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Book reviews 2011 [2]

Scholl-Latour, Peter: Die Angst des weißen Mannes. Ein Abgesang. 458 S. und 38 meist farb. Photos und Karten. Propyläen Verlag, Berlin 2009, € 24,90

Dass Herr Peter Scholl-Latour, dessen Feder der deutschsprachige Populärjournalismus ohnehin schon so viel Überflüssiges zu verdanken hat, sich auch noch zu diesem Abgesang auf die Vormachtstellung des „weißen Mannes“ hinreißen lassen musste, hängt sicher mit Komplettismusphantasien zusammen. Denn zum einen stellt das anzuzeigende Werk das dreißigste – und ggf. ja dann auch mal letzte – Buch des Sensationsjournalisten dar, zum anderen entstand es zu einem wesentlichen Teil aber auch, weil über Ost-Timor noch etwas geschrieben werden musste. Dieser Staat hatte es doch tatsächlich gewagt, unabhängig zu werden, nachdem Scholl-Latour seine Weltkomplettbereisung nach dem Motto „Ich war schon überall“ eigentlich abgeschlossen haben wollte. Ziel seiner Reisen, so vermutet DAS PARLAMENT (Nr. 53/2009), sei es vor allem auch gewesen, überall dort schon einmal hingereist zu sein, wo des Menschen Fuß schon mal war, und ergänzt, dazu hätte außer Ost-Timor nur noch „Peterchens Mondfahrt“ gehört. Entsprechend viel Raum widmet der Autor daher der kleinen, zur Komplettierung für ihn aber ungemein wichtigen Sunda-Insel im ersten von insgesamt 8 Hauptkapiteln, die wohl in Anlehnung an den portugiesischen Nationaldichter, Luis Vaz de Camões (und hoffentlich nicht mit Blick auf homerische Werke der Antike) nicht gerade bescheiden nicht als Kapitel, sondern als „Gesänge“ bezeichnet werden. Danach behandelt der Abgesang Bali, Ozeanien, Java, die Philippinen, China, Kasachstan und Kirgistan in einer Reihenfolge, die sich aus den Zufälligkeiten der Reiserouten des Journalisten ergibt.
Des Autors Ausführungen sind indes nicht ganz frei von „Enthüllungen“ ethnologischer Zu­sammenhänge, die auch wie früher bereits (Dittmann 2009, 394–395) leider auf Fälschungen und Bewertungen nicht ganz verzichten wollen. So schreibt er, dass nun „selbst die Mestizen“ Mittelamerikas ihr aztekisches Erbe bemerkt hätten, nennt den venezolanischen Staatschef, Chavez, einen Zambo, freut sich aber darüber, dass Boliviens Staatschef, Evo Morales, noch ein „reiner Indianer“ (S. 435) sei und betont dabei beruhigend, dass Indien weiterhin stabil sei, „trotz der zunehmenden Aufsässigkeit von 150 Millionen Muselmanen“ (S. 434), wobei er sich noch nachträglich darüber freut, wie Frauen der französischen Touamotou-Inseln im Pazifik „ihre goldbraunen Hüften in suggestiverem Rhythmus zu bewegen verstanden als jede orientalische Bauchtänzerin“ (S. 126). Interessant bis entlarvend sind auch die Informationen, die der „letzte Welterklärer“ (DER SPIEGEL) über seine Familie ins Werk einfließen lässt: So erfährt der Leser, dass die Küstenwache der Malediven doch sehr unfreundlich sei, hatte sie doch seinem Sohn auf dessen Weltumsegelungsboot die Kalashnikov konfisziert, obgleich diese ihm der fürsorgliche Herr Papa doch noch extra „bei Freunden in Beirut“ besorgt hatte. Erschreckend ist ja nicht allein, dass Scholl-Latour heutzutage so etwas schreibt, sondern dass populäre Klischees dieser Art eine breite und dankbare Leserschaft finden, seine Polit- und Ethnoplattitüden haben ihn schließlich zu „Deutschlands erfolgreichstem Sachbuchautor gemacht“ (PROPYLÄEN Verlag) – wahrscheinlich gleich nach Karl May.
Wirklich erschrecken den weitgereisten Journalisten aber die evolutionären Untergangsszenarien von Speziesveränderungen wie „Fettleibigkeit – selbst in China“, oder „androgynem Wuchs bei Frauen“ (S. 447), die seelische Verwundung von Soldaten, die nie „im Feuer standen“ und sogar das Ausschalten von „gewissen Hirnfunktionen“ durch eine Zunahme verweichlichender elektronischer Kriegsführung (S. 448).
Düstere Prophezeiungen und schreckliche Weltuntergangsszenarien ist man ja in mehrfachem Sinne vom „letzten Welterklärer“ gewöhnt, was ihn jedoch aktuell erschreckt, bleibt diffus. Der Zerfall der ehemaligen Kolonialreiche von Frankreich und Großbritannien, die zunehmende Hispanisierung Nordamerikas und die Verlagerung zukünftiger Weltbedeutung auf den pazifischen statt atlantischen Raum allein können es nicht sein. So dass der Verdacht des TAGESSPIEGEL (8.2.2010), es könne auch die Furcht vor dem Verschwinden und vor allem dem Vermischen der weißen Hautfarbe sein, nicht als ganz unzutreffend abgetan werden kann. Dafür spricht vor allem die eigentlich geniale Parallelisierung des Verschwindens der Vorherrschaft des weißen Mannes mit dem Untergang des portugiesischen Kolonialreiches, die sich wie ein roter Faden durch den Abgesang zieht. Folgerichtig sieht der Journalist im Farbengemisch der brasilianischen Bevölkerung ein Omen des Aussehens der künftigen Weltbevölkerung – eine Erkenntnis, zu der der gebürtige Bochumer Scholl-Latour allerdings sicher nicht bis nach Ost-Timor hätte reisen müssen.

