One
Select issue
Year Issue
Article search ?
Author
Add authorDel author
Keyword
Add keywordDel keyword
Full text

all these words
this exact wording or phrase
one or more of these words
any of these unwanted words
Year
till
Privacy Policy

_________________________________

 
Two
You are here: Home Archive 2012 Book reviews 2012 [1]

Book reviews 2012 [1]

Brauckmann, Stefan: Eisenbahnkulturlandschaft. Erlebbarkeit und Potentiale. XXI und 386 S., 128 Abb. und 34 Tab. Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Hamburg 102. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2010, € 59,-

Die als Dissertation an der Universität Hamburg eingereichte Abhandlung beschreibt ausführlich Entwicklung, Zustand und Folgenutzung der regionalen Eisenbahnnetze in den Landkreisen Herzogtum Lauenburg (östlich von Hamburg) und Demmin (südöstlich von Greifswald) im Vergleich. Damit ist auch schon ein wesentliches Problem des gewichtigen Werkes angesprochen: Der Inhalt entspricht nicht völlig der Erwartungshaltung beim Lesen des Titels. So wird aus dem Titel nicht erkennbar, dass es sich um eine vergleichende Fallanalyse handelt, in die zwar auch gut und interessant aufbereitet die Rahmenbedingungen der Eisenbahnentwicklung und ihrer Infrastruktur eingebettet sind, diese jedoch nur den Rahmen für die detailreich dokumentierten Fallbeispiele bieten. Ergänzt werden diese Ausführungen ferner durch Darstellungen und Analysen der Einrichtung von Draisinenfahrten zur touristischen Folgenutzung stillgelegter Bahnstrecken. Der ursprüngliche Titel der Dissertation „Nutzungspotentiale stillgelegter Eisenbahnliegenschaften im ländlichen Raum. Steigerung der Erlebbarkeit von Eisenbahnkulturlandschaft insbesondere durch Draisinen-Tourismus. Am Beispiel der Landkreise Demmin und Herzogtum Lauenburg“ wird dem Inhalt besser gerecht, ist durch seine Länge und Zusammensetzung aus drei Satzfragmenten jedoch kaum als verkaufsfördernder Titel für die Veröffentlichung geeignet. Bedauerlich ist, dass so mancher an einzelnen behandelten Aspekten Interessierte den Inhalt nicht vermittelt bekommt.
So drohen die Erläuterungen zur phasenweisen Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Deutschland insgesamt und den beiden Untersuchungsgebieten im Besondern nicht wahrgenommen zu werden. Diese Darstellungen sind jedoch für den eisenbahninteressierten Leser eine attraktive Ergänzung zur in Eisenbahnerkreisen verbreiteten Epochengliederung, die sich auf die Fahrzeugtechnik und -gestaltung bezieht. Die Passagen zu den Kulturlandschaftselementen der Eisenbahn beinhalten für den mit dem Objekt vertrauten Leser – und wer ist das eigentlich als Bahnnutzer nicht? – wenig Neues, denn beispielsweise Typisierungen von Brücken müssen im Rahmen dieser Arbeit zwangsläufig unvollständig bleiben. Die empirischen Arbeiten in den beiden Untersuchungsgebieten, namentlich die Kartierungen von Art und Anteil verschiedener Folgenutzungen nach Stilllegungen, münden in ausführliche tabellarische Teilstreckensteckbriefe, die Bau, Betrieb, Weiterentwicklung, Einstellung und Folgenutzung in Datenübersichten zusammenstellen. Folgerichtig schließen sich hier systematische Darstellungen zu Inwertsetzungsmöglichkeiten aktiver und stillgelegter Bahnanlagen und -strecken an. Die Idee, Draisinenfahrten als Tourismusangebot anzubieten, hat den Autor offensichtlich besonders begeistert. Hierzu hat er detaillierte Analysen durchgeführt, die von der Sichtung des bundesweiten Angebots an Draisinenfahrten, die verschiedenen Betriebskonzepte bis hin zur Akzeptanz durch die Nutzer und deren Wahrnehmung der Bahnstrecken reicht.
Hierin drückt sich das breite Spektrum der behandelten Aspekte aus, die unter dem Oberbegriff der Eisenbahnkulturlandschaft zusammengefasst werden. Diese detailreiche Dokumentation der verschiedensten Aspekte wurde in der Besprechung von kf (Modelleisenbahner 9/2011, S. 24) bereits als „gründliche wissenschaftliche Abhandlung“ über sinnvolle Nachnutzungen charakterisiert. Schade nur, dass die sorgfältig zusammengestellte regionale Eisenbahngeschichte der beiden Untersuchungsgebiete unter diesem Oberbegriff kaum noch wahrgenommen wird.

Jürgen Herget



 

Glückler, Johannes; Ries Martina und Schmid, Heiko: Kreative Ökonomie. Perspektiven schöpferischer Arbeit in der Stadt Heidelberg. 193 S., 76 Abb. und 30 Tab. Heidelberger Geographische Arbeiten 131. Selbstverlag des Geographischen Instituts der Universität, Heidelberg 2010, € 19,90

Die kreative Klasse ist seit dem Bestseller „The Rise of the Creative Class“ von Richard Florida in der Stadt- und Wirtschaftsgeographie, aber auch in der kommunalen Praxis in aller Munde – so auch in Heidelberg, wo die Hochschulgeographen Johannes Glückler, Martina Ries und Heiko Schmid im Auftrag der Heidelberger Stadtverwaltung zwischen dem Sommer 2009 und dem Herbst 2010 eine Studie zur Struktur und Entwicklung der Kreativwirtschaft in Heidelberg erarbeitet haben. Im Ergebnis ist ein lesenswertes Buch in der Heidelberger Schriftenreihe des Geographischen Instituts entstanden, das nicht nur allen Akteuren in Heidelberg, sondern auch weiteren Akteuren in anderen deutschsprachigen Städten empfohlen sei, die Interesse an kommunalen Entwicklungsprozessen haben. Zum einen ist der eigens entwickelte Analyseansatz der Heidelberger Geographen auch für andere Untersuchungen interessant, zum anderen vergleichen die Autoren aber auch immer wieder die Situation der Kreativwirtschaft mit anderen deutschen Städten. In diesem Zusammenhang ist es etwa auch hilfreich, dass im ersten Abschnitt eine Übersicht über die zahlreichen Studien gegeben wird, die die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik in den letzten Jahren bereits in diesem Themenfeld in Auftrag gegeben hat.
Der Band startet mit einer begrifflichen Klärung der verschiedenen Ansätze im Bereich der sogenannten kreativen Ökonomie. Das Drei-Sektoren-Modell, die sektorale Kultur- und Kreativwirtschaft, die kulturelle Wertschöpfungskette und die kreative Klasse sind vier verschiedene Konzepte zur Kultur- und Kreativwirtschaft, die das Thema und damit auch das Buch inhaltlich strukturieren. Sie werden von den Heidelberger Geographen in ihren eigenen Analysen in einer geschickten Kombination für die aktuelle Situation ihrer Fallstudie genutzt und verbinden damit den sektoralen Zugang über Wirtschaftszweige mit dem funktionalen Zugang über Berufsordnungen. Dies gilt vor allem für den dritten und vierten Teil des Buches, in dem der private Sektor der Kultur- und Kreativwirtschaft im Fokus des Interesses steht.
Im zweiten Teil der Studie ist es aber zunächst der öffentliche Sektor der Kultur- und Kreativwirtschaft, den die Autoren untersuchen. Hier zeigen sie, dass die städtischen Kulturausgaben der Stadt Heidelberg im Vergleich zu 66 anderen deutschen Städten über 100.000 Einwohner überdurchschnittlich sind. Die Rolle der privaten Zuwendungen bei diesen Kulturausgaben wird dann im fünften Teil angesprochen.
Im dritten und vierten Teil der Untersuchung muss sich der Leser auf einige statistische Auswertungen einlassen. Im Kern steht die Botschaft, dass die Kreativwirtschaft in Heidelberg einen besonderen Stellenwert einnimmt. Mit zahlreichen Infoboxen, Graphiken und Tabellen erläutern die Autoren, dass es nicht ausreicht, die Beschäftigung nur in den elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft zu betrachten. Vielmehr macht es Sinn, auch die Unterscheidung nach Berufsgruppen in die Betrachtung einzubeziehen, weil es in vielen anderen Wirtschaftszweigen ebenso kreative Tätigkeit gibt – in Heidelberg etwa in besonderer Weise im Hochschul- und Forschungsbereich.
Besonders spannend und innovativ ist schließlich die Beschäftigung mit privaten Mäzenen und Stiftungen im fünften Teil des Buchs. 26 leitfadengestützte Interviews mit Künstlern und vermögenden Stiftern erlauben den Autoren zunächst einen guten Einblick in die verhältnismäßig kleine Kunstszene in Heidelberg und in das noch bescheidene philanthropische Engagement in diesem Sektor. Eine interessante Idee ist es, über eine Medienanalyse der Rhein-Neckar Zeitung die Geldbeträge aller philanthropischen Transaktionen zu recherchieren, die in einem Zeitraum von fast fünf Jahren in gemeinnütziger Weise in Heidelberg zugewendet wurden. Sicherlich kann eine solche Analyse nur erste Anhaltspunkte bieten, doch zeigt der gewaltige Betrag von 150 Mio. € die Bedeutung der privaten Zuwendungen für die städtische Gesellschaft. Einzigartig ist nach meinem Kenntnisstand dann vor allem die soziale Netzwerkanalyse, die die Autoren über die Mitgliedschaft von Entscheidungsträgern in Kuratorien, Stiftungsräten oder anderen Beiratsgremien durchgeführt haben. Auf diese Weise können sie Hinweise auf die hervorragende Vernetzung von Wissenschaft und Forschung mit den privaten Unternehmen, Stiftungen und philanthropischen Fördereinrichtungen geben.
Abschließend bleibt festzustellen, dass das Buch bestens zeigt, dass nicht nur die hoch angesehenen DFG-Projekte, sondern auch Projekte im Rahmen der Auftragsforschung – in Verbindung mit Veranstaltungen der universitären Lehre – innovative und interessante Erkenntnisse hervorbringen können.

