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Book reviews 2015 [3]

Brogiato, Heinz Peter und Schelhaas, Bruno (Hg.): „Die Feder versagt …“. Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg an den Leipziger Geographie-Professor Joseph Partsch. 422 S. und 69 Abb. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2014, € 32,-

Man vergegenwärtige sich die Situation! In einem schlammigen Graben Flanderns liegend, den feindlichen Angriff gerade überstanden oder den eigenen Angriff unmittelbar bevorstehen habend, schreiben deutsche Soldaten der „Blutgeneration“ des Ersten Weltkriegs Briefe mit oftmals landeskundlichem Inhalt, morphologischen Skizzen oder Bemerkungen zu den Witterungs- und Bodenwasserverhältnissen an den „Hochverehrten Herrn Geheimrat“ – gemeint ist Professor Joseph Partsch, seit 1905 Nachfolger Friedrich Ratzels auf dem Leipziger Lehrstuhl für Geographie. Nachzulesen sind solche Passagen in einer faszinierenden Edition von 326 Schriftstücken, die sich als geschlossenes Konvolut „Feldpostbriefe“ im Nachlass von Joseph Partsch im Archiv des Instituts für Länderkunde zu Leipzig befinden und nun, durch Cornelia Broschwitz akribisch transkribiert und von den Herausgebern mit aufwendig recherchierten biographischen Angaben versehen, publiziert wurden. Sie beziehen sich auf 61 Personen. Die meisten stammen von Partschens Schülern, einige von ehemaligen Assistenten sowie, als Ausnahme, einige Briefe von seinem Berliner Freund und Kollegen Albrecht Penck; zu letzteren später mehr. Anlass für viele Briefe ist der Dank an Partsch für von ihm „ins Felde versandte“ eigene Publikationen oder es sind Antworten auf Partschens Kondolenzschreiben im Falle des „Heldentods“ des Sohnes oder Bruders! Das erklärt, warum sich nach Ende des Krieges kaum noch Briefe an Partsch finden. Diese Briefe und ihr Inhalt sind also nur aus den speziellen Verhältnissen des Krieges heraus zu verstehen, als überwiegend sehr junge, aber schon geographisch vorgebildete Studenten unvermittelt aus der Ausbildung herausgerissen in einen entmenschlichten Krieg geworfen wurden, die Studienzeit folglich als eine überaus glückliche Zeit empfunden haben müssen, in den Schützengräben nach Abwechslung, Ablenkung und „geistiger Nahrung“ lechzten und nun in den Briefen gegenüber ihrem Professor ihre Fachkenntnisse beweisen wollten. Da wegen der Zensur genaue Lokalangaben nicht erfolgen durften und der grausame Alltag an der Front auch nur indirekt beschrieben werden konnte, sind diese Briefe – wie Feldpostbriefe insgesamt – vor allem oftmals berührende Dokumente des Soldatenalltags. Im Falle der Briefe der Geographiestudenten kommt allerdings noch das von Ehrfurcht und Formalisierungen geprägte Schüler-Lehrer-Verhältnis hinzu. So entschuldigt sich etwa Lothar Franke, Sohn eines Leipziger Oberlehrers, geboren 1890 und gefallen 1918 bei Soissons, am Ende eines längeren Dankschreibens an den „hochverehrten Herrn Geheimrat“ wie folgt: „Die mangelhafte Ausführung und Form des Briefes wollen Sie gütigst durch die Umstände entschuldigen (2 Unteroffiziere, 2 Gefreite und 18 Mann in einer ‘Stube‘ (S. 63).
Im Kontrast dazu stehen die erwähnten Briefe von Penck an seinen Freund Partsch: hier die angehenden Geographielehrer im Überlebenskampf an der Front, dort der national gesinnte Groß-Ordinarius in der Heimat, der in allerlei disziplinpolitische Kommentare („… mit großer und herzlicher Freude erfüllt mich auch die Berufung von Krebs nach Würzburg“ (S. 365) und persönliche Ausführungen („Wie freudig begrüßte ich den deutschen Boden, nachdem man mich in England freigegeben, wie erwartungsvoll betrat ich ihn“ (S. 363) eingepackt immer wieder auch die politisch-militärische Lage mit großem Optimismus schwadronierend durchdenkt („… oder unternehmen wir im Westen einen Schlag, bevor wir einen zweiten gegen Rußland machen?“ (S. 363), und dessen Weltbild folglich durch den Waffenstillstand 1918 völlig aus den Fugen gerät. Am 12./14.10.1918 schreibt er an Partsch: „Die Aussicht auf ein größeres Deutschland ist mein einziger Trost in dieser schweren Zeit, ja das einzige, was meinen Glauben an die Gerechtigkeit in der Weltgeschichte aufrecht erhält. Denn so bodenlos schlecht sind wir nicht gewesen, dass wir eine so furchtbare Züchtigung verdienten, wie sie unsere Feinde uns auferlegen“ (S. 381). Pencks Briefe als kontrastive Ergänzung zu den eigentlichen Feldpostbriefen aufgenommen zu haben (S. 358ff.), ist eine geschickte didaktische Entscheidung gewesen.
Da sich in den aus der Schützengrabenperspektive geschriebenen Briefe naheliegender Weise keine geopolitischen Parolen und Aussagen zur bildungspolitischen Bedeutung der Geographie finden lassen, ordnet Heinz Peter Brogiato, einer der Herausgeber und zugleich Leiter der Bibliothek und des Archivs in Leipzig, in einem lesenswerten Exkurs „Geographielehrer in der Zeit des Ersten Weltkriegs“ (S. 415ff.) vor allem die Briefe Pencks in den Kontext der Geographie als „nationales Gesinnungsfach“ ein. Habe es dem Fach in Friedenszeiten an Nährboden für seine Relevanz gemangelt, so stellte sich diese in der Krisen- und Katastrophenzeit des Ersten Weltkriegs gleichsam selbst ein. Länderkundliches Wissen, Orientierung im Gelände und Techniken wie Kartenlesen wurden existentiell, und war nicht „der wenig erfreuliche Ausgang des Krieges… der letzte Beweis für den Mangel an geographischen Kenntnissen im deutschen und österreichischen Heer?“ (S. 426). Mit Heinrich Fischer sei man sich im Fach weitgehend einig gewesen, dass Krieg und Geographie nicht nur in „der Natur der Sache die engsten Beziehungen“ hätten, ja galt der Krieg nicht gar „als die gewaltigste Form der praktischen Geographie“ (Geographischer Anzeiger 15, 1914, S. 197). Und konnte man den Krieg nicht auch als eine „ziemlich sonderbare Exkursion“ verstehen, wie der Pariser Geograph Nicolas Ginsburger ein Kapitel in seinem Aufsatz „‘Der Krieg, die schrecklichste Erosion‘. Feldpostbriefe als Quellen für die Geschichte der Geographie“ (S. 399ff.) überschreibt? In diesem Sinn berichtet etwa Penck von einem jungen Geographen, der ihm neulich von der Westfront „mit Entzücken von seinen großen Eisenbahnfahrten quer durch Deutschland hindurch“ (S. 362) geschrieben habe. Ginsburger vergleicht in seinem Aufsatz Feldpostbriefe von deutschen und französischen Geographen und kommt für beide Gruppen zum gleichen Fazit. Er sieht diese Briefe als sehr gute Ergänzungen zur für die Ideengeschichte ungleich wichtigeren Fachliteratur „auf einer sehr subjektiven Ebene“ (S. 411). In Deutschland wie Frankreich ist das Fortbestehen der scientific community, persönlicher und beruflicher Netzwerke, trotz der täglichen Gefahren an der Front zu erkennen. Nicht nur weil einige der Geographen, deren Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg überliefert sind, nach dem Krieg Karriere im Fach gemacht haben, bilden diese Briefe zentrale Dokumente für unser Verständnis der deutschen und französischen Hochschulgeographie im 20. Jahrhundert. Sie leicht zugänglich gemacht zu haben, ist das große Verdienst dieses überaus spannenden und dazu lehrreichen Buches.

