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Bätzing, Werner: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft

Book review Erdkunde 72 (4) 2018, 331-333 by Marius Mayer

Bätzing, Werner: Die Alpen. Das Verschwinden einer Kulturlandschaft. 216 S., 228 Abb. und 2 Karten. WBG Theiss. Darmstadt 2018. ISBN 978-3-8062-3779-5. € 38,00

Wer sich im deutschsprachigen Raum wissenschaftlich mit den Alpen befasst, kommt an den substanziellen Arbeiten von Werner Bätzing (em. Professor für Kulturgeographie an der FAU Erlangen) nicht vorbei. Neben einer überarbeiteten Neuauflage seines Standardwerkes „Die Alpen“ (Bätzing 2015a) und einer an die interessierte Öffentlichkeit gerichteten Streitschrift zur Zukunft der Alpen (Bätzing 2015b), gibt Bätzing nun seinen vergriffenen „Bildatlas Alpen. Eine Kulturlandschaft im Portrait“ (Bätzing 2005) unter dem neuen Titel „Die Alpen. Das Verschwinden einer Landschaft“ neu heraus. Die Neubetitelung geschieht völlig zurecht, handelt es sich doch nicht um eine nur kosmetisch veränderte Neuauflage, sondern ein quasi vollkommen neues Buch, da drei Viertel der Photographien ersetzt und die Anzahl der Bilder um etwa ein Fünftel auf 228 erhöht wurde. Zudem wurden sämtliche Texte überarbeitet und aktualisiert und das fünfte Kapitel „Aktuelle Situation und Zukunft der Alpen“ vollständig neu konzipiert und geschrieben.
Der neue Bildband richtet sich ebenso wie die Streitschrift (Bätzing 2015b) an ein breites Publikum, dem Zeit oder Muße für die Lektüre der umfassenden Monographie fehlen (Bätzing 2015a) und das sich vor allem einen visuellen Eindruck über die Alpen und aktuelle Entwicklungen in diesem, im weltweiten Vergleich sehr dicht besiedelten und intensiv erschlossenen, Hochgebirgsraum machen möchte. Aber auch das wissenschaftliche Fachpublikum und über die Alpen Vortragende wie Lehrende können den Bildband als wertvolle Quelle für inhaltlich kommentierte und in einen logischen Gesamtzusammenhang eingebettete Illustrationen heranziehen, quasi als sehr umfangreichen Bildanhang zur Bätzing'schen Alpen-Monographie. Daher ähneln sowohl die stringente und sinnvolle Gliederung des Buches als auch zahlreiche inhaltliche Aussagen denen der erwähnten Monographien: Das erste Kapitel widmet sich den unterschiedlichen „Alpen-Bildern“, sprich der Betrachtungs- und Bewertungsperspektive auf das Gebirge, das zweite dem Naturraum, das dritte dem Kulturraum, das vierte der Modernisierung der Alpen und das letzte der heutigen Situation samt eines Ausblicks in die Zukunft.
Bätzing nutzt dabei zwei ur-geographische Ansätze, die in der derzeitigen Forschungslandschaft aber (leider) fast schon exotisch anmuten: eine auf der Physiognomie der Landschaft basierende Kulturlandschaftsanalyse, ergänzt durch fundierte lokale Feldarbeit und integrative Ansätze. Ausgehend von den physisch-geographischen Rahmenbedingungen werden die Möglichkeiten menschlichen Handelns ausgelotet und die Umgestaltung der Landschaft durch menschliches Wirtschaften analysiert. Anhand eines österreichischen Gletscherskigebietes, zeigt dies bereits das Titelbild überdeutlich. Dieser Ansatz unterstützt Bätzings Zielsetzung, „den Betrachter in ‚das Lesen‘ von Alpenlandschaften einzuführen“ (S. 7) und das Mensch-Natur-Verhältnis in seiner großen Bandbreite an Intensität, regionalen Spezifika und zeitlichem Wandel zu veranschaulichen
Bätzing folgt bei der Komposition und Auswahl seiner meist selbst aufgenommenen Photographien laut eigener Aussage dem Hegel’schen Verständnis von Ästhetik (S. 8). Dies impliziert, dass er auf oberflächlich spektakuläre und überwältigende Aufnahmen, auf den kurzweiligen Aha-Effekt verzichtet, die den Betrachter überrumpeln könnten. Die Leser müssen sich Zeit nehmen, sich auf die einzelnen Bilder einlassen und die Bild-Erläuterungen und Begleittexte genau lesen. Aus diesem Grund nimmt Bätzing auch viele, vielleicht schon zu häufig abgedruckte Standard-Motive aus den Alpen nicht mit auf (das Matterhorn über Zermatt stellt eine Ausnahme dar und betont eher die enorme touristisch getriebene Siedlungsexpansion) und reproduziert auch keine Stereotype der Tourismus-Werbung, sondern dekonstruiert sie eher. Neben Bätzings eigenen Aufnahmen, die sich ob ihrer inhaltlichen Aussageabsicht häufig als sehr spezifische Kompositionen erweisen, verdienen insbesondere die eindrucksvollen Schrägluftbilder von Jörg Bodenbender und die historischen Aufnahmen von Erika Hubatschek aus den 1930er und 1940er Jahren besondere Erwähnung.