Claus-C. Wiegandt



 

Becker, Tobias; Littmann, Anna und Niedbalski, Johanna (Hg.): Die tausend Freuden der Metropole. Vergnügungskultur um 1900. 337 S. und 28 Abb. 1800 | 2000. Kulturgeschichten der Moderne 6. transcript Verlag, Bielefeld 2011, € 32,80

Im Jahre 2003 veranstaltete die Deutsche Akademie für Landeskunde in Bonn eine Tagung zum Thema: ‚Cultural Turn’ und ‚Spatial Turn’. Neue Berührungsebenen von Geographie und Geschichtswissenschaft. Der Vortragsblock mit Beiträgen von Paul Reuber, Ute Wardenga, Matthias Michell und Karl Ditt wurde mit einer Einleitung von Andreas Dix, der seit 2006 die Professur für Historische Geographie in Bamberg innehat, in der Geographischen Zeitschrift 93, 2005, Heft 1 veröffentlicht. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang weiterhin das von Jörg Döring und Tristan Thielmann herausgegebene Sammelwerk: Spatial Turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld 2008. Dieses besteht aus zwei Teilen, die sich mit dem Spatial Turn in den Kultur- und Sozialwissenschaften und in der Humangeographie befassen. Eingeleitet wird das Buch von den Herausgebern mit pointierten Ausführungen zum Thema: „Was lesen wir im Raume? Der Spatial Turn und das geheime Wissen der Geographen“. Die Beiträge der Geographie wurden u.a. von Gerhard Hard, Marc Redepenning, Roland Lippuner und Benno Werlen verfasst. Im Klappentext heißt es: „Diese Anthologie leistet zweierlei: Zum ersten Mal erscheint auf dem deutschen Buchmarkt eine fächerübergreifende Anthologie zum Spatial Turn und zum ersten Mal findet eine Diskussion auch unter Beteiligung der Geographen statt – jenen ‚Raumspezialisten’, die sich in jüngster Zeit als scharfe Kritiker der fächerübergreifenden Raumkonjunktur profiliert haben“.
Das hier kurz angesprochene Sammelwerk mit dem Titel „Spatial Turn“ erschien in demselben Verlag wie das zu rezensierende Buch über „Die tausend Freuden der Metropole. Vergnügungskultur um 1900“. Der transcript-Verlag hat eine eigene Reihe mit dem Titel „1800 | 2000. Kulturgeschichten der Moderne“ eingerichtet, die die „Kulturgeschichte in ihrer gesamten Komplexität und Vielfalt“ reflektieren soll. Extra angesprochen werden in diesem Zusammenhang die „transdisziplinären Perspektiven“. Bei der genaueren Überprüfung des vorliegenden Buches stellt sich rasch heraus, dass eine intensivere Diskussion der Probleme im Übergangsbereich zwischen Geschichtswissenschaft und Geographie hier aber nicht stattfindet. In der Einleitung der beiden Herausgeber heißt es hierzu zunächst: „Unter dem Einfluss eines zunehmenden Interesses an Raum und Stadt, dem sogenannten ‚Spatial Turn’, insbesondere inspiriert durch Überlegungen von Soziologen und Geographen … sind neue Fragen entstanden, die zunehmend auch von Historikern aufgegriffen wurden“. Im folgenden Satz fehlt dann aber bezeichnenderweise der Hinweis auf die Geographie: „Der vorliegende Band reflektiert den Einfluss dieser kulturwissenschaftlichen und soziologischen Stadtforschung, in der der Mentalität der Großstadtmenschen zentrale Bedeutung beigemessen wird“. Zu den in der Einleitung erwähnten „verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen“, die Beiträge zu dem Band geleistet haben, gehört – zumindest formal gesehen – also nicht die Geographie. Wenn die Besprechung dieses Buches in einer geographischen Fachzeitschrift also berechtigt sein sollte, muss die Frage gestellt werden, ob trotzdem wichtige Ergebnisse im Übergangsbereich der Fächer Geschichte und Geographie vorliegen.
In der Einleitung des hier zu rezensierenden Buches heißt es ausdrücklich, dass „der Band den Blick für die räumliche Dimension des Vergnügens schärfen will“. Es wurden entweder konkrete urbane Räume oder konkrete Vergnügungsangebote untersucht. Ausgehend von diesen Beispielen sollten alle Beiträge beleuchten, inwiefern die Stadt die Vergnügungskultur formte und wie umgekehrt die Vergnügungskultur zum Anpassungsprozess an das Leben der Stadt beitrug. Die einzelnen Beiträge sind folgenden Kapiteln zugeordnet: 1. Repräsentationen – Politik und Vergnügen in der Metropole (3 Beiträge). 2. Ungleichheiten – Gesellschaft und Vergnügen in der Metropole (3). 3. Ungleichzeitigkeiten – Blicke jenseits der Metropole (3). 4. Verflechtungen – Intermedialität des Vergnügens (3). Die Verfasser gehören verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen an, was nur allgemein in der Einleitung festgestellt wird, ohne dass diese genauer bezeichnet werden. Nur mit Mühe lässt sich eruieren, dass zumindest zwei Berliner Forschungsprojekte hier eine Rolle spielen und zwar aus dem Bereich der Neueren Geschichte das Projekt „Metropole und Vergnügungskultur. Berlin im transnationalen Vergleich, 1880–1930“ (Prof. Nolte) und im Bereich der Europäischen Ethnologie das Projekt „Volkskundliches Wissen und gesellschaftlicher Wissenstransfer: Zur Produktion kultureller Wissensformate im 20. Jahrhundert“ (Prof. Kaschuba). Nicht beteiligt sind die Landesgeschichte und die Historische Geographie.
Die Verfasser des hier zu rezensierenden Buches betrachten sich als Kulturwissenschaftler, die „Kulturgeschichte in ihrer gesamten Komplexität und Vielfalt“ erforschen wollen. Dabei verwenden sie immer wieder auch geographische Begriffe wie z.B. Lebenswelten, Urbaner Raum, Vergnügungsviertel, ohne dass genügend klar wird, welche Rolle historisch-geographische Fragestellungen spielen. Die meisten Aufsätze beschäftigen sich ausschließlich oder zumindest vergleichend mit Berlin. Eine gewisse Rolle spielen noch Wien, Budapest, Paris, London und New York. Wie schon erwähnt, ist keiner der Beiträge der Historischen Geographie zuzuordnen. Sie unterscheiden sich aber nicht unwesentlich durch den Grad der regional-lokalen Verankerung der Forschungsfragen. Unter diesem Aspekt als besonders relevant sind zu nennen die Aufsätze „Der Berliner Königsplatz als lokaler, nationaler und globaler Ort“, „Kiezvergnügen in der Metropole. Zur sozialen Topographie des Vergnügens im Berliner Osten“ sowie „Das Vergnügungsviertel. Heterotopischer Raum in den Metropolen der Jahrhundertwende“. Besonders aufschlussreich auch für die Historische Geographie sind die Ausführungen von Hanno Hochmuth und Johanna Niedbalski zu den „Kiezvergnügen“, da sie umfangreiche archivalische Unterlagen der „Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost“, die eine eigene „Vergnügungskommission“ gebildet hatte, auswerten.
In der jüngst erschienenen Einführung in die Historische Geographie meditiert der Verfasser Winfried Schenk abschließend über die Zukunft der Historischen Geographie, wobei er sich auch zur Zusammenarbeit mit den historischen Nachbardisziplinen äußert: „Die Rezeption historisch-geographischer Arbeiten im eigenen Fach blieb … bisher eher eingeschränkt, da sich … in Teilen der Humangeographie im Zuge des Cultural Turn ein grundlegender Paradigmenwandel in den letzten Dekaden zu einem konstruktivistisch-diskurstheoretischen Wissenschaftsverständnis vollzogen hat, der aus bisher kaum diskutierten Gründen weitgehend die historische Perspektive ausblendet. […] Auf die dadurch entstandene Kluft kann die Historische Geographie in Mitteleuropa ihrerseits zukünftig durch die Fortführung entsprechender Forschungen, die verstärkt auch auf entsprechende Diskurse vor allem in Großbritannien und den USA sowie in historischen Nachbardisziplinen, die zum Teil einen Spatial Turn durchlaufen haben, eingehen“ (S. 123).
Am vorliegenden Buch ließe sich ohne Schwierigkeit auch im Detail nachweisen, wie notwendig eine intensive Zusammenarbeit einer raumorientierten Geschichtswissenschaft mit einer zeitorientierten Geographie ist. Bedauerlicherweise gab es für die Autoren dieses Bandes in Berlin wohl keine adäquaten Partner im Bereich der Historischen Geographie. Ob in dieser Situation eine Kontaktaufnahme zu dem Personenkreis geholfen hätte, der in dem weiter oben erwähnten Buch zum „Spatial Turn“ die Geographie vertritt, möchte ich bezweifeln, da für diese, wie nicht zuletzt aus dem umfangreichen Sachregister zu entnehmen ist, die Wissenschaftsbereiche Historische Geographie, Landesgeschichte und Geschichtliche Landeskunde gar nicht existieren. Es ist Paul Reuber in seinem Beitrag „Writing History – Writing Geography. Zum Verhältnis von Zeit und Raum in Geschichte und Geographie“ zu der weiter oben erwähnten Bonner DAL-Tagung von 2003 zuzustimmen, wenn er die 1990 von D. Harvey gestellte Frage noch eher skeptisch beantworten möchte: „Can we build a language – even a whole discipline – around a project that fuses the environmental, the spatial and the social within a sense of the historical geography of space and time?“. Wie das hier zu rezensierende Buch zeigt, gibt es sehr interessante Forschungsfelder, die gemeinsame Aktionen einfordern.