Winfried Schenk

 

 

Bätzing, Werner: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. 4., völlig überarb. und erw. Aufl. 484 S., 134 Abb., 14 Tab. und 34 Karten. C H. Beck, München 2015, € 38,-

Seit 1984 sind fünf Auflagen erschienen, drei davon als völlig überarbeitet und erweitert. Die Titelabfolge verrät die Richtung dieser Erweiterungen: Von der ursprünglichen ökologisch-geographischen Untersuchung der Alpen im Spannungsfeld von Naturbearbeitung und Umweltzerstörung, rücken (sie) die Alpen als grosse europäische aber gefährdete Kulturlandschaft ins Zentrum.
Dass ein Buch und ein Autor über mehr als 30 Jahre mit seiner Darstellung der Alpen einen breiten Leserkreis anspricht und praktisch konkurrenzlos dasteht, hat wohl damit zu tun, dass es als Sachbuch mit gut dokumentierten Analysen der Entwicklung des Alpenbogens bis auf Gemeindeebene überzeugt. Darüber hinaus liest es sich als eine grosse Geschichte, die von der Entstehung zur Gefährdung und Zerstörung einer vielfältigen Kulturlandschaft führt, die als Zeuge einer nachhaltigen Naturbearbeitung interpretiert wird.
So wie sich der Klimawandel im Alpenraum sichtbar und früh ankündigt, so prägend drang die Moderne mit der Macht der freien und offenen Märkte in die kleinstrukturierten Wirtschaftsräume der Alpen ein, und reduziert die vielfältige alpine Topographie auf Gunst- und Ungunsträume, auf Zonen der Verstädterung und der alpinen Brache. Das ist das Bild, das uns Werner Bätzing vor Augen führt.
Als Sachbuch folgt der Aufbau der historischen Logik früherer Fassungen. Nach der Abgrenzung des Gegenstandes „Alpen“ folgt die Herausbildung der traditionellen bäuerlichen Kulturlandschaften in der Zeit der Agrargesellschaft. Der grosse Umbruch der alpinen Wirtschaftsformen und Lebensweisen durch das Eindringen der Moderne (Industrialisierung, Tertiarisierung und Globalisierung) wird anschliessend detailliert qualitativ und quantitativ analysiert und an den drei Zielen der nachhaltigen Entwicklung bewertet. Der Ausblick in die möglichen Zukünfte der Alpen, die insgesamt in eine weitere Entfremdung von der Gebirgsnatur führen, wird durch die Beschreibung einer wünschbaren Zukunft für den Alpenraum abgeschlossen.
Zugunsten der Lesbarkeit des Textes für ein breites Publikum wird seine fachliche Abstützung in einen umfangreichen Anmerkungsteil ausgelagert, der auch die Verbindung zum Literaturverzeichnis herstellt. Dessen Umfang zeugt von der einzigartigen Übersicht des Autors über die Alpenliteratur und den öffentlichen medialen Diskurs zum Thema.
Als grosse Erzählung über die Entstehung und Gefährdung einer einzigartigen Kulturlandschaft in Europa folgt das Buch einer zweiten Logik. Sie beginnt mit der Suche und Rekonstruktion einer nachhaltigen Naturbearbeitung in den Alpen und endet mit der Frage nach einer Verbindung modernern Lebens- und Wirtschaftsweisen mit den Prinzipien eines reproduktiven Umgangs mit der Gebirgsnatur. Dabei wird mit kurzen Zwischenfaziten dem Leser der rote Faden dieser Erzählung stets vor Augen gehalten, die zur Bilanzierung und Bewertung des grossen Wandels im Alpenraum mit der Aussage endet: “Die Alpen verschwinden als spezifischer Lebensraum in Europa“. Und dieses Verdikt steht über allen möglichen Zukünften die der Autor ausführt, solange die Logik des grenzenlosen Marktes/Wirtschaftens nicht gebrochen wird.
Das ist der grosse Appell des Autors, dieser Entwicklung etwas entgegen zu halten, das „die Alpen auf eine neue Weise zu einem gleichwertigen, vielfältigen und dezentralen Lebens- und Wirtschaftsraum in Europa werden“ lässt.
Das Besondere dieser geographischen Synthese besteht darin, dass sie den dokumentierten Wissensstand unter die zentrale Frage stellt, was wir aus der Geschichte der Naturbearbeitung des Alpenraumes für dessen nachhaltige Zukunftsgestaltung lernen. Die Kernbotschaften sind seit der ersten Fassung dieselben geblieben, nur werden sie durch die moderne Entwicklung seit Mitte des 19. Jh. immer mehr herausgefordert.
