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You are here: Home Archive 2016 Hirschhausen, Béatrice von; Grandits, Hannes; Kraft, Claudia; Müller, Dietmar und Serrier, Thomas (Hrsg.): Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken.

Hirschhausen, Béatrice von; Grandits, Hannes; Kraft, Claudia; Müller, Dietmar und Serrier, Thomas (Hrsg.): Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken.

Book review Erdkunde 70(4) 2016, 369-371 by Anna-Barbara Heindl

Hirschhausen, Béatrice von; Grandits, Hannes; Kraft, Claudia; Müller, Dietmar und Serrier, Thomas (Hrsg.): Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken. 224 S. und 5 Abb. Phantomgrenzen im östlichen Europa I. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, € 19,90

Den Autorinnen und Autoren des Buchs „Phantomgrenzen. Räume und Akteure in der Zeit neu denken“ gelingt es, dem Titel auf eindrucksvolle Weise gerecht zu werden und Konzeptualisierung von Raum in der Tat weiterzuentwickeln. Die Bearbeitung eines bestimmten Phänomens, der „Phantomgrenzen“ im östlichen Europa, ermöglicht es den Autorinnen und Autoren hierbei, einen wertvollen Beitrag zur allgemeinen, weiterführenden Konzeptualisierung von Raum zu entwickeln. Dies unterstreicht einmal mehr den Bedarf an empirischer Forschung, welche die Grundlage für dieses Buch als erstes Resultat eines fünfjährigen Forschungsvorhabens bildet.
Das Buch gibt einen ersten Einblick in das Forschungskonzept der „Phantomgrenzen“: Durch die kartographische Visualisierung statistischer Daten wurden von Hirschhausen et al. darauf aufmerksam, dass längst verschwundene territoriale Grenzen noch heute das Verhalten von Menschen zu beeinflussen vermögen: Grenzen, die heute weder als Materialität im Raum sichtbar sind, noch politisch-administrativ existieren, scheinen wie Phantome aus der Vergangenheit in die Gegenwart fortzuwirken. Das Ziel der im Buch gebündelten Forschungsvorhaben ist es deshalb, ausgehend von einer konstruktivistischen Perspektive, diese scheinbare Strukturwirkung zu analysieren und zu erklären. Damit geht eine gründliche Überlegung einher, wie der Essentialisierung räumlicher Phänomene, die sich bei Untersuchungen von Strukturen immer wieder aufdrängt, entgangen werden kann.
Im ersten Teil des Buches wird in gemeinsamer Arbeit der Herausgebenden die theoretische und konzeptionelle Grundlage für die fünf folgenden Forschungsberichte gelegt. Dies ist nötig, da das Projekt der Phantomgrenzen von neuen, theoretisch-konzeptionellen Zugängen geleitet ist, die vor allem für die Humangeographie von großer Bedeutung sind. In interdisziplinärer Zusammenarbeit der Geographie, Geschichts- und Kulturwissenschaft werden dabei zunächst Überlegungen zum regionalen Fokus des östlichen Europas angestellt, indem kulturwissenschaftliche Konzepte wie postcolonial und Area Studies auf ihre Möglichkeiten hin befragt werden, ein anti-essentialistisches Bild des Raumes „östliches Europa“ entwerfen zu können.
Weiterführend werden sozialgeographische, bzw. raumsoziologische Annahmen, insbesondere Henri Lefebvres, weiterentwickelt, um die bisher in der Diskussion eher vernachlässigte Bedeutung der Zeit in theoretische Überlegungen zu Raumkonstruktionen zu integrieren. Dies gelingt dem Forschungsansatz vor allem dadurch, dass zunächst das Handeln von Akteurinnen und Akteuren in den Mittelpunkt gerückt wird. Dadurch können die beobachteten Raumstrukturen, alias Phantomgrenzen, als Produkte menschlichen Handelns interpretiert werden; sie werden damit weniger starr und essentialistisch verstanden. Die eigentliche Leistung des Buches besteht aber in der Idee, das raumwirksame Handeln der Akteurinnen und Akteure – und dies ist sicherlich vor allem der Zusammenarbeit von Geographie und Geschichtswissenschaft in diesem Projekt zu verdanken – nicht mehr nur gegenwarts- oder gar vergangenheitsbezogen zu untersuchen, sondern im Gegenteil, es im Rahmen ihrer zukünftigen Erwartungshorizonte zu bedenken. Diese Leistung im theoretisch-konzeptionellen Bereich muss allein schon deshalb Beachtung finden, weil dadurch die Bedeutung von Räumen im Alltag in den Blick genommen wird – statt nur wie so oft das „wie“ der Raumkonstruktion. Mit diesen Überlegungen gelingt es den Autorinnen und Autoren auf innovative Weise, die Struktur der Phantomgrenzen in der Gegenwart als von den Handelnden hinsichtlich ihrer Zukunftserwartungen „aktualisiert“ zu betrachten, statt sie im Sinne eines deterministischen Strukturalismus als „noch immer“ und unverändert präsent zu verstehen. Die Autorinnen und Autoren verlassen sich deshalb in ihrer empirischen Forschung nicht nur auf die diskursiv-dekonstruktivistische Analyseebene, sondern nehmen auch das Alltagshandeln der Beforschten durch ethnographische Ansätze in den Blick (s. von Hirschhausens Beitrag S. 84).
Dem ersten Kapitel dieser „wissenschaftlichen Positionierung“ (S. 13) folgen die fünf Aufsätze aus den Forschungsprojekten, in denen die genannten theoretischen Neukonzeptionen angewendet werden. Dabei reichen die Beiträge von eng theoriegebundenen Diskussionen über das Potential der postsozialistischen Perspektive zur Erforschung der Phantomgrenzen-Thematik (Claudia Kraft), dem Verhältnis zwischen Phantomgrenzen und dem Konzept der Erinnerungsorte (Thomas Serrier), über den Beitrag von Dietmar Müller, der seinem anschaulichen Beispiel des Wirkens von Phantomgrenzen aus der habsburgischen Zeit eine Neudiskussion des Geschichtsregionen-Konzeptes voranstellt, und den politisch-geographisch anmutenden, sehr verständlich geschriebenen Aufsatz von Hannes Grandits über die Aktualisierung alter Raummuster lange nach deren Auflösung in den heutigen kroatischen und griechischen Gesellschaften, bis hin zum Beitrag von Béatrice von Hirschhausen, der die Operationalisierung der Phantomgrenzen-Fragen am Beispiel von Wasserversorgungsstrategien in Rumänien in den Fokus nimmt. Werden die Beiträge in einer solchen Weise strukturiert betrachtet, so würde sich jedoch eine andere Abfolge der Texte zur besseren Nachvollziehbarkeit der geäußerten Ideen anbieten: Mit Claudia Krafts und Thomas Serriers sehr theoretischen Diskussionen gelänge eine schöne Anknüpfung an die unmittelbar im ersten Kapitel diskutierten Theorien, setzte man sie direkt dahinter. Der Beitrag von Béatrice von Hirschhausen auf Dietmar Müller und Hannes Grandits folgend, erwirkte so eine verständliche Staffelung von Theoriediskussion hin zur empirischen Operationalisierung.
Im Bezug auf den Untersuchungsraum geben die Beiträge, die Theorien und Konzeptionen diskutieren und für die Phantomgrenzen-Thematik fruchtbar machen wollen, für die Forschungspraxis eher Hinweise, wie Probleme im östlichen Europa mittels der Phantomgrenzen-Grundlage konkret empirisch bearbeitet werden (müssen). Sie bleiben dabei, im Gegensatz zu von Hirschhausen, vage, was die Ideen zur Operationalisierung ihrer neuen Konzepte angeht. Dies macht die Beiträge an der einen oder anderen Stelle etwas schwer zu lesen; die Anwendungsbeispiele sorgen jedoch dafür, dass eine zumindest generelle Nachvollziehbarkeit der Gedankengänge angeboten wird. Gerade da im Buch Theorien und Konzepte neu entwickelt werden, interessiert die Leserinnen und Leser sehr, wie sich die Autorinnen und Autoren eine Umsetzung in empirische Forschung vorstellen. Hinsichtlich der Tatsache, dass das vorliegende Buch aber das erste aus einer Reihe sein soll, muss es ja dieser so innovativen theoretischen Basis vermehrt Platz einräumen. Es lässt sich außerdem vermuten, dass noch weitere Bände mit größerem empirischem Fokus folgen werden, insbesondere eingedenk des zu Grunde liegenden Forschungszeitraums bis jüngst 2015. Weiterhin kann diese Kritik insofern als weniger bedeutend erachtet werden, als dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsprojektes über ihre empirische Forschung auf anderen akademischen Plattformen berichten. Explizit verwiesen sei an dieser Stelle auf die Beiträge von von Löwis (2015), Zarycki (2015), Jańczak (2015), Simon (2015), Rammelt (2015), Zamfira (2015) und Baars und Schlottmann (2015), welche allesamt im Kontext des BMBF Verbundprojekts „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“ in einem Themenheft in der Erdkunde 2015 erschienen sind.
Dem Buch ist ob seiner außerordentlichen theoretisch-konzeptionellen Innovationskraft deshalb eine breite Rezeption in allen Sozialwissenschaften zu wünschen. Ob Geschichtswissenschaft, Kulturwissenschaft oder Geographie, dieses Buch legt einen Grundstein für eine neuartige Betrachtung von gesellschaftlichen Zusammenhängen und vermag mit seinem Einbezug von Zeit in räumliche Prozesse eine bedeutende Lücke zu füllen.