Klaus Fehn

 

 

 

 

Friedrich, Bärbel; Hacker, Jörg; Hasnain, Sayed E.; Mettenleiter, Thomas C. and Schell, Jens (eds.): Climate Change and Infectious Diseases. 119 pp., 22 figs. and 12 tabs. Nova Acta Leopoldina NF Vol. 111, No. 381. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2010, € 21,50 / sFr 36.60

Recently, climate change effects on infectious diseases have been receiving increasing political and scientific awareness. Consequently, a growing body of literature addresses this topic. The reasons for climate change effects on infectious diseases are manifold. Expectedly, climate change impacts the incidence, prevalence and distribution of several infectious diseases with different modes of transmission (e.g., water-, air- and vector-borne diseases). Vector-borne diseases are transmitted via specific arthropod or rodent disease vectors between mammal (including human) hosts. Obviously, climate change can influence life cycles and distributions of such arthropod or rodent vectors. Moreover, periods of extreme weather conditions that are expected to increase in the 21st century can generally alter seasonal patterns of disease emergence or shorten the respective time for pathogen development. Under these circumstances, the international symposium “Climate Change and Infectious Diseases” was held in May 2009 in Greifswald, Germany. The present anthology with the same name, published within the “Nova Acta Leopoldina” series, is the outcome of this conference.
The first chapter gives an overview concerning the past naturally forced climate changes and the expected future (mainly anthropogenic) climate changes with the related consequences for humans, animals and biodiversity. The impact of past or rather historical climate change on evolution and biodiversity is described extensively. The contribution by Stock: “Predictions, Projections, and Perspectives of Climate Change” should be especially appreciated. He distinguishes between weather as short-term condition in the lower atmosphere and climate as a state of the Earth system, depending on many internal and external processes. Furthermore, he emphasizes the use of the word “projections” instead of “prediction”, when we are talking about future climate change as our expectation concerning the velocity of climate change is highly dependent on our assumptions. Such definitions are extremely useful in order to avoid word confusion and misunderstandings on a research topic, where scientific multilingualism is required.
The subsequent focus of this anthology is clearly directed to vector-borne diseases. In my opinion, it would have been advisable to differentiate between those diseases that are transmitted via specific vectors in a more consistent way. The incorporation of articles dealing with leishmaniasis (a sandfly-borne disease) and infections caused by Dirofilaria (a mosquito-borne pathogen) within the chapter of human infections can mislead inexperienced readers. In both cases, animals and especially dogs can become infected and fall sick as well. Unfortunately, an article on the topic Helicobacter pylori, a bacterium that is often found in the human stomach, is integrated within the chapter of vector-borne infections, although the main route of transmission is considered as contagious and hence is not directly dependent on a specific vector.
Most of the authors review the state of the art of literature or report current observations on weather or climate (change) impacts on a specific infectious disease. For instance, the relationship between weather conditions and the emergence of the bluetongue virus affecting ruminants in the Netherlands is pointed out nicely (Conraths et al). Worth mentioning is the sophisticated and well-structured documentation concerning research challenges on the example of wildlife hosts and their pathogens in the face of climate change by Hofer and East. I like the fact that climate change is not considered exclusively as the driving force for spreading infectious diseases. Indeed, in this context especially the importation of “exotic” pathogens to higher latitudes, due to intensified global exchanges and increasing human travelling activities, constitutes one of the main striking issues (see Niedrig). This necessarily demands suitable surveillance activities at typical introduction gates such as airports and harbours, located in climatic risk zones. Furthermore, Süss informs about the additional role of land-use changes, socio-economical developments and the growing awareness of disease epidemiology resulting in an increased number of infections on the example of tick-borne diseases.
The “Emerging diseases in a changing European environment (EDEN) Research Project” network (Hendrickx and Lancelots) presented here, seems promising and innovative with respect to data sharing and the structure of the interdisciplinary research. However, it might have been preferable to exemplarily present the possibilities of using remotely sensed data and GIS-applications for spatial models of infectious diseases or simply mapping disease patterns. Therefore, such descriptions concerning analyses of the (spatial) structures of infectious diseases must be obtained instead from a recent paper by Eisen and Eisen (2011).
To conclude, the present work “Climate Change and Infectious Diseases” contains several valuable contributions. However, the articles should have been structured more logically within this issue of the “Nova Acta Leopoldina”. Furthermore, although priority in science and policy must be given to an efficient reduction of lethality rates in humans and animals, climate change effects on infectious diseases resulting in socio-economical damages of societies, regions or nations should not being neglected. The editors note in the preface that “the participants agreed that it is too early to identify or predict concrete consequences”. Nevertheless, some – at least preliminary – results concerning potential future tendencies of infectious diseases in a warmer world would have been interesting. For the purpose of using climate change projections for spatio-temporal risk analyses of climate-sensitive infectious diseases, the interested readership is forced to get informed elsewhere (e.g., Jacob 2008; Fischer et al. 2011).