In Übereinstimmung mit der Marx’schen These, dass eine nachhaltige Produktion die Reproduktion der menschlichen Arbeitskraft voraussetzt, steht das Axiom, dass nur eine auf (die) Reproduktion der natürlichen Ressourcen angelegte Naturnutzung nachhaltig sein kann.
Die vielfältigen alpinen Kulturlandschaften waren in ein je spezifisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem eingebettet, das im Zuge der Modernisierung entwertet wurde. Die Vereinnahmung des Alpenraumes durch die heutigen grossräumigen Wirtschafts- und Kommunikationsstrukturen hat die kleinräumige Gliederung überfahren und überformt, so dass die Alpen in aussen bestimmte und abhängige Gunst- und Ungunsträume zerfallen und verinseln. Im „Neuen Bild der Alpen“, das der Autor zeichnet, werden sie immer mehr zu funktionalen Teilen und Ergänzungsräumen der ausseralpinen Metropolen. So verschwinden das Alpenspezifische und die charakteristische Vielfalt an Lebensformen, weil die heutigen global eingebunden Wirtschaftsstrukturen diese längst nicht mehr tragen. Und diese pessimistische Diagnose setzt sich auch in den verschiedenen Zukunfts-Szenarien fort.
Nun gibt es dazu einige kritischen Einwände anzubringen, denn zum negativ konnotierten „Neuen Bild der Alpen“ gibt es auch so etwas wie „Neues Leben in den Alpen“, das zwar behandelt, aber zu wenig zur Gegendarstellung wird. Und dieses neue Leben, stark gefördert durch die temporäre oder permanente (Rück)wanderung gut ausgebildeter Personen und Familien (New Highlanders) kommt gerade aus den urbanen Zentren, aus denen immer schon die kräftigsten Alpenbilder konstruiert und durchgesetzt wurden.
Das zeigt sich auch in einer neuen gesellschaftlichen Wertschätzung der vielfältigen Kulturlandschaften (Biodiversität) und natürlichen Ressourcen und in einer neuen politischen Aufmerksamkeit für die Berggebiete in verschiednen Alpenländern (Schweiz, Frankreich, Italien).
Bätzings pessimistischer Sicht auf die jüngere Entwicklung in den Alpen lässt sich in einem Punkt nicht widersprechen: Wenn es eine Alpenspezifität gibt, dann ist es der spezifische Umgang mit der Gebirgsnatur, die nicht aus dem Flachland übertragen werden kann, und viel lokales Wissen erfordert. Dieses Standbein der Nachhaltigkeit sieht er durch die Entfremdung der modernen Wirtschaftsweise und individualisierten Sozialbeziehungen von einer nachhaltigen Naturbearbeitung gefährdet, so dass die Alpen unter dem Diktat der offenen Märkte und der globalisierten Wirtschaft verschwinden.
Dass sich am Schluss des Buches alles auf die Alpen reduziert und die innere Vielfalt des Alpenraumes kaum mehr in Erscheinung tritt, ist eine gewollte Zuspitzung. Sie liegt in der Anlage und Absicht seiner grossen Erzählung, die uns über die wahrgenommene Vielfalt der Alpen hinweg, auf das grosse neue Bild und Übel verweisen will. Weil es zu jedem negativen immer auch ein positives Beispiel gibt, verlieren wir den Blick aufs Ganze, das in der Summe für Bätzing negativ ausfällt.
Da er seine Analyse ganz der Notwendigkeit einer reproduktiven Wirtschafsweise unterordnet, wird das Ergebnis durch Gegenbeispiele immer auch angreifbar. Das resultierende und erschreckende Bild eines trivialen dualen Alpenraumes von Verstädterung und Verödung kann aber kaum als Basis für seine „wünschbare Zukunft der Alpen“ dienen, denn die von ihm geforderte Versöhnung moderner Lebens- und Wirtschaftsformen mit einer aus der Tradition begründeten Umweltverantwortung muss ja gerade auf den noch vorhandenen Unterschieden und den Besonderheiten der Tradition und der angepassten Moderne gründen.
Es ist seine wünschbare Zukunft der Alpen, die man teilen und für die man sich einsetzen kann oder nicht. Sie muss aber vor allem von der Bevölkerung im Alpenraum getragen werden, die noch nie so zahlreich und so ausgebildet war wie heute. Trauen wir diesen Generationen eine andere Zukunft zu?

Paul Messerli

 

 

Rolfes, Manfred: Kriminalität, Sicherheit und Raum. Humangeographische Perspektiven der Sicherheits- und Kriminalitätsforschung. 211 S. und 41 Abb. Sozialgeographie Kompakt 3. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2015, € 24,90

