One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2013 Book reviews 2013 [1]

Book reviews 2013 [1]

My Giang, Susanne; Grimmel, Andreas und Grimmel, Eckhard: Vietnam. Natur, Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik. 198 S. und 27 Abbildungen. Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2012, € 29,80

Der Untertitel dieses Buches deutet es bereits an. Hier liegt eine innovative Geosystemanalyse über das “Neue Vietnam” vor. Vietnam gilt heute unter der Führung der Kommunistischen Partei (KPV) als weitgehend befriedet. In fünf Hauptkapiteln arbeiten sich die Autoren – eine originelle Kombination aus zwei Politologen und einem emeritierten Geographieprofessor der Universität Hamburg (Eckhard Grimmel) – geo-systematisch durch den Natur- und Kulturraum Vietnams. Die Verfasser beginnen mit einer Naturbeschreibung (Lithosphäre, Atmosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre und Pedosphäre; Kap. 1) und nähern sich sodann der Anthroposphäre. Geschichte (Kap. 2), Gesellschaft (Kap. 3), Wirtschaft (Kap. 4) und Politik (Kap. 5) werden fachkundig mit viel Insiderwissen beleuchtet. Da die Geographie die Aufgabe hat, die Geosphären hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen zu untersuchen, liegt hier eine geographische Länderstudie im besten Sinne vor. Sie schließt eine Lücke, die viele Monographien zur länderkundlichen Entwicklung – geschweige denn zur theorielastigen Entwicklungspolitik – hinterlassen haben. Denn Veröffentlichungen zu länderspezifischen Themen sind oftmals einseitig zu Gunsten einer der „Sub-Geographien“, seien es Wirtschafts-, Sozial-, Bevölkerungs- oder Vegetationsgeographie, hin ausgerichtet. Das vorliegende Büchlein ist somit bei weitem kein Reiseführer etwa im Stile der Analysen Peter Scholl-Latours. Die Hauptkapitel werden in ihren Zusammenhängen dargestellt, so dass sich dem Leser ein umfassendes Bild des modernen Vietnam bietet. Die Publikation ist hoch aktuell, wie der gegenwärtige und sich zukünftig möglicherweise weiter verschärfende Konflikt zwischen Vietnam und China um die Erdölvorkommen der Paracel-Inselgruppe im Südchinesischen Meer belegt. Auch fortwährende Grenzstreitigkeiten zwischen Vietnam und Kambodscha waren und sind in jüngster Zeit immer wieder Anlass für populistische Reden des kambodschanischen Premierministers Hun Sen. Der Einmarsch der vietnamesischen Truppen in Kambodscha wird nach wie vor nicht von allen Khmer als Befreiung angesehen. Noch heute ist von einer „Vietnamisierung“ bzw. Unterjochung Kambodschas nach der Vertreibung der Roten Khmer und Besatzung durch die vietnamesische National Salvation Front am 7. Januar 1979 die Rede. Das Problem der Vietnamisierung versus des Wiederaufbaus Kambodschas wird auch heute noch kontrovers diskutiert (vgl. auch Hughes 2009, S. 175–180). Zu Recht wird der beeindruckende wirtschaftliche Aufstieg der am 2. Juli 1976 wiedervereinigten Sozialistischen Republik Vietnam seit dem Indochina- und Vietnamkrieg skizziert (Kap. 2). Politisch hat Vietnam einiges Gewicht in der Region. So übt es beispielsweise erheblichen Einfluss auf die Regierung Kambodschas aus. Die ökonomische Performanz des heutigen Vietnam, seine vielfältigen Rohstoffquellen, das vergleichsweise gut ausgebaute, (noch) nicht privatisierte Bildungssystem, die junge Bevölkerung sowie die politische Stabilität finden den Beifall der Weltbank (S. 70), deren Mitglied Vietnam ist, und anderer international agierender Geber. Das Land hat sich außen- und wirtschaftspolitisch durch Beitritte zu WTO und ASEAN geöffnet und ist hierdurch zu einem bedeutenden Exporteur von Erdöl, Schuhen, Textilien und Nahrungsmitteln aufgestiegen (Kap. 4). Es fand hingegen keine politische Öffnung im Innern statt. Im sehr breit angelegten Kapitel 5 zeigen My Giang et al., dass die politische Lage deshalb als ambivalent einzuschätzen ist. Es stellt sich überdies die Frage, welche Bedingungen überhaupt herrschen müssen, damit jemand gut regiert. Der „Doi Moi“-Öffnungsprozess seit 1986 brachte eine Reform des Bankensystems mit sich. Danach kam es, parallel zu weiteren Landreformen (Dekollektivierung), zur Errichtung eines zweistufigen Bankensystems, bestehend aus einer Zentralbank und zahlreichen Geschäftsbanken als Universalbanken. Allerdings ist Vietnams Finanzsystem derzeit noch nicht wettbewerbsfähig, was mit an mangelnder Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit liege (S. 166). Gleichzeitig ist das Land von den Auswirkungen der Finanz- und Eigentumskrise der Jahre nach 2008 weniger betroffen als international mehr integrierte Staaten. Die Autoren erwähnen allerdings nicht, dass neben privaten Hypothekenbanken nach 1993 private und staatliche genossenschaftliche Kreditinstitute entstanden. Zu nennen ist überdies der lokal und national agierende „People’s Credit Fund“ zur Bildung von derzeit 888 genossenschaftlichen Finanzverbünden in Anlehnung an das deutsche Volks- und Raiffeisenbankensystem. Einlagenmobilisierung und Kreditvergabe an Handwerker und Selbstständige dominieren das Bankgeschäft jener Genossenschaftsbanken. Der Reformprozess fand seinen Höhepunkt im Landgesetz in 1993. Es gewährleistet unter anderem die Registrierung der Nutzungs- und Leasingrechte. In erster Linie konnte hiermit der Angst der Farmer vor entschädigungslosen oder willkürlichen Enteignungen begegnet werden (Sicherheit-zuerst-Mentalität). Die wirtschaftspolitische Liberalisierung wird seit Doi Moi konsequent weitergeführt. Art. 16 der Verfassung erlaubt den Aufbau einer Marktwirtschaft. Gleichzeitig ist aber die Bildung von privatem Grundstückseigentum gemäß Art. 17 Vietnamesische Verfassung nicht zulässig. Die Kommunistische Partei repräsentiert das Einparteiensystem; gleichwohl bilden sich in jüngster Zeit politische Gruppen, die – unterstützt durch das Internet – eben dieses Parteiensystem kritisieren. Die KPV reagiert hierauf unter anderem mit einer personellen Verjüngung und Integration südvietnamesischer Abgeordneter in das Politbüro, aber auch mit Einschüchterung und Drohungen. Die Einstellung zu „Civic Organizations“ und NGOs scheint hingegen ein grundlegend anderes zu sein als etwa im Nachbarstaat Kambodscha. Gleiches gilt für die Verflechtung zwischen Unternehmern und Politik, denn die KPV muss sich primär durch den von ihr beeinflussten wirtschaftlichen Erfolg legitimieren. Eine solche Herrschaftslegitimität wird den Regierungen von Laos, Kambodscha oder Myanmar durchweg abgesprochen. Politisches Rebellionspotenzial ist augenblicklich kaum vorhanden und kann auch nicht geweckt werden. Gewiss sind auch in Vietnam Patronage, Statusstreben, endemische Korruption oder crony capitalism (Vetternwirtschaft) an der Tagesordnung. Anders verhält es sich augenscheinlich mit land grabbing, illegalem Holzeinschlag, Schmuggel oder Drogenhandel, die es – anders als etwa in Laos und Kambodscha (vgl. Thiel 2010) – in Vietnam nicht bzw. nicht in dem Ausmaße zu geben scheint. Heute hat sich Vietnams politische und wirtschaftliche Rolle in der Region ganz maßgeblich verändert. Es hat sich von einem kriegsversehrten Land zu einem global interessanten Investment-Standort gewandelt. Wirtschaftlich sind neben dem regen Handel an der kambodschanisch-vietnamesischen Grenze vor allem Joint Ventures und Investitionen ausländischer Unternehmen (FDI) von Belang. Der Immobilienmarkt findet zunehmend das Interesse der Investoren, wenngleich dies mit dem Risiko einer Preisblase verbunden ist. Zu Recht verweisen die Verfasser im Kapitel 3 darauf, dass formelle Staatsinstitutionen stets mit kulturellen Einstellungen zusammen hängen und selbstverständlich Art und Reichweite des Regierungshandelns beeinflussen. Zwar verfügt Vietnam über wenige demokratische Institutionen nach westlichem Verständnis. Allerdings ist in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in neuerer Zeit die These umstritten, dass gute Regierungsführung per se zu Wohlfahrtssteigerungen und armutsreduzierendem Wirtschaftswachstum führt: „Anyway, where is the evidence to show that good governance is related to economic performance?“ (vgl. Hughes 2009, S. 164). Resümee: Für die Einschätzung der Leistungsfähigkeit dieses „Tigerstaates auf dem Sprung“ ist eine Gesamtschau aus Naturraum und Kulturraum notwendig. Dem Autorenteam gelingt mit dieser Geosystemanalyse ein fachkundiger Einblick in ein modernes Vietnam, das mit mannigfaltigen, höffigen Rohstoffquellen, einer wirtschaftlich aktiven Bevölkerung und einer Einheitspartei KPV aufwartet, die einem permanenten Zwang zur Erneuerung unterliegt.

Fabian Thiel

 

Literatur

Hughes, C. (2009): Dependent communities. Aid and politics in Cambodia and East Timor. Southeast Asia Program Publications. Cornell University/Ithaca, New York.

