One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add author Del author
Keyword
Add keyword Del keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
 
Two
You are here: Home Archive 2017 Baumeister, Christian: Unternehmensübergreifende Finanzierung in Wertschöpfungsnetzwerken: Potenziale und Grenzen am Beispiel der Automobilindustrie in Deutschland und in Brasilien

Baumeister, Christian: Unternehmensübergreifende Finanzierung in Wertschöpfungsnetzwerken: Potenziale und Grenzen am Beispiel der Automobilindustrie in Deutschland und in Brasilien

Book review Erdkunde 71(1) 2017, 94-95 by Christoph Scheuplein

Baumeister, Christian: Unternehmensübergreifende Finanzierung in Wertschöpfungsnetzwerken: Potenziale und Grenzen am Beispiel der Automobilindustrie in Deutschland und in Brasilien. 250 S., 20 Abb. Wirtschaftsgeographie 56. LIT Verlag, Münster 2015, € 34,90

Den Zulieferern in der Automobilindustrie gelingt es seit drei Jahrzehnten ihre Arbeitsanteile in der Wertschöpfungskette auszudehnen. Damit müssen jedoch nicht nur komplexere Aufgaben übernommen werden, sondern es muss auch die (Vor-)Finanzierung für Vorräte, Lieferungen und Leistungen gesichert werden. Dies ist ein Hebel, der es dem Original Equipment Manufacturer (OEM) ermöglicht, auch bei einer Verringerung seiner Wertschöpfungstiefe den Ertrag zu maximieren. Letztlich sind die OEMs und die breite Palette an Zulieferern jedoch in vielerlei Hinsicht miteinander verknüpft. In diesen Wertschöpfungsnetzwerken bildet die Finanzierung eine Funktion, die durch unternehmensübergreifende Kooperation neue Impulse erhalten kann. Diesem praktischen, jedoch auch theoretisch reizvollen Thema ist die Dissertation von Christian Baumeister gewidmet. Dabei möchte die Studie sowohl die Faktoren identifizieren, die zu der Herausbildung von Finanzierungsinstrumenten entlang der Wertschöpfungskette beitragen, als auch Unterschiede in den Formen dieser Finanzierungsinstrumente aufdecken (S. 10). Letzterem dient ein vergleichender Ansatz, der die Automobilindustrien in Deutschland und in Brasilien einbezieht. Explizit macht der Autor darauf aufmerksam, dass das Thema der unternehmensübergreifenden Finanzierung bereits seit den frühen 1990ern Jahren in der Diskussion zu industriellen Distrikten und Clustern angesprochen worden ist, jedoch kaum empirisch eingeholt wurde. Auch dies unterstreicht die Aufmerksamkeit, den die vorgelegte Untersuchung erwarten kann.
Nach dem einleitenden Kapitel mit einem fundierten Literaturüberblick und einer Anbindung an die institutionenorientierte Strömung in der Finanzgeographie werden in Kapitel 2 zunächst Wertschöpfungsnetzwerke konzeptionell diskutiert. Hierzu werden Erkenntnisse der Neuen Institutionenökonomik, des Global Value Chain-Ansatzes aus der Supply Chain Managementtheorie kenntnisreich referiert. Danach werden die Finanzierungsbedarfe entlang der Wertschöpfungskette rekonstruiert sowie adäquate Instrumente vorgestellt, mit diese Bedarfe gedeckt werden (könnten). Durch eine Diskussion des einzelwirtschaftlichen Finanzmanagements werden die Potenziale für kollaborative Finanzierungsformen verdeutlicht.
In Kapitel 3 werden zuerst theoretische Ansätze zusammengetragen, durch die der Bedarf bzw. das Funktionieren unternehmensübergreifender Finanzierungsformen verständlich wird. Für deren unterschiedliche Ausprägung wird auf ihre Kontexte verwiesen, wobei auf die Makroökonomie u.a. in Anlehnung an den Varieties-of-Capitalism-Ansatz und den Finance-Growth-Nexus sowie auf die Akteurs- und Netzwerkebene in Anlehnung an die Embeddedness-Theorien eingegangen wird. Im zweiten Teil des Kapitels werden konkrete Ansätze vorgestellt, mit denen sich durch ein kollaboratives Vorgehen die Finanzierungskosten für die Akteure einer Wertschöpfungskette reduzieren lassen.
