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Book reviews 2011 [3]

Breckle, Siegmar-Walter and Rafiqpoor, M. Daud: Field Guide Afghanistan. Flora and Vegetation (Engl. and Dari). 863 pp. and numerous coloured photos and maps. Scientia Bonnensis, Bonn 2010

In den letzten Tagen des Jahres 2010 erschien ein Werk, das eine große Lücke in der botanischen Literatur Eurasiens füllt und das, mit Bedacht, ausgerechnet im Internationalen Jahr der Biodiversität. Zu diesem Ereignis hat der „Field Guide Afghanistan“ einen herausragenden Beitrag geleistet. Man kann es sicherlich als einen Glücksfall bezeichnen, dass sich die beiden Autoren gefunden haben, um dieses bemerkenswerte Unterfangen gemeinsam umzusetzen.
Siegmar-Walter Breckle, langjähriger Leiter der Abteilung Ökologie der Pflanzen an der Universität Bielefeld, lehrte in den 1970er Jahren auch an der Universität Bonn, nachdem er zuvor mehrere Jahre in Afghanistan selbst gelehrt und geforscht hat. Seit den 1960er Jahren hat er nahezu 50 botanisch-ökologische Beiträge zu Afghanistan veröffentlicht. Über Afghanistan hinaus ist S.-W. Breckle auch als ein profunder Kenner der zentralasiatischen Flora international renommiert. M. Daud Rafiqpoor ist in Afghanistan geboren und hat dort auch seinen Bachelor of Science in Geologie erfolgreich abgeschlossen, bevor er 1980 infolge der russischen Besatzung seine Heimat verlassen hat, um anschließend am Geographischen Institut der Universität Bonn bei Prof. Wilhelm Lauer seine wissenschaftlichen Forschungen als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz fortzusetzen. Seit 2001 arbeitet er am von Prof. Wilhelm Barthlott gegründeten NEES Institut für Biodiversität der Pflanzen an der Universität Bonn, auf der Forschungsstelle „Biodiversität im Wandel“. Rafiqpoor und Breckle haben sich bereits 1968 in Afghanistan kennengelernt.
Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit unter weiterer Beteiligung des Royal Botanic Garden in Edinburgh (Ian Hedge), den Universitäten Kassel (Helmut Freitag) und Gießen (Andreas Dittmann) ist ein knapp 870-Seiten umfassendes reich bebildertes Werk zu Flora und Vegetation Afghanistans. M. Daud Rafiqpoor ist es maßgeblich zu verdanken, dass das Buch als zweisprachiges Werk (Englisch und Dari, der offiziellen afghanischen Landessprache) erscheinen konnte. So machte es dann auch Sinn, dass das Buch als kostenloses Geschenk und friedensstiftende Maßnahme an Schulen, Universitäten und Behörden in Afghanistan verteilt werden kann. Finanziert wurde der Druck vom Auswärtigen Amt und vom DAAD sowie eine Partie von 500 Exemplaren vom schottischen Sibbald Trust des Royal Botanic Garden in Edinburgh, um das Werk weltweit Herbarien, Universitäten und Botanischen Gärten ebenfalls zur Verfügung zu stellen.
Afghanistan kann mit seinen weit über 4000 Pflanzenarten mit Fug und Recht als ein Hotspot der Biodiversität bezeichnet werden und den beiden Autoren ist es immerhin gelungen, mit über 1200 Arten aus 137 Pflanzenfamilien knapp ein Drittel dieser Artenvielfalt in diesem Buch zusammen zu tragen und mit brillanten Photos und Informationen zu ihrer Verbreitung, Ökologie und Nutzung zu dokumentieren. Besonders positiv zu bewerten ist sicherlich die wohl überdachte Mischung aus allgemeinen Aspekten der Geographie Afghanistans und der speziellen floristischen Beschreibung. Das Werk bietet einen sehr profunden Überblick über die Naturraumausstattung Afghanistans, über die Flora und Vegetation des Landes im Allgemeinen, über ökonomisch wichtige Pflanzen, aber auch über die Ökologie und den Naturschutz relevante Aspekte. Gerade dieser erste Teil mit immerhin 138 Seiten ist hervorragend gelungen und mit zahlreichen Karten, Diagrammen, Profilzeichnungen, Luft- und Satellitenbildern und eindrucksvollen Photos ausgestattet. Gerade auch dieser geographische Teil des Buches macht es dem Leser sehr verständlich, wieso Afghanistan aufgrund seiner vielfältigen topographischen Differenzierung und dem sehr differenzierten Ineinandergreifen groß- aber auch lokalklimatischer Einflüsse und einer sehr vielschichtigen geologischen und pedologischen Ausstattung einen Hotspot der Biodiversität darstellt.
Der 2. Teil des Buches ist der botanischen Erforschung Afghanistans hinsichtlich systematischer, taxonomischer sowie morphologischer Aspekte sowie der Sammlung, Aufbereitung und der Dokumentation der Befunde gewidmet. Dabei wird auch auf die schon in früheren Jahrzehnten erfolgten bedeutenden Sammlungen sowie die Herbarien in Afghanistan und dem Rest der Welt zurückgegriffen und die großen Florenwerke wie die Flora Iranica, Flora of Pakistan und die Flora of Iran sowie die umfangreichen floristischen und biogeographischen Werke, die vor allem vor dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 über Afghanistan erschienen sind, mit ausgewertet.
Alles in allem kann dieser Field Guide nur mit Nachdruck empfohlen werden, sowohl Studenten als auch Wissenschaftlern, die sich hoffentlich in Zukunft verstärkt diesem faszinierendem Natur- und Kulturraum wieder zuwenden werden, um gemeinsam mit den afghanischen Kollegen die alte Tradition der wissenschaftlichen Kooperation wiederbeleben und auch die Stärkung und den Wiederaufbau der afghanischen akademischen Struktur unterstützen helfen. Dabei ist es fast überflüssig zu erwähnen, dass dieser Field Guide auch noch auf Jahre hinaus ein bedeutendes Werk für Ökologen, Feldbotaniker, Geographen und Naturschützer bleiben wird, die sich mit diesem Raum und seinen Nachbarregionen intensiv beschäftigen wollen. Nicht unerwähnt bleiben sollte die attraktive Aufmachung und die hohe Druck- und Papierqualität des Buches. Deshalb wäre es mehr als wünschenswert, dass es in naher Zukunft eine zweite Auflage des Bandes geben könnte, damit das Buch dann auch für einen größeren Interessentenkreis käuflich zu erwerben wäre.

Dieter Anhuf




Brandt, Andreas: Haus und Landschaft in Asien. Dörfer, Häuser und Tempel in Nepal, Orissa, Vietnam und der Mongolei 2000–2009. House and Landscape in Asia. Villages, Houses and Temples in Nepal, Orissa, Vietnam and Mongolia 2000–2009 (deutsch/engl.). 200 S., inkl. 4 Klapptafeln. Alpheus Verlag, Berlin 2011, € 128,-

The title of this bi-lingual book accurately describes the content. The author, trained as an architect, divulges rural landscapes through his professional eyes, but with a specific view that seems to be unique today. With an innocent eye – in the best sense of its meaning – he contemplates examples of “architecture without architects” (Rudofsky 1964) and unfurls houses in their local fabric. The author’s ability to see, to measure and to draw provides the reader with an insight into house structures that is rare in architecture and geography. Beyond any specific interest in consulting or “development” – the only exception is the suggestion for a museum at the location of an ancient Mongolian monastery in Erdene Zuu – the attraction of community hamlets and sophistication of house-building with local material and in tune with specific ecological and societal settings is revealed. Andreas Brandt masters pen and pencil, alienates topographical maps, and augments his drawings with black and white photographs. Thus, the coloured pencil drawings provide selective views that no photographs can match. The comparison is obvious in several cases. A concentrated view of the pencil drawing reveals much more. We discover details in house construction, understand the technical background, the composition and junction of materials. With this perspective it is possible to learn a lot about spatial allocation and division as well as about placements of utensils and storage. The rural house tells a story about its inhabitants. Beyond the house that is highlighted in subset detail, the rural land use is devotedly drawn and places the habitation as part of a community settlement in its environment. The houses and villages are somehow randomly displayed, as the author availed the opportunity to spend time there on different travels and assignments. An exhilarant perspective on Asian villages is presented here, supporting the surmise that much more can be discovered in remote locations all over the world. The opulent volume is a feast for our eyes and deserves the attention of all readers who aim to look behind the obvious.

Hermann Kreutzmann

 

Reference

Rudofsky, Bernard (1964): Architecture without architects. A short introduction into non-pedigreed architecture. New York.