Thiel, F. (2010): Donor-driven land reform in Cambodia – Property rights, planning, and land value taxation. In: Erdkunde, 64 (3), 227–239. DOI: 10.3112/erdkunde.2010.03.02




Gehl, Jan: Leben zwischen Häusern. 199 S. und 320 s/w Abb. jovis Verlag, Berlin 2012, € 28,- / sFr 38,-

Das im Jovis Verlag erschienene Werk „Leben zwischen Häusern“ ist die deutsche Übersetzung des Buches „Life between Buildings“ aus dem Jahr 2010. Dieses englischsprachige Buch ist wiederum eine aktualisierte Fassung des Klassikers „Livet mellem Husene“, den Jan Gehl, ein dänischer Architekt und Stadtplaner, bereits im Jahr 1971 in seiner Muttersprache verfasst hat. Allein die Tatsache, dass dieses Buch inzwischen in 20 Sprachen übersetzt wurde, ist ein Hinweis auf die weltweite Bedeutung dieses Werkes.
Auch der deutschsprachige Leser wird beim Studium der Lektüre schnell feststellen, dass es sich um ein leidenschaftliches Plädoyer für den öffentlichen Raum handelt, also den Raum zwischen den Häusern, wie es nicht so ganz peppig ins Deutsche übersetzt wurde. In der englischen Fassung wird die besondere Ausrichtung der Argumentationen auf die öffentlichen Räume durch den Untertitel „Using public space“ noch deutlicher als in der deutschen Überschrift, die leider auf einen Untertitel verzichtet.
Das Buch ist in den frühen 1970er Jahren als eine Reaktion auf den funktionalistischen Städtebau in der Nachkriegszeit entstanden. Die Grundsätze dieser Planungsepoche werden in dem Buch heftig kritisiert und in Frage gestellt. Die Trennung der einzelnen Nutzungen und die Bedeutung der Straße für das Auto werden als die beiden wesentlichen Ursachen für die fehlende Lebendigkeit vieler Städte gesehen. Das Buch will jetzt auch deutschsprachige Stadtplaner und Architekten anregen und überzeugen, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Planung zu stellen und seine Bedürfnisse bei der Gestaltung der Städte stärker zu berücksichtigen. Einen besonderen Stellenwert nehmen dabei die Fußgänger ein. Die wesentliche Botschaft des Buches ist es, die Gestaltung öffentlicher Räume zur zentralen Aufgabe der Stadtplanung zu machen, um dadurch lebendige und lebenswerte Städte zu erhalten.
Das Buch behandelt das Thema der öffentlichen Räume in vier etwa gleichgewichtigen Abschnitten. Im ersten Abschnitt werden die verschiedenen Aktivitäten im Freien beschrieben und typisiert, im zweiten Abschnitt geht es um die Wechselwirkungen zwischen der physischen Umgebung und den sozialen Aktivitäten im öffentlichen Raum, im dritten Abschnitt werden einige Faktoren identifiziert, die die Nutzung öffentlicher Räume beeinflussen, und im vierten Abschnitt werden schließlich Bedingungen formuliert, um sich besser in öffentlichen Räumen bewegen und aufhalten zu können. Dieser letzte Teil behandelt Aspekte einer Detailplanung für Straßen und Plätze, die an konkreten menschlichen Bedürfnissen wie etwa das Gehen, das Stehen oder das Sitzen im öffentlichen Raum anknüpfen.
Das Buch ist insgesamt weniger eine gründliche wissenschaftliche Analyse als vielmehr eine Aufforderung an die Planerzunft, bestimmte Regeln bei der Gestaltung der Städte zu berücksichtigen. Es ist somit eher eine konkrete Handlungsanleitung für Planer als eine methodisch fundierte Grundlagenuntersuchung. Das Buch ist reichhaltig mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen bebildert, die bereits in den 1960er Jahren in allen Teilen der Welt aufgenommen wurden. Ergänzt werden die Bilder durch kleine Schemazeichnungen, die die Botschaften zu den Prinzipien der Gestaltung öffentlicher Räume sehr eindrücklich auf den Punkt bringen. Die zahlreichen alten Bilder stützen den Eindruck, dass es sich um die Neuauflage eines schon älteren Werkes handelt.
Manche aktuellen Aspekte wie beispielsweise der Umgang mit den mobilen Medien in der Öffentlichkeit oder die zunehmende Eventisierung auf städtischen Straßen und Plätzen werden in diesem Klassiker nicht berücksichtigt. Und doch ist es durchaus anregend, sich an den engagierten Einsatz einer kritischen Stadtgestaltung zu erinnern, die inzwischen über 40 Jahre auf dem Buckel hat und mancherorts nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat.

Claus-C. Wiegandt




Ropohl, Günter: Allgemeine Systemtheorie: Einführung in transdisziplinäres Denken. 246 S., 32 Abb. und 9 Tab. Edition sigma, Berlin 2012, € 19,90

Ropohl, dessen Systemtheorie der Technik bereits in der 3. Auflage erschienen ist, legt nun eine verständliche, als Lehrbuch gestaltete Einführung in die Allgemeine Systemtheorie vor. Sowohl der Untertitel als auch die Gliederung weisen eine auch für Geowissenschaftler interessante Spannweite auf; soziologische (Kap. 4) und ökologische Systemmodelle (Kap. 5) werden auf 33 bzw. 13 Seiten gesondert behandelt.
Die Einführung geht neben einem historischen Abriss und einer Würdigung der Quellen der Systemtheorie (Wiener, Küpfmüller, Bertalanffy) auf eine Vielzahl von Systemansätzen (Maturana und Varela, Prigogine, Gleick, Haken, Forrester, Luhmann) ein, die kritisch analysiert werden. Vor diesem Hintergrund werden die Grundzüge der Allgemeinen Systemtheorie erläutert. Neben Modell und Modellumgebung stehen dabei Funktion, Struktur und Hierarchie im Mittelpunkt. Ihre mathematisch formalisierten Charakteristika unterstützen den Leser auch ohne diesbezügliche Vorkenntnisse. Die allgemeinen Definitionen und Grundgesetze charakterisieren die Allgemeine Systemtheorie als eine „Präzisierung der Dialektik“ (S. 216).
Als Übergang zu speziellen Systemansätzen werden neben ihrer Klassifikation auch die Graphen-, Automaten-, Regelungs-, Informations-, Spiel- und morphologische Typentheorie berührt, wobei hier auf die rückgekoppelten Systeme (S. 103ff.) besonders hingewiesen sei; die Unterschiede von positiver und negativer Rückkopplung werden erläutert. Die speziellen Systemansätze soziologischer (S. 133ff.) und ökologischer Systemmodelle (S. 167ff.) liefern bemerkens- und überdenkenswerte Anmerkungen für eine – auch geowissenschaftlich orientierte – systemtheoretische Betrachtungsweise, zumal „[…] die Wurzeln des Systemdenkens vielfältig sind, doch zwanglos in der Allgemeinen Systemtheorie gebündelt werden können,“ (S. 168).
Nachdem sich Ropohl ausführlich mit der „Systemrhetorik“ Luhmanns auseinandergesetzt hat, in der er die funktionalen, strukturalen und hierarchischen Ansätze der Allgemeinen Systemtheorie vermisst, skizziert er ein diesen Aspekten gerecht werdendes Systemmodell der Gesellschaft. Er lässt sich dabei von dem Grundgedanken leiten, dass Gesellschaft nicht ausschließlich als soziales System, sondern als soziotechnisches System zu begreifen sei; Technik ist integraler Bestandteil der Gesellschaft (S. 146). Im hier vorweg genommenen Kapitel 6.4, das sich mit transdisziplinärer Anthropologie beschäftigt, stellt der Autor einen größeren, aus geowissenschaftlicher Sicht wohltuend relativierenden Zusammenhang her. Er positioniert das bio-psycho-soziale System des Menschen (S. 207) in die Wechselwirkung von sowohl natürlichem System als auch sozialem System, die von technischen Sachsystemen beeinflusst wird und darauf aufbauende soziotechnische Handlungssysteme ermöglicht. Obwohl Ropohl keine systematische Theorie der Gesellschaft darstellen will, liefern die detaillierten Gedankengänge viele Korrektiva disziplinärer Ansichten, deren inter- und transdisziplinäre Konsequenzen zu überdenken sind.
Wie auch die soziologischen können die ökologischen Systemmodelle (Pflanze, Tier, Population, Zönose) dadurch gekennzeichnet werden, dass die Abgrenzung des Systems von seiner Umgebung vom jeweiligen Untersuchungszweck abhängt. Eine nicht selten anzutreffende Identifizierung des Modells realer Ganzheiten mit der realen Wirklichkeit führt zu konträren Vorstellungen, die sich häufig in einer unscharfen Terminologie widerspiegelt. Auch wenn die Ökologie als transdisziplinäres Erkenntnisprogramm gewürdigt wird (S. 219), erfordern disziplinäre Spezifika – aus der Sicht des Rezensenten in den Geowissenschaften beispielsweise das Verhältnis co-evolvierender und co-respondierender Systeme – stets neu zu erbringende Syntheseleistungen, um einen mit anderen Wissenschaftsdisziplinen nicht nur kompatiblen, sondern einen insgesamt transdisziplinären Wissenszuwachs zu ermöglichen.
Um die transdisziplinäre Potenz der Systemtheorie nutzen zu können, empfiehlt Ropohl zusammenfassend (S. 217) „[…] für die Herstellung von Wissenschaftssynthesen eine Systemtheorie, die ohne die ontologischen Ganzheitsmythen früherer Systemdenker auskommt und sich als konsequente Modelltheorie versteht“, wobei „[…] transdisziplinäre Wissenssynthesen einem Paradigma […] verpflichtet sind, das sich von fachdisziplinären Paradigmen radikal unterscheidet.“ Die Möglichkeiten dieses Paradigmenwechsels erschließen sich nicht in einer Diskussion des erkenntnistheoretischen Rahmens, sondern erfordern eine modellorientierte Analyse und Synthese disziplinärer Sachthemen. Dabei will der Rezensent mit Schmetterer (1978) daran erinnern: „Die allgemeine Systemtheorie ist eben nicht nur eine Wissenschaft, sie ist auch eine Kunst“, wobei die „[...] Kunst der Modellkonstruktion [...] im Erkennen der ‚wesentlichen‘ Faktoren [...]“ kulminiert.
Das Buch schließt mit einem aussagefähigen Literaturverzeichnis (9 Seiten), einem systemtheoretisch präzisierenden Glossar (5 Seiten), einem Bilder- und Tabellenverzeichnis sowie einem Personen- und Sachregister.
Auch wenn der Fach(!)- Wissenschaftler nicht jedem der vereinfachenden Generalisierung geschuldeten Details kritiklos zustimmen wird, ist es als ein informatives und didaktisch hervorragend gestaltetes Buch dem Studium der forschenden, lehrenden und lernenden Geographen uneingeschränkt zu empfehlen, um die Allgemeine Systemtheorie nicht nur verstehen, sondern ihre Potenzen für ein transdisziplinäres Denken auch nutzen zu können.