Andreas Dittmann

 

Literatur

Dittmann, A. (2009): Rezension Schulz, M. (Hg.): Entwicklungsträger in der DR Kongo. In: Erdkunde 63 (4), 394–395.




Buba, Hanspeter; Grötzbach, Jochen und Monheim, Rolf (Hg.): Nachhaltige Mobilitätskultur. 31 Abb. und 17 Tab. Studien zur Mobilitäts- und Verkehrsforschung 22. Verlag MetaGIS Infosysteme, Mannheim 2010, € 24,-

Das vorliegende Buch entstand im Auftrag des Umweltbundesamtes im Rahmen des Forschungsprojektes „Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitskommunikation über die Neubestimmung der Mobilität aus kulturpolitischer Sicht“ des Umweltforschungsplans des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.
Das so genannte Bedürfnisfeld Mobilität gehört zu den besonders problematischen Gebieten in Umweltpolitik und Umweltkommunikation, was sich u.a. darin dokumentiert, dass die Orientierungen der Menschen in diesem Bereich deutliche Widersprüche aufweisen. Einerseits gibt es eine breite Zustimmung zu Maßnahmen, die eine Verkehrsberuhigung und -vermeidung bezwecken. Trotzdem ist in der allgemeinen Wahrnehmung der private Automobilverkehr noch immer sehr dominant. So gibt es weit verbreitete Befürchtungen, dass ein Abrücken vom Auto letztlich doch mit Verlusten an Lebensqualität verbunden sein könnte. Für diesen Bereich bedarf es somit der Entwicklung neuer Formen der öffentlichen Kommunikation, mit denen auch die Chancen einer Neubestimmung von Mobilität gemäß dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung deutlich gemacht werden können.
Die Studie bietet Anregungen für eine nachhaltige Mobilität aus kulturpolitischer Perspektive. Der Akzent liegt daher vordergründig nicht auf Mobilität und Verkehr als technisches, rechtliches, fiskalisches oder organisatorisches Problemfeld, sondern als soziales Phänomen und Teil des Konsumverhaltens und der Alltagsroutinen. Am Beispiel lokaler Fahrradkulturen wird hinterfragt, welchen Einfluss lokale Kulturen auf Entstehungsbedingungen nachhaltigen Verkehrs haben. Die vorliegende Arbeit geht auf Prozesse symbolischer Vermittlung von Mobilität ein, beschreibt Kommunikationsstrategien der Autoindustrie und erfolgreiche Alternativen für die symbolische Vermittlung umweltgerechter Mobilität. Abschließend werden die Chancen der Verbreitung nachhaltiger Mobilität bzw. generell von Nachhaltigkeit durch Direktmarketing und durch Social Marketing diskutiert sowie Überlegungen zu zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen und den daraus erwachsenden Chancen einer nachhaltigen Mobilitätskultur vorgestellt.
Die vorliegende Arbeit präsentiert theoretische Überlegungen, Problemstellungen und empirische Ergebnisse zu einer nachhaltigen Mobilitätskultur und führt die Erfahrungen und Argumente von Experten verschiedener Tätigkeitsbereiche zusammen. Hauptintention der Arbeit ist es, den Analyse- und Interventionsrahmen im Bereich Mobilität auszuweiten und exemplarisch die Problemdefinition und Hauptanliegen einer kulturpolitischen Position zum Thema Verkehr aufzuzeigen. Die im Projekt verfolgte Sichtung bereits vorliegender Konzepte und praktischer Anstöße zur Neubestimmung von Mobilität zeigt, dass eine außerordentlich große Vielfalt, aber auch eine gewisse Zersplitterung und Kurzatmigkeit der Initiativen und Aktionen zu beobachten ist. Zukünftig muss die große Zahl von potenziellen Anknüpfungspunkten für eine verbesserte Nachhaltigkeitskommunikation im Mobilitätsbereich gebündelt und in ein allgemeines Konzept kultureller Nachhaltigkeit integriert werden – hierfür liefert die vorliegende Arbeit wertvolle Anregungen.

Thomas J. Mager




Guelf, Fernand Mathias: Die urbane Revolution. Henri Lefèbvres Philosophie der globalen Verstädterung. 317 S. transcript Verlag, Bielefeld 2010, € 29,80