In Bezug auf die räumliche Bildauswahl ist positiv anzumerken, dass viele Aufnahmen aus den italienischen Südwestalpen enthalten sind, die den deutschsprachigen Lesern meist kaum bekannt sein werden und vielen bei ihnen verbreiteten Alpen-Stereotypen widersprechen – etwa, dass die gesamten Alpen flächenhaft durch den Tourismus erschlossen seien.
Räumlich betrachtet ergibt sich dadurch eine etwas unausgewogene Auswahl: Beinahe 60% der Bilder stammen aus den sechs (von 63, siehe hintere Innenseiten) am stärksten vertretenen Gebirgsgruppen (Cottische Alpen, Hohe Tauern/Gasteiner Tal, Berner Alpen, Seealpen, Walliser Alpen (vor allem Südseite), Östliche Graijsche Alpen/Gran Paradiso), während mehr als 40% der Gebirgsgruppen so gut wie oder gar nicht vertreten sind (u.a. Mont Blanc-Gruppe, Vanoise, französische Kalkalpen, Ost- und Südostösterreich, italienische Südostalpen). Aufnahmen aus den slowenischen Alpen fehlen vollständig, welche z.B. die kalkalpine Morphologie im Triglav Nationalpark, die Industriegebiete von Jesenice, die Alpenstadt Maribor, das naturbelassene Soča-Tal oder die Tourismusorte Kranjska Gora und Bled hätten zeigen können. Da ein solcher Bildband natürlich keinen räumlichen Proporz aufweisen kann oder gar sollte (da bei gleichem Umfang lediglich drei bis vier Photos pro Gebirgsgruppe möglich wären), stellt dies jedoch kein grundlegendes Problem dar. Man sollte sich als Leser diesem räumlichen Bias aber bewusst sein.
In Bezug auf die Jahreszeiten besteht zudem ein Mangel an Winteraufnahmen. Zwar gibt es Bilder, welche die Grundbeschneiung zum Saisonstart in ansonsten schneearmer Umgebung zeigen (z.B. S. 25, Bild 12), ein realistisches Bild des alpinen Skitourismus entstünde jedoch nach Meinung des Rezensenten erst dann, wenn auch die verschneite (touristisch erschlossene) Bergwelt gezeigt würde ‑ vielleicht sogar die gleiche Szene um die Kontraste besser herauszustellen.
Nicht immer wird man als kritischer Leser den Einschätzungen des Verfassers zustimmen können und die Bildauswahl als glücklich erachten. So ist Bild 21 (S. 25) mit der Erläuterung versehen, dass durch die Erschließung von Gletscherskigebieten Skibetrieb ganzjährig ermöglicht werde und zwar auch in dafür von der Natur her gar nicht geeigneten Jahreszeiten. Nun wären aber niemals Gletscher entstanden, wenn nicht zumindest in den Nährgebieten eine ganzjährige Schnee-/Firnbedeckung vorhanden (gewesen) wäre. Wenn nun diese Nährgebiete auch im Sommer für Skibetrieb genutzt werden, ist dies deutlich näher an der Natur als technische Beschneiung im Hochwinter. Die Bebilderung dieser zumindest diskutablen Aussage mit einer Aufnahme des Westschweizer Tsanfleuron-Gletschers (Skigebiet Les Diablerets, Glacier 3000) ist nicht ganz passend, weil dort seit bald 20 Jahren kein Sommerskilauf mehr angeboten wird (so auch zum Zeitpunkt der Aufnahme des Bildes).
Weitere Beispiele: Das eindeutig erkennbare Gletscherskigebiet im Tiroler Kaunertal (Hintergrund: Weißseespitze, 3510 m) wird als das nicht weit entfernte Stubaitaler Pendant betitelt (S. 197, Nr. 219) oder eine Aufnahme des herbstlich gut frequentierten, ehemaligen Sommerskigebietes am Ötztaler Tiefenbachferner wird als Hochsommeraufnahme aus dem Juli datiert (S. 4, Nr. 3), wogegen das flache Licht, die Schneelage (frischer Neuschnee, keine großflächigen Schneereste) und der (u.a. mit zahlreichen Reisebussen) sehr gut gefüllte Parkplatz auf 2793 m Höhe (nicht 2740 m) sprechen. Der seit den 1980er Jahren anhaltende Niedergang des Sommerskilaufs (Mayer et al. 2018) spricht ebenfalls gegen diese Datierung.