Dominik Fischer

 

References

Eisen, L. and Eisen, R. J. (2011): Using Geographic Information Systems and Decision Support Systems for the prediction, prevention, and control of vector-borne diseases. In: Annual Review of Entomology 56, 41–61.

Fischer, D.; Thomas, S. M.; Niemitz, F.; Reineking, B. and Beierkuhnlein, C. (2011): Projection of climatic suitability for Aedes albopictus Skuse (Culicidae) in Europe under climate change conditions. In: Global and Planetary Change 78, 54–64.

Jacob, D. (2008): Short communication on regional climate change scenarios and their possible use for impact studies on vector-borne disease. In: Parasitology Research 103 (Suppl. 1), 3–6.




Steimann, Bernd: Making a Living in Uncertainty. Agro-Pastoral Livelihoods and Institutional Transformations in Post-Socialist Rural Kyrgyzstan. XXI and 245 pp., 23 figs., 24 tabs. and 5 maps. Human Geography Series 26. Department of Geography, University of Zurich, Bishkek, Zurich 2011

To come straight to the point, the presented study fulfills Bernd Steimann goals in every respect. He manages to clearly shed light on “the existence and emergence of socioeconomic disparities” (pp. xiii) of rural households in post-socialist Kyrgyzstan; to present the characteristic frame conditions of the transition period and, finally, to elucidate the interrelations between these two by examining former and current livelihood strategies practiced in two rural settlements. For this reason, the book is a valuable contribution to empirically informed geographical development studies. Additionally, it offers a wealth of suggestions for the design and implementation of future surveys.
At the beginning, the author develops his basic understanding of the processes and the institutional framework of the post-socialist society through a critical discussion of the simplistic and normative understanding of transformation as an inevitable transition process of former socialist societies. Following this understanding of transformation, these societies were characterized by a command economy and an authoritarian political system, and are seen as moving towards a democratic and constitutional market economy. By promoting the Washington Consensus policy prescriptions, this paradigm was propagated by several important donor agencies such as the World Bank and the International Monetary Fund, and applied in many post-Soviet states in the 1990s. Utilizing the example of Kyrgyzstan, Steimann works out that contrary to the promises, social participation, wealth through economic prosperity and legal certainty could not be claimed by the entire population. Rather, the transition has been characterized by a multitude of differentiated processes that generated highly unequal outcomes. He thus shows that a normative definition of transformation predating the course of the processes is not helpful. By following his critical way of thinking, the author advocates considering relevant historical preconditions and specific spatiotemporal contexts for the analysis of social transformation processes, and recognizing the open-ended nature of these developments. As a consequence, he invokes the concepts of path dependency, hybridity, bricolage and uncertainty, and incorporates them into his interpretation of the collected data. Steimann places his study within the livelihood research school and calls it, in reference to de Haan and Zoomers (2005), an “optimistic” (pp. 34) analysis of the people’s dealing with the challenges of the post-socialist period. In this sense, the actors were identified by Steimann not in a fatalistic way as passive people exposed to the structural frame conditions. Following Anthony Giddens (1997), Steimann sees them rather as active human agents who are able to deploy and to influence the preexisting circumstances within their means, that is to say, to structure them.
The strength of the investigation lies in the fact that the author addresses his theoretically informed statements with his empirically gathered micro-level data from individual households that was gathered using quantitative and qualitative research methods. So, he is able to draw a highly differentiated picture of the livelihoods practiced by Kyrgyzstan’s rural population. By using different stylistic devices, like digressions arranged in text boxes, portraits of respondents and incisive quotations, he provides systematic and differentiated, as well as living and ostensive representations of the varied agro-pastoral livelihood strategies of the inhabitants of Jergetal and Kyzyl-Tuu – the settlements chosen for the study. The sections on pasture use are complemented with separate maps. Consulting these maps in parallel with reading the text contributes to a deeper understanding of the manifold utilization practices and the pasture-related social relations in the study area. The author’s consistent consideration of the overriding institutions and the structural framework contributes to understanding the specific findings generated for the selected settlements, and also helps to establish an understanding of the situation in the country as a whole, where the people are living mainly in rural areas.
There are, however, a few small complaints to be stated. The argumentation looks a little bit redundant in places, due to the repeated mention of already known positions. The concept of transhumance originally described specific pastoral methods in the Mediterranean mountains. Hence, the application of this term in the Central Asian context seems rather inappropriate. It would be helpful if he had provided further details, such the paragraph or article numbers he is referencing for the codified regulations he writes about, in a similar manner to his other references. Thus it is laborious, for example to trace back the descriptions of the judicial adjustment of pastureland relations, in particular the legal pasture categories, the definition of administrative competences or the process of the calculation of pasture areas a user is entitled to on the suitable passages of the legal norms. Maps of the arable lands, for their legibility and for ease of reference, could also have been attached as loose supplements. Lastly, in consideration of the complexity and density of the work a keyword index would have been helpful.
Nevertheless, in view of the high quality of the findings and their stringent presentation these complaints grow pale. Additionally, it has to be emphasized that the author’s empathy for his interlocutors as well as his reflected responsibility towards the research object is apparent from the text and the arrangement of the book. Additionally, the summary appears not only in the usual English and German, but also in Russian and Kyrgyz. This increases the practical value of the book for readers in Kyrgyzstan. By printing this book with a Kyrgyz enterprise, the author makes an economic contribution, albeit small, but it also provides a significant symbolic contribution to the country’s scientific community.
The study is divided in three parts. The first part concentrates on the conceptual understanding of the post-Soviet transformation processes, the theoretical foundation of the study, as well as the reflected presentation of the methodological approach. The second part, after an introduction to the surveyed area, discusses current income generation strategies of local households, disparities within and between the two selected settlements, as well as the most remarkable diachronic changes since the Soviet time. In the third part, the author turn towards the concrete actors, organizations and institutions related to the utilization of land resources like arable land and pastures.
The book is to be recommended as an example of an exemplarily presented study, particularly for junior scientists for inspirational purposes.

Andrei Dörre

 

 

References

de Haan, L. and Zoomers, A. (2003): Development geography at the crossroads of livelihood and globalization. In: Tijdschrift for Economische en Sociale Geografie 94 (3), 350–362.

Giddens, A. (1997): Sociology. Cambridge.




Gertel, Jörg: Globalisierte Nahrungskrisen. Bruchzone Kairo. 453 S., 18 Abb., 48 Tab. und 12 Karten. transcript Verlag, Bielefeld 2010, € 35,80

