One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add author Del author
Keyword
Add keyword Del keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2018 Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest

Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest

Book review Erdkunde 72 (3) 2018, 253-255 by Helmut J. Geist

Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest. 136 S. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. € 14,-

Man stelle sich vor, die Ko-Formatierung der gesellschaftlichen Organisationsweise der Wirtschaft mit dem planetarisch-biosphärischen Erdsystem habe erwiesen, dass Nachhaltigkeit im Anthropozän alleine nicht mehr genügt. Es schließen sich daher fast zwei Jahrzehnte nach der erdsystemtheoretisch motivierten Nachhaltigkeitserklärung von Amsterdam 2001 Individuen, Gruppen und Großorganisationen mit Future Earth zusammen, um dem Europäischen Parlament ein erdpolitisches Manifest zur Debatte vorzulegen, um – endlich – Entscheidungen zu geosozialen Fragen planetarischen Ausmaßes einzuleiten (federführend dabei sei das IGU-Projekt International Year of Global Understanding). Tatsächlich existiert seit Mai 2018 ein sogenanntes terrestrisches Manifest und zwar aus der Feder des französischen Wissenschaftshistoriker und Philosophen Bruno Latour. Es wurde 2017 als Originalausgabe unter dem weit weniger pompösen Titel Où atterrir? Comment s’orienter en politique bei La Découverte, Paris, veröffentlicht, und ist von Bernd Schwibs für eine Sonderdruckausgabe der edition suhrkamp, Berlin, ins Deutsche übersetzt. Die seit der Amsterdamer Erklärung erdrückende Feststellung, dass es „trotz der Fakten […] bisher keinen ersthaften Diskurs über das Anthropozän [gibt], der die Frage nach Freiheit, Verantwortung und Emanzipation des Menschen stellt“ (Müller et al. 2016, 56), sollte dank Latours Text so nicht mehr gültig sein.