Entlang des Urbanisierungsbegriffs hat der Philosoph Fernand M. Guelf mit seiner Promotionsschrift eine Zusammenschau über Themen vorgelegt, wie sie der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre in verschiedenen Schriften entfaltet hat. Damit ist das Buch in eine Reihe von Publikationen über Lefebvres Werk einordbar, die im letzten Jahrzehnt erschienen sind. Es stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage: Braucht es derzeit noch eine Arbeit über Lefebvre und ist es nicht an der Zeit, mit Lefebvre zu arbeiten? Um die Antwort vorwegzunehmen lässt sich festhalten, dass Guelf die bisherige Rezeption noch um entscheidende Ausführungen ergänzen kann. Die gelungenen Ergänzungen sind in erster Linie auf die philosophisch fundierten Begriffsbestimmungen zurückzuführen, mit denen – und das scheint mir in der Arbeit mit Lefebvres Werk die zentrale Herausforderung zu sein – Lefebvres Aussagen auf eine Weise zugespitzt werden, die weder zu unkonkret bleibt noch die dialektische, bewegliche Sichtweise auf die Gesellschaft verkürzt.
Das Buch ist in vier Teile gegliedert, wovon der erste, „La Révolution Urbaine“ (Kap. II), etwa die Hälfte des Buches umfasst. In diesem Teil, der nicht nur selbst wie Lefebvres eigenes Buch („La Révolution Urbaine“, in der deutschen (oft bemängelten) Übersetzung „Die Revolution der Städte“) betitelt ist, sondern auch in den Unterabschnitten in vielen Fällen die Kapiteltitel des Originals aufnimmt, wird in mehreren Schritten nachgezeichnet, was die urbane Revolution nach Lefebvre beinhaltet und wie sie vonstatten gehen könnte. Im Gegensatz zu Verstädterungsthesen des Wachstums, benennt die urbanisierte Gesellschaft als „[z]ugleich Definition und Hypothese“ (S. 28) das „Fernziel […] für den Prozess der Verstädterung“ (S. 143). Als Hypothese wende sich der Begriff der verstädterten Gesellschaft gegen jeden Endzweck, gegen jedes vorgegebene Ziel geschichtlicher Entwicklung, sondern bietet ein „ideales Illustrationsfeld“ (S. 83) für mögliche Entwicklungen. Entlang der Begriffe ‚Stadt‘, ‚Urbanisierung‘ und ‚urbane Gesellschaft‘ lässt sich gut zeigen, wie Guelf zuspitzt, ohne einzuengen: Obwohl die urbane Gesellschaft das Fernziel der Urbanisierung sei, geht sie „nicht bedingterweise aus diesem Prozess hervor. Lefebvre […] bricht mit dem Stadtbegriff und erkennt das Potential einer Veränderung […].“ Nur mit einer urbanen Revolution könnten die Potentiale der Urbanisierung verwirklicht werden, die daher zusammengefasst wird als „eine durch den Prozess der Urbanisierung bedingte Revolution mit ungewissem Ausgang“ (S. 76).
Von der Erörterung der urbanen Revolution selbst aus werden in den folgenden drei Teilen je spezifische Schritte zurück gemacht, um die Grundlagen der Verstädterung zu verdeutlichen. Der Abschnitt „Die globale Verstädterung und der differentielle Raum“ (Kap. III) widmet sich der Verquickung mit Lefebvres Arbeiten über den Raum und der spezifischen Bedeutung des differentiellen Raums für das Urbane: „Dem urbanen Raum immanente Differenzen dienen im Rahmen der These der globalen Verstädterung der Analyse aller geistiger und gesellschaftlicher Prozesse.“ (S. 190) Die Herleitung von „Differenzen“ als philosophisch verwurzelter Begriff, in dem u.a. Dialektik und Logik, Logos und Eros zusammenkommen und die Rolle von Residuen als „‚Spuren‘ …, die das Recht auf und die Wichtigkeit der Differenz plastisch machen“ (S. 195f.) deutlich wird, stellt eine Überleitung zu weiteren philosophischen Kerngedanken Lefebvres dar.
Im Abschnitt „Die Urbanisierung und das Ende der Geschichte“ (Kap. IV) zeichnet Guelf Lefebvres offene, fragmentarische Totalitätskonzeption aus ständig wechselnden Prozessen nach, um das Ende der Geschichte (und damit das Ziel der urbanen Revolution) eben nicht als fixen Endzustand, sondern als „das Unfertige“ (S. 236) herauszuarbeiten. Und zum Schluss (Kap V) wird unter dem Titel „Die urbane Revolution als philosophische These“ das Zusammenspiel von Denken und Praxis als metaphilosophisches Projekt dargestellt, das letztlich der urbanen Revolution zugrunde liegt. Dieses Zusammenspiel entfaltet Lefebvre methodisch mit der regressiv-progressiven Methode und konzeptionell zwischen Praxis, Poiesis und Mimesis. Und Guelf nimmt diese im Abschlusskapitel auf, da die letzteren „Modalitäten der Praxis“ seien (S. 243) und deren Modifikation nicht zuletzt die Virtualität des Urbanen aktualisieren könnte. Das sei Lefebvres Praxisphilosophie, die theoretische These und praktisches Programm zugleich ist (S. 265).
Insgesamt bleibt Guelf sehr nah an den Originaltexten Lefebvres. Das hat den Vorteil, dass dessen umfangreiches und sehr vielschichtiges Werk nicht an Reichtum verliert, die Begriffe und Themen verschiedener Arbeiten jedoch zusammengeführt werden können. Die Leistung dieses Vorgehens ist die gute Sortierung des Lefebvreschen Materials, die nicht auf den Urbanisierungsbegriff beschränkt bleibt, sondern sich vielmehr um ihn herum entfaltet. Ein Schwachpunkt der Arbeit ist die Kehrseite eben dieser Medaille, nämlich dass Guelf kaum über das Nacherzählen und Integrieren der Texte Lefebvres hinaus geht. Zugegeben, es ist weder seine Absicht gewesen, die gesellschaftlichen Entwicklungen nach der Entstehung der Texte in den letzten etwa 40 Jahren und die Rezeption der Texte zusammenzubringen, noch wollte er erarbeiteten, wie die aktuelle Gesellschaft empirisch zugänglich gemacht werden kann. Derartige Beurteilungen bleiben auf Feststellungen wie „Lefèbvres Weitsicht, die Themen […] sehr früh schlagwortartig formuliert zu haben“ (S. 298) beschränkt. Beide Aufgaben stellen sich daher weiterhin.
Ein wenig überraschend bleibt jedoch, dass auch die Diskussion von übersetzten Begriffen nahezu ausbleibt. Die deutsche Übersetzung des Buches „Revolution der Städte“ wird zwar, wie woanders auch, bemängelt, Guelf benutzt jedoch weiterhin sowohl den Begriff ‚Verstädterung‘ als auch ‚Urbanisierung‘, die „bedeutungsgleich verstanden werden“ (S. 9). Zumindest in der Geographie wird ersterer Begriff oft mit quantitativem Städtewachstum gleichgesetzt und letzterer mit einer Veränderung von Lebensweisen. Eine ausführlichere Erörterung der Herausforderung solcher Übersetzungen hätte durchaus im Horizont des Buches gelegen, das sich um Begriffsschärfungen und implizit um die Stärkung der Lefebvre-Rezeption auch in Deutschland bemüht. Die tiefenscharfe Rekonstruktion der Lefebvreschen Urbanisierungsthese als Gesellschaftstheorie, die Guelf liefert, wird dadurch jedoch nur wenig geschmälert. Denen, die wissen möchten, was Lefebvre damit gemeint hat, sei dieses Buch empfohlen und für jene, die weiter in Lefebvres Werk einsteigen wollen, kann es als eine Art Leseanleitung zur Hand genommen werden.