Das Fallbeispiel der Stadt Kairo, in der im Frühjahr 2008 die Einwohnerinnen und Einwohner wegen der anhaltenden Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln wie Brot auf den Straßen protestierten, liegt im Zentrum der umfassenden Studie des Wirtschafts- und Sozialgeographen Jörg Gertel zum Phänomen globalisierter Nahrungskrisen. In der Einleitung – und deutlicher noch im Titel seiner Monographie – erhebt der Autor den Anspruch, das empirisch vertiefte Verständnis des Lokalen am Fallbeispiel der Stadt Kairo mit der Kenntnis globaler Dynamiken zu verbinden, und formuliert kein geringeres Ziel als das der Allgemeingültigkeit: Die Ergebnisse seiner empirischen Studie zur Nahrungsunsicherheit in Kairo sollen auch auf andere Metropolen übertragbar sein. Dabei möchte er sich jedoch nicht mit einer reinen Zusammenschau von Fakten begnügen, sondern nimmt für sich in Anspruch, das Nahrungssystem Kairo aus einer holistischen Perspektive zu analysieren. Auf der Metaebene, so kündigt der Autor an, möchte das Werk „die diskursive Konstruktion von Entwicklungsproblemen durch das Schreiben über Risiken und Krisen der Nahrungssicherung“ (S. XII) kritisch hinterfragen. Bei einem Umfang von 370 Seiten Text ist der Raum für ein solch ambitioniertes Projekt sicherlich gegeben.
Der Einleitung schließt sich ein Überblickskapitel zu urbanen Nahrungssystemen an, das der Autor nicht zuletzt auch nutzt, um sich im weiteren Themenfeld der Geographischen Entwicklungsforschung zu positionieren. Nicht alle der hier nur kurz skizzierten (sozialgeographischen) Theorien werden in den späteren Kapiteln wieder aufgenommen, so dass die Sammlung von Namen „großer“ Theoretiker wie Foucault, Bourdieu und Luhmann eher lehrbuchartigen Charakter erhält. In den sich anschließenden vier Kapiteln, die unter den Überschriften Produktion, Austausch, Versorgung und Reproduktion jeweils einem Bereich des Ernährungssystems gewidmet sind, legt der Autor rückblickend dar, wie die komplexen Zusammenhänge internationaler Agrar- und Finanzwirtschaft, lokalen landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen und dem kleinräumigen Funktionieren realer Märkte in Kairo zu massiven Erhöhungen der Preise für Grundnahrungsmittel führten. Mit beeindruckender Akribie, die aber Konzentration und Ausdauer der Lesenden manchmal arg herausfordert, zeichnet Gertel sowohl die für Ägypten relevanten Entwicklungen an den globalen Agrarmärkten, als auch die lokalen Auswirkungen der Verlegung des Großmarkts für Obst und Gemüse im Stadtgebiet Kairo nach. Ton und Stil dieser Kapitel sind in weiten Teilen deutlich von einer wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive geprägt, und insbesondere ökonomisch Bewanderte werden die eloquente Verwendung eines wirtschaftswissenschaftlichen Jargons zu schätzen wissen. Für alle anderen eignen sich die Darstellungen im Mittelteil des Werks vor allem als detailreiches und sorgfältig recherchiertes Nachschlagewerk zur Agrargeschichte Ägyptens und der Struktur realer Märkte in Kairo.
Gertel schuf die empirische Basis für seine Ausführungen bereits vor längerer Zeit. So basieren viele der von ihm erstellten Karten auf einer standardisierten Erhebung aus dem Jahr 1993; Kern der Analyse der Reproduktionsprobleme (Kapitel 5) ist eine umfangreiche quantitative Haushaltsstudie aus dem Jahr 1995. Seiner Argumentation nach tut die mangelnde Aktualität des Datenmaterials dem Gehalt seiner Kernaussage keinen Abbruch: Mithilfe des ihm vorliegenden Datenmaterials kann er nachweisen, dass die Nahrungskrise keineswegs – wie manchmal angenommen – auf plötzliche Veränderungen zurückzuführen ist, sondern sich vielmehr bereits seit vielen Jahren angekündigt hat. Obwohl sich die Verwendung alten Materials aus dieser Hinsicht rechtfertigen lässt, birgt insbesondere die Darstellung der von Gertel erstellten Karten die Gefahr, die Veränderungen in der räumlichen Ausprägung des Nahrungssystems in Kairo seit Mitte der 1990er Jahre zu vernachlässigen, nicht zuletzt auch, weil auf viele der Abbildungen und Tabellen im Text nicht explizit verwiesen wird.
In seinem Schlusskapitel, das die Synthese der in den vorgehenden Kapiteln ausführlich behandelten Elemente der Analyse leistet, wendet sich Gertels Kritik u. a. gegen Akteure der internationalen Zusammenarbeit, die sich des Themas Nahrungssicherheit annehmen. Er moniert die Zahlengläubigkeit innerhalb des Entwicklungsdiskurses und die in seinen Augen mangelnden Bemühungen, auch die Geschichte derjenigen, die hinter diesen Zahlen stehen, zu erzählen bzw. die betroffenen Personen selbst zu Wort kommen zu lassen. Diese Kritik mag insofern nicht überzeugen, als Gertel diesem Anspruch in weiten Teilen selbst nicht gerecht wird und er die Möglichkeit, den Betroffenen eine Stimme zu geben, in seinem umfangreichen Werk nur sehr begrenzt wahrnimmt. Der in weiten Teilen des Werks überwiegende formalistische und ökonomistische Jargon vermag es nicht, den Leserinnen und Lesern die Lebenswirklichkeit der von Armut und Nahrungsunsicherheit betroffenen Menschen in Kairo nahezubringen.
Für Forschende, deren wissenschaftlicher Fokus sich ebenfalls auf die Stadt Kairo richtet, stellt das Werk eine Vielzahl an relevanten Informationen zusammen. Eben diese Details verstellen jedoch einem allgemeiner interessierten Publikum den Blick auf Gertels Kernthesen. Da er das Versprechen nach einer holistischen Perspektive und einer kritischen Reflexion der diskursiven Konstruktion von Entwicklung fast ausschließlich im Schlusskapitel einlöst, laufen insbesondere „querlesende“ Leserinnen und Leser Gefahr, das Werk als reine Ergänzung zur Agrar- und Armutsstatistik Kairos zu sehen, und seinen Beitrag zu einem besseren Verständnis der komplexen Wirkungsgefüge, die dem Phänomen der Nahrungsunsicherheit zugrunde liegen, zu verkennen.

Martina Park




Heller, Wilfried (Hg.): Identitäten und Imaginationen der Bevölkerung in Grenzräumen. Ostmittel- und Südosteuropa im Spannungsfeld von Regionalismus, Zentralismus, europäischem Integrationsprozess und Globalisierung. 299 S., 12 Abb. und 6 Tab. Region – Nation – Europa 64. LIT Verlag, Münster 2011, € 29,90