Klaus D. Aurada




Deffner, Veronika: Habitus der Scham – die soziale Grammatik ungleicher Raumproduktion. Eine sozialgeographische Untersuchung der Alltagswelt Favela in Salvador da Bahia (Brasilien). 221 S., 18 Abb., 12 Tab. und 27 Bildern. Passauer Schriften zur Geographie 26. Selbstverlag Fach Geographie der Universität, Passau 2010, € 28,50

Die 2010 erschienene Dissertation von Veronika Deffner beschäftigt sich mit der Alltagswelt Favela an ausgewählten Beispielen der nordostbrasilianischen Regionalmetropole Salvador da Bahia. Ausgehend vom Phänomen sozialer Ungleichheiten in brasilianischen Metropolen widmet sich Veronika Deffner der Betrachtung der sozialen Konstruktion ungleicher Raumstrukturen in Salvador da Bahia. Die Grenzziehungen und Konflikte zwischen ‚arm und reich‘ bzw. ‚Unterklasse‘ und ‚Oberklasse‘ und deren räumliche Zuordnung in Favela und Nicht-Favela stehen dabei im Mittelpunkt der Analyse. Die Untersuchung konzentriert sich dementsprechend auf zwei innerstädtische Favelas und deren wohlhabendes Umfeld. Der alltagsweltliche empirische Zugang Deffners fokussiert soziale Grenzgänger und deren alltägliche Praktiken, die zwischen diesen zwei Lebenswelten pendeln. Zentraler Punkt ist die Thematik der Eigen- und Fremdwahrnehmung dieser Pendler_innen, deren Ausführungen in Zitaten über die Lebenswelt Favela viel Raum gegeben wird. Theoretisch verknüpft ist dieser Zugang mit den Ideen Lefebvres (hier vor allem Kritik des Alltagsleben und die Produktion von Raum) sowie dem Habitus-Konzept bzw. der Theorie der Praxis Bourdieus. Zahlreiche weitere Bezugspunkte aus dem Bereich der Ungleichheitsforschung, Anerkennungstheorien und philosophisch-psychologischer Ansätze ergänzen diese „klassischen“ Konzepte und liefern die Grundlage für Deffners Konzeption einer „Geographie sozialer Ungleichheit“, welche gezielt den Raum als (re-)produzierende Ungleichheitsdimension und im Falle der Alltagswelt Favela als schamzentrierte Raumproduktion herausarbeitet.
Disziplinär positioniert sich Deffner in einer Kombination aus den Bereichen Geographischer Entwicklungsforschung, Politischer Geographie, Kritischer Stadtforschung und handlungszentrierter Sozialgeographie. Dies wird besonders in der empirisch-qualitativen Herangehensweise (Grounded Theory, narrative Interviews, teilnehmende Beobachtung etc.), aber auch im Rückgriff auf die zentralen Theorien Bourdieus und Lefebvres deutlich. Deren Thesen und Ansätze werden für den Kontext der Arbeit passend und fundiert aufgegriffen. Die Ableitung eines für die Arbeit zentralen konstruktivistischen Klassenbegriffs erfolgt in Bezug auf Bourdieu als sozial hergestellte Entität. In Folge dessen teilt Veronika Deffner die urbane Gesellschaft Salvador da Bahias in eine ‚Unterklasse‘ einerseits und andererseits in eine zusammengefasste ‚Mittel- und Oberklasse‘ ein, die sie automatisch auch einer Innen- bzw. einer Außensicht von Favela zuordnet. Die damit verbundene vorab stattfindende Setzung einer Differenz entlang von Klassen- bzw. Stadtviertelgrenzen ist jedoch unseres Erachtens konzeptionell nicht ausreichend begründet und könnte die Gefahr einer Fehlinterpretation bergen – ein Zweifel unsererseits, der sich auch im weiteren Verlauf der Arbeit nicht wirklich ausräumen lässt.
Bei der Einordnung der Arbeit in den sozialwissenschaftlichen Kontext u.a. der Ungleichheitsforschung verweist Deffner auf ein Defizit kritischer Ansätze in Brasilien. Hier wirkt Ihre Argumentation jedoch nicht wirklich schlüssig, da wichtige kritische Stadtforscher_innen/kritische Stadtgeograph_innen (wie Marcelo José Lopes de Souza, Carlos Walter, Raquel Rolnik und viele andere) im Rahmen der Arbeit nicht oder nur randlich beachtet werden. Die gerade an brasilianischen Universitäten diskutierten Ansätze Kritischer (Stadt-)Forschung (von libertären, marxistischen, poststrukturellen, aktivistischen bis hin zu anarchistischen Ansätzen) könnten jedoch durchaus fruchtbare Anknüpfungspunkte für die Arbeit Deffners bieten.
Neben den ausführlichen theoretischen Darlegungen findet in Kapitel 4 und 5 eine Kontextualisierung der regionalen Fallstudie über einen Einblick in die Geschichte Brasiliens und in die Entwicklung der Stadt Salvador statt. Hier stellt Veronika Deffner vor allem den Zusammenhang zwischen Macht und Ungleichheit im Kontext der Urbanisierung Brasiliens deutlich heraus, indem sie die (gesellschaftliche) Bedeutung des kolonialen Erbes, aber auch postkoloniale Kontinuitäten gezielt herausarbeitet. Gerade auch in diesem Kontext wirkt es jedoch etwas befremdlich, dass ausgerechnet bei diesem Thema fast ausschließlich deutschsprachige/europäische Autor_innen zur brasilianischen „Geschichtsschreibung“ herangezogen werden.
Die Analyse der empirischen Daten in den Kapiteln 6 und 7 bildet den Kern der Arbeit und besteht im Wesentlichen aus der Interpretation der codierten Interviews, die Veronika Deffner mit umfangreichen Zitaten untermauert. Hieraus leitet sie einen defensiven Habitus ab, der als Ergebnis von subtilen Unterdrückungsmechanismen gesehen werden kann und der von den Favela-Bewohner_innen unbewusst als Strategie gewählt wird, um Beschämungserfahrungen zu entgehen. Mit dieser internalisierten und naturalisierten sozialen Exklusionslogik können – so die Argumentationslinie – gerade die herrschenden Klassen soziale Ungleichheiten aufrechterhalten, ohne direkt Macht auszuüben. Durch die Verknüpfung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen – insbesondere in ihren Ausführungen zu segmentierten Arbeitsmärkten, zum diskriminierenden Schulwesen oder zum Rassismus in Brasilien – mit den persönlichen Erfahrungswelten der Favela-Bewohner_innen und der Gegenüberstellung von Statements von Vertreter_innen der Mittel- und Oberschicht stellt Veronika Deffner damit sehr treffend die tiefe Verwurzelung sozialer Ungleichheiten in der brasilianischen Gesellschaft dar. Gleichzeitig aber sehen wir jedoch die Gefahr durch die Interpretation der Aussagen der Favela-Bewohner_innen als unbewusste Strategie des Selbstschutzes zumindest teilweise zu einer Entmündigung der Subalterne beizutragen – ein Prozess den die Autorin ja gerade mit ihrer Arbeit aushebeln wollte. Auch die Feststellung, dass sich durch sozialen Neid und horizontale Diskriminierung keine sozialen Bewegungen und kollektive Solidarität in Favelas bilden könnten, kann unserer Meinung nicht mit aktuell beobachtbare Prozessen, mit bestehenden sozialen Bewegungen und existierenden Widerstandsstrukturen gerade in Favelas in Einklang gebracht werden. Hier stellt sich die Frage, in wie weit diese durch Veronika Deffners Argumentation negiert oder für unmündig erklärt werden.
Das Resümee zum Kapitel 7 fasst diese Beobachtungen nochmals zusammen: Die Beschämung bildet ein Instrument der Herrschaftssicherung. Soziale Scham sichert darüber hinaus die normative und soziale Kohäsion von Subalternen wie von Herrschenden. Diese in philosophisch-psychologische Fachdisziplinen vordringenden Ausführungen bringen nochmals eine völlig neue Dimension in die Interpretation der Alltagswelt Favela, die durchaus als bereichernd zu betrachten ist, thematisiert sie doch die Wirkmächtigkeit gesellschaftlich-dominanter Normen, die bis in die persönliche Sphäre des Selbstwertgefühls vordringt und in der brasilianischen Leistungsgesellschaft die Wahrnehmung von (scheinbar) selbstverschuldeten Defiziten in ein Unterlegenheits- und Minderwertigkeitsgefühl übersetzt, was wiederum die Hinterfragung herrschender Machtverhältnisse gar nicht erst aufkommen lässt.
Im Schlusskapitel verknüpft Veronika Deffner die Einzelergebnisse und betont nochmals, dass objektive Ungleichheitsstrukturen und ungleiche Verwirklichungsmöglichkeiten über den Weg der Verinnerlichung und Naturalisierung zu Dispositionen der Favela-Bewohner_innen führen, die auf individueller Ebene in Praktiken der Subordination und Herrschaftssicherung münden und damit einen Habitus der Scham hervorbringen, der seinerseits die ungleichen Machtstrukturen reproduziert und perpetuiert. Dies sind sicherlich richtige und interessante Überlegungen, jedoch erscheinen sie teilweise recht einseitig, da dadurch Widerstände, Selbstermächtigung, Stolz etc. nicht erkannt bzw. benannt und erklärt werden können.
Veronika Deffner wagt sich mit ihrer Doktorarbeit an eine Thematik heran, die zweifellos anspruchsvoll und neuartig ist, denn Alltagswelt und innere Logik von Favelas in brasilianischen Metropolen gehören zu den empirisch von „außen“ nur schwer zugänglichen Forschungsgegenständen. Umso verdienstvoller ist es, die Annäherung an diese Problemstellung sehr sensibel anzugehen und die Favela-Bewohner_innen selbst sprechen zu lassen. Gleichzeitig erscheinen auch die Wahl der theoretischen Ansätze und ihre Verknüpfung als durchaus geeignet, die wissenschaftliche Be- und Verhandlung von Favelas neu zu überdenken. Gerade der konzeptionellen Fundierung der Arbeit ist es jedoch auch zuzuschreiben, dass sich unseres Erachtens Veronika Deffner nicht immer der Gefahr der Reproduktion von Stigmata gegenüber Favelas und ihren Bewohner_innen entziehen konnte. Die Alltagswelt Favela wird nahezu ausschließlich mit negativen Begriffen konnotiert. Selbst positive Äußerungen von Favela-Bewohner_innen zu ihrer Lebenswelt werden als verinnerlichte und unterbewusste Strategien von Frustrationsabbau, Schicksalsergebenheit, Selbstwertschätzung, horizontaler Diskriminierung und Gegenignoranz gewertet und damit ins Negative gewendet. Die Interpretationen der Aussagen, die nur partiell auf sozioökonomische und machtpolitische Differenzierungen innerhalb der Favela-Gesellschaft eingehen, mögen dem methodischen Vorgehen geschuldet sein, das Einzelzitate sehr unterschiedlicher Personen und – vermutlich – Lebenszusammenhänge zu gleichen Argumentationssträngen aneinanderreiht und damit kaum ein Herausarbeiten einer stark in sich differenzierten Lebenswelt Favela zulässt.
Veronika Deffners Arbeit zur sozialen Grammatik ungleicher Raumproduktion in Salvador da Bahia stellt damit eine anregende, aber teilweise auch widersprüchliche Lektüre dar. Denn einerseits ermöglicht sie erkenntnisreiche Einblicke in die Lebenswelten von Favelas und die subtilen Herrschaftsmechanismen. Andererseits werden erst durch ihre Ableitung einer schamzentrierten Raumproduktion der Alltagswelt Favela, Favelas als Orte der Scham produziert, die so kontraproduktiv zum eigentlichen Anliegen von Veronika Deffner wirken, gerade solche Zuschreibungen zu hinterfragen.