Anne Vogelpohl




Schneider, Norbert, F. and Meil Gerardo (eds.): Mobile Living Across Europe I. Relevance and Diversity of Job-Related Spatial Mobility in Six European Countries. 318 pp., numerous figures and tables. Barbara Budrich Publishers, Opladen, Farmington Hills 2008, € 49,- (D) / € 49,40 (A) / sFr 81,-

Äußere Umstände oder innere Beweggründe veranlassen Menschen seit Jahrhunderten dazu, ihre angestammten Wohnsitze zu verlassen und Orte aufzusuchen, die Sicherheit, Arbeit, Wohlstand oder zumindest eine Verbesserung der Lebensumstände versprechen. Angetrieben von wirtschaftlichen, politischen und sozialstrukturellen Prozessen, entwickelt sich gegenwärtig eine Mobilität völlig neuer Qualität und Intensität. Modernisierungstheoretiker wie Richard Sennet beschreiben ein modernes Nomadentum von Arbeitskräften, die sich ständigem Zwang zur Anpassung ausgesetzt sehen und entsprechend häufig ihre Wohnorte dorthin verlegen, wo ihre spezifischen Fähigkeiten gefragt sind. Optimistischere Vertreter dieses Paradigmas betonen hingegen die Chancen, die sich dem Individuum in Zeiten hoher Flexibilität, Entstrukturierung und Ent-traditionalisierung bieten. Unter Bezugnahme auf diese Modernisierungstheorien entwickeln die AutorInnen dieses Bandes eine heuristische Typologie zur Analyse beruflich induzierter Mobilitätsformen. Übergeordnetes Ziel ist es, diese theoretische Basis mit empirischen Belegen zu festigen. Die verwendeten Daten entstammen dem aus EU-Mitteln geförderten Forschungsprojekt „Job mobilities and family lives in Europe. Modern mobile living and its relation to quality of life“. Befragt wurden in diesem Projekt insgesamt ca. 24.000 Personen aus Frankreich, Deutschland, Spanien, der Schweiz, Polen und Belgien. Für die Auswertung lagen vollständige Interviews von ca. 7.000 Befragten im Alter von 25 bis 54 Jahren vor. Die AutorInnen betonen, dass es mit dieser Studie erstmals gelungen sei, eine repräsentative empirische Basis zur Untersuchung beruflich bedingter räumlicher Mobilität zusammenzutragen. Mit der Analyse dieser Daten werden drei zentrale Ziele verfolgt. Es sollen erstens Formen beruflich induzierter räumlicher Mobilität in sechs europäischen Ländern beschrieben werden. Zweitens werden individuelle Beweggründe für Mobilitätsentscheidungen analysiert und drittens positive und negative Konsequenzen der beruflich bedingten Mobilität aufgezeigt, wobei die individuellen Folgen im Fokus des Interesses stehen. So wird z.B. untersucht, wie sich Mobilität auf das persönliche Wohlbefinden der Befragten und ihrer Familien auswirkt, ob sich Konsequenzen für die Familienplanung nachweisen lassen und welche Folgen sich für die soziale Teilhabe und das gesellschaftliche Engagement ergeben.
Im sehr lesenswerten ersten Kapitel wird in kompakter Form der theoretische Hintergrund erläutert und darauf aufbauend der konzeptionelle Rahmen zur Analyse mobiler Lebensformen skizziert. Der theoretische Ansatz umschreibt dabei individuelle Möglichkeitsräume, die im Wechselspiel struktureller und individueller Optionen und Restriktionen entstehen und letztlich den Rahmen persönlicher Beweglichkeit abstecken. Weiterhin wird eine Typologie mobiler Lebensformen erstellt, in der anhand zeitlicher Dimensionen zehn Typen residentieller und zirkulärer Mobilität unterschieden werden. Im zweiten Kapitel werden methodische Fragen zum Erhebungsdesign und zur Stichprobenziehung erläutert. Es wird auf Schwierigkeiten verwiesen, die bei einer länderübergreifenden vergleichenden Befragung entstehen und gezeigt, wie die theoretisch hergeleiteten mobilen Lebensformen operationalisiert wurden. Um die Repräsentativität der Studie zu gewährleisten, war die Anwendung von Gewichtungsalgorithmen notwendig, welche ebenfalls erörtert werden. In den sechs folgenden Kapiteln werden mit jeweils sehr ähnlicher inhaltlicher und argumentativer Struktur separat die Ergebnisse für die beteiligten Länder präsentiert. Größtenteils werden deskriptive Auswertungen vorgenommen. Es wird gezeigt, dass beruflich bedingte Mobilität ein weit verbreitetes Phänomen ist. Pendelverkehr und Geschäftsreisen sind heute alltäglicher Bestandteil des Arbeitslebens vieler Menschen in Europa. Insgesamt hat im Durchschnitt jeder zweite Befragte Erfahrungen mit beruflicher Mobilität gesammelt, zum Befragungszeitpunkt sind zwischen 13% (Schweiz) und 19% (Deutschland) der Befragten berufsbedingt mobil. Zirkuläre Mobilität, insbesondere Fernpendeln, ist dabei in allen Ländern weit häufiger verbreitet als der Umzug an einen anderen Wohnort. Besonders mobil sind jüngere Personen, Akademiker, Männer und kinderlose Frauen. Der Zusammenhang zwischen räumlicher und sozialer Mobilität wird an vielen Stellen sichtbar. Als negative Wirkungen beruflich bedingter Mobilität werden Schwierigkeiten zur Aufrechterhaltung sozialer Bindungen und zur Familiengründung am häufigsten thematisiert. Abschließend werden die Ergebnisse länderübergreifend in einem Kapitel zusammengefasst.
Insgesamt liefert dieser Band einen spannenden Einblick in empirische Ergebnisse zur Pluralität berufsbezogener Mobilitätsformen in (post)modernen Gesellschaften. Zwei Kritikpunkte trüben jedoch das Bild ein wenig. Der größte Schwachpunkt ist dabei im inhaltlichen Aufbau des Buches zu sehen. Da die Ergebnisse für alle sechs Länder separat, aber jeweils mit gleicher Gliederung dargestellt werden, ergeben sich zahlreiche Redundanzen in der Darstellung. Hier hätte eine deutlich gestrafftere Darstellungsweise der Lesbarkeit des Buches sehr gut getan. Auch ist ein länderübergreifender Vergleich einzelner Ergebnisse aufgrund der gewählten Form für die LeserInnen nur schwer möglich. Zweitens sollte bezüglich der Repräsentativität der erhobenen Daten angemerkt werden, dass die Studie zwar über relativ große Stichproben verfügt und ein aufwändiges Gewichtungsverfahren angewandt wurde, die (ausführlich im Buch dargestellten) Einschränkungen bei der Stichprobenziehung jedoch systematische Verzerrungen vermuten lassen, die durch Gewichtungen nur unzureichend korrigiert werden können. Die Studie bildet gleichwohl einen wichtigen ersten Schritt, kontinuierliche Erhebungen zu diesem an Bedeutung zunehmendem Thema erscheinen jedoch notwendig. Empfohlen sei das Buch einem sozialwissenschaftlich interessierten Fachpublikum sowie Politikvertretern, die hier einen fundierten Einblick in die Pluralität berufsbezogener Mobilitätsformen erhalten. Tieferen Einblick in kausale Zusammenhänge verspricht der zweite Band des Autorenteams, auf den die LeserInnen gespannt sein dürfen.