Überkommene Denkmuster mit West-Ost-Dichotomien – der so genannten Mauer in den Köpfen – sind im Alltag verbreitet anzutreffen; in der Wissenschaft haben sie keinen Platz, zumindest nicht in der vorliegenden Publikation, die Wilfried Heller als überarbeitete Fassung von Vorträgen eines Bukarester Symposiums (Juni 2010) herausgab.
Der Band ist sehr klar gegliedert. Nach einer kurzen Einführung werden theoretische und empirische Aspekte zu lokalen und regionalen Identitäten präsentiert. Sie bilden die Metaebene für die folgenden Beiträge und ermöglichen die Systematisierung der unterschiedlichen Fallbeispiele. Als einfache Grenzräume werden Territorien an Binnengrenzen der EU bezeichnet; drei Fallstudien (Westböhmen (CZ), Görlitz (D)/Zgorzelec (PL), Komárom (H)/Komárno (SK)) zeigen mit sehr feinen Linien und hochdifferenziert ganz unterschiedliche Perspektiven. Als doppelte Grenzräume werden Gebiete bezeichnet, die an einer staatlichen und zugleich an der EU-Außengrenze liegen; Beispiele aus Masuren (PL/RUS), aus Moldawien (MD/RO) und aus dem Banat (RO/SRB) verdeutlichen mit ihrer Detailliertheit und Individualität die unterschiedlichen, jeweils eigenen Problematiken. Als Interferenzräume werden schließlich Überlagerungsgebiete innerhalb staatlicher Einheiten bezeichnet, die sensu stricto nicht als Grenzregionen firmieren, in denen jedoch Grenzen und regionale Identitäten in besonderer Weise gemacht, erfahren und erlebt werden. Dies erläutern Fallbeispiele aus Kaschubien, Makedonien, Transnistrien, Weißrussland, der Ukraϊne und der Türkei.
Nicht zu Unrecht liegt der sachliche Schwerpunkt auf Ostmittel- und Südosteuropa. Hier gab es bis zum Ende des Ersten Weltkriegs große, multiethnische Staaten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Zaristisches Russland). Nationalstaaten kamen erst nach dem Untergang der alten Mittel-/Großmächte und in häufig wechselnden Grenzen auf. Die zentrale Frage, die wie ein roter Faden das Buch durchzieht, zielt darauf, ob und wie Grenzräume – nirgendwo in Europa gibt es mehr als hier – die Identitäten zu beiden Seiten der Grenze verändern oder ob es vielleicht in dem einen oder anderen Fall auch grenzüberschreitende Identitäten gibt – z.B. im polnisch-russischen Masuren. Die Antworten fallen nie plakativ aus: Identitäten werden gemacht, sie werden angenommen oder abgelehnt, sie dienen bestimmten Zwecken und können verfallen, wenn sie inopportun oder nicht alltagstauglich sind. Das Spektrum ist groß, die im Buch präsentierten 14 Fallbeispiele, die hier nicht einzeln vorgestellt werden können, lassen keine einfache Regel erkennen; sie bilden, metaphorisch ausgedrückt, kein Muster aus schwarzen und weißen Farben, sondern zeigen eine Palette an Grautönen. Identitäten und Grenzen sind Konstrukte, wie sich bei jeder Einzeluntersuchung herausstellt. Dies lässt sich mit zusätzlichen Fallbeispielen, die den Rahmen des Bandes sprengen würden, weiter vertiefen: Roma im Kosovo, Makedonier in Griechenland, Muslime in Polen, Griechen in Rumänien, Pomaken in Bulgarien oder Kroaten in der Slowakei deuten an, wie leicht die Liste verlängert werden kann.
Die Autoren sind international (Deutschland, Polen, Rumänien, Ukraϊne) und entstammen verschiedenen Disziplinen (Geographie, Kulturwissenschaften, Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Linguistik, Psychologie); sie bringen ihre jeweiligen Stärken gekonnt ein und zeichnen dadurch ein facettenreiches Bild, versäumen es jedoch mehrfach, die eigene Grenze (des Faches) zu überschreiten und den Kenntnisstand benachbarter Disziplinen zu rezipieren. Das ist schade! Dennoch: Das Buch füllt eine eklatante Lücke, indem es Prozesse und Entwicklungen sichtbar macht, die als Zuschreibungen subtil und oft in scheinbar kommunikationsfreien Räumen verlaufen, die verschwiegen werden, die nicht hinterfragt werden, die kaum nach außen gelangen.
Das Fazit klingt widersprüchlich: Europa wird mit dem Prozess der Europäisierung immer komplizierter! Das liegt hauptsächlich daran, dass es zuvor unterkomplex gesehen wurde. Erst nach tieferer Einarbeitung erscheint z.B. Moldawien plötzlich nicht weniger komplex als Hessen, dessen ungefähre Größe es hat. Komplexität und Heterogenität sind zudem bei individualisierten Gesellschaften in hohem Maße zu erwarten und alles andere als bedrohlich.

Johann-Bernhard Haversath



 

Johnson, Dominic: Afrika vor dem großen Sprung. 107 S. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011, € 9,90

Das Werk ist eine Einladung zum Umdenken; es versteht sich als eine Anleitung zum Andersbewerten der wichtigsten politischen und wirtschaftlichen Ereignisse der letzten 10 bis 15 Jahre im subsaharischen Afrika. Dem Leser steht es dabei frei – wie bei Einladungen allgemein üblich – dieser Einladung zu folgen oder selbst Alternativeinschätzungen zu entwickeln. Materialien dazu liefert das nur 103 Seiten umfassende Taschenbuch in regionaler und zeitlicher Fülle. Sie werden neu beleuchtet und dort, wo es nötig ist, in ihrer historischen Entwicklung vorgestellt. Das Afrika-Buch ist zwar kein wissenschaftliches Werk und will dies auch nicht sein, liefert jedoch reichhaltig Fakten aus einer tiefverwurzelten Afrikakenntnis, die von Dominic Johnson journalistisch gut aufbereitet und daher flüssig lesbar präsentiert werden. Des bewährten Mittels der Provokation bedient sich der Autor als erfahrener taz-Journalist unaufdringlich, dafür aber umso radikaler. Gerade dadurch gewinnt das Werk an offener Glaubwürdigkeit. Bewertungen werden möglichst vermieden, denn diese soll der Lesende selbst vornehmen – etwa, wenn in den Staatszerfall von Somalia oder der Demokratischen Republik Kongo tatsächlich positive Entwicklungen hinein interpretiert werden, nur weil dann dort angeblich quasi-koloniale Strukturen (z.B. Staatsgrenzen) oder postkoloniales Blockdenken (z.B. Ideologieüberstülpung) wegfallen. Wenn durch solche zu Positivmustern verklärte Fehlentwicklungen dann auch noch die Machenschaften des ruandischen Raubregimes im Ostkongo gut geheißen werden, nur weil auch sie kolonial entstandene Grenzziehungen ignorieren, ist das sicherlich revolutionär, dadurch aber nicht per se positiv; wenn dann sogar in der Milizenherrschaft und Piraterie am Horn von Afrika ein Ausdruck „afrikanischen Unternehmergeistes“ (S. 93) gesehen wird, dann klingt dieser Hinweis auf einen angeblichen afrikanischen Hoffnungsschimmer angesichts der sich gegenwärtig in Somalia abzeichnenden Hungerkatastrophe geradezu zynisch. Johnsons Gedankenkonstrukt folgend, müsste man heute das Ausrauben von Hungerflüchtlingen durch bewaffnete Milizen in Süd-Somalia und damit verbundene neue Formen des Menschenhandels als „Aktivitäten der Kapitalakkumulation durch Jungunternehmer“ einstufen und das unverantwortlich lange Zögern der Weltgemeinschaft in der Prävention der sich am Horn von Afrika schon seit langem abzeichnenden Nahrungsmittelkrise umdeuten als eine eigentlich beglückwünschenswerte Chance zur unkolonialen Selbsthilfe, die dieser Dauerkrisenraum dadurch erhielte. Dem Tenor des Afrika-Büchleins folgend müssen solche Experimente sein auf dem Weg zu einer neuen „wirklichen“ Unabhängigkeit. Manche Experimente gehen schief, aber insgesamt beflügeln sie ein angeblich existierendes neues afrikanisches Selbstbewusstsein. Dieses findet der Autor richtig in der Republik Südafrika. Da gehört es begründet auch hin. Aber um in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgen des Postapartheits-Staates, der sich gegenwärtig anschickt, zu einer weit über den engeren SADC-Bereich hinaus wirkenden Hegemonialmacht zu werden, ein allgemein gültiges Morgenrot für den Rest des subsaharischen Afrika zu erblicken, bedarf es schon einer gehörigen Portion von Zwecknaivität. Diese sei dem Autor zunächst nicht unterstellt. Was aber ist dann die Antriebskraft hinter der Hoffnungsbotschaft des Afrika-Buches? Darin wird auch bei anderen Themen seriös-provokant angenehm still zum Umdenken im Sinne eines Umbewertens eingeladen: Wenn etwa das derzeitige westafrikanische Musterland, Ghana, als Drogenwirtschaftsbereich deklariert wird, oder Bürgerkrieg und Staatszerfall in der Elfenbeinküste verharmlost werden und die Durchsetzung der Sharia-Rechtsprechung in einigen Emiraten Nord-Nigerias bewusst als „Wiedereinführung“ tituliert (weil dort schon von der kolonialen britischen Machtergreifung etabliert) und damit als präkoloniales Kulturerbe verklärt und folglich gut geheißen wird. Dabei misst Johnson – wahrscheinlich ganz bewusst – auch an anderer Stelle mit zweierlei Maß. Während die Staatsversagen in Somalia und im Kongo gefeiert werden, befürchtet er, dass durch die Entstehung des neuen Staates „Süd-Sudan“ nun eine Zersplitterung und weitergehende „Jugoslawisierung“ des Rest-Sudan einsetzen könnte. Was also mag der Zweck solcher „ungewöhnlichen“ Umdenk-Vorschläge sein? Vielfach hat man den Eindruck, als habe sich der Autor einfach einer Instrumentalisierung des Optimismus bedient und sich dabei alle politischen Hotspots Afrikas vorgenommen, sich angesehen, wie diese von anderen durchaus allgemeingültig bewertet werden und dazu dann bewusst jeweils Gegenthesen aufgestellt – nicht um damit alternative Denkanstöße zu liefern, sondern um – nach der alten Journalisten-Weisheit „behaupte das Gegenteil von Allgemeingültigem und Du wirst beachtet“ – Leserquote zu machen. Denn wer will schon, wie seit Jahrzehnten, immer wieder neue Katastrophen-Meldungen aus Afrika lesen, die Krieg, Staatszerfall und menschliches Elend zum Thema haben? Solche Rundumschläge sind derzeit wieder einmal im Trend, wie etwa die gerade von Hans Christoph Buch erschienene „Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern“ (Eichborn Verlag). Man will endlich Positives hören, von neuen Perspektiven erfahren, Hoffnungsvolles erkennen und – greift nach „Afrika vor dem großen Sprung“, nur um danach enttäuscht festzustellen, dass es doch nur ein kleiner Hüpfer in eine noch dazu ungewisse Richtung war.