Schwanke, Karsten; Podbregar, Nadja; Lohmann, Dieter und Frater, Harald: Naturkatastrophen. Wirbelstürme, Beben, Vulkanausbrüche – Entfesselte Gewalten und ihre Folgen. 2., vollständig erw. und überarb. Aufl. 286 S. und zahlr. farb. Abb. und Tab. Springer Verlag Berlin, Heidelberg 2009, € 29,95

Mit „... so lasst uns denn ein Geographie-Apfelbäumchen pflanzen – es ist soweit“ könnte man – in leichter Abänderung des bekannten Lutherwortes sowie eines Buchtitels von Hoimar von Ditfurth – den zusammenfassenden Eindruck nach der Lektüre des Naturkatastrophen-Bandes des Springer-Verlages umschreiben. Dies geschähe nicht in apokalyptischer Überhöhung der darin geschilderten Hazards, sondern in frustrierter Einschätzung der offenbar real existierenden Medienpräsenz des Faches Geographie. Im reichhaltig mit Materialien ausgestatteten und eindrucksvoll illustrierten Band werden unterschiedliche Naturkatastrophen populärwissenschaftlich und ebenso allgemeinverständlich wie publikumswirksam vorgestellt. In Anlehnung an entsprechende Fernsehthemenabende und kommentiert vom ZDF-Wissen­schaftsmoderator Karsten Schwanke werden Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmun­gen, Hangrutschungen, Sturmfluten, Tsunamis, Klimawandel und Wirbelstürme zunächst als natürliche Phänomene beschrieben und dann in ihrer Entstehungsweise sowie der katastrophalen Wirkung auf den Menschen analysiert. Spätestens bei der Vorstellung von Themen wie Risiko und Verwundbarkeit wird klar, dass es zwar gelungen zu sein scheint, seit langem in der Geographie als geographie-typisch geltende Themen- und Kompetenzfelder in einer breiten Öffentlichkeit zu diskutieren, dies allerdings ohne jeden Bezug zum Fach Geographie geschieht. Offenbar werden Themenfelder, welche die Geographie noch als ihre Kompetenzfelder betrachtet, längst von Anderen bedient, denen es mittlerweile gelungen ist, traditionelle Geographiethemen in der Mitte der populärwissenschaftlichen Mediendiskussion anzusiedeln. Sachverhalte, über die Geographen schon immer gern forschten und lehrten, sind heute in den Medien allgegenwärtig. Dies beginnt bei Themen des Klimawandels und reicht bis zu Demographiedebatten. Das Naturkatastrophenbuch erfüllt sicher nicht die Ansprüche eines wissenschaftlichen Werkes, erhebt solche aber auch nicht. Es ist als Printmedium so aufgebaut wie die derzeit boomenden Wissenschaftssendungen, welche zwar nicht immer ohne Geographen auskommen, aber fast immer ohne Nennung der Disziplin. So lange Geographen sich bei Medienauftritten nicht als Geographen bezeichnen (lassen), sondern es stattdessen vorziehen, z.B. als „Klimaforscher“, „Stadtexpertinnen“„ oder „Geoarchäologen“ zu firmieren, werden sie getreulich weiter das (Fach)Weltuntergangsapfelbäumchen der Geographie gießen.

Andreas Dittmann




Schneider, Norbert, F. and Collet, Beate (eds.): Mobile Living Across Europe II. Causes and Consequences of Job-Related Spatial Mobility in Cross-National Comparison. 365 pp., numerous figs. und tabs. Barbara Budrich Publishers, Opladen, Farmington Hills 2010, € 54,- (D) / € 55,60 (A) / sFr 76,90

This book collects the empirical findings of a cross-country EU funded research project on multiple types of job-related geographical mobility and their impact on individuals and family lives (Job Mobilities and Family Lives in Europe – Modern Mobile Living and its Relation to Quality of Life, co-ordinated by Norbert F. Schneider). The findings are based on a standardised survey in six European countries: Belgium, France, Germany, Poland, Spain and Switzerland. Descriptive findings from the international survey for each country were published separately in an initial volume in 2008. In contrast, this second volume is intended to show commonalities and general mobility trends for all the countries together grouped by themes. In doing so, the authors seek to contribute to the understanding of the social structures of job-related geographical mobility as well as individuals’ living and working conditions in Europe more generally. The EU project is in many respects the international representative version of an earlier study in Germany by Norbert F. Schneider (Schneider et al. 2002). However, those who expect to find out more about context dependence and country differences regarding individuals’ geographical mobility behaviour will be disappointed since the authors do not consider national contexts and leave the question of country-specific factors to future research (p. 343). Although the authors claim to develop a ‘truly transdisciplinary’ approach in this research field (p. 337), the conceptual framework is dominated by a sociological point of view while geographical and economic literature is given little attention. This is particularly surprising with respect to the large body of literature both on family migration and tied migration which provide valuable insights into why families move or do not move. This results in somewhat confusing definitions from a geographical point of view. For example, residential mobility is referred to as internal migration while the term migration is used as a synonym for international migration; job mobility is interchangeably used with geographical mobility for job reasons.
The book encompasses 16 chapters. The first two chapters provide a brief introduction and explain the research design. The latter is focused on weighting measures; for a more general explanation of the research design the reader is referred to the first volume. The following 13 chapters are organised according to three topics: understanding mobilities, social structures and mobilities, and mobilities in private and professional life. In the last chapter Heather Hofmeister and Norbert F. Schneider seek to summarise key findings and to pinpoint policy implications, although here – like in the remaining part of the book in general – only few policy-oriented conclusions are drawn. Despite the promising approach to pooled findings for all investigated countries for a wide range of issues related to job-related geographical mobility (in contrast to separate country analyses presented in the first volume), this book is not convincing for a number of reasons.
Most of the chapters get lost in detail and fail to highlight key findings. Thus the reader has to rifle through enumerations of numbers drawn from descriptive statistics thereby facing the risk of being unable to follow the story the authors are trying to tell. In some chapters even multivariate results are documented through text rather than clearly laid out tables which makes reading difficult (e.g. chapter 13). Moreover, the chapters tend to go beyond a mere description of results far too rarely.
This book presents first and foremost empirical results drawn from the cross-country survey. Reference is made to theory and the literature review occasionally rather than systematically. Theoretical background is neither given in the introductory chapter nor is the presentation of empirical results theory-driven. This is also reflected in the fact that the current state of research in this field is not sufficiently revised.
Given the large cross-country sample, surprisingly large use is made of descriptive statistics. Meanwhile, multivariate analysis is dominated by correspondence analysis (e.g. chapter 5), i.e. a method which is hardly used in social sciences except from francophone countries. In contrast to regression models, this technique does not allow other factors to be controlled for. From this it follows that the present analyses provide only limited insights into the determinants of individuals’ mobility behaviour. I would have expected that the authors discuss the limitations of their statistical analysis. This also applies to the weighting method which appears to be problematic to some extent (e.g. weighted data in multivariate analysis).
The book adds new value to the literature in that different types of geographical mobility for job reasons are taken into account, and then different mobile people are compared to spatially non-mobile people: recent interregional movers, daily long distance commuters, business travellers, people with a job-related secondary residence (‘shuttlers’), and ‘multi-mobile’ people who combine different types of geographical mobility. However, most often no distinction between the investigated types of job-related geographical mobility is made in the analysis. Hence, the conceptually differentiated view on geographical mobility is poorly transferred to the empirical analysis in some chapters (e.g. chapter 3).
Overall, this book deals with currently relevant questions related to the rise of job-induced spatial mobility in Europe and the diversification of spatial mobility patterns coupled with it. It is targeted at sociologists rather than geographers or policy makers. Despite the shortcomings in terms of theory, analytical framework, statistical analysis and presentation of findings, it shows some interesting empirical results which contribute to the literature, for example the relations between migration biography and job-related mobility behaviour in late careers (chapter 8). Although context-dependent factors are not considered, this book points to some country differences in individuals’ geographical mobility behaviour which are important for future research.

Darja Reuschke




Hartmann, Thomas: Clumsy Floodplains. Responsive Land Policy for Extreme Floods. XV and 153 pp. and 30 figs. Ashgate, Farnham 2011, £ 65.-