Robert Schönduwe




Belina, Bernd; Gestring, Norbert; Müller, Wolfgang und Sträter, Detlev (Hg.): Urbane Differenzen. Disparitäten innerhalb und zwischen Städten. 251 S. Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis 9. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2011, € 25,90

Die Reihe „Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis“, herausgegeben von Bernd Belina (Frankfurt am Main), Boris Michel (Erlangen) und Markus Wissen (Wien), hat sich zum Ziel gesetzt, „kritischer Raumforschung im Rahmen kritischer Gesellschaftstheorie“ ein Forum zu bieten. Dabei sollen „die soziale Produktion von Raum und die je spezifischen gesellschaftlichen Verräumlichungen“ untersucht werden. Es geht dabei ausdrücklich nicht um die Suche nach einer „Raumtheorie, sondern nach gesellschaftlichen Raumverhältnissen“. In der Buchreihe des Verlags Westfälisches Dampfboot wurde seit ihrer Initialisierung 2007 bereits eine beachtliche Anzahl an Bänden publiziert. Neben einer Zusammenstellung von Übersetzungen wichtiger Grundlagentexte der angloamerikanischen „radical geography“, die mittlerweile in der dritten Auflage vorliegt (Belina und Michel 2010), erschienen bisher eine Vorstellung und kritische Diskussion der „scale“-Debatte (Wissen et al. 2008), mehrere Dissertationen (Flöther 2010; Füller und Marquardt 2010; Kröcher 2007; Lebuhn 2008), eine Habilitation (Wissen 2011), eine Anthologie theoretischer Aufsätze von Ulrich Eisel (Eisel 2009) sowie ein Sammelband zur Frage von raumbezogenen Vergleichen (Belina und Miggelbrink 2009).
Mit dem Band „Urbane Differenzen. Disparitäten innerhalb und zwischen Städten“ wird nun eine weitere Arbeit vorgelegt, die sich der Stadt- und Regionalforschung aus einer kritischen Perspektive widmet. Der Sammelband wurde im Auftrag des „Arbeitskreises Kritischer RegionalwissenschaftlerInnen“ (AKR) herausgegeben. Der Arbeitskreis besteht seit 2007 und dient der Diskussion und Vernetzung von WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Fachdisziplinen, die zu Fragen der Regionalentwicklung und -politik arbeiten. Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit sind öffentliche Veranstaltungen und verschiedene Publikationen. Während die erste Buchveröffentlichung des AKR eine Einführung in grundlegende, theoretische Konzepte der Regionalwissenschaft gegeben hat (Krumbein et al. 2008), stellt der vorliegende Sammelband aktuelle Fragen der Stadtentwicklung in den Mittelpunkt.
Der Band umfasst zehn Beiträge von Autorinnen und Autoren unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen (Geographie, Soziologie, Stadt- und Regionalökonomie) und überzeugt mit seiner Gliederung in Gründe und Dimensionen von Disparitäten in der Stadt (Teil I), deren politischer Bearbeitung (Teil II) und der Disparitäten zwischen Städten (III). Gerade der letzte Teil stellt eine notwendige Perspektiverweiterung bei der Betrachtung innerstädtischer Differenzen dar und bietet eine internationale Kontextualisierung – in theoretischer wie auch in empirischer Hinsicht – von urbanen Entwicklungstrends in der Bundesrepublik. Der Sammelband greift zum einen Debatten auf zu Fragen der sozialen Mischung, der Ethnisierung und deren Problematisierung in Städten (Beitrag Bürkner), der Ausdifferenzierung von Arbeitsmärkten innerhalb von und zwischen Städten (Beitrag Floeting et al.), zu aktuelle Entwicklungen der Reurbanisierung (Beitrag Brake), zu Städten in globalen Warenketten (Beitrag Parnreiter) und reflektiert diese kritisch. Zum anderen werden empirische Beispiele zu städtischen Differenzierungsprozessen geliefert, wie der Versorgung mit städtischen Grün- und Freiflächen (Beitrag Rosol), der Kriminalpolitik (Beitrag Belina), der kommunalen Selbstverwaltung (Beitrag Müller/Sträter), der regionalisierten Erfassung von Armut und der Bestimmung von Regelsätzen (Beitrag Martens), der Privatisierung von Wohnungsunternehmen (Beitrag Holm) sowie zur ethnischen und sozialen Segregation (Beitrag Keller). Dabei werden Erfahrungen aus bundesdeutschen Städten mit Fallbeispielen aus London, Amsterdam und weiteren europäischen Städten verknüpft. Dem Band gelingt es, allgemeine Trends urbaner Entwicklung, wie sozial-räumliche Segregation, die Privatisierung öffentlicher Unternehmen oder die zunehmende Verkleinerung kommunaler Handlungsspielräume sehr anschaulich zu vermitteln. Insgesamt zeigt der Sammelband eindrücklich, dass die Entstehung städtischer Disparitäten kein „natürlicher Prozess“ ist, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse.
Bedauerlich ist jedoch, dass dem Band ein zusammenfassendes Fazit fehlt, das die teilweise sehr unterschiedlichen Beiträge noch einmal zusammengeführt hätte. So bleibt der Band eine sehr lesenswerte Sammlung von Arbeiten zu städtischen Disparitäten, versäumt es aber, darüber hinaus konzeptionelle Anregungen für die deutschsprachige Stadtforschung zu geben. Angesichts des hohen theoretischen bzw. empirischen Gehalts der Beiträge wäre es durchaus möglich gewesen, eine kritische Agenda der Stadtforschung zu entwickeln, die die im Band implizit behandelten Schwachstellen bisheriger Arbeiten noch einmal deutlich thematisiert und eigene Ansprüche an künftige Forschungen formuliert.
Dennoch leistet der Band eine ganze Reihe von Verknüpfungen unterschiedlicher Debattenstränge der Stadtforschung und ist damit für Lehrveranstaltungen hervorragend geeignet, um Studierenden kritische Perspektiven auf verschiedene Fragen der Stadtentwicklung zu eröffnen.

Matthias Naumann

 

Literatur

Belina, B. und Michel, B. (2010): Raumproduktionen. Beiträge der Radical Geography. Eine Zwischenbilanz. 3. Aufl. Münster.

Belina, B. und Miggelbrink, J. (Hg.) (2009): Hier so, dort anders. Raumbezogene Vergleiche in der Wissenschaft und anderswo. Münster.

Eisel, U. (2009): Landschaft und Gesellschaft. Räumliches Denken im Visier. Münster.

Flöther, C. (2010): Überwachtes Wohnen. Überwachungsmaßnahmen im Wohnumfeld am Beispiel Bremen/Osterholz-Tenever. Münster.

Füller, H. und Marquardt, N. (2010): Die Sicherstellung von Urbanität. Innerstädtische Restrukturierung und soziale Kontrolle in Downtown Los Angeles. Münster.

Kröcher, U. (2007): Die Renaissance des Regionalen. Zur Kritik der Regionalisierungseuphorie in Ökonomie und Gesellschaft. Münster.

Krumbein, W.; Frieling, H.-D. v.; Kröcher, U. und Sträter, D. (Hg.) (2008): Kritische Regionalwissenschaft. Gesellschaft, Politik, Raum – Theorien und Konzepte im Überblick. Münster.

Lebuhn, H. (2008): Stadt in Bewegung. Mikrokonflikte um den öffentlichen Raum in Berlin und Los Angeles. Münster.

Wissen, M. (2011): Gesellschaftliche Naturverhältnisse in der Internationalisierung des Staates. Konflikte um die Räumlichkeit staatlicher Politik und die Kontrolle natürlicher Ressourcen. Münster.

Wissen, M.; Röttger, B. und Heeg, S. (Hg.) (2008): Politics of Scale. Räume der Globalisierung und Perspektiven emanzipatorischer Politik. Münster.