Fragen von Kriminalität und Sicherheit werden außerhalb der Geographie zunehmend in Bezug auf Räume, räumliche Unterschiede und Grenzen diskutiert und dargestellt. Zu nennen wären Debatten um städtische Gefahrengebiete, Racial Profiling, Parallelgesellschaften, No-Go-Areas, illegale Migration, Reisewarnungen und Schurkenstaaten sowie das v.a. durch neue technische Möglichkeiten entfachte Feuerwerk an Kriminalitätskartierungen in den Medien. Im Fach wird das Themenfeld hierzulande erst seit rund 15 Jahren bearbeitet, im angloamerikanischen Raum schon etwas länger. Mit dem Lehrbuch von Manfred Rolfes, erschienen in der Reihe ‚Sozialgeographie kompakt‘, wird erstmals der Stand der humangeographischen Debatten aufgearbeitet und Bilanz gezogen. Rolfes ist für diese Aufgabe wie kein anderer geeignet. Er gehörte hierzulande zu den ersten, die sich mit dem Themenfeld befasst haben, hat einschlägig zu verschiedenen Aspekten des Themenkomplexes geforscht und dabei sowohl theoretische Beiträge geliefert als auch angewandte Projekte durchgeführt. Er kann mithin aus einem breiten Erfahrungsschatz schöpfen und hat zu dem, was bei ihm als „humangeographische Sicherheits- und Kriminalitätsforschung“ firmiert, einen entsprechend gelungenen, theoriegeleiten Überblick zu Themen, Ansätzen und Diskussionsstand vorgelegt.
Das Buch beginnt mit zwei einleitenden bzw. rahmenden Kapiteln, in denen relevante Begriffe (Sicherheit, Risiko, Gefahr) und wichtige theoretische Ansätze vorgestellt werden. Während Kriminalitätstheorien sehr knapp und auf der Basis von Lehrbüchern dargestellt werden, füllen die „raumkonzeptionellen Überlegungen“ 20 Seiten. Hier werden mit Handlungstheorie, Systemtheorie und Diskurstheorie sowie ihrer jeweiligen Rezeption in der Humangeographie bei Werlen, Klüter und Glasze und Mattissek drei einschlägige Varianten der Theoretisierung des Verhältnisses von Gesellschaft und Raum diskutiert. Diese Auswahl reflektiert die Ankündigung vom Beginn des ersten Kapitels, dass in der Darstellung „dem konstruktivistischen Ansatz der Neuen Kulturgeographie gefolgt“ (S. 15) wird; und dem spezifisch humangeographischen Blick auf das Themenfeld, der danach fragt, was es bedeutet und wie es aussieht, „wenn Räume und räumliche Bezüge als Beschreibungskategorie und Beobachtungsschemata von (Un-)Sicherheit, Kriminalität und Risiko gewählt werden“ (S. 10).
Diese Positionierung bildet die Basis und den Leitfaden für die folgenden vier Kapitel, in denen Methoden, räumliche Präventionspolitiken, urbane Verunsicherungen sowie weitere Themenfelder dargestellt werden. Hier hat der Autor die umfangreiche aber z.T. verstreute Literatur zum Thema systematisch ver- und aufgearbeitet sowie Debatten zu so unterschiedlichen Themen wie Crime Mapping, städtebauliche Kriminalprävention, Gated Communities oder der Versicherheitlichung von Großereignissen und des Tourismus in gut lesbarer Weise dargestellt. Zusammengehalten werden die verschiedenen Themen durch den Fokus auf Kriminalität und (Un-)Sicherheit. Die einzelnen Kapitel und Unterkapitel stellen insbesondere für Studierende gelungene Einstiege dar, von denen aus weiterzulesen wäre. Dabei leisten die umfangreiche Literaturliste sowie der Sach- und der Personenindex im Anhang gute Dienste.
Das Buch endet mit der „These […], dass Verräumlichungen oder raumbezogene Semantiken dazu beitragen, diese Komplexität [einer immer unsicherer und komplexer werdenden Welt] zu reduzieren“ (S. 177f.). Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diese These an den Anfang zu stellen und die mit ihr einhergehenden Annahmen und Terminologien noch konsequenter als strukturierendes Prinzip des Bandes zu nutzen. Das Abfassen von Lehrbüchern und die Darstellung von Forschungsbereichen geht immer mit grundlegenden Entscheidungen einher, u.a. ob pluralistisch und neutral alle – oder alle als relevanten erachteten – Ansätze nebeneinander stehend vorgestellt werden oder ob die eigene, üblicherweise ja wohlbegründete Position explizit gemacht wird und die Auswahl, Gliederung und Darstellung anleitet. Manfred Rolfes hat sich diesbezüglich für eine „Zwischenweg“ entschieden, indem er einerseits verschiedene Theorien zu Kriminalität und dem Verhältnis von Gesellschaft und Raum darstellt und meist auch verschiedene Perspektiven auf die einzelnen Themen zu Wort kommen lässt. Dabei folgt er aber doch stets einem Konstruktivismus in Form einer an Luhmann und seine Rezeption in der Humangeographie orientierten Beobachtungsperspektive, wie sie von Andreas Pott oder Marc Redepenning ausgearbeitet wurde. Eine klarere Positionierung hätte es auch erlaubt einzelnen Themen und problematischen Aussagen besser auf den Grund zu gehen, wie es Rolfes (2003) in Bezug auf Annahmen und Vorurteile Kriminologischer Regionalanalysen getan hat (und zwar im Rahmen einer Kriminologischen Regionalanalyse!).
Mehr Eindeutigkeit wäre auch in Bezug auf die Bezeichnung des dargestellten Feldes möglich gewesen. An verschiedenen Stellen wird „Kritische Kriminalgeographie“ verwendet (wie auch in Glasze et al. 2005), insgesamt aber doch der sperrigen Formulierung „humangeographische Sicherheits- und Kriminalitätsforschung“ der Vorzug gegeben. Dies liegt vermutlich daran, dass mit „Kritischer Kriminalgeographie“ manche der im abschließenden Kapitel angesprochenen Themen wie Migration oder Tourismus schwieriger zu integrieren gewesen wären. Zugleich hätte deren Darstellung aber auch dadurch gewinnen können, konsequenter in Bezug auf Verräumlichungen und raumbezogene Semantiken mit Bezug zu „Kriminalität“ diskutiert zu werden.
Einige kritische Anmerkungen: Auch wenn es wohlfeil ist, sich über Auslassungen in Überblicksdarstellungen zu beschweren, ist es schade, dass aktuelle Themen wie „Predictive Policing“ (vgl. Perry et al. 2013) oder der kriminalpräventive Zugriff auf Kinder und Jugendliche (vgl. Pütz et al. 2010) nicht vorkommen. Auch wird die angloamerikanische geographische Literatur nur am Rande rezipiert. Dass Jane Jacobs zwar zweimal erwähnt, ihr Ansatz aber nicht vorgestellt wird, ist ebenfalls misslich. Schließlich erschließt sich der Status der kurzen Texte in den zahlreichen grau unterlegten Kästen nicht ganz. Mitunter handelt es sich um zusammenfassende Merksätze, mitunter um Hinweise auf zuvor nicht erwähnte Literatur oder Beispiele.
Dessen ungeachtet kann der vorliegende Band als Einstieg ins Thema insbesondere für Studierende nur empfohlen werden.