Andreas Dittmann



 

Meusburger, Peter und Schuch, Thomas (Hg.): Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg. Im Auftr. des Rektors Prof. Dr. Bernhard Eitel. 388 S. und zahlr. Abb. Universität Heidelberg und Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig, Bibliotheca Palatina, Knittlingen, € 129,-

Der hier zu besprechende „Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg“ wurde zur 625 Jahrfeier dieser ältesten Universität Deutschlands herausgebracht und nimmt nach den dezidierten Aussagen in den Geleitworten des Rektors Bernhard Eitel, der Bundesministerin für Bildung und Erziehung Annette Schavan und des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann die Aufgabe der klassischen Festschrift wahr. Dieser Befund erstaunt zunächst, wird aber rasch verständlich, wenn man sich folgende Fakten vor Augen führt: 1. Der gegenwärtige Rektor ist mit Prof. Dr. Bernhard Eitel ein Geograph. 2. Die Herausgeber sind mit Prof. Dr. Peter Meusburger und Dr. Thomas Schuch Mitglieder des Geographischen Instituts der Universität Heidelberg. 3. Der Atlas entstand in enger Kooperation zwischen der Universität Heidelberg und dem Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig unter Leitung von Prof. Dr. Sebastian Lentz.
Während die Texte in Heidelberg erarbeitet wurden, entstanden die Karten in Leipzig. Dabei kamen die vielfältigen und speziellen Erfahrungen zum Tragen, die in Leipzig bei der Bearbeitung des 12-bändigen Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland gewonnen werden konnten. Die schwierige Aufgabe bestand vor allem darin, die zahlreichen ganz unterschiedlichen Daten der einzelnen Fachbeiträge in Raumbilder umzusetzen. Hierzu finden sich sehr aufschlussreiche Angaben in dem Beitrag von Werner Kraus mit dem Titel „Hinweise zu den kartographischen Methoden im Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg“. Neben den Karten, die so zahlreich sind, dass auf ein Kartenverzeichnis verzichtet wurde, finden sich in dem Atlas auch noch viele Abbildungen, Kartogramme, Diagramme, Tabellen etc.
Die meisten Texte sind knapp gehalten, was die Behandlung einer Vielzahl unterschiedlicher Themen erlaubt. Es ist an dieser Stelle unmöglich, darauf im Detail einzugehen. Nach einem allgemeinen einleitenden Teil folgen die drei Hauptabschnitte: 1. Die Universität Heidelberg 1386 bis 1945. 2. Das wissenschaftliche Profil der Universität seit 1945. 3. Räumliche Verflechtungen des Wissenschaftsstandorts Heidelberg. Im Kapitel 1 werden „Entwicklung, Blütezeiten und Rückschläge zwischen 1386 und 1802“ in 15 Beiträgen, „Aufschwung und Differenzierungen innerhalb der Universität 1803 bis 1914“ in 16 Beiträgen und „Krieg, Republik und Nationalsozialismus – die Zeit zwischen 1914 und 1945“ in 9 Beiträgen behandelt. Das Kapitel 2 folgt mit den Unterabschnitten „Die Fakultäten und die Forschungsschwerpunkte der Universität“ mit 14 Beiträgen, „Wissenschaftliche Einrichtungen der Universität“ mit 15 Beiträgen und „Vom Studenten zum Nobelpreisträger – Menschen an der Universität“ mit 11 Beiträgen. Der dritte Block beschäftigt sich im Unterabschnitt 1 mit „Außeruniversitären Forschungseinrichtungen in Heidelberg“ (7 Beiträge), im Unterabschnitt 2 mit „Internationale Beziehungen und Einzugsgebiete“ (12 Beiträge und im Unterabschnitt 3 mit „Die Rolle der Universität in Stadt und Region“ (9 Beiträge).
Im Zusammenhang dieser Rezension interessieren vor allem die von Geographen verfassten Beiträge. Es handelt sich dabei um folgende Titel: 1. Peter Meusburger: Heidelberger Wissenschaftsatlas – Eine Einführung (S. 12–17), 2. Peter Meusburger: Stadt und Universität Heidelberg – eine wechselhafte 625jährige Beziehung (S. 18–35), 3. Hans Gebhardt u.a.: Fakultät für Chemie und Geowissenschaften (S. 186–189), 4. Marcus Nüsser: Das Südasien-Institut (S. 230–233), 5. Hans Gebhardt u.a.: Exkursionen der Heidelberger Geographen. Hinzu kommen noch Beiträge von Peter Meusburger und anderen Autoren aus der Geographie zur regionalen und sozialen Herkunft von Professoren und Studenten in verschiedenen Zeitepochen. Die übrigen Aufsätze wurden von Vertretern ganz unterschiedlicher Wissenschaften verfasst; es sollte ja der Versuch unternommen werden, die Universität Heidelberg einigermaßen wirklichkeitsgetreu über ihr 625jähriges Bestehen hinweg abzubilden. Einige Beiträge sind auch von erheblicher Bedeutung für die Historische Geographie, wobei es sich dabei hauptsächlich um die Ausführungen zu Standortverlagerungen von Instituten und wissenschaftlichen Einrichtungen im Heidelberger Raum im Laufe der Jahrhunderte handelt. Ein gutes Beispiel ist hierzu der Beitrag von Peter Leins und Claudia Erbar über die Standortverlagerungen des Botanischen Gartens.
Die schwierige Aufgabe, die wechselhafte Beziehung zwischen Stadt und Universität Heidelberg über 625 Jahre hinweg zu verfolgen, hat der Hauptherausgeber Peter Meusburger auf sich genommen. Der Inhalt seines umfangreichen Beitrags lässt sich am besten durch die Wiedergabe der von Meusburger formulierten Zwischenüberschriften charakterisieren: Zur Symbiose von Stadt und Universität; Heidelberg – 300 Jahre ein Zentrum der politischen Macht; Heidelberg als ein Zentrum des Wissens; Verlust der Residenzfunktion; Warum wurde Heidelberg nie eine bedeutende Handelsstadt?; Impulse durch die Romantik und die Poetisierung Heidelbergs; Die verzögerte Industrialisierung von Heidelberg; Die zweite Blütezeit der Universität; Bedeutende Impulse für die Stadtentwicklung seit 1870; Massenuniversität und Lähmung – die 1960er und 1970er Jahre; Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Lehre und Forschung; Fehleinschätzungen bei der Vorausberechnung der Studierendenzahlen; Trendwenden in den 1980er und 1990er Jahren, Mythos Heidelberg – was macht Heidelberg für Wissenschaftler attraktiv?; Das wissenschaftliche Umfeld der Universität; Der Mythos des Studentenlebens als Werbeträger für die Stadt; Konflikte zwischen Stadt und Universität.
Die eigentliche Zielrichtung des Wissenschaftsatlas geht sehr gut aus der umfangreichen Einführung von Peter Meusburger (S. 12–17) und den knappen Ausführungen von Sebastian Lentz zum Thema: Warum ein Wissenschaftsatlas? (S. 12) hervor. Auch hier sollen zunächst die Zwischenüberschriften im Beitrag Meusburger für sich sprechen: Zur Räumlichkeit wissenschaftlicher Praxis; Visualisierung durch Karten und Grafiken; Wissenschaftliches Milieu; Ungleichheiten sichtbar machen; Voraussetzungen für wissenschaftliches Arbeiten; Die Bedeutung der Reputation wissenschaftlicher Einrichtungen; Universitätsstandorte als Interaktionsräume; Zur räumlichen Diffusion wissenschaftlicher Erkenntnisse; Zur Bedeutung der räumlichen Mobilität von Wissenschaftlern.
Wie aus dem einleitenden Beitrag von Peter Meusburger klar hervorgeht, betrachtet er den Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg als einen wichtigen Beitrag zur „geography of science“. Die zentralen Forschungsfragen dieses Spezialbereichs der geographischen Wissenschaft charakterisiert der Verfasser in der gebotenen Konzentration. Dabei wird deutlich, dass der regionale Schwerpunkt dieser Forschungsrichtung im angelsächsischen Bereich liegt. Meusburger bringt in seinen Beitrag einige der dort verwendeten Hauptbegriffe ein: „places and spaces of knowledge production“, „knowledge environment“, „knowledge ecology“, „action setting“, etc. Es geht also hauptsächlich darum, die „räumliche Dimension wissenschaftlicher Praxis zu erfassen“ und damit „nichtmaterielle Sachverhalte räumlich zu verorten“.
Sowohl Meusburger als auch Lentz weisen auf den großen heuristischen Wert der Visualisierung von räumlichen Mustern und Beziehungen hin. Gleichzeitig fordern sie den Leser auf, die Möglichkeiten der Verbindung der einzelnen Beiträge zu einem persönlichen Zugang zum „Chronotopos“ der Universität Heidelberg zu nutzen, „als einem Ort, der durch Zeit und zugleich durch seine Räumlichkeit erzählerisch geschaffen und erschlossen wird“. Die Visualisierung von räumlichen Mustern und Beziehungen könne nicht nur Informationen liefern, sondern auch „nicht vermutete Zusammenhänge aufdecken, neue Forschungsfragen aufwerfen und neue Denkanstöße vermitteln“.
Abschließend ist den Herausgebern und den beteiligten Institutionen in Heidelberg und Leipzig der Dank dafür auszusprechen, dass sie den Mut hatten, ein derartig neuartiges und anspruchsvolles Werk in Angriff zu nehmen und es zum vorgesehenen Zeitpunkt erfolgreich abzuschließen. Für alle Interessenten an der Universität Heidelberg in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist das Buch eine nahezu unerschöpfliche Fundgrube an Informationen, aber auch eine dauernde Verlockung, über spezielle und allgemeine Universitätsfragen zu meditieren. Zwei Wünsche möchte der Rezensent am Ende noch äußern. 1. Das reiche Material des Wissenschaftsatlas der Universität Heidelberg sollte im Sinne der Anregungen von Meusburger und Lentz möglichst bald systematisch ausgewertet werden. 2. Ähnliche Atlanten für andere Universitäten sollten geschaffen werden, um Vergleichsmöglichkeiten zu eröffnen.