Gleim, Werner: Empfehlungen für die Wiederherstellung der linearen Durchgängigkeit bei Fließgewässern im Rahmen der Gewässerunterhaltung. 151 S., zahlr. farb. Abb. und Photos. Gemeinnützige Fortbildungsgesellschaft für Wasserwirtschaft und Landschaftentwicklung, Mainz 2010

Die Publikation ist im Zusammenhang mit der Umsetzung der EG-Wasserrahmenrichtlinie zu sehen, nach der die Durchgängigkeit der Fließgewässer höchste Priorität besitzt. Im Fokus stehen dabei die Wanderungen der Fische, die aktive und passive Migration von Kleinlebewesen sowie der stromabwärtsgerichtete Sedimenttransport.
Die Bäche und Flüsse sind durch eine Vielzahl von Querverbauungen unterbrochen, deren Gründe neben der Wasserkraftnutzung an größeren Gewässern vor allem in der Stabilisierung der Sohle liegen. So ist in deutschen Mittelgebirgen jeder Gewässerkilometer im Schnitt mit einem und bis zu drei Querbauwerken verbaut. Entsprechend groß ist die Vielfalt an Erscheinungsformen dieser Bauwerke – in baulicher Art, Größe, Bedeutung und auch aus Sicht des Denkmalschutzes.
Die praxisorientierte Publikation greift diese Thematik auf und stellt planerische Lösungsvorschläge vor. Dabei beginnt sie mit einer umfassenden Darstellung der rechtlichen Grundlagen und widmet sich besonders stark der Abgrenzung genehmigungspflichtiger und genehmigungsfreier Maßnahmen.
Breiter Raum wird der Vorstellung der verschiedenen Arten der Bauwerke eingeräumt – von Grundschwellen über Verdohlungen bis hin zu Talsperrendämmen.
Es folgt die Vorstellung baulicher Lösungsvarianten – von rauen Gleiten bis zu Umgehungsgerinnen. Die Ausarbeitung wird abgerundet durch die Vorstellung von Best-Practice-Fallbeispielen mit ersten Erfolgskontrollen.
Fazit: Die umfangreiche Broschüre (150 Seiten) ist in das planerische Gewässerfach einzuordnen und hilft bei der Einschätzung der Genehmigung von Umbaumaßnahmen. Sie liefert eine gelungene, auf das Wesentliche beschränkte, sehr ansprechend bebilderte Zusammenfassung des Standes der Technik bei der Verbesserung der linearen Durchgängigkeit an Gewässern. Insofern stellt sie eine anschauliche Ergänzung der einschlägigen wasserbaulichen, gewässerökologischen und umweltrechtlichen Fachliteratur dar.

Thomas Zumbroich




Smadja, Joëlle (ed.): Reading Himalayan Landscapes Over Time. Environmental perception, knowledge and practice in Nepal and Ladakh. 671 pp., 66 figs., 13 tables and 60 photographs. Collection Sciences Sociales 14. Institut Français de Pondichéry, Pondicherry 2009