Bernd Belina

 

Literatur

Glasze, G.; Pütz, R. and Rolfes, M. (Hg.) (2005): Diskurs – Stadt – Kriminalität. Städtische (Un-)Sicherheiten aus der Perspektive von Stadtforschung und Kritischer Kriminalgeographie. Bielefeld.

Perry, W. L.; McInnis, B.; Price, C. C.; Smith, S. C. and Hollywood, J. S. (2013): Predictive policing. The role of crime forecasting in law enforcement operations. Santa Monica.

Pütz, R.; Schreiber, V. und Schwedes, C. (2010): Kriminalpräventive Ortungen: Schulen im Fokus der Kriminalpolitik. In: Berichte zur deutschen Landeskunde 84 (3), 273–290.

Rolfes, M. (2003): Kriminologische Regionalanalyse Osnabrück 2002/03. Ergebnisse der Bürger- und Schülerbefragung. OSG-Materialien 53. Osnabrück.

 

 

Van Dijk, Kees: Pacific Strife. The Great Powers and their Political and Economic Rivalries in Asia and the Western Pacific, 1870-1914. 523 pp. and 36 figs. Global Asia 5. Amsterdam University Press, Amsterdam 2015, € 119,-

The latter half of the nineteenth century opened up new avenues for colonial appropriation of territorial space that were based on advanced technology, engineering feats and innovations as well as growing battles for dominance among rivalling nation states. When Daniel Headrick published his ‘Tools of Empire’ he drew our attention towards inventions that enabled territorial control based on technological dominance (Headrick, D. R. (1981): The tools of empire. Technology and European imperialism in the nineteenth century. Oxford). Kees van Dijk begins his book with a chapter on ‘Steam and Istmus Canals’ emphasising the importance of place and space in the period framed by the construction of the Suez and Panama canals. Networks of global trading routes, passages from global actors to the Pacific and the required coaling stations along these lines are introduced as innovations that made communication easier and contributed to faster travel, communication and decision-making in space and time. The ‘classical’ colonial powers bordering the Atlantic Ocean – Netherlands, Spain, Portugal, France and Great Britain – met with new rivals from Germany, Russia, the United States, and Japan. The dangerous nexus occurs that by augmenting and expanding the territories under their control, decisions were mainly taken in the respective capitals; European rivalries were planned in Europe, but found an arena in the Pacific with a lingering threat of follow-up encounters at home. Upcoming industrial powers such as Germany ‘set in motion a development that culminated in the dividing up of the Western Pacific’ (p. 21). The following 21 chapters address a number of conflict constellations that can only be mentioned in passing: Planters, traders and labour in the South Pacific; Fiji: the start of Anglo-German rivalry in the Pacific; the Samoa conflict; Germany enters the colonial race; the New Guinea Protectorates; Great Britain, Russia and the Central Asia question; Samoa remains a source of international tension; emerging economic world powers; Great Britain, France and Southeast Asia; the French expansion westwards into Southeast Asia; Russia, Japan and the Chinese Empire; Thailand and beyond; the scramble for China; the British reaction: Wei-Hai-Wei; the scramble for China continues: Guangzhouwan and Tibet; the failed annexation of Hawaii; the United States become a colonial empire; the partition of Samoa; the Russo-Japanese War; Great Britain’s search for secure colonial frontiers, the United States, Japan and the Pacific Ocean. From this extensive list it becomes obvious that Kees van Dijk did not restrict himself in his coverage of events to the Western Pacific sensu stricto. His book is a history of four decades prior to the First World War, when imperial dominance reached its climax, when the division, fate and partition of a substantial part of the globe were under the control of the above-mentioned nation states. The argument reaches far beyond the Western Pacific; the author tries to connect threads that are part of diplomatic negotiations and parliamentary debates. A web of rivalling interests is introduced that sometimes led to bilateral, at other times to multi-lateral conflicts, confrontations, negotiations, pressure and war. Attempts to monopolise space by boundary-making and administrative exclusion belong to the imperial arsenal as well as competition in trade and innovations. A number of agreements followed, were amended and broken. Armed conflict and high cost of administration and fortification were the consequences. When August Bebel suggested that Jiaozhou Bay and Qingdao should be sold to Japan in the early twentieth century, he argued based on a principal critic of colonialism as well that the cost of overseas administration in the colonies was too high for the German exchequer (p. 493). Kees van Dijk has quoted from a number of contemporary sources, diplomatic and parliamentary archival material to substantiate his argument and in his attempt to present a comprehensive picture of a time period during which affiliations and borders, domination and exploitation were established in arenas that provided space for external contenders at the cost of local populations. All these events have had long-lasting effects in several regions covered until today. The area specialist for any sub-region might not be offered too many new insights or new sources or might not be satisfied with his narrative, but the conspectus and the presentation of a mosaic of events that have shaped the world map is a significant achievement in itself at a time when particular knowledge is rarely linked to the great picture.