Im vierten Kapitel wird ausführlicher auf die wirtschaftlichen Strukturen in der Automobilbranche eingegangen und es werden Unterschiede zwischen der deutschen und der brasilianischen Situation benannt. Ebenso werden die Differenzen der nationalen Finanzsysteme aufgezeigt. Im weiteren Verlauf des Kapitels erläutert Christian Baumeister auf übersichtliche Weise die Methodik der Untersuchung, die in einem qualitativen Rahmen besteht, bei dem problemzentrierte Interviews geführt und mit einer qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet werden. Insgesamt wurden 40 Interviews mit Experten der OEMS, der Zulieferer auf verschiedenen Ebenen und der Finanzdienstleister bzw. Netzwerkpartner in beiden Ländern absolviert. Ergänzt wird die Interpretation durch die Erhebung und Auswertung ausgewählter Bilanzkennzahlen für die deutsche Automobilindustrie.
Als erster Punkt bei der Präsentation der empirischen Ergebnisse (Kapitel 5) wird festgehalten, dass einige Instrumente der unternehmensübergreifenden Finanzierung in beiden untersuchten Ländern vorhanden, aber nicht branchenweit eingeführt sind. Dabei konnten mehr Befunde in Brasilien als in Deutschland ermittelt werden (S. 125), was nachfolgend auf die stabilere Finanzierungssituation in Deutschland zurückgeführt wird. Nach einer detaillierten Beschreibung des Umsetzungsgrades einzelner finanzwirtschaftlicher Maßnahmen (Abschnitt 5.1) werden die Einflussfaktoren auf der Makro-Ebene (Finanzsystem, Regulierung), der Netzwerkebene (Struktur der Wertschöpfungskette) und der Unternehmensebene, die die verschiedenen Umsetzungsgrade bedingen, diskutiert. Als eines der zahlreichen interessanten Ergebnisse sei die Beobachtung herausgegriffen, dass die unternehmensübergreifende Finanzierung eher von den tier-1-Zulieferern als von den OEM abgelehnt wird, da erstere als häufig multinationale Konzerne ihre eigenen Finanzierungsstrategien verfolgen und ihre Verhandlungsvorteile gegenüber den kleineren Zulieferern erhalten wollen (S. 191).
Im abschließenden sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst und Handlungsempfehlungen für eine verbesserte unternehmensübergreifende Finanzierung gegeben. Dies bezieht sich zum einen auf die Unternehmen, zum anderen aber auch auf die begleitenden Akteure der (regionalen) Wirtschaftsförderung. Gerade mit dem letzteren Abschnitt gewinnt die Arbeit noch eine struktur- und regionalpolitische Argumentationsebene und kann so die handlungsorientierten Erwartungen an eine wirtschaftsgeographische Dissertation vollauf erfüllen.
Christian Baumeisters Dissertation erschließt in vorbildlicher Weise ein neues und relevantes Thema für die geographische Fachdiskussion. Dabei behandelt er einen komplexen Zusammenhang von Akteuren, in dem er industrie- und finanzgeographische Konzepte auf einem hohen Niveau entwickelt, aufeinander bezieht und zur Interpretation nutzt. Für den Leser sehr angenehm sind die klare Darstellung auch komplexer finanztechnischer Instrumente und die gut strukturierte und immer nachvollziehbare Argumentationsfolge. Die inhaltlich sehr spezifischen Resultate zu den Finanzierungsinstrumenten werden am Ende des Textes wieder in den auch für die breitere Fachöffentlichkeit nachvollziehbaren Theoriehorizont eingeordnet. Sehr wünschenswert wäre es, wenn das von Baumeister erschlossene Feld der wertschöpfungsketten-internen Finanzbeziehungen aufgegriffen würde, z.B. in Bezug auf weitere Branchen und Länder oder in der Cluster-Forschung.

Christoph Scheuplein
Document Actions