Anna-Barbara Heindl

 

Literatur

Baars, R. und Schlottmann, A. (2015): Spatial multidimensionalities in the politics of regions: constituting the ‘Phantom Region’ of Central Germany. In: Erdkunde 69 (2), 175–186. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.07

Jańczak, J. (2015): Phantom borders and electoral behaviour in Poland. Historical legacies, political culture and their influence on contemporary politics. In: Erdkunde 69 (2), 125–137. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.03

Rammelt, H. (2015): Shadows of the past: common effects of communism or different pre-communist legacies? An analysis of discrepancies in social mobilization throughout Romanian regions. In: Erdkunde 69 (2), 151–160. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.05

Šimon, M. (2015): Measuring phantom borders: the case of Czech/Czechoslovakian electoral geography. In: Erdkunde 69 (2), 139–150. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.04

von Löwis, S. (2015): Phantom borders in the political geography of East Central Europe: an introduction. In: Erdkunde 69 (2), 99–106. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.01

Zamfira, A. (2015): Methodological limitations in studying the effect of (inter)ethnicity on voting behaviour, with examples from Bulgaria, Romania, and Slovakia. In: Erdkunde 69 (2), 161–173. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.06

Zarycki, T. (2015): The electoral geography of Poland: between stable spatial structures and their changing interpretations. In: Erdkunde 69(2), 107–124. https://doi.org/10.3112/erdkunde.2015.02.02

 

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