Klaus Fehn

 



Kühn, Manfred und Fischer, Susen unter Mitarb. v. Roland Fröhlich: Strategische Stadtplanung. Strategiebildung in schrumpfenden Städten aus planungs- und politikwissenschaftlicher Perspektive. 191 S., 13 Abb. und 2 Tab. Verlag Dorothea Rohn, Detmold 2010, € 32,-

In der planungstheoretischen Debatte hat in den letzten Jahren die strategische Planung eine Renaissance erlebt. Nach der grundlegenden Habilitationsschrift von Thorsten Wichmann und den anregenden Beiträgen von Ernst-Hasso Ritter bzw. Uwe Altrock ist jetzt ein weiteres Werk zu diesem Thema mit dem Titel Strategische Stadtplanung erschienen. Es handelt sich um einen erweiterten Abschlussbericht zu einem DFG-Projekt, das zwischen 2007 und 2009 vom Leibnitz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) durchgeführt wurde.
Im Kern ging es in diesem Forschungsprojekt um den Umgang mit strategischen Konzepten in den fünf schrumpfenden Mittelstädten Cottbus, Dessau, Görlitz, Stralsund und Wittenberge, in denen Projekte und Leitbilder miteinander verbunden werden. Diesen fünf ostdeutschen Städten ist gemeinsam, dass sie seit der Wiedervereinigung durch einen deutlichen Verlust an Einwohnern und Beschäftigten gekennzeichnet sind. Sie stehen jeweils vor der Aufgabe, den einschneidenden Strukturwandel mit einer hohen Arbeitslosigkeit bewältigen zu müssen. Zudem sind einige der fünf Mittelstädte durch ihre periphere Lage in Ostdeutschland besonders gefordert.
Die Autoren fragen in dem Buch, welchen Stellenwert eine übergreifende Stadtentwicklungspolitik für den Umgang mit diesen Herausforderungen in den letzten 20 Jahren eingenommen hat. Den Autoren geht es um die Analyse der kommunalpolitischen Strategiebildung zur Bewältigung des Strukturwandels und der städtischen Schrumpfungsprozesse. Dazu haben sie in den fünf Städten insgesamt 57 Experteninterviews geführt. Zudem haben sie zwei Workshops durchgeführt, um mit Experten aus Praxis und Wissenschaft ihre Befunde zu reflektieren.
Die empirischen Ergebnisse machen den größten Teil des Buchs aus und können mit ihrer soliden Aufbereitung der fünf Fallstudien überzeugen. Der Leser erfährt hier einiges über die einzelnen Städte in Ostdeutschland und den Umgang in diesen Städten mit übergeordneten Planungskonzepten. Die Querauswertungen der fünf Fallstudien machen Aussagen zur Rolle von Leitbildern, zum Stellenwert von Projekten, zum Wechselspiel zwischen diesen beiden Elementen, zum Einsatz der integrierten Stadtentwicklungskonzepte sowie zur Rolle der Akteure. Sie sind gelungen und machen diesen Teil des Buchs lesenswert.
Weniger überzeugend ist nach meiner Einschätzung aber das normative Modell der strategischen Stadtplanung, das gleich zu Beginn des Buchs am Ende des einleitenden Abschnitts vorgestellt wird. Es handelt sich bei diesem Modell nicht etwa um den „dritten Weg“ zwischen dem „Modell der integrierten Entwicklungsplanung“ und dem „Modell des Inkrementalismus“, der von Theorie und Praxis gefordert wird. Vielmehr sehen die Autoren strategische Stadtplanung als ein „normatives Analyseinstrumentarium“, in dem sie sowohl Leitbilder und Projekte als auch integrierte Entwicklungskonzepte, Stärken-Schwächen-Analysen und Evaluierungen fassen. Auf diese Weise vermengen sie nahezu alle Elemente der räumlichen Planung und setzen den Begriff der strategischen Planung in einen ganz anderen Zusammenhang. Sie verschieben den Begriff zu einer Forschungsperspektive, die für einen konstruktiven Umgang mit Planungsstrategien zwischen den großen Plänen und den kleinen Schritten für die Städte und Gemeinden nicht hilfreich sein kann. Diese Besetzung des Begriffs der strategischen Planung trägt aus meiner Sicht nicht zu einer Klärung bei.
Weiterhin muss sich das Buch an einer zweiten Stelle Kritik gefallen lassen. So sind nach meiner Einschätzung nicht alle Kapitel sinnvoll aufeinander bezogen. Es gibt Wiederholungen etwa zwischen dem ersten und dem zweiten Abschnitt. Gleichzeitig verwirren Ausführungen im zweiten Abschnitt über strategische Planungsansätze in Manchester und Bilbao, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg, die eher einen Fremdkörper in den Ausführungen als eine wirkliche Bereicherung für die weiteren Argumentationslinien darstellen. Der Leser erhält den Eindruck, dass einzelne Abschnitte nicht sorgfältig genug aufeinander abgestimmt sind.
Sieht man von diesen beiden Kritikpunkten ab und hält sich an die Auswertung der fünf Fallbeispiele, erhält man einen interessanten Einblick in die Planungspraxis ostdeutscher Mittelstädte. Es wird sehr schön deutlich, wie lokale Bedingungen zu unterschiedlichen Ausprägungen bei der Verwendung von Stadtentwicklungskonzepten führen und dies auch personenbezogen zu erklären ist.

Claus-C. Wiegandt

 

Document Actions