Geographers dealing with spatial planning and natural hazards need to have knowledge about land policy and cultural theory. This PhD thesis by Thomas Hartmann is characterized by the adaptation of cultural theory to floodplain planning. Every page evokes the influence of its main supervising professor, Prof. Benjamin Davy and his book “Essential Injustice”. The author – a spatial planner from TU Dortmund previously engaged at the chair of Prof. Davy – has unveiled remarkable knowledge about land and water, including environmental governance, socio-political research, and anthropological studies. “Clumsiness”, according to Hartmann, means refusing just one possible solution when faced with contradictory definitions and problems regarding floodplains (p. 46). What does the theory of polyrationality have to do with coping with extreme floods? In the first chapter, Hartmann examines the interesting relationship between building and water management agencies, landowners, and municipalities. An important result of the field work part (mostly interviews) is that since municipalities granted building permits in flood zones and thus private houses exist there, flood protection should be provided by the state from the perspective of private landowners (p. 12). Clumsy patterns of human activity have always persisted. The main question is: Are people, e.g., the affected landowners, not willing or able to change their behaviour? After a brief overview of the legal instruments for preventing and dealing with floodplains such as the Federal Building Code or the Federal Water Act, Hartmann consequently builds the social construction of floodplains consisting of the following types: “Ignore” (inconspicuous floodplains), “Protect” (controllable floodplains), “Build in” (profitable floodplains), and “Defend” (dangerous floodplains). Planning, law, and property rights for this social theory are precisely examined in chapter 1. On one hand, the author shows that the law supports the interests of landowners and planners (p. 35). Particularly, landowners are entitled to use their property freely and gather the profits from using it; the planners are considered to be the “landowner’s best friends”. On the other hand, no word is mentioned in this context about the guideline “property entails obligations” (Art. 14 para 2 sentence 1 German Basic Law) and its consequences for land disputes and environmental conflicts. A crucial question remains unsolved: Why should society care too much about the fears of the affected private landowners in floodplains? Building detached houses in flood-sensitive areas mirrors the flooding game (p. 79). The Cultural Theory, founded by the anthropologist Mary Douglas, is concerned with rationalities comprising fatalists, hierarchists, individualists, and egalitarians (p. 38). Indeed: Coping with extreme floods means that the most effective measure to reduce damage potential is keeping flood-prone areas free from new settlement developments (p. 55). Floodplain management means the solution “pay or swim”. In chapter 2, Hartmann prepares the ground (precisely: retention lands) for his so-called “LATER” instrument: Large Areas for Temporary Emergency Retention. LATER describes flood storage basins along the main rivers that reduce extreme discharges most effectively by large retention areas, by risk alliances through mutual agreements between affected landowners (p. 63), by the size of the retention land – which is much bigger than the usual polder measures – and by the purpose of emergency. Using LATER means that the downstream party has an interest in the use and flooding of the upstream land (p. 65). In 2002, the “Dresdner Zwinger” served the commune Hitzacker as a retention area. Thus, using LATER helped stop the flood wave at its vertex. In chapter 3, the author opens Pandora’s box: Namely, he implements the concept of responsive land policy as an integral part of LATER with obligatory insurance for landowners against extreme flooding. Landowners can generally be competitive, cooperative, constitutional, and/or composed. Responsive land policy discusses the possibility of privatised flood protection, cooperations (e.g., through land trusts), mandatory land readjustment (Umlegung), and profitable uses of floodplains (p. 115). Hartmann interprets polyrational land policies as the child of the Cultural Theory and produces an important interdisciplinary study, showing that clumsy response solutions are needed, since in 2003 in Germany, only 10 per cent of all households had contracted an insurance against flooding for personal belongings, and only 4 per cent had insured their buildings through insurances against damages (Elementarschadensversicherung) (p. 133). Of course, floods are insurable if risk communities – the upstream settlers as well as the downstream inhabitants – are large enough, and insurance premiums may be calculated according to the individual risk of the insured landowner. Obligatory insurance against natural hazards can become a viable land policy. Clearly, land policy should achieve fairness of distributional effects besides economic efficiency (p. 69). As an advantage of insurance solutions, the damage that the landowners probably suffer does not burden the community. However, the numerous distribution means of land policy – especially the de-capitalization of land as a common resource of the society – are underestimated or even neglected in this study. This PhD thesis is mainly for the “Coase-fellows” (Ronald Coase) rather than for “Mill-fans”, who follow the ideas of John Stuart Mill. The author concludes that “everlasting clumsiness” is comparable with the Sisyphean task of keeping a ball uphill, seeking to raise a monstrous stone with both his hands. From this perspective, land policy – in view of coping with floods – has the task of the Leviathan. First, the problems occurring in areas used for housing have mainly to do with the creation of private property rights. Second, governing structures based on the creation and conceptualization of private property rights, enforced by external authorities, are neither always necessary nor optimal. Hartmann concludes that “policymaking, indeed society, has permanently to aim at granting access to all rationalities and try to respond to all rationalities” (p. 137). However, what is missing in this book is that (land) policymakers should not consider themselves as (polyrational) everybody’s darlings or private landowner’s best friends with the duty to always respond to the rationalities of private landowners. Why should policymakers follow this advice? Instead, policymakers have to achieve permanent dynamic balance between different common and communal property rights and tenure securities for urban and rural lands in floodplains beyond the 100%-private property rights solution, and should implement time-restricted leasehold tenure models including cooperatives for the non-landowners rather than caring too much about private landowners. Utilitarian justice, according to John Stuart Mill, should maximise the happiness of all in favour of the issues of justice and fairness, not mainly of the private landowners in floodplains. In a nutshell: Hartmann introduces the innovative concept “LATER” that focuses on the fate of the affected individual landowners involved in flood (insurance) solutions and situations, whereas the function and strength of the Leviathan for the planning of floodplain areas remain unclear and ineffective.

Fabian Thiel

 

 

 

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hg.): Steigende Verkehrskosten – bezahlbare Mobilität. Informationen zur Raumentwicklung 12.2009. Selbstverlag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Bonn 2009, € 6,-

Die Zeiten billigen und reichlichen Erdöls sind unbestritten vorbei, damit unweigerlich auch die Zeiten billigen Kraftstoffs. Gleichwohl wächst der Autoverkehr weiter und werden die Wege für alltägliche wie nichtalltägliche Aktivitäten immer länger, in der Stadt wie auf dem Lande. Heft 12.2009 der „Informationen zur Raumentwicklung“ zeigt die Schranken dieser Mobilitätsspirale vor dem Hintergrund des Peak Oil auf. Dabei arbeitet es vor allem die sozialen und räumlichen (Ungleichheits-) Folgen der notwendig sich verteuernden Mobilität heraus und kommt zu dem Schluss: Mobilität für alle in postfossilen Zeiten braucht dringend auch postfossile Lebens- und Siedlungsmuster. Die räumlichen Strukturen müssen mehr Nahmobilität ermöglichen – vor allem per Fuß und Fahrrad. Nicht nur in der Raum-, Siedlungs- und Verkehrspolitik ist daher ein schleuniges Umdenken angeraten, sondern auch im Mobilitätsverhalten aller.
Gerd Würdemann und Martin Held beschäftigen sich in ihrem Beitrag: „Das hochwertige Gut Mobilität und die kostbare Ressource Öl. Perspektiven der postfossilen Mobilität“ unter anderem mit der Frage der Sozialverträglichkeit der bisher auf den PKW orientierten Verkehrs-, Raum- und Stadtentwicklungspolitik. Damit rücken die Autoren verstärkt soziale Folgen stark steigender Verkehrskosten sowie die mögliche Ausgrenzung von Mobilitäts- und damit Teilhabechancen in das Blickfeld. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Raum- und Siedlungsstrukturen zügig und nachhaltig effizienter zu gestalten sind.
Jörg Schindler kommt in seinem Artikel: „Erdöl billig & reichlich. Der Erfolg des heutigen Verkehrs zehrt seine eigenen Voraussetzungen auf“ zu dem Ergebnis, dass Mobilität in Zukunft nur durch den Übergang vom fossilen Verkehr zu einer postfossilen Mobilität gesichert werden kann.
Michael Wegener ist sich in seinem Beitrag: „Die Dialektik von Nähe und Ferne“ sicher, dass mit geeigneten Kombinationen von Verkehrs- und Flächennutzungsmaßnahmen erhebliche Verringerungen der Treibhausgasemissionen des Stadtverkehrs ohne unannehmbare Verluste an Lebensqualität erreicht werden können.
Carsten Gertz und Sven Altenburg stellen in ihrem Artikel: „Chancen und Risiken steigender Verkehrskosten für die Stadt- und Regionalentwicklung“ die wichtigsten Strategien dar, die eine siedlungsstrukturelle Anpassung einleiten und begleiten können mit dem Ziel eine postfossile Mobilitätskultur zu fördern.
Christian Holz-Rau fordert in seinem Beitrag: „Raum, Mobilität und Erreichbarkeit – (Infra-) Strukturen umgestalten?“ Rahmensetzungen, damit die Raum- und Verkehrsakteure nach neuen und kürzeren Wegen suchen und die zahlreichen Potenziale der Verbrauchsminderung und Verkehrssparsamkeit nutzen.
Caroline Stöhr nennt in ihren Ausführungen zum Thema: „Verträglicher Alltagsverkehr ohne Auto. Mobilität bezahlbar, gesund und individuell“ Hintergründe und zeigt aktuelle Trends sowie zukünftige Herausforderungen, Chancen und Wege für eine nachhaltige Mobilität auf.
Steffi Schubert kommt in ihrem Beitrag: „Steigende Verkehrskosten – soziale und räumliche Dimension“ zu dem Ergebnis, dass Mobilität neu gedacht und ein Wechsel von der Verkehrspolitik hin zur zukunftsfähigen postfossilen Mobilitätspolitik vollzogen werden muss.
Der Anhang der Publikation enthält einerseits Auszüge aus der Publikation: „Postfossile Mobilität – Wegweiser für die Zeit nach dem Peak Oil“ sowie den Auszug aus einem Interview mit Robert L. Hirsch zur „Hinhaltetaktik beim Peak Oil“

Thomas J. Mager




Bremer, Hanna: Geoecology in the Tropics with a Database on Micromorphology and Geomorphology. 337 pp., 132 figs. and 91 tabs. Zeitschrift für Geomorphologie NF 54, Suppl. Issue 1. Gebrüder Borntraeger, Berlin, Stuttgart 2010, € 139,-