Ein Schrägluftbild (S. 156, Bild 166) zeigt weiße Depotschnee-Bänder an der Resterhöhe/Pass Thurn. Die Bergbahn AG Kitzbühel schiebt hier seit einigen Jahren die Schneereste nach Saisonende im Frühling zusammen, übersommert den Schnee unter weißen Vliesfolien und schafft somit die Grundlage für einen in dieser Höhenlage (1800 Meter) sehr frühen herbstlichen Saisonstart gegen Ende Oktober – eine Praxis, die sich bei den Gletscherskigebieten bereits vor ca. 20 Jahren etabliert hat. Der Verfasser bezeichnet das sichtbare Ergebnis aber als Folge des Kunstschneeeinsatzes, obwohl eine Produktion desselbigen so früh im Herbst in dieser Höhenlage meistens noch gar nicht möglich wäre, wenn nicht sogar gesetzlich untersagt. Dass im Depotschnee selbstverständlich auch der technisch erzeugte Schnee der Vorsaison enthalten ist, ist klar, aber es handelt sich auf jeden Fall nicht um extra für diesen Zweck produzierten Schnee. Die Ressourcenbilanz des Depotschnees ist gegenüber einer Erzeugung der gleichen Schneemenge durch Schneeerzeuger deutlich positiver.
Die Erschließung der Alpen durch die ersten Zahnradbahnen geschah auch nicht ab 1879 (S. 154), sondern bereits ab 1871 (Rigi-Vitznau-Bahn in der Schweiz).
Auf S. 201 wird postuliert, dass „etwa ab dem Jahr 2005“ Bergbahngebäude besonders markant und futuristisch gestaltet würden. Nur vier Seiten weiter (S. 205, Bild 216) ist jedoch deutlich erkennbar, dass auch frühere Bergstationen (in diesem Fall Luftseilbahnstationen von Anfang der 1970er Jahre) bereits optisch sehr auffallend und massiv waren. Bätzing zu Folge werde diese Hochgebirgsarchitektur zur Symbolisierung der „Präsenz“, Dominanz und technischen Fähigkeiten des Menschen geschaffen (S. 200f., Bilder 211/212). Dies kann man sicherlich so interpretieren, wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Betreiber bewusst versuchen, umsatzsteigernde Attraktionspunkte zu kreieren. Im Hinblick auf eine Substituierung des dominanten Skitourismus durch Steigerung der Frequenzen durch Ausflügler, könnte dies sogar eine sinnvolle Strategie darstellen.
Weniger in Bezug auf die Bilder denn auf manche Textpassagen erweist sich der Hang des Verfassers zur verallgemeinernden Zuspitzung als nicht immer sachgerecht. Die Aussage, dass es in keinem Staat mit Alpenanteil eine verbindliche Raumplanung zur Steuerung der Siedlungsentwicklung und zur Verhinderung von Zersiedlung gäbe (S. 191), kann zumindest für den deutschen Alpenraum klar widersprochen werden. Die Beschallung „vieler Pisten mit Musik“ (S. 196) konnte vom Rezensenten bisher nur sehr punktuell festgestellt werden (akustische Ausstrahlung von Skihütten/Après-Ski Bars), bezieht sich aber nur sehr selten auf die Skipisten selbst (Ausnahme: Rennstrecken). Nicht neben jeder Bergstation entstehen zudem die kritisierten Freizeitparks („überall“, S. 204), quantitative Übersichten dazu fehlen bislang. Diese Freizeitparks gibt es, aber nur punktuell und sie werden als solche im Bildband interessanterweise gar nicht gezeigt (z.B. Area 47 bei Oetz, Möseralm bei Fiss oder Hexenwasser in Söll, alle Tirol). Diese Spielplätze sind nicht einmal ein wirklich neues Phänomen, denn schlichtere Vorläufer bereits aus den 1970/80er Jahren sind dem Rezensenten aus Oberbayern bekannt (Schliersbergalm, Talstation Blombergbahn). Zudem negiert Bätzing in seiner Fundamentalkritik am „riesigen Freizeitpark Alpen“ (S. 205, auch S. 154) den sehr wohl existierenden Gegentrend weg von der „Vollkasko-Mentalität“ der homogenisierten, vollbeschneiten, mit Gummimatten gesicherten Skipisten hin zum Skitourengehen, Schneeschuhwandern oder Mountainbiken, bei denen aller Ausrüstung zum Trotz das Naturerlebnis (neben den Abfahrtsfreuden) eine sehr große Rolle spielt und sich die Ausübenden eben nicht in einer künstlichen Erlebniswelt bewegen.
Diese kleineren Monita können jedoch den gesamthaft sehr positiven Eindruck des eindrücklichen Bildbandes nicht schmälern (und können leicht in einer sicherlich zeitnah erfolgenden Neuauflage angepasst werden), der jeder an den Alpen interessierten Person nur wärmstens empfohlen werden kann.

Marius Mayer

 

Literatur
Bätzing, W. (2005): Bildatlas Alpen. Eine Kulturlandschaft im Portrait. Darmstadt.
– (2015a): Die Alpen. 4. Auflage. München.
– (2015b): Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen. Zürich.
Mayer, M., Demiroglu; O. C. and  Ozcelebi, O. (2018): Microclimatic volatility and elasticity of glacier skiing demand. In: Sustainability 10 (10), 3536. https://doi.org/10.3390/su10103536

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