In the context of the post-“Himalayan Dilemma” debate, we have to appreciate the compilation of chapters edited by Joëlle Smadja who is the directrice de Centre d’Études Himalayennes at the CNRS in Paris. The English translation of the French edition (Smadja 2003) is a contribution to the ongoing debate and presents results from empirical research. Therefore it appears straightforward to begin her introduction with a reflection about the state of dominant knowledge systems, uncertainty and complexity. Not surprisingly, the initial text box is devoted to the so-called “Theory of Himalayan Environmental Land Degradation”, the critique of which was the key argument of the “Himalayan Dilemma”. But this is only the reference point for the take-off and the necessity of a temporal-spatial approach is argued for incorporating cultural dimensions for the enhancement of an understanding of changing landscapes in a wider sense. “Reading Himalayan landscapes” proves to be the key issue. Literally different languages are applied and varying interpreters are engaged to understand the environmental text and subtext based on local knowledge, fieldwork in a number of case study areas, and published and archival sources.
The task seems too big and too complex for a single researcher. Therefore, a pragmatic approach is adopted. First, key themes are announced in the introductory chapter, such as frame conditions and their relationship to environmental destabilisation and demographic growth. Perception of environments and their representations are highlighted as well as the historical development of landuse, landcover change and resource management. Options and risks in present-day usage are addressed from a contemporary perspective. Second, Joëlle Smadja is supported by a team of twenty contributors to this volume who are more or less closely affiliated with the CNRS Himalayan research group UPR 299 (formerly “milieux, socétés et cultures en Himalaya”, recently renamed “Centre d’Études Himalayennes”) in Paris. Third, the case study areas have consequently been selected according to the research activities of the CNRS team. The middle and lower mountains of Nepal and especially the Salme region feature prominently as case studies as well as Ladakh mainly through the long-standing and fruitful research of Valérie Labbal and Pascale Dollfus. The spatial restriction of focus is important to bear in mind as the readers are exposed to a specific selection of regional studies from which interpretations are derived. Certain Himalayan regions are prominently represented while others receive no attention. This statement holds true not only for this collection.
We need to keep in mind how and for what purpose such knowledge was generated. The early foreign explorers-cum-spies arrived disguised as ambulant pilgrims and worked as spies for the cause of the “white man’s burden” in bringing development to the remote parts by controlling or neutralizing it. This kind of knowledge production has been scanty and of rather recent origin compared to the long settlement and cultivation history in the Himalayan Mountains. European conquerors and geographers perceived the Himalaya for long as a “natural boundary” and a buffer zone separating Central and South Asia. At the end of the introduction it is evident that time and space are the main dimensions of investigation. Both are constantly referred to and should remind us of the cultural landscape as the result of human activities and spatial appropriation over long periods of time.
The main body of the book is organized in four parts, the first of which deals with the frame conditions of environment and population. The entry is devoted to “unstable and often densely populated environments”. Joëlle Smadja discusses geographical categories and units of measurement. Pascale Dollfus and Valérie Labbal refer to the Ladakhi case of attributing certain properties to landscape elements that are recorded by drawings and photographs. Olivier Dollfus and Monique Fort focus more on the natural landscape and processes of landscape transformation. A rather different perspective is taken by Philippe Ramirez who interprets statistical information about population growth and density in a spatial context and compares it with agricultural and other economic activities.
The second part of the book, devoted to “perceptions and representations of landscapes” begins with a lucid chapter by Marie Lecomte-Tilouine on the interpretation and appropriation of landscape in Nepalese contexts. It opens up a multi-dimensional space of perceiving environments in emotional and biological settings, divine and religious world views, territorial demarcation, transformation and ordering of space and worlds. The connex of sanctity and power, of holiness and authority opens up new venues for “sacred geographies”. Major findings of the readings in the landscape of Salme are contributed by Joëlle Smadja. The Tamang settlement strategies and their utilization of space are introduced as processes of transformation. The permanent dwellers shift habitations not only seasonally, but also appropriate space over time. New crops are introduced as innovations from outside such as in the case of maize. The dependence on and the dangers of water are part of local livelihoods as well as land rites. Pascale Dollfus and Valérie Labbal contribute a toponymic collection of place names from their two research areas in Ladakh: Hemis-shukpa-chan and Sabu. Lucile Viroulaud relates an interesting case from the village Pathardi in Tanahun district about land distribution between Christians and Hindus in a Magar village.