Martina Neuburger und Katharina Schmidt



 

Haffke, Jürgen; Kleefeld, Klaus-Dieter und Schenk, Winfried (Hg.): Historische Geographie. Konzepte und Fragestellungen. Gestern – Heute – Morgen. Festschrift für Klaus Fehn zum 75. Geburtstag. 306 S., zahlr. Abb. und Tab. Colloquium Geographicum 33. E. Ferger Verlag, Bergisch Gladbach 2011, € 26,-

Dieser Band ist eine Würdigung für Klaus Fehn zum 75. Geburtstag. Aber darüber hinaus ist er eine Standortbestimmung der Historischen Geographie in Mitteleuropa. Klaus Fehn nimmt eine Sonderstellung unter den deutschen Geographen ein, weil er in Bonn von 1972–2001 der Inhaber des einzigen Lehrstuhls für Historische Geographie in Deutschland war und zugleich Direktor eines selbstständigen Instituts, also unabhängig von einem Geographischen Institut. Wie die klugen Jungfrauen im Evangelium hat er diese Stellung benutzt, um die Historische Geographie in Deutschland zu einem starken Forschungszweig auszubauen. Jeder, der in den Bannkreis seines Bonner Instituts kam, wie die Rezensentin, die dort als Humboldt-Stipendiatin von 1978–1980 Gast war, weiß, was alles dazu gehörte: gemeinsam mit seinen Assistenten Busso von der Dollen, Rainer Graafen und Andreas Dix der Aufbau einer Fachbibliothek, die Herausgabe der Zeitschrift ‚Siedlungsforschung‘ (seit 1983), Betreuung von Gastdozenten, studentische Ausbildung besonders von Doktoranden, die sich auch politischen Themen widmeten wie z.B. der Veränderung der Kulturlandschaft unter dem nationalsozialistischen Staat oder der Veränderung der Kulturlandschaft im östlichen Deutschland nach dem Fall des Kommunismus. Vor allen Dingen galt Klaus Fehns nicht geringes Organisationstalent dem ‚Arbeitskreis für Genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa‘, der 1974 gegründet wurde und 2005 unter Winfried Schenk zum ‚Arbeitskreis für Historische Kulturlandschaftsforschung in Mitteleuropa‘ (ARKUM) umbenannt worden ist.
Lange bevor Polen in die EU eintrat organisierte Klaus Fehn ein Treffen seines Arbeitskreises in Poznań (Posen) wohlwissend von den Schwierigkeiten einer ersten Begegnung zwischen Kollegen dieser beiden Länder. Faszinierend war auch, wie Klaus Fehn die Historische Geographie aus dem ‘Ivory Tower’ herausholte, indem er die angewandte Historische Geographie aktiv unterstützte mit einem eigenen Arbeitskreis und wie er instinktiv begriff, dass die Zukunft der Kulturlandschaftsforschung nur auf interdisziplinärer Zusammenarbeit beruhen kann.
Die Konzeption dieses Bandes verfolgt das Ziel, Entwicklungen und vor allem auch aktuelle Forschungsfelder zusammenfassend vorzustellen, die an einigen deutschen Universitäten und in einigen Nachbarländern mit historisch-geographischen Forschungen vertreten sind. Diese Institute standen über Jahrzehnte in enger Verbindung zum Historisch-Geographischen Seminar in Bonn und repräsentieren mit ihren namhaften Vertretern einen wesentlichen Teil historisch-geographischer Forschung in Mitteleuropa. Zu diesen gehören Winfried Schenk (Fehns Nachfolger in Bonn), Andreas Dix (Bamberg) und Rainer Graafen (Koblenz), die beide bei Klaus Fehn Assistenten waren und sich unter seiner Betreuung habilitierten und Jürgen Haffke und Klaus-Dieter Kleefeld, die beide bei Klaus Fehn promovierten. Peter Burggraaff hat viele Jahre in von Fehn geleiteten Projekten mitgearbeitet. Mit den beiden Kollegen Hans Renes (Holland) und Rudolf Egli (Schweiz) hat Klaus Fehn über vierzig Jahre vor allem im Rahmen des ‚Arbeitskreises für genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa‘ engsten Kontakt. Alle diese genannten Wissenschaftler sind mit eigenen „Standortbestimmungen“ in dem vorliegenden Band vertreten. Klaus Fehn kennzeichnet die einzelnen Strukturen und Positionen zusätzlich in einem abschließenden zusammenfassenden Überblick.
Einleitend steht ein grundlegender Rückblick von Dietrich Denecke über ‚Historisch-genetische Siedlungsforschungen im Rahmen einer Historischen Geographie der Kulturlandschaft. Die vielseitige Epoche von 1960–2000.’ Dieser Aufsatz, der sich auf ein 18 Seiten langes Literaturverzeichnis bezieht, bestätigt, dass in Deutschland in der historisch-geographischen Kulturlandschaftsforschung die Siedlungsforschung im Mittelpunkt stand. Methodisch umfasste diese Forschung wesentlich drei Betrachtungsansätze: 1. die genetische (retrospektive) Analyse des Bestandes der Siedlungslandschaft; 2. die Rekonstruktion von Altlandschaften (Querschnitte) und 3. Die Entwicklung der Kulturlandschaft (Längsschnitt). Die bei Schlüter implizierte Idee, dass sich die Kulturlandschaft von einer Urlandschaft geradlinig bis heute weiterentwickelt habe, wurde besonders durch die Ergebnisse der Wüstungsforschung widerlegt, denn es gab im Spätmittelalter weiträumige Regressionen des Siedlungsbestandes. Denecke weist darauf hin, dass die typologische Zuordnung von Ortsformen und die Interpretation von Stadtgrundrissen von Rückschreibungen ausgingen und weitestgehend eine Formenkonstanz annahmen, die durch archäologische Befunde nicht immer bestätigt wurden. Ein heutiger Stadtplan kann Primärformen beinhalten, aber es können auch bedeutende Umänderungen im Straßennetz eingetreten sein.
Nach Denecke war es besonders die Methode der Geländeforschung, die die Historische Geographie zu einem Teilbereich innerhalb der geographischen Kulturlandschaftsforschung machte. Die physiognomisch ausgerichtete Kulturlandschaftsforschung, wie sie Otto Schlüter betrieb, ist seit den 1960er Jahren durch eine Prozessforschung abgelöst worden, in der es um die Auswirkung und die Erklärung von raumwirksamen Kräften geht und damit auch um die Hinwendung zu Gegenwartsproblemen mit planungsorientierten Projekten einer Erhaltung. Diese neuesten Ansätze können Verluste bringen durch eine Verminderung der empirisch-analytischen Forschungsansätze (Grundlagenforschung). Noch zeigen die nunmehr 28 Bände der ‚Siedlungsforschung‘ den reichen Ertrag zur interdisziplinären vielseitigen allgemeinen wie auch regionalen Forschung zu Themen aus der historischen Kulturlandschaft.
Richtungsweisend ist ein angewandt-methodischer Beitrag von Peter Burggraaff und Klaus-Dieter Kleefeld, der den Ansatz des digitalen kulturlandschaftlichen Informationssytems im Rahmen historisch-geographischer Inventarisierungen darstellt.
Von zukunftsweisendem Interesse ist der Beitrag von Klaus Fehn selbst, in dem er darlegt, wie er sich vor seiner Emeritierung 2001 den weiteren Werdegang der Historischen Geographie in Bonn gewünscht hätte. Er beschreibt in spannendem Detail die Integration der Historischen Geographie in das Hauptfach Geographie an der Universität in Bonn. Der Aufsatz ist sozusagen sein Testament, in dem er weiterführende Aufgaben der Historischen Geographie umschreibt: 1. Verbindungsfach zwischen zahlreichen benachbarten Fächern. 2. Historisch-geographische integrierende Kulturlandschaftspflege. 3. Interdisziplinäre genetische Siedlungsforschung in Mitteleuropa. 4. Koordinationsstelle für eine internationale Historische Geographie in Mitteleuropa. In seinem Beitrag setzt Klaus Fehn sich auch mit Arbeiten von Kollegen auseinander, die sich allgemein auf die Stellung der Historischen Geographie beziehen, insbesondere von Carl Troll, Staffan Helmfrid, Hans H. Blotevogel und Dietrich Denecke. 