Das „Manifest“ ist als Essay angelegt, und das Adjektiv „terrestrisch“ doch nur ein pragmatischer Kompromiss. „<Gaia?> Das wäre es“, schreibt Latour auf Seite 51, um sofort einzuschränken, dass es aber „eine Unmenge Seiten [erforderte], um genauer anzugeben, wie dieser Name zu verwenden ist“. Wer daher die Essenz des kurzen Texts in Gänze studieren will, sei auf die Abschrift der schottischen Gifford Lectures verwiesen, in denen Latour minutiös und in packender Sprache das Gaia-Konzept durchdringt (vgl. Latour 2017a). Dass Latours Text sich auf feine, charmante Art und Weise von den sonst üblichen Earthmaster-Verlautbarungen eines zunehmend unglaubwürdigen  Nachhaltigkeits- und Geoengineering-Diskurses abhebt war zu erwarten – vgl. hierzu auch die Videoaufzeichnung der Anthropocene Lecture von Latour im Berliner Haus der Kulturen der Welt am 4. Mai 2018, inklusive der (sogenannten) Diskussion: https://www.hkw.de/de/programm/projekte/veranstaltung/p_140211.php. In Berlin spricht – am Vorabend des 200. Geburtstages von Karl Marx – und das Manifest (!) schreibt – Honni soit qui mal y pense – kein Hohepriester der „Geokratie“ (Geist 2018, 187). Angenehm selbst-ironisierend und so für sich und die geosoziale Frage einnehmend, schreibt jemand, der auch einräumt, dass für einen durch und durch geopolitischen Text – als Gedanke oder Konzept wird Geopolitik bzw. Politische Geographie auf den Seiten 51 f. und 75 ff. näher ausgeführt – ihm „jegliche politikwissenschaftliche Kompetenz fehlt“ (Latour 2018, 10/11). Paradox genug, aber Latours Einladung, ihm ab jetzt durch zwanzig Reflexionen zu folgen, wirkt genau aus diesem Grunde vertrauenswürdig. Von Beginn an kreisen seine Überlegungen um die „politisch-fiktionale“ Grundhypothese, dass soziale Ungleichheit, wüste Neoliberalisierung, selbstmörderische Globalisierung, die Wahrnehmung von Migration als Bedrohung, konservativ-autokratische Revolutionen weltweit und die forsch-eiskalte Leugnung des anthropogen induzierten Klimawandels im Grunde genommen „ein und dasselbe Phänomen“ bezeichnen (ibd., 5). Interessanten Einladungen folgt man gerne und erfährt, dass die Reflexionen – „in einem bewusst sprunghaften Stil gehalten“, wie der Autor etwas im Understatement formuliert – „eruieren [wollen], inwieweit bestimmte politische Emotionen auf neue Objekte hin kanalisiert werden können“ (ibd., 10). Zu letzteren gehören Verlustangst, Panik, Verunsicherung und Identitätsfindung angesichts von Klimawandel, (Post-)Kolonialisierung und Ungerechtigkeit. Erzählt wird aus der Perspektive von privilegierten Mitgliedern der führenden Klassen (zumindest eines gewichtigen Teils der globalen, neo/liberalen Wirtschafts- und Politikelite), die wissen, dass ihr modernisierendes, weltkapitalistisches Business-Projekt mehrere Planeten verbrauchen würde und schon vor einiger Zeit damit begannen, sich mit ihren Familien in gated communities zu verschanzen und Eisenkäfige kapitalistischer Nationalismen (Brexit, Trumpismus) hochzuziehen - einerseits. Andererseits – und zwar parteiisch-sympathisierend – wird aus der Perspektive derjenigen erzählt, denen darüber zunehmend der Boden unter den Füßen schwindet: „Die wir angesichts einer fehlenden miteinander zu teilenden gemeinsamen Welt nahezu den Verstand verlieren“ (ibd., 10) und „aufgrund der Angst, darauf nicht antworten zu können“ verständlicherweise „das Gefühl übermannt, innerlich erledigt zu sein“ (ibd., 15). In der kurzen Periode seit Erscheinen des Textes bis zum Verfassen dieser Rezension, also von Anfang Mai bis Ende Juni 2018, sind bereits zahlreiche Rezensionen in deutschen Print- und Hörfunkmedien sowie als Bloggermeinungen veröffentlicht. Adjektivisch gemünzt lassen sie Folgendes auszugsweise verlautbaren: „wenig konkret“ (der Freitag), „scharfsinnig analysiert“ und „klug“ (derselbe Freitag), „spannend“ (Deutschlandfunk), „klassenkämpferisch“ (Tagesspiegel), „hart“ (Die Zeit;), „wütend“ (der Freitag), „angenehm geerdet“ (Inventur Blog) „eindringlich“ und „faszinierend“ (FAZ), aber auch „ein bisschen verstiegen“ (dieselbe FAZ). Doch möge Jede/r das nicht allzu lange – und auch nicht allzu teure – Werk im Original der gewählten Worte auf sich wirken lassen (die zwanzig Reflexionen sind als mehrzeilige Kurzthesen unmittelbar in das Inhaltsverzeichnis eingearbeitet).