Vor 50 Jahren hat Hanna Bremer ihre Forschungen zur Geomorphologie und Geoökologie der Tropen begonnen, die den Fundus des vorliegenden Werkes bilden. Es gehen darin nicht nur die Feldbeobachtungen und -befunde von zwölf ausgedehnten Forschungsreisen ein, sondern als Erkenntnisbasis dient ganz besonders auch die von ihr mit ihren Mitarbeitern aufgebaute und seit 1992 mehrfach vorgestellte Kölner Regolith-Datenbank. Deren Daten von über 1.200 Proben erfassen bis zu 30 Parameter der Feldbeobachtung und vor allem der Laboranalyse, insbesondere mit Hilfe von Dünnschliffen. Damit wird die Grundlage für die von Hanna Bremer geforderte integrierte Arbeitsmethode gelegt, in der so viele Geofaktoren wie möglich miteinander in Beziehung gesetzt und Feld- und Laborbefunde verknüpft werden sollen. Die große Probenzahl erlaubt eine statistische Bearbeitung der Daten und damit z.B. auch die Ermittlung von Durchschnittswerten, was für verallgemeinernde Aussagen wie im vorliegenden Band von besonderer Bedeutung ist.
Die Geoökologie in den Tropen wird in diesem Buch im wesentlichen als Geoökologie des Regoliths verstanden; denn der Regolith als „Umsatzraum für viele geoökologische Prozesse“ (Bremer u. Sander 2006) ist nicht nur Untersuchungsgegenstand an sich, sondern umfasst in seinen Charakteristika zugleich eine Vielzahl von Indikatoren für das Verständnis der Einzelprozesse und ihres Zusammenwirkens. Die detaillierte Analyse aller bedeutsamen Prozesse unter Anwendung der integrierten Arbeitsmethode nimmt den Hauptteil des Buches ein. Dabei werden, beschränkt auf die Regionen der alten Schilde, sowohl die Gegebenheiten der tropischen Regenwälder wie die der Savannen berücksichtigt und vielfach in ihren Wirkungen verglichen.
Zwei Charakteristika des tropischen Regoliths werden als Ursachen entscheidender geoökologischer Prozesse herausgestellt: Zum einen das große Porenvolumen, das die schnelle subterrane Abfuhr vor allem gelöster Substanzen ermöglicht, deren Bedeutung für die Abtragung in den Tropen bisher unterschätzt wurde, so wie die Bedeutung der Abspülung überschätzt wurde. Zum anderen wird die Auskristallisation verschiedener Mineralneubildungen hervorgehoben, die zur Erhöhung der Stabilität des Regoliths sowie zur Zunahme der Korngröße und damit der Durchlässigkeit beiträgt. Damit wird zugleich eine Begründung für die schon früher (u.a. Wirthmann 1987) angenommene große Bedeutung des Lösungsabtrags mit subterraner Abfuhr in der Geomorphologie der feuchten Tropen  gegeben.
So erhält auch die hier vorgelegte Argumentationskette für die tropische Rumpfflächenbildung eine wichtige Verstärkung. Wichtigste Voraussetzung ist eine intensive Tiefenverwitterung, wie sie nur im tropischen Regenwald, und nicht etwa in der Savanne, möglich ist. Die Abtragung erfolgt subterran im Gebiet des Regenwaldes und führt zur Flächenbildung im Niveau des Meeresspiegels. Die Abspülung spielt dabei keine Rolle, sondern kann in den Savannen nur zur „traditionellen Weiterbildung“ der Flächen beitragen, deren Entstehung mindestens bis ins Alttertiär zurückreicht. Von Büdels Konzept der „doppelten Einebnungsfläche“ kann schließlich nur die Vorstellung von der Anlage von Inselbergen an der Verwitterungsbasis bestätigt werden, während kein anderes Modell die Inselberge erklärt. – Das Buch enthält keine umstürzenden neuen Erkenntnisse, aber es trägt erheblich zur Absicherung bekannter Aussagen bei. Und trotz aller in diesem Buch dokumentierten Fortschritte bleiben in der Geoökologie der Tropen noch viele Forschungsfragen zu bearbeiten.
Hier wird kein Lehr- oder Handbuch vorgelegt, aber das Buch beinhaltet eine so große Fülle von Material und Gedanken, dass es zum Nachschlagen einlädt. Da wäre es erfreulich gewesen, wenn der Verlag seiner Autorin und ihren Lesern zusätzlich zum sehr detaillierten Inhaltsverzeichnis ein Register gegönnt und damit die Nutzbarkeit des Buches verbessert hätte.

Jürgen Hagedorn




Wieger, Axel: Beneluxstaaten. XIV und 226 S., 143 farb. Abb. und 33 Tab. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, € 39,90 / sFr 67,-

Wenn man bedenkt, dass der niederländische Hafen Rotterdam hinsichtlich seiner Deutschland-bezogenen Umschlagszahlen der größte „deutsche“ Seehafen ist, dass Belgien als Föderalstaat schon seit vielen Jahren in politisch-geographischen Selbstdemontageprozessen unterwegs ist und Luxemburg als Medien- und Finanzstandort schon seit den 1970er Jahren internationale Ausstrahlungseffekte besitzt, scheint die Beschäftigung mit den Benelux-Staaten in einer geographischen Landeskunde naheliegend.
31 Jahre nach der 1977 von Herrmann Hambloch ebenfalls in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft verfassten Landeskunde legt Axel Wieger, tätig am Geographischen Institut der RWTH Aachen und damit mit seinem Forschungsstandort unmittelbar an zwei der drei Beneluxstaaten angrenzend, 2008 ein neues, den veränderten Ansprüchen an eine Landeskunde Rechnung tragendes Standardwerk zur regionalgeogaphischen Betrachtung dieses Raumes vor. Auf insgesamt 226 Seiten, illustriert mit 143 Abbildungen (Photos, Grafiken, Karten) und 33 Tabellen stellt der Verfasser – angepasst an den modernisierten landeskundlichen Ansatz der Darmstädter Buchgesellschaft – eine umfassende, zeitgemäße Landeskunde vor.
Der Aufbau folgt nachvollziehbaren Strukturen, indem er mit naturräumlichen Grundlagen (unter besonderer Beachtung des raumprägenden Faktors Wasser für die Niederlande) und anschließenden historisch- und politisch-geographischen Einordnungen beginnt (die am Schluss mit Bezügen zur aktuellen föderalstaatlichen Zerfallsprozessen in Belgien aufgegriffen werden). Systematisch werden dann die bevölkerungs-, siedlungs- und wirtschaftsgeographischen Strukturen, Funktionen und Prozesse in den Beneluxstaaten betrachtet, wobei letztere – sachkonform – in einer differenzierten Betrachtung der drei Wirtschaftssektoren aufgegliedert werden.
Als außergewöhnlich gelungen – und damit ist keinesfalls eine abschwächende Bewertung der übrigen Ausführungen verbunden – müssen die Darstellungen zu den städtischen und ländlichen Siedlungsstrukturen aufgeführt werden. Hier spiegelt sich das besondere Forschungsinteresse Axel Wiegers wider, der sich bereits in seiner 1976 verfassten Dissertation mit dem Siedlungsgefüge in der belgischen Condroz beschäftigt hat und seitdem kontinuierlich über die Beneluxstaaten geforscht (und gelehrt) hat.
Ebenfalls zu erwähnen ist die hervorragende kartographische Darstellungsleistung, vom Aachener Institutskartographen Hans-Joachim Ehrig erbracht, die sich keinesfalls nur auf Übersichtsdarstellungen in Kartogrammform auf Staatsebenen beschränkt, sondern gerade in einer Vielzahl von höchst instruktiven kartographischen Einzelaufnahmen (beispielsweise auf S. 81 zum Stadtumbau in Utrecht oder auf S. 103 zur funktionalräumlichen Nutzung des Kirchbergplateaus in Luxemburg) die Wichtigkeit sorgfältiger Kartierungen und Geländeaufnahmen – jenseits von GIS-Anwendungsmöglichkeiten – belegt. Hier zeigt sich sowohl im Kartenentwurf als auch in der kartographischen Realisierung höchste kartographische Kompetenz.
Die Zusammenfassung dreier Einzelstaaten in einer Länderkunde stellt jeden Verfasser vor das grundlegende Problem, wie stark er einerseits eine trennende Gegenüberstellung vornimmt oder andererseits zusammenhängenden Betrachtungen mit vergleichenden Bezügen und Verflechtungsmustern den Vorzug gibt. Axel Wieger hat sich überwiegend für den ersten Ansatz entschieden, so dass entsprechende Aspekte der Verflechtungsbeziehungen innerhalb der Beneluxstaatengruppe, grenzüberschreitende Aspekte beispielsweise nach Deutschland oder Frankreich (dieser Kritikpunkt sei dem Rezensenten zugstanden, da er darüber selbst arbeitet) sowie die Bedeutung der Beneluxstaaten für Europa (abgesehen von den Ausführungen auf S. 49ff.) allenfalls eine nachgeordnete Rolle spielen. Diese Punkte – sie zeigen nur die Komplexität einer wünschenswert allumfassenden landeskundlichen Betrachtung auf, die dann aber verlegerischen Restriktionen geschuldet ist – schmälern keinesfalls die Leistung des Verfassers.
Axel Wieger hat eine höchst anregende, lesenswerte, kompetent verfasste, differenzierte Betrachtung des Benelux-Raumes vorgelegt, die hoffentlich – auch in der deutschsprachigen Geographie – den vielfach unterschätzten Betrachtungswert dieses Staatenverbundes erhöht.

Rudolf Juchelka

 

 

 

 

Ellenberg, Heinz und Leuschner, Christoph: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. 6., vollst. neu bearb. und stark erw. Aufl. XXIII und 1334 S., 716 Abb. und 203 Tab. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2010, € 99,-