Der abschließende Beitrag des Buches ist eine Würdigung von Klaus Fehns Leben und Werk durch Jürgen Haffke, der betont, dass Klaus Fehn sich für sein Fach immer persönlich verantwortlich fühlte und noch fühlt, weit über seine Emeritierung (2001) hinaus. Er hat das große Glück, dass Winfried Schenk, ‘senior editor’ dieses Bandes, die Geschicke der Historischen Geographie in Bonn im Rahmen des Möglichen erfolgreich weiterführt. Neben der biographischen Würdigung liefert Jürgen Haffke auch eine umfassende Dokumentation zu Klaus Fehns Tätigkeit als Forscher und akademischer Lehrer mit einer Veröffentlichungsliste mit 338 Einträgen bis zu einer Liste von ausgewählten Buchbesprechungen, von Lehrveranstaltungen, Examensarbeiten und Kolloquiumsthemen. Diese Dokumentation bietet über die Person hinaus einen Einblick in die Themen, die die Historische Geographie in Deutschland in dem angegebenen Zeitraum beschäftigten. Die Position von Klaus Fehn bezieht sich dabei eindeutig auf sein Bekenntnis zum interdisziplinären Ansatz, seine Orientierung auf eine vergleichende Historische Geographie innerhalb von Mitteleuropa, sein Engagement in der Wissenschaftsorganisation und auf den Umgang mit der angewandten Historischen Geographie.
Aus der Lektüre dieses Bandes erfährt der Außenstehende, dass das führende Paradigma in der heutigen deutschen Historischen Geographie die Angewandte Historische Geographie geworden ist. Gibt es eine Antwort auf die Frage, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist? Eine zweite Frage ist, warum die deutsche Historische Geographie die Themenbereiche der ‘New Cultural Geography’, die sich im Bereich zwischen Kultur und Bewusstsein bewegen, erst zögernd aufgegriffen hat? Steht man in Deutschland dem Konzept von Landschaft als Erfahrungsinhalt eher skeptisch gegenüber? Der von der Materialität ausgehende Zugang zur Kulturlandschaft, wie Winfrid Schenk es nennt, hat zweifelsohne großen Forschungswert. Aber vielleicht wäre es gut für die Stellung der Historischen Geographie innerhalb der Geisteswissenschaften, wenn das Spannungsfeld Grundlagenforschung und Angewandte Historische Geographie deutlicher erweitert würde um den Themenkreis der gesellschaftskritischen ‘New Cultural Geography’. Zweifelsohne wäre es für Kollegen aus dem angelsächsischen Raum von Interesse auf der Basis dieses Bandes einen Eindruck zu gewinnen, wie an deutschen Universitäten, in den Niederlanden und in der Schweiz Historische Geographie betrieben wird. Leider gibt es hier das Sprachproblem.
Wir schulden den Herausgebern und Autoren Dank, dass sie mit diesem Band den ‚Altvater‘ der deutschen Historischen Geographie im Rahmen seines vollen Wirkungsfeldes geehrt haben. Der von ihm lebenslang geförderten Disziplin der Historischen Geographie ist damit ein weiterer Meilenstein gesetzt, der zukunftsweisend ist. Der Band trägt dazu bei, die Identität der Historischen Geographie in Deutschland zu bestimmen.

Anngret Simms




Bork-Hüffer, Tabea: Migrants’ Health Seeking Actions in Guangzhou, China. Individual Action, Structure and Agency: Linkages and Change. 292 pps., 29 figs. and 37 tabs. Megacities and Global Change 4. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2012, € 47,-

A fresh and unusual perspective on the situation of migrants in Guangzhou
This book is concerned with the health status and coping strategies of the large group of migrants in the Pearl River Delta in Southern China, leaving out the usual geographical stereotypes that are potentially contained within such a topic. This very positive example of empirical research is grounded within solid concepts of social theory, incorporating arguments from sociology and psychology (especially referring to the authors Giddens and Archer), which is the likely reason for the comfortable, objective and structured handling of this topic. Although Bork-Hüffer incorporates many related conceptual approaches, such as the psychology and dynamics of groups, the reader always feels safe and will not get lost due to the strong structural guidance within the relevant influential spheres of the individual (e.g. social groups, institutions and policy, to name just a few). The discussion of the literature on personal health seeking, China’s health system, urbanization in China as well as issues related to migration in contemporary China takes the reader forward to the main purpose of the book, which is to explore, theorize, analyze, explain, interpret and evaluate the health seeking actions under the current surrounding constraints. Since the underlying research was conducted in “villages-in-the-city” within the city of Guangzhou in the Pearl River Delta (sometimes referred to as urbanized villages), this topic of special forms of urban structures is also given sufficient space.
The methodology, as a basis for the empirical research agenda, draws on the fashionable mixed method approach that combines both qualitative and quantitative instruments, using the best of both worlds. This leads to impressive qualitative fieldwork, producing rich, in-depth information that is based on some 70 interviews and a large quantitative survey of around 450 returned questionnaires. This great effort pays off, since the book is able to inform the reader in detail on six complexes (health services and strategies for migrants, the general health status/predisposing factors, health seeking action/plans, perspectives on options for migrants, the structural conditions of actions/conditional environment and the agents that influence this environment/institutions). Overall, Bork-Hüffer seems to feel more comfortable with the qualitative evaluation than with the complicated analysis of the obviously information-rich quantitative dataset. This may well also be due to the explorative character of the study.
The final chapter provides a comprehensive discussion and a helpful synthesis, allowing the reader to reconsider the main arguments, and closes with recommendations for all actors involved.
This book is pleasantly well informed and gives a balanced description of the current state of migrants in Guangzhou’s villages-in-the-city in general and of the health-related issues in particular. The information provided will further enhance our knowledge about and sharpen our minds for the multifaceted problems that are present in the daily life of migrant workers in contemporary China. Individual health seeking activity is a topic that is exceptionally well suited for uncovering the complexity behind the socio-economic embedding of migrants – and Tabea Bork-Hüffer presents this complexity of individual action in a dynamic cultural, social, political and economic environment with the help of nice and informative illustrations that accompany the reader throughout the book.
However, the book did not entirely succeed in turning the comprehensive structural analysis and systemic concept into a multi-causal empirical analysis, although the impressively large survey sample would warrant a deeper analysis. I am sure that the data would love to reveal their secrets behind mono-causal contingency. This downside prevents the formulation of more stringent best-practice strategies for all players addressed or at least a prioritizing of the necessary actions.
Nonetheless, the book is an enjoyable read for all those who are interested in the development of China’s megacities and the difficulties arising beyond the overly present topics of economics and general urbanization. Overall, Tabea Bork-Hüffer has managed to deliver a book that will be of great interest for all human geographers, since she has managed to enrich our knowledge on migrants well beyond the stylized facts, with a mixture of qualitative interview statements and comprehensive background information that is appropriate for fully grasping the complexity of the socio-economic role of migrants in southern China and their particular health-related problems.