Die eingangs skizzierte Fiktion einer wünschenswert starken Rolle der Geographie bei erdkundlichen Fragen möchte ich wiederaufnehmen, denn vermutlich beleuchtet Latours Text ein epochales Versagen der Geographie als Wissenschaftsdisziplin. Inwiefern? Das Anthropozän – wie immer man es künftig auch benennen mag (Latour spricht von Neuem Klimaregime) – scheint nach übereinstimmender Auffassung diverser Denkschulen den Eintritt in ein qualitativ neues, post-holozänes Geschehen zu markieren, das in Latourschem Agency-Verständnis so präzisiert wird: „Das auf einen geologischen Zeitabschnitt angewandte Präfix ‘anthropo-’ [stellt] das Sympton einer Repolitisierung aller den Planeten betreffenden Fragen dar“ (S. 99). An anderer Stelle hat der Autor Anthropologie, also seine eigene, originäre Disziplin, als geeignete Wissenschaft zur Bearbeitung geosozialer Fragen beworben (vgl. Latour 2017b) – also nicht Politische Ökologie, Geophysik, Wirtschaftsphilosophie, Umweltsoziologie oder Geographie. Letzteres mag überraschen, hat sich doch gerade Geographie spätestens seit 1870 bis hin zur zeitgenössischen „Schnittstellenforschung“ (Wardenga und Weichhart 2011) als Integrationswissenschaft par excellence positioniert und – vielleicht etwas zu forsch? – eine solitäre Schlüsselkompetenz bei der Klärung von komplexen Fragen der sog. Mensch-Umwelt-Beziehungen behauptet. Nun stammt der geo- oder gaia-politische Text zum Zustand der Erde, den Suhrkamp zum Manifest aufgepumpt hat, aus der Feder eines Anthropologen, Philosophen und Wissenschaftshistorikers, der mit Geographie ersichtlich fremdelt. Auf den Seiten 52 bis 55 finden sich schwer widerlegbare Beobachtungen und im Kampf um Gaia (2017a) – in der deutschen Übersetzung wiederum von Suhrkamp teutonisch aufgeblasen – teils ätzende Kommentare zum Unvermögen der Disziplin, eine absurde kanonische Unterscheidung aufzuheben und endlich zur post-holozänen Besinnung zu kommen: „Früher konnte man noch sagen, (…/…) [e]s ließ sich eine ‘physische’ und ‘Humangeografie’ unterscheiden, als handelte es sich um zwei übereinandergelagerte Schichten“ (Latour 2018, 52) – aber die Welt ist doch „kein Blätterteig“ (ibd., 460)! Umschreibt Latour also in der neunten These – „Mit der Ortung des Attraktors des TERRESTRISCHEN ist eine neue geopolitische Ausrichtung definiert“ – die Götterdämmerung der holozänen Blätterteig-Geographie? Und was könnte, wenn der Untergang nicht schon unumkehrbar fortschreitet, eine post-holozäne und damit sinnvollerweise integrative Geographie leisten? Anhaltspunkte hierfür findet man in der sechzehnten These – „Eine Welt aus Objekten weist nicht dieselbe Art von Widerstand auf wie eine Welt aus Akteuren“ – als Skizze einer an Materialität orientierten handlungstheoretischen Grundlegung, wonach erdpolitische Neuausrichtung meint, die Gaia-Perspektive – also „[i]m Glauben (…), dass es auf ERDEN leidens- und reaktionsfähiges Leben gibt“ (ibd., 91) – mit der „galileisch“ oder raubwirtschaftlich zu bezeichnenden Perspektive – die Erde kann als Produktionsfaktor dargestellt werden – zu kontrastieren. „Mit den galileischen Objekten als Modell kann die Natur durchaus als ‘auszubeutende Ressource’ genommen werden. Doch mit lovelockianischen Agentien braucht man sich erst gar nicht Illusionen hinzugeben: Sie wirken, reagieren – zunächst auf chemischer, biochemischer, geologischer Ebene –, jedenfalls wäre es naiv zu glauben, sie blieben träge und passiv, wenn nur genug Druck auf sie ausgeübt wird. Mit anderen Worten: Einer, der Lovelock – und übrigens auch Humboldt [(vgl. Wulf 2016)] – gelesen hat, käme gar nicht auf die Idee, (…) die Natur zu einem Produktionsfaktor zu machen“ (ibd., 91). In diesem Sinne – „Wir stehen endlich in einer eindeutigen Kriegssituation“ (S. 104) – widmen sich die folgenden zwei Reflexionen der Frage, was die Begriffe, Konzepte und Instrumente der Auseinandersetzung sein könnten. Beschrieben wird die „dünne Schicht der kritischen Zone“ ebenso wie „ein Boden, der nichts mit dem LOKALEN zu tun hat“ (S. 107), Erdverbundenheit (statt Ökologie!), Lebensterrain (statt Territorium!) und das Spannungsfeld von Produktions- versus Erzeugungssystemen: „Das Umschwenken von einem Produktionssystem zu einem Erzeugungssystem ermöglicht es, die Quellen für Revolten gegen die Ungerechtigkeit zu multiplizieren und folglich die Palette der potenziellen Verbündeten in den zu führenden Kämpfen für das TERRESTRISCHE erheblich zu verbreitern“ (S. 103). Latours Zuversicht, was den Suhrkampschen Kampf um Gaia angeht, ist ansteckend, und man möchte ihm sofort zustimmen: ja, tatsächlich, „die große Verlagerung hat bereits stattgefunden“ (S. 106). Schließlich wird in den beiden letzten Reflexionen ausgeführt, wie sinnhaftes, richtungsweisendes politisches Handeln zur geosozialen Frage aussehen kann – und zwischen ‘geo’ und ‘sozial’ würde Latour vermutlich an die Bedeutung eines Bindestrichs gemahnen.

