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Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.; Dittmann, Andreas; Riemer, Robert und Teicht, Arnold (Hrsg.): Osteuropa – Konflikte verstehen

Book review Erdkunde 72 (3) 2018 by Fabian Thiel

Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.; Dittmann, Andreas; Riemer, Robert und Teicht, Arnold (Hrsg.): Osteuropa – Konflikte verstehen. Praxis-Handbuch. 454 S., zahlr. Abb. und Karten. Tectum-Verlag, 2018, € 29,95.

In einem Anleitungs- und Werbebogen zu diesem vorliegenden Handbuch über die Konfliktregionen Osteuropas wird der Mitautor und Mitherausgeber Andreas Dittmann mit den Worten zitiert, das Handbuch sei weder eine strategische Hetzschrift noch ein Leitfaden für Putinversteher. Offen gestanden hatte ich bei dem Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr (VdRBw; mit Robert Riemer und Arnold Teicht als Mitherausgeber) gewisse Vorbehalte, was die wissenschaftliche Qualität dieses Konflikt-Kompendiums anbelangt. Mitglieder des VdRBw haben im Rahmen einer Arbeitsgruppe im Vorfeld die unterschiedlichen Konfliktfelder Osteuropas untersucht. Diese Vorbehalte wurden durch eine recht reißerische, teilweise etwas dilettantisch gestaltete Covercollage als Titelabbildung mit einer Explosion und Rauchentwicklung noch unterstrichen. Indes: Die Leser mögen sich hiervon nicht irritieren lassen, auch wenn weitere Abbildungen in dem Buch, etwa diejenige russischer Bauern in der Kleidung des späten 18. Jahrhunderts (S. 287) und andere in den Bereich der Folklore gehören mögen. Ähnliches gilt für zeitgenössische Abbildungen von jungen Ungarinnen, die einen Volkstanz aufführen (S. 197) oder von Weißrussinnen in Nationaltracht (S. 230). Was sollen diese Abbildungen aussagen? Davon unbeeindruckt kann festgehalten werden: Der Inhalt dieses Werkes ist „brand“-aktuell, gewiss auch kontrovers, aber stets im besten Sinn geographisch bzw. geosystematisch, und erst an zweiter Stelle sicherheitspolitisch motiviert oder gar im Sinne des VdRBw inhaltlich „hingetrimmt“, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Ganz im Gegenteil. An keiner Stelle finden sich krude Theorien oder bloße Worthülsen, die vornehmlich in der Human“geographie“ heutzutage gerne verwendet werden und Wissenschaftlichkeit vorgaukeln sollen. Dieses Buch gaukelt nichts vor; die Leser haben nach der Lektüre ein weit besseres Verständnis von den physisch-geographischen und anthropogeographischen Zusammenhängen der osteuropäischen Konfliktländer, die in zwei Teilen vorgestellt werden: nämlich als „NATO-Staaten in der Region“ (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Ungarn und Rumänien) und als „Staaten jenseits der NATO-Grenze“. Über letztere Länder liegt naturgemäß bisher weniger wissenschaftliche Literatur und Erkenntnis vor, weshalb diese Länderkapitel hier insbesondere zur Lektüre empfohlen werden. Gleichzeitig ist es als durchaus mutig zu bezeichnen, dass unter „Osteuropa“ (jenseits der NATO-Grenze) eben auch Länder wie Georgien und Moldawien gefasst werden. Dies könnte die ohnehin vorhandenen Assoziierungs- bzw. Beitrittsambitionen Georgiens zur Europäischen Union durchaus verstärken, ja, das Land womöglich „übermütig“ machen. Dies ist gefährlich. Vom ursprünglichen Konzept her sollten eigentlich nur NATO-Länder an der Grenze zu Nicht-NATO-Ländern in Osteuropa im Buch behandelt werden. Diese Erweiterung macht nun aus meiner