Stefan Hennemann

 

 

 

Klemme, Marion und Selle, Klaus (Hg.): Siedlungsflächen entwickeln. Akteure. Interdependenzen. Optionen. 358 S., zahlr. Abb. und Tab. edition stadt entwicklung. Verlag Dorothea Rohn, Detmold 2010, € 38,-

Aus den Arbeiten des Aachener Lehrstuhls für Planungstheorie und Stadtentwicklung ist einmal mehr ein recht breit angelegter Sammelband hervorgegangen, der sich mit Planungspraxis, Planungstheorie und der Verknüpfung von beidem im Bereich der Stadtentwicklung auseinandersetzt. Wer die Veränderungen in der Planung wirklich verstehen will, so die grundlegende These dieses Bandes, tue gut daran, alltägliche Projekte, Ansätze und Prozesse der Stadtplanung in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken. Mit anderen Worten, man solle einerseits die möglicherweise exzeptionellen „Leuchturmprojekte“ sowie andererseits die besonderen und „innovativen“ (?) Ansätze und Instrumente nicht vorschnell für „den Zukunftstrend“ oder „das Typische“ der Stadtentwicklungsplanung halten, sondern sich einmal versichern, wie denn die andere (?), die ganz alltägliche und doch möglicherweise viel bedeutsamere Praxis aussieht – und diese dann theoretisch reflektieren, um das Exzeptionelle besser einordnen zu können.
Diese Überlegungen führen zu zwei Konsequenzen, die das Buch prägen: Erstens haben Klemme und Selle mit dem Fokus Siedlungsflächenentwicklung ein „Brot-und-Butter-Thema“ der alltäglichen Planungspraxis ausgewählt, zweitens haben sie „Praktiker“ (= nicht in der universitären Forschung Arbeitende) und „Theoretiker“ (= in Universitäten und Forschungsinstituten arbeitende Planer und Geographen) gleichermaßen zur theoriegeleiteten Reflexion der Planungspraxis eingeladen. Dem Verfassen der einzelnen Beiträge vorausgegangen sind dabei einige vorbereitende Forschungsarbeiten am Lehrstuhl sowie insbesondere ein zweitägiges Werkstattgespräch mit Praktikern, um über „Alltagserzählungen“ besondere Zugänge zur Planungspraxis zu erlangen. Insofern fußen die in diesem Band versammelten Beiträge auf intensiven Diskussionen innerhalb einer größeren Gruppe, und sie sollen gleichzeitig als Bausteine einer prinzipiell offenen und weitergehenden Diskussion verstanden werden.
Das vorliegende Buch umfasst demnach 18 einzelne Beiträge, die thematisch in drei Teile gegliedert sind. In einem längeren Einleitungskapitel skizzieren Klemme und Selle zunächst die Grundlinien der Thematik als Ausgangspunkte für die 13 im zweiten Teil folgenden „Berichte und Analysen“ zur Praxis der Entwicklung von Siedlungs- bzw. Stadtflächen. Diese bilden den umfangreichsten Teil des Buches; sie lassen sich wiederum unterteilen in solche, die Erfahrungen aus einzelnen Kommunen präsentieren, solche, die primär das Handeln nicht-kommunaler Akteure in den Blick nehmen, und solche, die sich auf das Thema 30-ha-Ziel konzentrieren. Der dritte Teil besteht dann schließlich aus vier wieder stärker theoretisch fokussierten Beiträgen – im letzten versuchen Klemme und Selle eine Art zusammenfassende Zuspitzung des gesamten Arbeitsprozesses.
Dass je nach Interessenlage und Blickwinkel des jeweiligen Lesers die Beiträge in unterschiedlichem Maße gewinnbringend und anregend sein müssen, liegt in der dargelegten Entstehungsgeschichte und Strukturierung des Bandes begründet. Mir persönlich erscheinen einige insbesondere der kommunalen Falldarstellungen zu deskriptiv, um das theoretisierende Nachdenken wirklich anzuregen. Andere Beiträge empfinde ich dagegen als hochgradig spannend. Nadrowskis Beitrag etwa zur Praxis der „Siedlungsflächenentwicklung in der kleinen Stadt“ setzt den ursprünglichen Ansatz des Buches, die eigentliche Normalität der tagtäglichen Planungsprozesse in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken, in konsequenter Weise fort, indem er den inhärenten Großstadt- oder auch Metropolen-Bias der Planungsforschung thematisiert und die Probleme mit der Siedlungsflächenentwicklung in der „unbeachteten Mehrheit“ deutscher Kommunen klug reflektiert. Die Beiträge von Jochimsen, zur Bedeutung von Wohnungsbedarfsprognosen in der Kommunalpolitik, von Siedentop, über kommunalpolitische Wahrnehmungsprobleme der Folgekosten von Siedlunsgflächenentwicklung, und von Einig, der die Kommunen als korporative Akteure mit multiplen Organisationszielen analysiert, eröffnen gleichermaßen interessante Perspektiven, um eben nicht vorwiegend planerischen Rationalitäten folgende Planungsprozesse besser zu verstehen. Die Beiträge von Kroll-Schretzenmayer & Zöllig sowie von Spars & Mrosek liefern wichtige Einblicke in die Bedeutung von privaten Akteueren insbesondere bei der Immobilienentwicklung – im Bestand wie im Neubau. Und unter den primär theoretisch orientierten Beiträgen des dritten Teils deutet für mich insbesondere der Beitrag von Ibert über PlanerInnen als Praktikergemeinschaft („professional community“) sowohl methodisch wie theoretisch fruchtbare Perspektiven an.
Noch einmal sei jedoch betont, die thematische Spannbreite der Einzelbeiträge ist beträchtlich und bietet dem Leser je nach individuellen Interessen eine Fülle von neuen oder andersartigen Einsichten – insbesondere, um zu verstehen, warum das von der Bundesregierung propagierte 30-ha-Ziel auch in Zukunft Utopie bleiben wird. Für mich liegt hier auch der besondere Wert des Sammelbandes, denn er thematisiert auf vielfältige Weise die „Kluft“ zwischen so genannten Praktikern und Theoretikern, die aus Sicht der akademischen PlanerInnen mit dem Begriff des Vollzugsdefizits so einseitig (und nicht-verstehend) thematisiert wird. Dadurch ermöglicht er ein eben auch theoretisch umfassenderes Verständnis der vielfältigen Prozesse, durch die Stadtentwicklung im Alltag gesteuert wird.

Ludger Basten




Lipton, Michael: Land Reform in Developing Countries: Property Rights and Property Wrongs. XV and 456 pp. and 11 tables. Routledge Priorities in Development Economics. Routledge, London, New York 2011, € 34.99