Nach vierzehn Jahren erscheint eine Neuauflage von Ellenbergs Klassiker, die derart viele Veränderungen beinhaltet, dass von einer vollständig neu bearbeiteten und umfassend erweiterten Auflage gesprochen werden kann. Ein solch etabliertes Standardwerk wie „den Ellenberg“ neu zu bearbeiten ist ein mutiges und durchaus risikoreiches Unterfangen, das Christoph Leuschner mit Bravour gemeistert hat. Es ist ihm nicht nur gelungen, das Charakteristische des Ellenbergs zu bewahren, sondern auch um Wichtiges und Neues zu erweitern. Dadurch hat das insgesamt über 1300-seitige Werk sich gegenüber der vorangegangenen Auflage um ca. 300 Seiten, 280 neu aufgenommene Abbildungen und 100 neue Tabellen vergrößert. Der qualitativ ohne Zweifel hochwertige Zugewinn geht auch darauf zurück, dass zur Erstellung des Werkes zusätzlich zu den bisherigen 2800 Literaturquellen fast noch einmal so viele (2500) neue Literaturquellen für die Bearbeitung des Werkes herangezogen wurden. Sie sind ein selbstredender Beleg dafür, mit welcher wissenschaftlichen Sorgfalt sowie Liebe zum Detail und zur Vollständigkeit der aktuelle Kenntnisstand zur Vegetation in Mitteleuropa aufgearbeitet wurde.
Dem Kenner des Ellenbergs fällt sofort die veränderte Gliederung ins Auge. Hier stehen zwar nach wie vor die Vegetationseinheiten Mitteleuropas als Hauptkapitel im Zentrum, nun allerdings mit einer einheitlicheren inneren thematischen Struktur versehen. Diese stärkere Strukturierung erlaubt eine wesentlich bessere Orientierung im Werk. Viele der Hauptkapitel wurden insbesondere um die Inhalte Populationsökologie, Vegetationsdynamik und Menschlichen Einfluss erweitert. Beibehalten wurde die traditionell unterschiedliche Gewichtung der Vegetationseinheiten Mitteleuropas: Die Wälder werden berechtigterweise mit 340 Seiten sehr umfangreich dargestellt, urbane Vegetation und Ruderalfluren trockener Standorte sind dagegen mit jeweils nur zehn Seiten unterrepräsentiert. Das schmälert aber in keiner Weise die verdienstvolle Leistung der vorangegangenen und aktuellen Auflage des Werkes, Ökosysteme aus botanisch-vegetationsökologischer Sicht ganzheitlich in ihren komplexen Zusammenhängen darzustellen. Trotz der Fülle an Detailinformationen geht nie der Blick für das Große, Ganze und Wesentliche verloren.
Die Neuauflage des Ellenbergs ist ein Lehrbuch im klassischen Sinne, d.h. sowohl fortgeschrittene Studierende als auch Fachkollegen können damit arbeiten. Um Nutzen aus dem geballten vegetationsökologischen Wissen, das hier vorbildlich aufgearbeitet und präsentiert wird, ziehen zu können, bedarf es gewisser fachlicher Grundkenntnisse. Das Buch ist sicher keine Lightversion to go für Bachelorstudierende, erhebt aber auch in keinem Moment den Anspruch, eine solche zu sein. Es bleibt konkurrenzlos das Standardwerk zur Vegetation in Deutschland und Mitteleuropa, an dem niemand, der sich wissenschaftlich oder beruflich mit der Vegetation in Mitteleuropa auseinandersetzt, vorbeikommt.
Das neue Lehrbuch trägt so deutlich auch die wissenschaftliche Handschrift Leuschners, so dass es mit Fug und Recht in Zukunft als „der Ellenberg-Leuschner“ bezeichnet werden kann und muss.

Thomas Schmitt




Burckhardt, Johann Ludwig: Durchs Heilige Land nach Petra und zur Halbinsel des Berges Sinai. Hrsg. von Uwe Pfullmann. 214 S. und 33 Tab. Edition Morgenland 5. trafo verlag, Berlin 2010, € 36,80

Die von Uwe Pfullmann in der Reihe „Edition Morgenland“ bearbeiteten, kommentierten und herausgegebenen Berichte früher Forschungs- und Entdeckungsreisender sind mittlerweile zu einem fest etablierten Bestandteil jeder historisch und kulturgeschichtlich fundierten Beschäftigung mit Ländern des Nahen Ostens geworden. Mit dem Ziel, sie einer breiteren Öffentlichkeit leicht zugänglich zu machen, erschienen in der Schriftenreihe bisher die Reiseberichte von Georg August Wallin über seine Reisen in Arabien (Bd. 1), über das Land Midian von Richard Francois Burton (Bd. 2), über die Reisen durch die Landschaft Hadramaut von Adolph von Wrede (Bd. 3) und über Maurice Tamisiers Reisen in den Hochländern Arabiens (Bd. 4; s. Dittmann 2009). Darüber hinaus hat sich Pfullmann jedoch auch durch eine Vielzahl weiterer Orientbücher einen Namen gemacht, wozu insbesondere die Biographie von Ibn Saud sowie das „Entdeckerlexikon Arabische Halbinsel“ gehören. Bereits 1994 hatte Pfullmann Burckhardts Reisebericht „In Mecka und Medina. An den heiligen Stätten des Islam“ kommentiert und herausgegeben. Der nun anzuzeigende Band beschäftigt sich mit den Reisen Burckhardts in Syrien und den Hochländern Jordaniens mit der Entdeckung der Felsenstadt Petra sowie mehreren Reisen über die Halbinsel Sinai bis nach Kairo. Die Neuauflage ist gegenüber dem 1050 Seiten umfassenden und in zwei Bänden 1823 unter dem deutschen Titel „Reise in Syrien, Palästina und der Gegend des Berges Sinai“ erschienenen Original erheblich gekürzt.
Der 1786 in Lausanne geborene Johann Ludwig Burckhardt entstammte einer Patrizierfamilie aus Basel, verbrachte eine von Sorgen und materiellen Nöten weitgehend freie Jugend, in der ihn schon früh die Entdeckungsgeschichten von James Cook faszinierten, und studierte in Leipzig, Göttingen und London Philosophie, Arabische Sprache und Kultur, Mineralogie, Biologie und Medizin. Als Mitglied der britischen “African Association”, einem wichtigen Instrument der Vorbereitung der kolonialen Durchdringung Afrikas, hoffte er, sich an maßgeblichen Entdeckungen auf dem afrikanischen Kontinent beteiligen zu können. Seine ersten Forschungsreisen führten in über Aleppo, Damaskus und den Hauran in Syrien in die die Hoch­länder Jordaniens, wo er am 22. August 1812 die in Europa bereits seit langem in Vergessenheit geratene ehemalige Nabatäer-Hauptstadt Petra wieder fand. Diese Entdeckung zählt bis heute zu den herausragenden Leistungen Burckhardts. Seine Beschreibungen der geheimnisvollen Felsenstadt, die Schilderungen der versteckten Lage und der vielen Grabanlagen der seit Jahrhunderten nicht mehr bewohnten Stadt faszinierten in Europa eine breite Leserschaft und inspirierten so manchen Reisenden dazu, in Burckhardts Fußstapfen Vergleichbares zu versuchen. Unter ihnen ist Alois Musil als einer der erfolgreichsten anzusehen, auch wenn es ihm schließlich auf politischer Ebene nicht gelang, am Vorabend des ersten Weltkrieges Araber und Osmanen miteinander zu versöhnen. Burckhardt hatte das Glück vom ägyptischen Pascha Mohammed Ali protegiert zu werden und konnte so, inzwischen zum Islam konvertiert, in Arabien auch Mekka und Medina besuchen. In Afrika unternahm er zwei Reisen nach Oberägypten und Nubien, konnte aber seinen großen Traum, die Sahara von Kairo aus mit einer Fezzan-Karawane zu durchqueren, nicht mehr erfüllen. Er starb 1817 in Kairo, wo er unter seinem arabischen Namen, Sheikh Ibrahim Ibn Abdallah, beigesetzt wurde. In seinem Testament hatte er die 350 Feldbücher seiner Reiseaufzeichnungen der Bibliothek der University of Cambridge vermacht. Bis heute ist nur ein Teil davon veröffentlicht worden.
Wichtig sind vor allem Burckhardts Beschreibungen von Petra und die Beobachtungen zum Beduinentum auf der Sinai-Halbinsel. Hier faszinierte ihn vor allem die Überlebensgeschichte des Katharinenklosters am Moses-Berg. Einem Firman-Schutzbrief für das Kloster, den der Prophet Mohammed angeblich per Handabdruck besiegelt haben soll, maß er allerdings dennoch keinen Echtheitswert zu und fand auch sonst nur wenig Lobenswertes zu Ordnung und Systematik in der Bibliothek des Klosters. Unter den Beobachtungen Burckhardts, die bis heute von besonderer Relevanz für aktuelle Forschungen sind, gehören seine Aufzeichnungen zur Felsbildkunst des Sinai. An verschiedenen Rastplätzen entlang seit Jahrhunderten begangener Karawanenrouten und Reisewege hat er solche mehrfach vorgefunden und – oft unter Zeitdruck – beschrieben. Teilweise handelte es sich dabei um die gleichen Fundstellen, die vor ihm bereits der Orientreisende Carsten Niebuhr dokumentiert hatte. Burckhardt hat sich nur selten der Mühe unterzogen, größere Umzeichnungen solcher Felsgravierungen anzustellen und hat vorzugsweise dort, wo er eine Schrift oder schriftzeichenähnliche Gravierungen vorfand, diese teilweise umgezeichnet. Der mit vielen Sprachen vertraute und fließend Arabisch sprechende Forscher konnte die damals noch nicht entzifferte nabatäische Schrift nicht lesen, hat sie aber teilweise vorbildgetreu von Felsen umgezeichnet (S. 188). In der Wiederauflage der Edition Morgenland sind teilweise leider nur die Anfangszeichen einiger Zeilen (S. 105) oder umgezeichnete Wasm (= arab. Stammesbesitzzeichen) wiedergegeben (S. 121). Wichtiger als die Umzeichnung von Felsbildern und -inschriften ist für die aktuelle Diskussion um die Altersbestimmung sinaitischer Petroglyphen jedoch Burckhardts Beobachtung, dass zu seiner Zeit die Beduinen des Sinai noch mehrfach die Anfertigung von einfachen Ritzzeichnungen als Felsbilder praktizierten (S. 121). Die Felsbildkunst existierte also – wenn auch in einer künstlerisch besonders einfachen Form – noch bis in geschichtliche Zeiten – eine Feststellung, die im Sinai später nur noch für einige wenige Bereiche und Anlässe festgestellt werden konnte (Dittmann 1988, 1989). Die Mehrzahl der von Burckhardt dokumentierten Felsbildfundstellen gehört den später von Anati chronologisch eingeordneten Sinai-Felsbildstilen III und IV an und ist damit leider zu jung, um für paläoklimatische Rekonstruktionen früherer Umweltverhältnisse ausgewertet werden zu können. Burckhardt misst ihnen – ebenso wie Niebuhr – keine besondere kunsthistorische Bedeutung bei. Er interpretiert die überwiegende Mehrzahl der dargestellten Motive als „Bergziegen“ oder „wilde Ziegen“, während man heute sowohl für den Sinai, die ägyptische Eastern Desert und den Hedschas davon ausgeht, dass es sich überwiegend um Gravierungen des Nubischen Steinbocks handeln dürfte, die zwischen 500 v. Chr. und 1500 n. Chr. entstanden.
Dem heutigen Leser der überarbeiteten und stark gekürzten Wiederauflage erscheinen die Aufzeichnungen Burckhardts hier und da naturgemäß nicht ganz komplett. So ist beispielsweise auf S. 105 die Rede von durchnummerierten Inschriften (Nr. 11, 12 und 13), welche sich im Edition Morgenland-Band jedoch nicht wiederfinden lassen und es wird auch Niebuhr mit „im ersten Bande, Tab. L.“ zitiert, ohne dass Niebuhrs Werke im Literaturverzeichnis aufgeführt sind. Allgemein leiden gekürzte Wiederauflagen historischer Reiseberichte unter drucktechnischen und verlegerischen Zwängen, die u. a. dazu führen, dass die auch in den Originalen schon nur schwer lesbaren (wenn überhaupt noch vorhandenen) alten Karten durch Verkleinerung ins Druckformat die Grenzen des Entzifferbaren hinter sich lassen. Dies ist besonders bedauerlich, stellen doch die alten Entdeckerkarten – damals wie heute, häufig den Hauptwert der alten Reiseberichte dar. Insgesamt aber wird ein sauber ediertes Werk vorgelegt, das schon aus Gründen der leichten Handhabbarkeit und der verbraucherfreundlichen Anhänge, vor allem aber wegen der kompetenten Auswahl der wichtigsten Textstellen in jede – nicht nur entdeckungsgeschichtlich orientierte – Bibliothek gehört.