Helmut J. Geist

 

Literatur
Geist, H. J. (2018): Integrative Geographie neu denken – z.B. anthropozänisch. In: Geographica Helvetica 73 (2): 187–191. https://doi.org/10.5194/gh-73-187-2018
Latour, B: (2017a): Kampf um Gaia – Acht Vorträge über das Neue Klimaregime. Berlin.
– (2017b): Anthropology at the time of the Anthropocene – a personal view of what is to be studied. In: Brightman, M. and Lewis, J. (eds.): The anthropology of sustainability – beyond development and progress. London, 35–50.
Müller, M.; Kuhlwein, E. und Niebert, K. (2016): Schicksalsfrage Anthropozän – Wie wir die Erde aufs Spiel setzen. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 61 (10): 51–57. 
Wardenga, U. und Weichhart, P. (2011): Schnittstellenforschung. In: Gebhardt, H.; Glaser. R.; Radtke, U.  und Reuber, P. (eds.): Geographie – Physische Geographie und Humangeographie. Heidelberg, 1086–1087.
Wulf, A. (2016): Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. München.

Quellen der zitierten Rezensionen
Der Freitag: Danke, Pflanzen – Zwei Bücher rücken die Verhältnisse auf der Erde zurecht. Der Freitag – Das Meinungsmedium, Nr. 21 vom 17. Juni 2018. Autor: Malkmus, Bernhard. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/danke-pflanzen
Deutschlandfunk: „Das terrestrische Manifest“ – Bruno Latour am HWK. Deutschlandfunk Kultur vom 6. Mai 2018 (5 Min.). Autor: Berndt, Christian. https://www.ardmediathek.de/radio/Sein-und-Streit-Das-Philosophiemagazin/Das-terrestrische-Manifest-Bruno-Lat/Deutschlandfunk-Kultur/Audio-Podcast?bcastId=42747184&documentId=52198120
Die Zeit: Heimatlos sind wir alle – Bruno Latour kämpft gegen die klimapolitische Schockstarre. Die Zeit, Nr. 27 vom 28. Juni 2018, S. 44. Autorin: von Thadden, Elisabeth. https://www.zeit.de/2018/27/das-terrestrische-manifest-bruno-latour-rezension
FAZ: Gewaltig wehrt sich der Boden – Wissenschaft im Anthropozän. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Online-Ausgabe vom 8. Mai 2018. Autorin: Bethke, Hannah. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/das-terrestrische-manifest-von-bruno-latour-15578801.html
Inventur Blog: Terroir – Das terrestrische Manifest des Winzersohns Bruno Latour. Inventur (Blog) vom 10. Mai 2018. Autor: Hohnsträter, Dirk. https://inventur-blog.de/wein/das-terrestrische-manifest-bruno-latour/
Tagesspiegel: Erdenbürger, erwachet! – Manifest von Bruno Latour. Der Tagesspiegel, Online-Ausgabe vom 11. Mai 2018. Autorin: Schauer Hendrikje. https://www.tagesspiegel.de/kultur/manifest-von-bruno-latour-erdenbuerger-erwachet/21265418.html

Document Actions