Hermann Kreutzmann




Strauß, Christian: Ziele im Stadtumbau Ost. Zur Beeinflussung gemeindlicher Siedlungspolitik in Sachsen durch überörtliche Institutionen. XI und 320 S., 27 Abb. und 19 Tab. Verlag Dorothea Rohn, Detmold 2014, € 39,-

Ich hatte den Eindruck, als sei es um den Stadtumbau Ost nach den diversen Veröffentlichungen der Anfangsjahre nach 2002 nach dem Beginn des Förderprogramms ruhiger geworden, was seinen Grund auch in mittlerweile angelaufenen Projekten im Stadtumbau West haben könnte. Christian Strauß’ gründliche und tief dringende Dissertation zeigt indes, dass es sich aus Sicht der Raumforschung und Raumplanung nach wie vor – mehr als jemals zuvor? – lohnen könnte, dem Stadtumbau vermehrt fundierte wissenschaftliche Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Liest man das Buch ausnahmsweise konsequent von hinten, findet sich auf den drittletzten Seiten nicht nur die Zusammenfassung der Arbeit in 21 Thesen, sondern auch der Arbeitstitel, unter dem die Doktorarbeit eingereicht wurde: „Programmorientierung der Gemeinden im Stadtumbau aus der Perspektive vertikaler Zielbeziehungen“. Zwar liest sich der Titel „Ziele im Stadtumbau“ fraglos einfacher, dennoch umschreibt der Originaltitel m. E. treffender den Untersuchungsgegenstand. Es geht vorrangig um Zielbeziehungen, Hierarchieelemente und die inhaltliche, qualitative und quantitative Orientierung der Programme zum Stadtumbau, die durch eine empirische Themenanalyse von Stadtumbaukonzepten in 24 Gemeinden Sachsens unterfüttert wird. Zutreffend trennt der Verfasser säuberlich die flächen- und gebäudepolitischen Zielvorstellungen und Strategien und hebt sich damit wohltuend von anderen Studien zum Stadtumbau ab. Planerisches Einfallstor zu dieser Arbeit ist das städtebauliche Entwicklungskonzept nach § 171b Abs. 2 BauGB, das im Jahr 2004 Eingang in das Baugesetzbuch fand. Die Literaturlage zu diesem neuen Instrument ist auch in jüngst erschienenen städtebaurechtlichen Standardkommentaren bemerkenswert dünn und nichtssagend, eben auf „konsensuale Verständigung“ hin getrimmt. Das Dogma des Konsenses erschien mir von Anfang an unglaubwürdig, seit ich mich mit dem Phänomen Stadtumbau beschäftigte. In der Praxis wird für § 171b Abs. 2 BauGB mit Vorlagen, Musterbriefen und Formulierungsvorschlägen gearbeitet, das belegt die Publikation eindrucksvoll. Strauß verweist mit Blick auf das wissenschaftstheoretische Modell des kritischen Rationalismus ferner darauf, dass sich die (stadt-)politischen Erfordernisse ständig ändern, dass zudem Stadtumbau stets in einem Maßnahmenbündel mit anderen planerischen und umwelt- und bevölkerungspolitischen (hierarchischen, hybriden) Zielvorstellungen eingebunden werden muss. Dies macht die Beantwortung der Hauptforschungsfrage „Welchen Einfluss haben überörtliche Vorgaben im sächsischen Stadtumbau auf die Formulierung eindeutiger und vager siedlungspolitischer Ziele in den Gemeinden? gewiss nicht leicht(er), zumal eine Systematisierung der Ziele des Stadtumbaus bislang ausgeblieben ist (S. 7). Die Arbeit füllt diese Lücke mit teils überraschenden und weniger überraschenden Erkenntnissen. Die Vagheit von Zielformulierungen auf teilräumlicher Ebene ist auf die Unschärfe von ex-ante Aussagen zurückzuführen, was für demographische Prognosen zutrifft und die Themenfelder der gemeindlichen Siedlungspolitik unter Schrumpfungsbedingungen generell zutrifft (Teil B; S. 19–151). Dieser Befund ist erstaunlich. Auch nach 13 Jahren Stadtumbau dominieren etwa in den „integrierten“ Stadtentwicklungskonzepten vage Zielformulierungen. Je grundstücks- und gebäudeschärfer, desto größer die Ungenauigkeit, ja Unverbindlichkeit der angestrebten Maßnahmen. Aus der Perspektive der eigentumsrechtlichen Problematik des Stadtumbaus kann dieses Ergebnis nicht überraschen. Richtig interessant und herausfordernd wird der Stadtumbau im Grunde erst, wenn es an die harten Fakten wie Rücknahme von Baurecht, Entschädigung, Eigentum und Marktwertermittlung geht. Die Festlegung von „Siedlungsaufgabegebieten“ durch planerische Zielvorgaben fällt naturgemäß schwer, zumal es lange Zeit an Planungsbeispielen und Handlungsleitlinien für eine solche Gebäudeaufgabe aus Gründen mangelnder Nachfrage – und nicht durch Wohnungsüberproduktion bedingt – fehlte. Auffällig ist, dass der Verfasser Begriffe wie Abriss oder Niederlegung von Gebäuden sorgsam vermeidet. Stattdessen wird von Anpassungsbedarf, Konsolidierung und Umstrukturierung gesprochen. Es dominiert auch hier die Vagheit (These 12). Der Teil C zur Empirie (S. 153–214) ist ähnlich anspruchsvoll und erkenntnisreich. Ein wichtiges Ergebnis ist die beabsichtigte Neuausweisung von Flächen durch Gemeinden selbst unter Schrumpfungsbedingungen (These 13) oder dass der hohe Problemdruck in „Umstrukturierungsgebieten“ (sic!) in Integrierten Stadtentwicklungskonzepten nicht vermehrt zu eindeutigen flächen- und gebäudepolitischen konkreten Maßnahmen führt (These 14). Selbst Aufwertungsvorhaben werden in Gemeinden vage formuliert (These 15). Insbesondere die Abschlussthesen, dass die sächsischen Gemeinden sich vorrangig an den überörtlichen Vorgaben des Stadtumbau-Programms orientieren (These 20) und die Gemeinden sich den bekannten rechtlichen und Anreizinstrumenten bedienen (These 21), aber durchweg eindeutige Zielformulierungen – durch örtliche und überörtliche Planung (BauGB, ROG) vermissen lassen, enttäuschen im Ergebnis. Angesichts des anspruchsvollen Forschungsdesigns der Arbeit mit differenzierter Hypothesenbildung und planungstheoretischer Einbettung (Teil A; S. 3–18) kann folgendes Gesamtfazit gezogen werden: Im Stadtumbau nichts gravierend flächenhaushalts- und bodenpolitisch Neues. Die Programme und integrierten Konzepte zum Stadtumbau Ost sind dominiert durch normative Aussagen und gekennzeichnet durch teils erstaunliche Detailunschärfe und mangelnde Zielgenauigkeit. Tundraisierung und Wiederaufforstung ehemals baulich genutzter, nun obsoleter Grundstücke sowie, damit einhergehend, die Schaffung von Wolfserwartungsland sind augenscheinlich weder Mengen- noch Dichteziele im Stadtumbau. Das Problem wird stattdessen nach wie vor elegant umschifft. Das „Einmotten“ von Flächen, für die sich keine sinnvollen Nach- oder Neunutzungen mehr finden lassen, wird zumindest in Sachsen nicht selten tabuisiert. Dennoch ist die vorliegende Dissertation insbesondere durch die Empirie ein wertvoller Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft. Die Fußnoten sind detailliert. Etliche wichtige und zum Weiterdenken anregende Erkenntnisse finden sich hier, weshalb ein Blick dorthin lohnt. Fazit: Hier liegt ein wichtiger Theorie- und Empirie geleiteter Statusbericht zum Stadtumbau Ost vor, der seine eigentliche Bewährung(sprobe) möglicherweise noch vor sich hat.