Andreas Dittmann

 

Literatur

Anati, E. (1981): Felsbildkunst im Negev und auf Sinai. Bergisch-Gladbach.

Dittmann, A. (1988): Als die Wüste Weide war. In: Jahrbuch 1987 der Marburger Geographischen Gesellschaft. Marburg, 112–118.

– (1989): Paläogeographie und Petroglyphen. Frankfurter Geowissenschaftliche Arbeiten 25. Frankfurt, 43–73.

– (2009): Buchbesprechung:„Tamisier, Maurice: Reise in den Hochländern Arabiens“. In: Erdkunde 63 (1), 86.

Niebuhr, C. (1778): Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern. 2 Bde., Kopenhagen.

Pfullmann, U. (Hg.) (1994): Johann Ludwig Burckhardt: In Mecka und Medina. An den heili­gen Stätten des Islam. Berlin.




Müller, Christa (Hg.): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. 349 S. und zahlr. Farbphotos. oekom verlag, München 2011, € 19,95

Urban Gardening ist omnipräsent in den Medien – von niedersächsischen Lokalradiostationen bis hin zu einer mehr als 20 Artikel umfassenden Themenseite der ZEIT ONLINE. Es ist zweifelsohne eines der angenehmsten, friedlichsten und potentiell konsensfähigsten unter den grünen Themen unserer Zeit. Einen in diesem Kontext außerordentlich breit diskutierten Beitrag zur Urban Gardening-Diskussion liefert das vorliegende, von Christa Müller herausgegebene Werk, das 22 Aufsätze von 26 Autoren beinhaltet und sich in vier Kapitel gliedert.
Die Herausgeberin ist Soziologin und führt die Geschäfte der in diesem Feld wohl bekannten Stiftung Interkultur, deren Ziel die Förderung, Vernetzung und Erforschung interkultureller  Gemeinschaftsgärten ist. Die anderen Autorinnen und Autoren stammen aus unterschiedlichen Disziplinen und haben mit ihren jeweiligen Perspektiven und Expertisen die Aufgabe, das Thema in seiner Komplexität verschiedenartig zu beleuchten und Bezüge herzustellen (vgl. S. 10). Dabei soll die Diagnose gewagt werden, „dass in den westlichen Großstädten ein neues Verständnis von Urbanität entsteht und die »neuen urbanen Gärten« mit ihren Kulturen des Selbermachens und der Re-Etablierung von Nahbezügen hierbei eine Vorreiterrolle spielen.“ (ebd.) Das Ziel ist hoch gesteckt.
Nach zwei einführenden Beiträgen von Christa Müller und Karin Werner, die einen Bogen von der Bandbreite an Formen des Urban Gardening über alternative Ernährung und Entschleunigung bis hin zur Kommunalpolitik schlagen, widmet sich Cordula Kropp der postmodernen Überwindung von funktionsräumlichen Gegensätzen, die sich in der städtebaulichen Moderne manifestiert haben. Anschließend beschäftigt sich Niko Paech in einem sehr lesenswerten Beitrag mit Postwachstums-Ökonomien und nimmt damit tatsächlich eine Perspektive jenseits des Mainstreams ein. Der Beitrag von Bastian Lange zur „kreativen Stadt“ kennzeichnet sich hingegen durch seine äußerst periphere Bezugnahme auf die Urban Gardening-Diskussion. Die folgenden Beiträge greifen verschiedene Aspekte, wie beispielsweise die Nutzung öffentlicher Räume, heraus und diskutieren diese an Hand verschiedener Fallbeispiele. Erst das dritte Kapitel „Die Lebendigkeit des Gartens: Ein lebenswissenschaftliches Plädoyer“, das mit einem einzigen Beitrag gefüllt wird, sticht heraus: Andreas Weber macht sich Gedanken zu Gärten und Menschen und erarbeitet dabei folgende These: „Das Paradies, so lernen wir im Garten, das Paradies gehört dem Menschen – wenn er es nicht zu beherrschen sucht, sondern sich unauffällig, lauschend, antwortend daruntermischt.“ (S. 249). Nüchterner nähert sich Veronika Bennholdt-Thomson der „Ökonomie des Gebens“ an und setzt der „sinn(lich)entleerten industriellen“ Nahrungsmittelproduktion die „lebendige Kraft der Natur“ argumentativ entgegen (S. 257). Den vier Autoren des darauf folgenden Aufsatzes zu Guerilla Gardening, Ella von der Haide, Severin Halder, Julia Jahnke und Carolin Mees, gelingt ein ausgesprochen guter Überblick über Begrifflichkeiten und Inhalte des in Deutschland noch sehr jungen Phänomens. Auch Daniela Kälbers Beitrag über die urbane Landwirtschaft in Kuba und die dortige, explizite Förderung durch die Politik ist äußerst interessant, da die bisherige Orientierung auf die New Yorker Community Gardens um eine lateinamerikanische Perspektive erweitert wird. Dass Urban Gardening auch ein Teil der jungen wie ambitionierten Transition Town-Bewegung sein kann, wird beim Aufsatz von Martin Held erläutert. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die entstehungsgeschichtlich orientierte Typologie von Community Gardens in Berlin von Elisabeth Meyer-Renschhausen, die von Schrebergärten, Hausbesetzer-Gärten, Kinderbauernhöfen bis hin zu modernen Gemeinschaftsgärten amerikanischen Vorbilds reicht.
Das Ziel, möglichst viele Einblicke in die Thematik zu gewähren, wurde erfüllt. In seiner Gesamtheit stellt das vorliegende Werk ein essayistisches Potpourri dar, das multiperspektivisch, exemplarisch und fast ausschließlich deskriptiv das Urban Gardening verhandelt. Viele illustre Fallbeispiele reihen sich aneinander, kurze Chronologien der Entstehung einzelner Gärten, die hinsichtlich ihrer Größe, Lage und beteiligten Akteure, deren Ideale, Motive und Probleme variieren und damit die ganze Vielfalt und Komplexität des Themas skizzieren. Eine analytische Sicht ist nur vereinzelt zu erkennen, beispielsweise bei Niko Paech und Elisabeth Meyer-Renschhausen. Auch auf Tabellen und Grafiken wird weitestgehend verzichtet, dafür enthält das Buch mehrere illustrative Farbphotographien.
Zwar wird das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Akzentuierungen diskutiert, allerdings weisen die Beiträge, über das Gesamtwerk betrachtet, eine latente bis quälende Redundanz auf. Dass Urban Gardening für Gesundheit, lebenswerte Städte, sozialen Zusammenhalt, Lebensqualität, Entschleunigung und die Auflösung von Gegensätzen steht, lässt sich de facto in jedem Beitrag, teilweise mehrfach, nachlesen. Dass sich Urban Gardening häufig gegen den Kapitalismus, die Agrar- und Saatgutindustrie, das Diktat des Konsums, die Schnelligkeit, die Globalisierung und Ausgrenzung sozialer Gruppen richtet, fügt sich ebenfalls in eine argumentative Möbiusschleife ein.
Vereinzelt werden Probleme mit Behörden und Grundstückseigentümern skizziert, genauere Einsichten in die vielschichtigen Problemlagen gibt es allerdings kaum. Stattdessen werden die vielen positive Effekte des städtischen Gärtnerns immer wieder aufgezeigt und es wird ein Bild gezeichnet von grüneren, bunteren, sozialeren und glücklicheren Städten. Urban Gardening erscheint als ein Allheilmittel, das wie eine Naturmedizin gegen unzählig viele Symptome eines (aus ganzheitlicher Perspektive) kranken Systems gleichzeitig wirkt. Auch wenn der Rezensent diese Auffassung persönlich sehr gerne teilt, ist es doch die wissenschaftliche, gewissermaßen schulmedizinische, Objektivität, die häufig fehlt und den Gesamteindruck trübt.
Dabei wird mehr als einmal deutlich, wie sich die Motive überlagern – sowohl bei den GärtnerInnen als auch bei den AutorInnen des vorliegenden Bandes. Die persönliche Begeisterung für das Urban Gardening wird in vielen mehr oder weniger explizit deutlich: Während beispielsweise Carmen Dams „ein besonders sympathisches Projekt“ (S. 170) beschreibt, bekennen sich Ella von der Haide et al. direkt zu ihrem Zugang, der „sowohl privat-aktivistisch als auch wissenschaftlich-empirisch“ ist (S. 266). Diese Begeisterung überträgt sich auf geneigte LeserInnen und mag zur Weiterbeschäftigung mit dem Thema motivieren. Die gleiche Begeisterung könnte bei Lesern, die einen Anspruch auf Objektivität und Neutralität legen, zu Irritationen führen. Die Grenzen zwischen Forschern und Aktivisten sind fließend. Die Identifikation mit der Urban Gardening-Bewegung, ihre inspirierende Wirkung und ein immanenter Idealismus sind klar erkennbare Bestandteile der Kette, an der sich die meisten Beiträge aufreihen. Es ist fraglich, ob bei 22 Beiträgen nicht die eine oder andere kritische Sichtweise, empirische Belege für die zahlreichen positiven Wirkungen des Gärtnerns oder eine Systematisierung der Phänomene und Prozesse unterzubringen gewesen wäre.
Was die bisherige Debatte bisweilen kennzeichnet, ist die Unklarheit über Formen und Bezeichnungen dieser neuen Gartenbewegung. Allerdings leistet auch der vorliegende Band in diesem Bereich keine Pionierarbeit. Die unterschiedlichen, mehr oder weniger neuen Formen des Urban Gardening werden sogar gelegentlich gleichgesetzt: Gemeinschaftsgärten sind dann synonym mit Interkulturellen Gärten (S. 166, u.a.) oder auch mit Guerilla Gardening. Eine Entwirrung des begrifflichen Durcheinanders gelingt leider nicht. Lediglich in den Beiträgen von Ella von der Haide et al. und Elisabeth Meyer-Renschhausen lassen sich brauchbare Ansätze zur Begriffsdiskussion finden.
Positiv hervorzuheben ist, dass dieses Buch eine deutsche Diskussion auf breiter Front eröffnet und den Lesern einen sehr guten Überblick über die bisher vor allem amerikanische Diskussion bietet. Auch für die Publicity des Themas leistet es damit einen klar erkennbaren Wert. Durch die außerordentlich breite mediale Rezeption dieses Buchs wurde das Thema einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt erst bekannt, wovon perspektivisch sowohl die gärtnerischen Bewegungen als auch die begleitende Forschung profitieren könnten. Von dem etwas angestaubten und fragwürdigen Image des Obst- und Gemüseanbaus in Kleingärten emanzipiert sich dieses Werk und präsentiert anschaulich das moderne Urban Gardening als eine idealistisch-politische Strömung, die dem Zeitgeist weiter Teile der Gesellschaft entspricht. Urban Gardening strebt nach Höherem als der profanen Stillung des Hungers, so wie es das traditionell in Zeiten und Räumen des Mangels und der Not tat und tut.
Das vorliegende Werk ist mit Sicherheit einer der wichtigen Wegbereiter der deutschen Urban Gardening-Bewegung und Impulsgeber für mediale und fachöffentliche Diskussionen. Darüber hinaus liefert es zahlreiche Ansätze für weitergehende empirische Analysen, z.B. hinsichtlich den Möglichkeiten und Grenzen von Selbstversorgung und zivilgesellschaftlicher Stadtentwicklung und dem Umgang mit räumlichen Nutzungskonflikten. Unter dem Strich ist das vorliegende Werk eine multiperspektivische, essayistische Annährung an die Thematik, die sich primär an die interessierte Fachöffentlichkeit richtet und sekundär an Studierende und Wissenschaftler, die einen lebendigen Einstieg und Überblick in und über Urban Gardening suchen. Lesenswert ist es in jedem Fall.