How to increase liberty, and reduce poverty and gross inequality for small-scale farmers? Lipton has the convincing solution: Through so-called “new-wave land reform” and the tools for modernised rural development. Michael Lipton presents the most comprehensive, intoxicating overview on worldwide new-wave land reforms that I am aware of. This book is about efficiency – economic versus (or and) social efficiency of land distribution in developing countries, but also following the roots of land reforms, their allies, and questions the “alleged death of land reform” (see chapter 7). Surely, the role of land reform will not diminish for the next half century at least (see p. 10). Today, the bilateral and multilateral donor organisations involved in the rule of law processes in developing countries – as crucial parts of each land reform – are more focused on property rights reforms than at any time in the last half century. We should go back to the year 2000. Then, neoliberal interpretations of property models dominated and were seen as a necessary foundation for efficiently donor-driven development due to the “Washington Consensus”. However, the recent national elections in Venezuela, Bolivia, and Ecuador show that this private property rights orientation may no longer apply everywhere. One might ask: Are land reforms as fresh as today’s newspaper (see p. 3)? Property is the key. The property rights theory – familiar to environmental economists as the Coase-theorem – plays an inferior role in the international land reform discourse (see chapter 1 – “Goals”). According to this neo-institutionalist theory, property rights are to be given into the hands of private owners and/or large scale-farmers who feel responsible for the assets and their highest and best use (=economic efficiency). Owners must therefore be able to exclude others from using their property. On the other hand, small-scale farmers usually have no intention to exclude others from their land, and often act as subsistence farmers. Are they inefficient? Michael Lipton concludes: They aren’t.
Michael Lipton’s message comes clear: In the past, the developments in land markets partially counteracted the intentions of land reforms, which was to allocate land to peasants and to safeguard their livelihood. Land speculation, land grabbing, land concentration, land disputes, and evictions were aberrations that were caused by the price hikes for agricultural land following Foreign Direct Investments. Although a system of formalized rights based on the national cadastre system may enhance the transferability of land, this occurs at the expense of security of tenure due to superimposing the system of customary and genuine rights (see chapters 3 and 4). Land reformers like Henry George or Adolf Damaschke, but also economists like John Stuart Mill or Léon Walras and political philosophers such as Immanuel Kant and Pierre Joseph Proudhon criticised private property for land and natural resources. “No man made the land”, is a famous quotation from John Stuart Mill (1848). The main arguments for such a sceptical interpretation of private property for immovable, public and non-renewable goods like land are: If all tradable property rights are left in the hand of private people, any land use plan is useless. Economic interests dictate, and the arrangement is not effective. Negotiations will often fail. Because of high opportunity costs, only a certain part of the possible investment can be executed. Land distribution is unequal. The access to land is not guaranteed for a lot of people; hence pro-poor land reforms are anything else than passé. The way of land use is determined by (liberalised) economic power (see chapter 5). This fact is doubtlessly not a sound legitimating base for a new-wave land reform in the sense of Lipton. No silver bullets can be presented to solve local land disputes and to map the boundaries of the rural and urban communal land to prevent land grabbing by wealthy investors or “Big Men” (see p. 36). The lack of national-level approval of the communities’ maps, the absence of involved authorities throughout the mapping process, and limited access to GIS-technologies clearly disadvantage communities. Land sales provide short-term benefits for the owners without reinvesting these profits for productive purposes and thus seldom work to the community’s benefit or in favour of poverty reduction. While higher land values normally benefit village sellers, proceeds from land sales are not normally invested in productive pursuits.
No new-wave land reform without a broader view on land taxation (see chapter 6). By improving prior assessment tools for mass valuation and ad valorem taxation, developing countries serve as examples for the evolution of taxation in adverse circumstances as rent-seeking, speculation, informal land markets, and unequal land distribution occur. Property taxation, eventually supported by land value increment taxation, will become an important future source of the national revenues. Taxation should be ideally flanked by a coded, transparent and upgradeable property record system, by updated or revised land valuation manuals, and a holistic land information infrastructure due to international geodetic standards. The tax on unused land seems to be insufficient as well, since there are disputes whether land can be clearly defined as “unused” or not. The site value tax could be accompanied by a land value increment tax. For that tax, taking only site (land) values for public purposes is characteristic. This tax was highly influenced by Henry George (see p. 249) and his “single tax” approach as a value capture instrument, meaning a recurrent tax by which annual windfall profits on land ownership from community growth or public investment are consequently taxed away (see Andelson 2000). The value of a site is calculated out of the net present value of the extra surplus – a surplus that can normally be achieved through public land use planning without any investment by the landowner. The national, regional and local authorities responsible for land valuation and taxation would face the difficulties of partly skimming-off the potential rent-seeking gains (windfall profits) of the landowners to achieve an even distribution of wealth and finance rural infrastructure (see p. 251). However, no sufficient confidence can be found in the reliability of the sales prices recorded as the basis for the tax payment. Surely, the theory and practice of land taxation, combined with the Ricardian rent in particular of unimproved land, is highly controversial (see p. 123). Much more detail is needed to justify about the sustainability of a future simple revenue generation system, e.g., through computer-assisted mass appraisal options – a chance for geo-information specialists and geographers. 70% of the global work for land governance and to “maximize the happiness of all” (Jeremy Bentham) (see p. 334) and income stability has to be carried out still.
Moreover, land reforms need the “machine of planning”. This combines tools to compare alternative actions and to identify best alternatives for the land use via spatial planning. But planning depends on the preferences of public and private land owners, and the rule of law. Sufficient compliance with the land use planning objectives must be achieved. Regionally significant plans and measures would be harmonized and carried out in comprehensive development concepts while satisfying the requirements of the current land use planning policy. Rural and infrastructural development like village renewal can be very costly. It depends, to some extent, on the cooperation with the land owners who have to pay for the supply of infrastructure systems. In addition, to ensure the development of local public transportation and communication infrastructure, of water and energy supply, of public health services, of sanitation and water supply in the context of village renewal and rural development, land owners should be forced to take on some of these infrastructure costs. Moreover, development in rural areas depends on the poly-rationalities and properties of the involved land owners (see Davy 2012). Lipton considers this. In some cases, plans are blocked by private land owners who do not accept the planning determinations for their plots and the restrictions of their private property. Instead, these private land owners hope to increase and bag the ground rent. A leasehold tenure system puts economic pressure on the private land owners so that the planning authorities are able to grant access to land without high transaction costs. Leasing could emerge as one instrument of land reform and lowered transaction costs by (tenure) innovation, customary practices, leading to resource efficiency of the often denigrated subsistence farming (see chapter 2). Leasehold tenure on public land without speculation tendencies – and without the need of (re-)distribution of private property – can give legal security to foster political and economic stability and can avoid the occurrence of land conflicts. Doubtlessly, leasing rights cannot solve all specific marital problems that threaten land tenure security and income stability such as separation, divorce, abandonment, multiple marriage relationship, death of the husband, or unregistered co-ownership of the land as they occur frequently in African and Asian states. But the granted land use rights have to be paid by the users due to their economic capability. The lower the income per household, the lower the cost for the leaseholds and the transaction costs for the household. In a nutshell: The strengths of the arguments in favour of the pro-poor land reform are as valid today as they ever were. “The reader is left with an understanding that the land reform saga is far from over, that the battle remains very much worth the effort (...)” (see Berry 2011, 640). Indeed: “New-wave” land reformers, development aid workers and land policy advisors should carefully study this important and thoughtfully written opus.

Fabian Thiel

 

References

Andelson, R. V. (20003): Land-value taxation around the world. Malden, MA.

Berry, A. (2011): The case for redistributional land reform in developing countries. In: Development and Change, 42 (2), 637–648.

Davy, B. (2012): Land policy. Planning and the spatial consequences of property. Farnham.

George, H. (1879): Progress and poverty. Reissued edition 1979. New York.

Mill, J. S. (1848): Principles of political economy and chapters on socialism. Reissued edition 2008. Oxford.




Knappe, Elke; Wust, Andreas und Ratchina, Marina: Weißrussland. Aktuelle Probleme und Entwicklungen. 124 S., 26 farb. Abb., 31 Tab., 47 Photos und 43 Karten. Daten – Fakten – Literatur zur Geographie Europas 11. Selbstverlag Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig 2012, € 16,50

Mit diesem Band ist erstmalig in Deutschland eine umfassende Geographie Weißrusslands erschienen. Nach der Einleitung werden in zwölf Kapiteln Geschichte, Kultur, Teilregionen, Infrastruktur, Sozialbereich, Umweltschutz und Beziehungen zu den Nachbarstaaten vorgestellt. Besonders wertvoll ist die Illustrierung mit 43 speziell für diesen Band gezeichneten Karten. Darunter befinden sich auch Themen, die im deutschen Sprachraum bisher selten zu finden waren, so etwa der jüdische Ansiedlungsbezirk innerhalb Russlands um 1835 (S. 18), die Bevölkerungsentwicklung von 1979 bis 2009 auf Rajon-Basis (S. 46), die Bevölkerungsdichte 1979 bis 2009 ebenfalls auf Rajon-Basis (S. 70), die Entwicklung der Straßendichte 1990–2008 (S. 94), die damalige, derzeitige und prognostizierte Ausdehnung der mit Cäsium-137 belasteten Gebiete infolge der Černobyl´-Katastrophe von 1986 (S. 109, 111) und eine Darstellung der Luftschadstoffemissionen 2008 in ausgewählten Städten (S. 114). Als Informationsgrundlage dienen die in ihrer Qualität oft unterschätzten weißrussischen Statistiken. All das wird gewissenhaft, mit großer Sach- und Ortskenntnis kommentiert.
Dabei werden die zu Sowjetzeiten geschaffenen Entwicklungsvoraussetzungen nur kurz gestreift. Die von G. Neunhöffer übernommene Formel (S. 22, 119) von der „Werkhalle bzw. Fließband der Sowjetunion“ kann den Aufstieg Weißrusslands nach dem 2. Weltkrieg nur unzureichend erklären. Viel wichtiger waren Modernität und Innovationen, denn nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs wurde die gesamte Industrie in den 50er und 60er Jahren neu aufgebaut. So konnte Weißrussland Leningrad als „Fenster nach Europa“ ablösen. In dieser Rolle wurde es bestärkt, als sich die osteuropäische Arbeitsteilung im Rahmen des damaligen „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) intensivierte. Nicht zuletzt aufgrund seiner zentralen Lagen im RGW wurde Weißrussland zu einer logistischen Drehscheibe des Wirtschaftsverbundes. Die Auflösung des RGWs hat die auf internationale Arbeitsteilung angelegte Wirtschaft Belorusslands noch stärker getroffen als die der Ukraine oder Moldovas.
Insofern hatte Weißrussland zu Sowjetzeiten auch kein Identitätsproblem, denn in der Sowjetunion stand auf jedem modernen Traktor das Wort „Belarus“ (= Weißrussland; vgl. S. 87) und auf jedem Computer „Minsk“. Man war stolz darauf, im relativ reichen, gut versorgten Weißrussland zu leben. Die völkische Nationalisierung dieser Identität nach 1990 erwies sich als schwierig, denn in den Städten überwog die Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Die starke Durchmischung der Bevölkerung wurde weder in den sowjetischen noch den heutigen Volkszählungen erfasst. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass über die Hälfte derer, die sich heute als Weißrussen bezeichnen, sich genauso gut Russen, Ukrainern oder Polen zuordnen könnten. Insofern ist es geradezu paradox, dass Weißrussland heute mit einer der am schärfsten bewachten Grenzen vom westlichen Europa getrennt wird. Indem man auf Lukašenko verweist, wird verdeckt, dass die meisten Verschärfungen an der gerade mal 67 Jahre alten Grenze von der Europäischen Union initiiert wurden.
In den ausführlichen Literatur- und Internetangaben vermisst man die Zeitschrift „Wostok“. Sie ist eine der wenigen, in denen Informationen über Weißrussland aus dem Land selbst auf Deutsch präsentiert werden.
All das kann den äußerst positiven Gesamteindruck, den dieser Band hinterlässt, nur unwesentlich schmälern. Er sollte in keiner geographischen Bibliothek fehlen.

