aus der Frühzeit der Entstehung altweltlicher Hochkulturen durch den Islamischen Staat. Mit diesem Beitrag thematisiert Dittmann die medienwirksame Inszenierung und Dokumentation der unwiderruflichen Vernichtung einzelner kultureller Gegenstände und archäologischer Stätten. Dittmann erläutert diese Vernichtung als letzten Abschnitt einer mehrstufigen Inwertsetzungskette und kennzeichnet die „inszenierten Verbrechen an Kulturerbe der Menschheit“ (S. 106) als Teil der einer umfassenden Provokationsstrategie.
Ein weiteres politisch höchst brisantes Thema ist die bislang ungelöste „Kurden-Frage“, Resultat einer rücksichtslosen kolonialen Aufteilungspolitik, zahlreicher Genozidversuche und innerer Stammesstreitigkeiten, die die Kurden zu Flüchtlingen im eigenen Land stigmatisiert hat (S. 121). Einer detailreichen Erörterung zu Sprache, Religion und Lebensweise und Übersicht über einzelne Regionen Kurdistans (türkisch, syrisch, iranisch, irakisch) sowie Flüchtlingsströme seit Ende des Zweiten Golfkriegs (1991) folgt eine kritische Abwägung über Chancen für ein autonomes Syrisch-Kurdistan sowie ein eher pessimistischer Blick in eine rasche zukünftige Lösung.
Die letzten beiden Beiträge beschäftigen sich einerseits mit der russischen Agenda in Syrien (Waschke) und Russlands geo-, innen- und außenpolitischen Interessen im Syrien-Konflikt sowie mit den Perspektiven für eine akademische Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit (Almohamad, Thorbecke, Dittmann), also den Herausforderungen, Chancen und Perspektiven im Zugang zum tertiären Bildungssystem durch syrische WissenschaftlerInnen und Studierende sowie dem Aufbau der syrischen Bildungslandschaft und runden die Anthologie mit wichtigen Themen für eine zukünftige Neuerrichtung und –ausrichtung ab.
Unmissverständliches Ziel der Herausgeber ist es, „Werkzeuge zum Verständnis und zur Erklärung des eigentlich Unerklärlichen zu liefern“ (S. 7), was ihnen durch die Herausgabe der Anthologie mit ihren facettenreichen inhaltlichen Schwerpunkten, die den Blick notwendigerweise weiten und regionale historische, politische und kulturelle Verflechtungen herstellen, mehr als gelungen ist. Als langjährige Kenner der Region wissen die Herausgeber ihre Expertisen einzusetzen, um mit diesem Werk auch Leser mit geringen geographischen Kenntnissen über die Region zu erreichen. Der Sammelband überzeugt mit Beiträgen aus Geographie, Politik- und Geschichtswissenschaften sowie Ethnologie und fungiert neben seinem zentralen Bildungsbeitrag als Gegengewicht zu den aktuell auf dem Markt erhältlichen populärwissenschaftlichen Publikationen. Dabei beinhaltet er nicht nur – wie der Titel suggeriert – eine Einführung in Politik und Gesellschaft, sondern diskutiert aktuelle, eng miteinander verwobene Ereignisse und Entwicklungen in Syrien bei gleichzeitiger Einbettung in den regionalen Kontext. Aspekte wie die Zerstörung von Kulturgütern durch den so genannten Islamischen Staat ebenso wie die ungeklärte Frage des Status Kurdistans finden in der Anthologie eine solide wissenschaftliche Verankerung.

Nadine Scharfenort
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