Sicht den eigentlich (Lese-)Reiz und Beitrag zum Fortschritt der Konfliktanalyse und zum Erkennen von Konfliktkonstellationen insbesondere vor allem im aktuellen „hot-spot“ zwischen der Ukraine und der Russischen Föderation aus. Die Ostukraine beherrscht alles. Da die Geographie die Aufgabe hat, die Geosphären hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen zu untersuchen, liegen hier zahlreiche geographische Länderstudien im besten Sinne vor. Deutlich zeigt sich der durch und durch geographische Grundcharakter des Werkes (u.a. beteiligte Geographen: die Gießener Dittmann und Haversath sowie Klüver, KIT Karlsruhe). Die Kapitel sind stringent und einheitlich nach landeskundlichem Muster, physische und dann human-geographische Faktoren, gegliedert. Das Werk ist folgerichtig hervorragend auch für den Unterricht an der Sekundarstufe II geeignet. Hier zahlt sich der Vorteil der Schnellorientierung über die sog. Punktationen, die jedes Kapitel graphisch und inhaltlich abrunden, aus. Ohne einzelne Co-Autoren über Gebühr hervorheben zu wollen, sind die Beiträge des ursprünglich aus Polen stammenden Michael Wagemann, eines Gymnasiallehrers, dennoch besonders erwähnenswert, der tiefschürfend, fächerübergreifend und kritisch für die Bearbeitung der Länder Polen, Slowakei und Ungarn verantwortlich zeichnet und insbesondere durch seine Darstellungen den Leser bei vertieftem Interesse zu längerem Lesen einlädt (was selbst bei fortgeschrittenen Studierenden der Geographie freilich nicht immer der Fall ist). In keinem Fall werden – um ein militärisches Bild zu gebrauchen – hier ideologische Schnellschüsse oder Quertreiber abgegeben. Selbst so schwierige und problematische Themen wie die russische Seele oder die permanenten Einkreisungsängste Russlands (S. 276) werden als Stereotype dekonstruiert und veranlassen den Leser zum Nachdenken, vielleicht sogar zum (Putin-)Verstehen oder zumindest aber Nachvollziehen. Damit wäre schon Vieles gewonnen. Das über alle Maßen Erfreuliche: Die Grundeinstellung der Detailgenauigkeit, der Differenzierung und des Facettenreichtums zieht sich wie ein roter Faden durch alle Beiträge. Wer das Buch liest, versteht die Konflikte und die beteiligten Menschen anschließend besser. Auch die wirtschaftlichen Potenziale werden zutreffend beschrieben, teilweise werden gar der Immobiliensektor, der Erlebniseinkauf in der Palasmall bei Live-Musik (S. 215) und die Wohnungswirtschaft im Ganzen mit in das wirtschaftliche Potenzial einbezogen (vgl. das Kapitel zu Rumänien von Johann-Bernhard Haversath, S. 207-221). Es wäre in der Tat die größte Anerkennung, wenn das Buch von denjenigen, die sich für osteuropäische Konflikt- und Militärlagen interessieren, in dieser Vielfalt, Buntheit und Klarheit angenommen und verstanden würde. Die Leser erfahren beispielsweise, warum sich die internationale Gebergemeinschaft mit der Ukraine die nächste Großbaustelle geschaffen hat, gleichsam als geo-politische Langzeitinvestition. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist festgehalten, dass Deutschland den Reformprozess in der Ukraine weiter unterstützen will. Dennoch ist mittlerweile allenthalben Ernüchterung eingekehrt nach all den Emotionen und Erwartungen nach dem Euromaidan und der Einstufung der Ukraine als „Land der Chancen“. Vieles ist Wunschdenken und verkennt vor allem die Probleme der allgegenwärtigen, endemischen Korruption in diesem Land. Man hätte natürlich auch versuchen können, sich mit Russland zu arrangieren, aber Geld und Mittel der Entwicklungszusammenarbeit sind derzeit (auch für die Ukraine erstaunlicherweise) im Überfluss vorhanden (vgl. den sehr instruktiven Beitrag von Arnold Teicht zu „Die Ukraine und das Internationale Krisenmanagement“, S. 305-352). Der Westen hat pauschal erklärt, seine Militärausgaben etwa in der Ukraine, aber auch in Polen und Ungarn erhöhen zu müssen und muss nun im zweiten Schritt darüber nachdenken, was mit den Geldmitteln und dem „Mittelabfluss“, um einen Terminus der Entwicklungszusammenarbeit zu verwenden, zu geschehen hat (etwa: neueste Waffensysteme für die Ukraine, gemeinsame NATO-Manöver im Baltikum etc.). Auch nach dem verständnisreichen Buchkapitel zur Russischen Föderation (Friedrich K. Jeschonnek, S. 269-304) ist die Expansion der NATO sicherheitspolitisch durchaus als riskant einzustufen, mindestens ziemlich kostspielig, vielleicht auf lange Sicht sogar auch als brandgefährlich. Schon die revanchistischen Attitüden in Polen und im Baltikum gegenüber Russland sind ein großes Problem für den Frieden in Europa, nimmt man dann auch noch die Ukraine hinzu (wo es anders als bei vorgenannten Ländern bekanntlich sehr handfeste Grenzstreitigkeiten mit Russland gibt), werden militärische Konfrontationen in der Zukunft sehr wahrscheinlich sein, speziell in der ungewissen Zeit nach Präsident Putin, wenn dessen Nachfolger der Politik der nationalen Stärke nacheifern werden, gleichzeitig der Westen aber seine Chance zur erweiterten Einflussnahme in der Region „wittern“ wird. Dass alle Beteiligten nun ihre Militärausgaben erhöhen – dies wird in nahezu sämtlichen Länderstudien in diesem Buch deutlich – und dass wie gesagt verstärkte Manövertätigkeiten an der russischen Grenze stattfinden (wer hätte das 1990/1991 geahnt!), passt durchaus ins Bild. Da ist es für den kritischen Leser gut, wenn auch nur von begrenztem Nutzen, dass Oberst a. D. Ulrich Kleyser im vierten Buchkapitel „Denkansätze zur Konfliktbegrenzung“ entfaltet, die sich größtenteils auf Clausewitz´ Friktionstheorie stützen; der Autor versucht hier ersichtlich, das nötige „Verständnis von der Grammatik des Krieges“ zu schaffen, um erneut Clausewitz zu zitieren. In Zeiten hybrider Kriegsführung und politischer Destabilisierung durch fake news fällt es indes schwer, zu überschaubaren „Denkansätzen“, geschweige denn Lösungen zu kommen. Kleysers Appell an die 28 EU-Nationen, „sich nicht weiter auseinanderdividieren zu lassen und zu einer gemeinsamen Haltung zurück[zu]finden” (S. 409), ist da nur ein schwacher Trost. Erwähnenswert ist das die Publikation abschließende Kapitel fünf, das sinnvolle Anleitungen für die Durchführung von Weiterbildungskursen und Seminaren zu dem hier analysierten speziellen Thema bietet, das aber auch verallgemeinerungsfähig ist. Das warme Grußwort von Vizeadmiral Joachim Rühle kann nicht irren (S. 9); daher hier auch mein Fazit: Nach der Lektüre dieses Handbuchs vermag ich nicht nur Präsident W. Putin besser zu verstehen, sondern auch, warum die Herausgeber unter „Osteuropa“ eben auch Länder wie Georgien und Weißrussland subsumieren. Es sollen Beitrittsperspektiven zur NATO geschaffen werden. Der ungelöste Konflikt um die Ostukraine freilich zieht sich wie ein roter (Konflikt-)Faden durch diese gehaltvolle Publikation.

Fabian Thiel
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