Martin Sondermann




Belina, Bernd und Miggelbrink, Judith (Hg.): Hier so, dort anders. Raumbezogene Vergleiche in der Wissenschaft und anderswo. 283 S., 14 Abb und 19 Tab. Raumproduktionen: Theorie u. gesellschaftliche Praxis 6. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, € 29,90

So unscheinbar der Titel ist, der ohne seinen Untertitel „Raumbezogene Vergleiche in der Wissenschaft und anderswo“ bibliographisch wohl keine Aufmerksamkeit erregen würde, so komplex und in sprachlicher Hinsicht sperrig ist das Buch in seinen Inhalten. Manche Sätze versteht man erst nach mehrmaligem Lesen, weil Schachtelsätze, Klammer- und Bindestricheinschübe eine jedwede Relativierung der von den Autoren gemachten Aussagen absichern sollen. Die Semantik von Politökonomie, Soziologie und Gesellschaftsphilosophie tut ein Übriges, dass dieses Buch ein hinreichendes Vorwissen an Fachtermini bedarf.
In 12 Einzelbeiträgen wird an ganz unterschiedlichen Themen wie Hochschulrankings, Kriminalstatistiken, Ratings im Finanzsektor (mit besonders aktueller Note), vergleichender Stadtforschung, Immobilienmärkten und vergleichender Raumbeobachtung der Frage nachgegangen, wie, warum und durch wen „verglichen“ wird. Insbesondere interessieren sich die Herausgeber für die (Aus-) Nutzung von Vergleichen in der Praxis. Sie fragen weniger nach der Herleitung der Bedingungen des Vergleichs, sondern nach Sinn, Logik und Zugewinn, Vergleiche anzustellen. Wer instrumentalisiert entsprechende Vergleiche, in die eigene politische und ideologische Interessen einfließen? Welche Konsequenzen ergeben sich für jene daraus, die in solchen Vergleichen als „Verlierer“ fungieren? Ausgemacht werden vor allem „neoliberale Positionen“, die Vergleiche als „Mittel der Wettbewerbssteigerung“ einsetzen. Die Herausgeber haben hierfür Autoren gewonnen, die räumliche Vergleiche einer Fundamentalkritik unterziehen. Unter anderem gehen sie Fragen nach, was die Probleme von Raumtypisierung und -zuschnitten, Datenstrukturen, -validität und -aufbereitung anbelangt sowie auf Einflüsse, die die Raumeinheit beeinflussen, aber in dieser Einheit selbst nicht messbar bzw. hinreichend zu identifizieren sind. Die Beiträge sollen deshalb vor allem sensibilisieren, bewusstseinsbildend wirken und zur Relativierung einladen, wenn Raum-Zeit-Struktur-Prozess-Vergleiche vorgenommen werden, in denen zuweilen „Äpfel mit Birnen“ verglichen werden. Dass solche Vergleiche aber auch Herausforderung, Wagnis und Kompromissfähigkeit beinhalten, Daten und Sichtweisen zu bündeln, zu generalisieren, finanzierbar und überhaupt zugänglich zu halten, ist eine ganz andere Seite der Diskussion. Die „Lösung“, zu eher „individualisierenden, fallorientierten und holistisch angelegten Vergleichen“ (S. 274) im Sinne einer pfad- und kontextorientierten Logik überzugehen (zumindest in der vergleichenden Stadtforschung), scheint „heroisch“, macht aber jede Raumeinheit letztlich zu einem Unikum.
Dass der Titel damit eher ironisch-sarkastisch und bewusst „unwissenschaftlich“ gewählt wurde, um der Simplizität traditioneller Raumvergleiche auf den Grund zu gehen, eröffnet sich für den Käufer dieses Buches erst beim Lesen.

Ulrich Jürgens




Hepperle, Erwin; Dixon-Gough, Robert W.; Kalbro, Thomas; Mansberger, Reinfried and Meyer-Cech Kim (eds.): Core-Themes of Land Use Politics: Sustainability and Balance of Interests – Kernthemen der Bodenpolitik: Nachhaltige Entwicklung und Interessenausgleich. 404 S. Publication of the European Faculty of Land Use and Development. vdf Hochschulverlag ETH Zürich. Zürich 2011, € 49,- / sFr 64,-