Helmut Klüter




Fahry-Seelig, Tamara; Mattig, Ulrike und Weyer, Hans-Jürgen (Hg.): Geowissenschaftler im Beruf. VI und 130 S., 20 Abb. und 4 Tab. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2012, € 16,90

Das Buch „Geowissenschaftler im Beruf“ stellt die verschiedenen Berufsfelder im Bereich der Geowissenschaften vor und soll somit Studierenden dieses Studiengangs Informationen über ihre beruflichen Möglichkeiten vermitteln. Insgesamt gibt das Buch einen guten, umfassenden Überblick über die Berufsfelder der Geowissenschaften. Das Spektrum der beschriebenen Berufsfelder reicht von der Rohstoffsicherung und -versorgung, Wasserversorgung, Geotechnik und Baugrund, Umweltgeologie, Raumordnung, Wissenschaft, Geophysik, Mineralogie und Geothermie bis hin zum Wissenschaftsjournalismus und Geotourismus. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und der Studierendenzahlen im Bereich „Geowissenschaften“ werden im zweiten Kapitel des Buches vorgestellt. Des Weiteren beinhaltet das Buch kurze Abschnitte zu den Themen Zusatzqualifikationen, Netzwerke und Mentoring für Geowissenschaftler.
Die Vorstellung der Berufsfelder im ersten Kapitel des Buches wird von verschiedenen Autoren vorgenommen. Leider erfolgt die Beschreibung der einzelnen Berufsfelder nicht immer nach den gleichen Kriterien, so dass der Informationsgehalt der einzelnen Kapitel sehr voneinander abweicht. Während einige Autoren nach der allgemeinen Einführung auch sehr konkret typische Tätigkeiten eines Berufsfeldes beschreiben (z.B. in Form von Tagebucheinträgen, siehe Kapitel Umweltschutz), erläutern manche Autoren Details bestimmter Messverfahren oder Techniken und gehen weniger auf die konkreten Tätigkeiten des Berufsfeldes ein. So wird z.B. im Kapitel „Geotechnik und Baugrund“ ausführlich die Abdichtung eines Deponiekörpers erläutert oder im Kapitel „Geophysik“ in einer zweiseitigen Tabelle die Messverfahren in Abschlussbohrungen dargestellt. Diese Details sind für den Leser, der sich über Berufsfelder informieren möchte, nicht von Interesse.
Für die Zielgruppe des Buches, Studierende der Geowissenschaften, sind neben der Darstellung der Tätigkeiten auch konkrete Informationen über geforderte Qualifikationen in den Tätigkeitsbereichen wichtig. Diese Informationen werden jedoch nicht für alle Berufsfelder dargestellt. Auf der Suche nach den geforderten Qualifikationen helfen dem Leser leider auch die vom Verlag beworbenen „leitenden Begriffe in der Randspalte“ wenig weiter. So findet man z.B. auf der Seite 54 den Begriff „Qualifikation“ in der Randspalte, jedoch wird hier nur die Information „Die fachliche Qualifikation der Geowissenschaftler ist dabei eine Selbstverständlichkeit für die Arbeit- und Auftraggeber“ gegeben. Genauere Informationen über geforderte Qualifikationen in dem beschriebenen Berufsfeld werden hier nicht dargestellt.
Des Weiteren interessieren sich die Studierenden vor allem für Praktikumsmöglichkeiten in den verschiedenen Berufsfeldern, die in diesem Buch kaum dargestellt werden. Hier wären Internetlinks zu wichtigen Arbeitgebern (v.a. im öffentlichen Dienst) und konkrete Informationen über Praktikumsmöglichkeiten in jedem Berufsfeldkapitel sinnvoll gewesen. Das Kapitel „Zusatzqualifikationen und Praktika“ enthält keine konkreten Tipps zu Praktikumsmöglichkeiten.
Insgesamt ist die Gliederung des Buches nicht optimal. Die Zahlen und Fakten über den Arbeitsmarkt hätten am Anfang des Buches vorgestellt werden sollen. Die Unterteilung in thematische Berufsfelder und Einsatzbereiche ist problematisch, da es häufig zu Redundanzen kommt.
Auch wenn das Buch viele sehr konkrete Informationen liefert, sind manche Aussagen des Buches sehr banal und für den Leser wenig hilfreich. So kann man im Kapitel „Ausland“ z.B. Folgendes lesen: „Wer ins Ausland reisen möchte, muss die richtigen Utensilien mitnehmen.“ Oder „Wer ins Ausland reisen möchte, sollte gesund sein.“
Fazit: Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die Berufsmöglichkeiten im Bereich der Geowissenschaften. Insgesamt wären eine einheitlichere Darstellung der verschiedenen Berufsfelder und eine stärkere Fokussierung auf die für die Zielgruppe wichtigen Inhalte (konkrete Tätigkeitsfelder, geforderte Qualifikationen, Gehalt, Praktikumsmöglichkeiten) sinnvoll gewesen.
Obwohl das Buch viele interessante Informationen zu den Berufsfeldern zusammenträgt, bleibt es manchmal sehr unkonkret und allgemein und konzentriert sich nicht auf wesentliche Inhalte. Mehr Links zu wichtigen Internetseiten und konkretere Tipps für den Berufseinstieg hätten das Buch für die Zielgruppe interessanter gemacht.

Simone Giertz




Becker, Johannes M. und Sommer, Gert (Hg.): Der Libyen-Krieg. Das Öl und die „Verantwortung zu schützen“. 282 S., 1 Abb. und 4 Tab. Schriftenreihe zur Konfliktforschung 26. LIT Verlag Berlin 2012, € 24,95

Wissenschaftliche Einordnungen des Libyen-Konfliktes sind ausgesprochen schwierig. Zu neu und zu subjektiv sind noch die Eindrücke, zu unsicher sind sich viele in der Einordnung der Rolle der Medien und ihrer Berichterstattung über die Revolution in Libyen und zu wenig war allgemein bekannt über die vorrevolutionären Entwicklungsbedingungen in diesem Land. Der vorliegende Band setzt daher einen besonders wichtigen Meilenstein in der Auseinandersetzung mit den strukturellen Hintergründen eines Konfliktes, dessen Aufarbeitung gerade erst am Anfang steht. Es ist besonders bewundernswert, in welch kurzer Zeit es der Marburger Arbeitsgruppe der Friedens- und Konfliktforschung um Johannes M. Becker gelungen ist, ein kompetentes, multidisziplinäres Autoren-Team zusammengestellt und den Sammelband realisiert zu haben. Die Gesamtthematik orientiert sich dabei zwar auch an einer Vortragsreihe, die 2012 im Rahmen einer Ringvorlesung der Marburger Friedens- und Konfliktforschung abgehalten wurde; der Band gewinnt jedoch wesentlich dadurch, dass nicht alle Beiträge, die dort zum Thema Libyen präsentiert wurden, auch in schriftlicher Form vertreten sind. Glücklicherweise bleibt daher der mehr als peinliche, mit Unrichtigkeiten gespickte und überraschenderweise deftige anti-semitische Äußerungen enthaltende Auftritt Robert Galtungs einer Leserschaft erspart. Der Konfliktforschungsband legt hingegen profunde Grundlagen aufbauend auf einer kurzen, aber aussagekräftigen jüngeren Geschichte Libyens (O. Demny) und dann einer schonungslosen Motivationsanalyse westlicher Kriegseintrittsbefürworter bei einer gleichzeitig kritischen Analyse der vielbeschworenen „Responsibility to protect“ (J. M. Becker, G. Sommer, D. Stroop) und der Behandlung der Rollen von NATO und EU (J. Wagner).
Zu den besonders wichtigen Kapiteln des Sammelbandes gehören die schonungslosen Dekonstruktionen von Jürgen Wagner und von Uli Cremer, die ausgehend von der These, dass es weniger um den Einsatz für humanitäre Ziele oder den Zugang zu Erdölressourcen und sogar eigentlich auch gar nicht um Libyen gegangen sei, sondern vielmehr um die Frage der Machtkonstellation in Europa und die Konkurrenzen zwischen Frankreich und Deutschland. Auch wenn vielleicht nicht jeder andere Analyst die Energieversorgungsfrage derart stark marginalisiert hätte, so bergen gerade diese Beiträge wichtige Hinweise auf Informationen, die nicht immer nur ausschließlich zu den gern und häufig veröffentlichten Nachrichten gehören. Konsequent unternimmt daher Johannes M. Becker einen kritischen Blick auf die Medienberichterstattung, die am Beispiel der sog. Arabellion in Libyen eine Fülle an Zündstoff offenbart und dazu führt, dass man spätestens nach der Lektüre des Textes von Becker fortan die Inhalte von Nachrichtenmeldungen nicht mehr so vertrauensvoll und unhinterfragt entgegennimmt, wie dies ggf. vorher noch der Fall gewesen sein mag.
Dass mit dem Ende des Ghaddafi-Regimes längst nicht alle Probleme Libyens gelöst sind, belegen die Beiträge zum Demobilisierungsgebot (H. Wulf) und zur Problematik des Kunst- und Kulturraubes in einem neuen (fast) rechtsfreien Raum (C. Kleinwächter). Das Kompendium der überwiegend retrospektiv ausgerichteten Kapitel des Bandes lässt lediglich Beiträge zu den Zukunftsszenarien des Landes vermissen. Dass Libyen angesichts einer relativ geringen Gesamtbevölkerung von nur etwa 6,3 Millionen Menschen, einer gesicherten Wasserversorgung für noch mindestens 5 Jahrzehnte und Erdölressourcen, die sogar noch länger reichen dürften, ausgesprochen günstige Entwicklungsvoraussetzungen hat, könnte ein Folgeband thematisieren, nachdem mit dem jetzt vorgelegten Werk eine hervorragende Grundlage geschaffen wurde.

Andreas Dittmann    

 

Document Actions