Fabian Thiel

 

Literatur

Thiel, F. (2004): Strategisches Flächenmanagement und Eigentumspolitik – Bodenrechtliche Hemmnisse und Herausforderungen für die Etablierung einer lokalen Flächenkreislaufwirtschaft. Bericht des UFZ-Umweltforschungszentrums Leipzig-Halle, Nr. 24/2004, Leipzig.

– (2005): Flächenkreislaufwirtschaft am Beispiel des Stadtumbaus – Gestaltungsmöglichkeiten und eigentumsrechtliche Hemmnisse. In: Flächenmanagement und Bodenordnung. 67 (3), 104–109.




Gailing, Ludger: Kulturlandschaftspolitik. Die gesellschaftliche Konstituierung von Kulturlandschaft durch Institutionen und Governance. 426 S. und 39 Abb. Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung 4. Verlag Dorothea Rohn, Detmold 2014, € 39,-

„Landschaft“ und „Kulturlandschaft“ verloren – aus guten Gründen – im Zuge der szientistischen Wende der Geographie ab den 1970er Jahren ihre zentrale Position als Schlüsselkonzepte dieses Faches. Für viele überraschend ist jedoch seit Anfang der 1990er Jahre eine bis heute andauernde Diskurskonjunktur um diese beiden Termini festzustellen. Sie speist sich vor allem aus zwei Quellen: Zum Ersten wurde im Zuge des spatial turn vor allem in der angloamerikanischen Geographie landscape konstruktivistisch um- und neugedeutet und späterhin auch in Deutschland so rezipiert, und zum Zweiten wurde insbesondere „Kulturlandschaft“ zu einem Schlüsselbegriff in den Diskussionen zum Umgang mit kulturellem Erbe (etwa im Sinne von „cultural heritage“ des Europäischen Raumentwicklungskonzepts EUREK von 1999) in der deutschen und europäischen Raumplanung sowie Regionalentwicklung. Schon 1998 war der Terminus „gewachsene Kulturlandschaft“ ins deutsche Raumordnungsgesetz eingefügt worden.
Die von Ludger Gailing verfasste Arbeit verbindet einen konstruktivistischen Zugang mit raumplanerischen Aspekten von Anwendung und Planungstheorie in intellektuell höchst anspruchsvoller und äußerst anregender Weise. Dem Autor geht es vor allem darum, die Kulturlandschaftsforschung um sozial- und insbesondere politikwissenschaftlich fundierte Perspektiven zu erweitern. Damit bilden nicht die alte „Landschaftsgeographie“ mit ihrer oftmals naiven Hermeneutik oder die „positivistisch-naturwissenschaftliche Landschaftsökologie“ (Blotevogel 1997) den Ausgangspunkt für das Kulturlandschaftsverständnis dieser Arbeit, sondern Forschungsrichtungen der Humangeographie und Soziologie, die die soziale Konstituierung jeglicher Umwelt des Menschen, mithin auch von „Kulturlandschaft“, betonen. Ihnen ist gemeinsam, dass die physische „Realität“ der Kulturlandschaften zwar einen bedeutenden Bezugspunkt darstellt, aber Formen der kulturellen und gesellschaftlichen Praxis eine größere Relevanz zugewiesen wird. Da die Praxis des Machens von Kulturlandschaft in Akteurshandeln, institutionellen Regelungen, symbolischen Bewertungen oder Konstruktionen von Raumbildern zu fassen ist, wird das empirisch mittels qualitativer Methoden wie Dokumentenanalyse, teilnehmende Beobachtungen und Experteninterviews vor allem zur Fallstudie „Spreewald“ eruiert. Auch wenn man in Kapitel 6 sehr viele, geradezu „klassisch“ landeskundlich interessante Details zu diesem Raum erfährt (etwa zur eiszeitlichen Prägung der Region oder zur Produktion von „Spreewaldgurken“), bilden die Befunde dazu nicht die empirische Basis der Ausdifferenzierung von „Kulturlandschaft in sektoralen Mehrebenenkonstellationen“, wie das voranstehende Kapitel 5 überschrieben ist, sondern die supranationalen, nationalen und landespolitischen Bezüge, in welche die Fallregion eingebettet ist. Gerade in diesen Kapiteln wird der eingangs formulierte Ansatz, eines „iterativen Vorgehens und induktiver Anpassung“ – eines „Zwiegesprächs“ (Schlottmann) zwischen Theorie und Empirie – als tatsächlich umgesetzt deutlich. Methodisch ist die Arbeit hoch reflexiv. Aber das Problem, dass Landschaft ein Konstrukt auf der Basis eines realen Substrats ist, wie Békési (2000) treffend schreibt, wird darin zwar für einen Konstruktivisten erfreulich konkret angegangen. Dennoch merkt man, dass diese materielle Welt nicht die das Autors ist.
Da der analytische Schwerpunkt auf Aspekte der kollektiven Konstituierung von Kulturlandschaften und mithin auf die komplexe Querschnittsaufgabe der Kulturlandschaftspolitik gelegt wird, erscheinen dem Autor Forschungsrichtungen geeignet, welche die Dualität von Struktur und Handelns nach Giddens abbilden. In diesem Sinne wählt er neuere Theorieansätze der Institutionenforschung, hier des Neo-Institutionalismus, und der Steuerungstheorie, hier der Governanceforschung, als zueinander komplementäre Analyserahmen aus. In Governance sieht er die „Bedeutung kollektiven Handelns in horizontaler und vertikaler Interaktion bei der von komplexen Interdependenzen geprägten Konstituierung von Kulturlandschaften Rechnung getragen“ (S. 21). Es ist dem Autor zuzustimmen, dass eine solche Kombination von Forschungsrichtungen sowohl theoretisch als auch empirisch bislang nicht verfolgt wurde (S. 21). Sie rückt tatsächlich die häufig unterbelichtete Rolle von Institutionen, Akteuren und Institutionen in den Vordergrund; als Institutionen werden an Normen orientierte Verhaltensmuster bezeichnet, die zu einer Angleichung wechselseitiger Verhaltenserwartungen der Akteure führen.