Das vorliegende, von Erwin Hepperle et al. herausgegebene Buch ist ein sehr wichtiges und für alle Planungs- und Bodenpolitikinteressierten unbedingt zur intensiven Lektüre anempfohlenes. Es stellt eine umfassende, ertragreiche und interdisziplinäre Untersuchung zu den mannigfaltigen Fragen der nachhaltigen Entwicklung des kontinentaleuropäischen Raumes dar. Das 404 Seiten starke Kompendium, das die deutsch- und englischsprachigen Beiträge des 36. und 37. Symposiums der Europäischen Fakultät (nunmehr: Akademie) für Bodenordnung zusammenfasst, ist übersichtlich aufgebaut und durchweg sehr gut lesbar. Die Internationalität, die unterschiedliche fachliche Herkunft und das Spektrum der behandelten Themen macht zweifellos die Attraktivität des Buches aus. Die AutorInnen spannen fachlich den Bogen von Boden und nachhaltiger Entwicklung, Landreformen (z. B. in Slowenien, Litauen und Russland), informationellen GIS-Instrumenten zur Raumentwicklung, Risikomanagement (z.B. Hochwasserschutz; Naturgefahren), Leerstandsmanagement, Enteignungs- und Unternehmensflurbereinigungsfragen sowie Aspekte des Wohnungseigentums – pointiert auf den Punkt gebracht: „It’s all about land“. Bodenordnung, -gestaltung und -verwaltung im Verhältnis zur Raumentwicklung sind vielfältige und täglich aufs Neue herausfordernde Aufgaben für Wissenschaft und Praxis. Dem Verfasser dieser Rezension ist seit langem klar: Bodenpolitik – internationale zumal – ist ein ungemein spannendes Gebiet, was erst recht für die notwendige Bodenpolitik-Implementationsarbeit gilt. Trotzdem wird der Themenbereich Bodenpolitik von der breiten Öffentlichkeit hierzulande eigenartigerweise nach wie vor notorisch unterschätzt. Dass sich dies in naher Zukunft ändern könnte, wäre nicht zuletzt ein Verdienst der Publikationen der Europäischen Akademie für Bodenordnung, deren englische Bezeichnung „European Academy of Land Use and Development (EALD)“ die Aktivitäten und Forschungsgegenstände der Akademie m. E. nach weit besser zum Aruck bringt als ihr deutscher Name.
Die Monographie widmet sich folgenden übergeordneten Fragestellungen: Durch welche Instrumentarien können Private dazu gebracht werden, dass sie sich sozial- und naturverträglich verhalten zu Gunsten einer besseren Innenentwicklung in Stadt und Dorf, zum Schutz der Biodiversität und Klimaschutz? Welche Wege der Baulandproduktion und -distribution sind sinnvoll und also nachhaltig im Sinne dieser Monographie: Mehr Staat oder mehr Privat (oder nichts von beidem)? Wie können private Grundstückseigentümer stärker für Risikofrüherkennung etwa im Hinblick auf einen verbesserten Hochwasserschutz sensibilisiert werden? Dem aufmerksamen und verständigen Leser wird rasch klar, wer die Hauptverantwortung für den Boden- und Agrarflächenschutz und für eine nachhaltige Stadt- und Landentwicklung trägt: Es sind dies die privaten und öffentlichen Grundstückseigentümer. Die (Über-)Nutzung von Pedo-, Litho- und Hydrosphäre steht stets im permanenten und ungelösten Spannungsfeld zwischen Privat- und Gemeineigentum. Sie befindet sich vor allem im Fokus einer Property Rights-Analyse, die die unterschiedlichsten Formen von Eigentum (Privateigentum, Gemeineigentum, open-access-Situationen) an Grund und Boden mit einbezieht. Der Governance-Ansatz als Teil der Bodenpolitik besitzt sowohl für eine Ressourcen schonende Landnutzung (z. B. Verminderung der Baulandproduktion im Außenbereich) als auch für die Beantwortung der „Sozialen Frage“ eine sehr wichtige Bedeutung. Governance kann die Nutzung der Grundstücke im Stadt- und Dorfraum erheblich optimieren, ist aber an bestimmte Steuerungsvoraussetzungen und an die Zusammenarbeit mit den diversen Grundstückseigentümern geknüpft. In der Umweltpolitik ist die Diskussion über Regelungen zur Nutzung von Kollektivgütern (Common Property Resources; Commons) – anhand der Diskussion um die Handelbarkeit der Verschmutzungsrechte für die Atmosphäre – seit einiger Zeit entbrannt. Grund und Boden stellt ein Kollektivgut par excellence dar; diese wichtige Feststellung kommt bei den AutorInnen der Monographie bis auf wenige Ausnahmen (s. Beitrag R. Keleş) zu kurz. Bodenpolitik ist somit auch und vor allem Verteilungspolitik, die Sozialkapital, „Humanzuträglichkeit“ (s. Beitrag H. Lenk) sowie transitorische Güter sowohl zu Gunsten der Individuen als auch der Allgemeinheit erzeugt. Brillant, kritisch und gut lesbar auch die Beiträge von N. Volovitch et al., die sich mit der höchst fragwürdigen Bodenprivatisierung („Landreform“) und der Verwaltung öffentlicher Assets in Russland beschäftigen. Diese Diagnosen haben in zahlreichen Staaten der Erde uneingeschränkt Gültigkeit – man blicke etwa über die Grenzen von Kontinentaleuropa hinweg in die Schwellen- und Entwicklungsländer Asiens. Von einer nachhaltigen Landnutzung, geschweige denn von Armuts- und Konflikt minimierenden Bodenpolitiken und Landmanagement ist man dort gegenwärtig weiter denn je entfernt, trotz (oder vielleicht gerade wegen?) des zum Teil massiven Einsatzes öffentlicher Entwicklungshilfegelder zur Unterstützung von Landreformen oder Förderung von „Tenure Security“, was fatalerweise oftmals mit der Schaffung von Land-Privateigentum verwechselt wird. Zu diesem essenziellen Kernthema einer jeden globalen Boden- und Eigentumspolitik – nämlich die Zuspitzung auf die Frage und durchaus auch Entscheidung, ob Grund und Boden im Sinne der Nachhaltigkeit dauerhaft besser in Privat- oder aber in Gemeineigentum gehalten werden sollte – hätte ich mir klare(re) und auch provozierende Statements jenseits des allseits bekannten „sowohl als auch“ gewünscht. RaumwissenschaftlerInnen und BodenpolitikerInnen sollten indes zukünftig zu diesem Hot Spot der Boden- und Umweltpolitik Farbe bekennen. Nur Mut! Denn privates Grundstückseigentum ist fraglos nur höchst selten „humanzuträglich“, um die Formulierung von Hans Lenk erneut aufzugreifen. Von jener Einschränkung abgesehen, ist das Buch dennoch durch die Vielseitigkeit, Verständlichkeit und Aktualität seiner Beiträge sehr zur Lektüre empfohlen.

Fabian Thiel




Winter, Sara: “Ein alter Feind wird nicht zum Freund”. Fremd- und Selbstbild in der aserbaidschanischen Geschichtsschreibung. 161 S. und 6 Abb. Studien zum Modernen Orient 12. Klaus Schwarz Verlag, Berlin 2011, € 24,-

Buchbesprechungen von Buchbesprechungen sind eigentlich eher unüblich. Das von Sara Winter zur Rezension vorgelegte Werk macht aber schnell deutlich, dass die Komplexität der Analyse des Vorgestellten mehr Raum für Interpretationen notwendig erscheinen lässt, als im üblichen Rahmen normalerweise vorgesehen wird. Denn vorgestellt wird eine ebenso detaillierte wie kenntnisreiche Analyse des aserbaidschanischen Schulbuchs für das Fach Geschichte „Ata Yurdu“ (2006), welchem in gegenwärtigen hochdynamischen Prozess des Nation Building in Aserbaidschan zentrale Bedeutung zukommt.
Nach dem Ende des Kalten Krieges neu entstandene oder wieder neu erstandene Staaten eint im Rahmen der Nationenwerdung die problematische Aufgabe der Konstruktion bzw. Rekonstruktion von Geschichte und Territorialentwicklung. Dies gilt für den Balkanraum ebenso wie für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion und dort vor allem für die Länder, deren Territorialdefinitionen bis heute nicht unumstritten sind. Am Beispiel Aserbaidschans, das sich wegen der von Armenien verwalteten Enklave Berg-Karabach nach wie vor mit Armenien im Kriegszustand befindet, wird dies besonders deutlich.
Aserbaidschanische Staatsideeideologen sehen sich dabei einer dreifachen Herausforderung gegenüber: Es gilt zum einen, eine möglichst lange Zeit zurückreichende aserbaidschanische Geschichte zu konstruieren und diese möglichst sowohl mit ethnischen als auch territorialen Kontinuitätskonstruktionen zu belegen. Zum anderen will man aber auch einerseits die für den Zweck der ethno-nationalen Selbstidentifikation notwendige Abgrenzung von nicht-turkstämmigen Ethnien bzw. Nicht-Turkvölkern des Raumes bewerkstelligen, dabei aber andererseits gleichzeitig auch den notwendigen Abstand von einer als gefährlich erachteten pan-türkischen Vereinnahmung wahren. Zu den grundsätzlichen Problemen der Unvereinbarkeit solcher Ziele gesellt sich die Schwierigkeit hinzu, dass Aserbaidschans Regierung sich zwar eigentlich als fortschrittlich und friedliebend dargestellt wissen möchte, andererseits aber ihre Existenzberechtigung in wesentlichen Punkten erst aus dem Armenien-Konflikt und dem daraus erwachsenden permanenten Ausnahmezustand erhält und eine Aufrechterhaltung der Machtstrukturen – ebenso wie die Regierung Armeniens – überhaupt erst durch die Offenhaltung der Karabach-Frage gewährleistet sieht.
Schonungslos deckt die Autorin die Ungereimtheiten aserbaidschanischer Geschichtsschreibung, so wie sie im Ata-Yurdu-Schulbuch ausgeführt werden, auf. Als ein wesentliches Kennzeichen wird dabei das – auch mit anderen, vor allem jungen Staatsgebilden gemeinsame – Bestreben deutlich, die eigene Ethnogenese als besonders lang und kontinuierlich und die eigene Territorialentwicklung als besonders umfassend und groß darzustellen. Im Kapitel über das „Idealisierte Vaterland“ greift die zur Monographie gewordene Buchbesprechung von Winter in diesen Zusammenhang den zunächst viel versprechenden Aspekt der Instrumentalisierung von Karten und Kartenwerken auf, beschränkt sich aber leider vorwiegend auf die Wiedergabe von Analysen von Sergey Rumyantsev (2008) zum Thema ethnischer Territorien in postsowjetischen Staaten und verzichtet leider auf entsprechende Kartenbeispiele.
Insgesamt wird jedoch eine in ihrer Ausführlichkeit ebenso wie in der vorsichtigen Formulierung bei der Aufdeckung instrumentalisierender Geschichtsklitterung beeindruckende Studie vorgelegt, die einen wichtigen Beitrag zur Kaukasusforschung liefert.

Andreas Dittmann

 

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