Der Aufbau der Arbeit ist stimmig aus den theoretisch-konzeptionellen Überlegungen abgeleitet. Im ersten Grundlagenkapitel (Kap. 3) werden Kulturlandschaftsbegriffe diskutiert und systematisiert. Diese Seiten gehören zu dem besten, was ich bisher zum Begriff „Kulturlandschaft“ gelesen habe. Nach einer Analyse seiner Nachbar- und Teilbegriffe werden seine Geschichte, Verwendungskontexte, Kategorien, Unterscheidungen und Spannungsfelder stimmig und überzeugend herausgearbeitet. Etwas missverständlich „Abbildungen“ genannte tabellarische Zusammenschauen sind darin Meisterleistungen didaktischer Reduktion einer kaum mehr durchschaubaren Vielfalt an Verständnissen von „Kulturlandschaft“ – man gehe nur die einschlägigen Titel zur „Definition“ von „Kulturlandschaft“ auf den beinahe 60 Seiten mit Literaturnachweisen durch – auf wenige Typen. Beigefügt sind zudem über zwei Seiten Rechtsquellen. Auch wenn manches Verständnis von „Kulturlandschaft“ unverkennbar weit von Positionen des Autors entfernt ist, verwirft er außer rein positivistischen keines davon, da sie als Analyse- und Argumentationsbasis dienen. Im Resümee (Kap. 7) führt er folglich aus, „dass nicht nach einem ‚richtigen‘ (Kultur-)Landschaftsverständnis gesucht werden sollte, sondern dass die Vielfalt an Verständnissen ein grundlegendes Merkmal von Kulturlandschaftspolitik – und damit von hohem analytischen Wert ist“ (S. 357). Dennoch wünschte man sich mit Blick auf die mit hohem Aufwand betriebene Systematisierung von Begriffsdeutungen eine Aussage, was für den Autor „Kulturlandschaft“ bedeuten könnte. Immerhin teilt er die in den Sozialwissenschaften weitverbreitetet Skepsis gegenüber essentialistischen Raum- und Kulturkonzepten in dem Sinne nicht, „als diese eine wichtige Basis für die Untersuchung der Konstituierung von Kulturlandschaften darstellen“ (S. 92). Dass er das ernst meint, ist den schon erwähnten Kapiteln 5 und 6 nachzulesen.
In Kapitel 4 werden die beiden in den Folgekapiteln (Kap. 5 und 6) relevanten Forschungsperspektiven des Neo-Institutionalismus und der Governance-Forschung vorgestellt. Kapitel 5 analysiert die „Dimensionen sektoraler Mehrebenenkonstellationen“ (S. 26) – ein Wortungetüm, das sich z.B. in „Abb. 7“ (S. 193) als differenzierte Analyse von „informellen Institutionen“ wie „Naturschutz“, „Denkmalpflege“, „Tourismuspolitik“, „Politik zur Entwicklung des ländlichen Raums“ und „Raumplanung und Raumentwicklung“ nach den Kulturlandschaft konstituierenden Dimensionen „Ontologische Setzungen“, „Werte“, „Wahrnehmungs- und Deutungsmuster“, „Handlungsmuster“, „Topoi und Gegenstände“ sowie „Leitbilder und Ziele“ in sehr erhellender und informationsgeladener Weise auflöst. Jeder dieser Termini wird in der Arbeit gründlich eingeführt und begründet sowie konsistent verwendet.
Zusammenfassend zeigt die Studie in überzeugender Weise, dass auch Kulturlandschaftsforschung an konstruktivistische Zugänge anschlussfähig ist. Dabei gefällt die Offenheit des Herangehens auch an ihm ferne Verständnisse von Kulturlandschaft und damit auch Wissenschaft. Er macht sie aber nicht in missionarischer Attitüde des Neuerers „nieder“ oder eliminiert die materielle Substanz von Kulturlandschaft, sondern erkennt deren analytischen Gehalt zur Beantwortung seiner forschungsleitenden Frage, „welche akteurs- und institutionenbezogenen Charakteristika die kollektive, vor allem politische Konstituierung von Kulturlandschaften aufweist“ (S. 23). Er kann sie also nicht umgehen, sonst könnte er diese Frage nicht beantworten, was er in überzeugender Weise weit über den Fall „Spreewald“ hinaus leistet. Das führt zu einer unglaublich breiten Recherche an einschlägiger Literatur und nach überaus gründlichem Lesen zu einer bisher einmaligen Systematisierung und „Übersetzung“ von Verständnissen von „Kulturlandschaft“ als Basis seiner abschließenden Aufforderung, „multiple Perspektiven auf Kulturlandschaften anzuerkennen und das Bewusstsein für die in dieser Arbeit systematisierten analytischen Kategorien in ihren wechselseitigen Strukturierungen zu erhöhen“ (S. 360).

Winfried Schenk
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