The third part of the book is devoted to “historical data on land use and resource management”. Pascale Dollfus, Marie Lecomte-Tilouine and Olivia Aubriot investigate the persistence of human activities in Himalayan agriculture and provide archaeological evidence, interpretations from myths, epics, chronicles and later reports and historiographies from Ladakh and Nepal. Philippe Ramirez looks on the estimation of trees and forests in the 18th and 19th century from the perspective of official documents. Bruno Muller is interested in rules, regulations and the legal history of privileges and traditional rights in connection with the utilization of pastures and forests. Blandine Ripert, Isabelle Sacareau, Thierry Boisseaux and Stéphanie Tawa Lama focus on discourses and regulations exemplified by the Nepalese resource management and environmental policies since the 1950s. The whole agenda from the Himalayan ecological crisis to the Himalayan dilemma is presented including all the buzzword phenomena such as sustainable development, nature protection, NGOs, etc. Here we find a tour de force through all the concepts and approaches from international development practice applied in the Himalayan laboratory of Nepal.
The fourth and final part bears the title “local practices, between choice and constraint”. Satya Shrestha investigates the link between environmental protection and pauperisation in a case study of a community at the southern border of Rara National Park. Here we are confronted with a blue print approach to nature protection when external agents interfere in local practices. Isabelle Sacareau continues with the same subject in the regional context of the Annapurna Conservation Area and presents the example of Modi Khola in a historical perspective. Blandine Ripert returns to Salme and investigates the effects of land right changes, privatisation and communal utilization as an example of local practice. Gérard Toffin followed the practices of private woodcutters and studied their social organization and deprivation. Tristan Bruslé, Monique Fort and Joëlle Smadja supply the final case study from the Palpa district in the lower hills of Mahabharat where French bocage-type landscapes are found in Nepal. Historical photographs mainly from 1932 are compared with the visible state of affairs 65 years later.
The brief conclusion by Joëlle Smadja is meant to be a final reflection about reports on the state of environments from different angles. The confrontation of all researchers with “artificial landscapes” and the persistence of change are acknowledged as well as the temptation for political actors when remote natural resources are identified to be exploited to their benefit and on the expenses of local people. The editor concludes that a global, but unequally structured information society permits public access to knowledge while leaving the identification of its goals to the powerful and influential actors. They define the meaning of development, set the agenda, and reserve the right for asking the important question: What is at stake: The protection of the environment against human beings or their protection against being deprived of their vital resources?
When the book was initially released in its French edition, this reviewer criticised that a “sharing of knowledge” would be difficult as the readership might be restricted to a minority outside the Himalayan countries. Six years later, the English edition printed in Pondicherry is at hand and is a welcome contribution to the scholarly work on Nepal and Ladakh.

Hermann Kreutzmann

 

References
Smadja, J. (ed.) (2003): Histoire et devenir des paysages en Himalaya. Représentations des milieux et gestion des ressources au Népal et au Ladakh. Paris.

 

Bömer, Hermann; Lürig, Eike; Utku, Yasemin und Zimmermann, Daniel (Hg.): Stadtentwicklung in Dortmund seit 1945. Von der Industrie- zur Dienstleistungs-und Wissenschaftsstadt. 428 S., zahlr. Abb., Tab. und Photos. Blaue Reihe. Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 135. Institut für Raumplanung, TU Dortmund, Dortmund 2010, € 27,50

Die Stadt Dortmund kann für sich in Anspruch nehmen, eine der am besten erforschten Städte in Deutschland zu sein. Dazu trägt jetzt auch der jüngste Sammelband der Blauen Reihe des Dortmunder Instituts für Raumplanung bei. Der über 400 Seiten umfassende Sammelband setzt sich intensiv mit der Nachkriegsentwicklung der Stadt in ihren vielen Facetten auseinander. In 39 Beiträgen präsentieren zahlreiche Mitarbeiter der Dortmunder Raumplanungsfakultät, der vielen örtlichen Planungsbüros sowie der Dortmunder Stadtverwaltung den gewaltigen Strukturwandel, den die Stadt in den letzten Jahrzehnten durchgemacht hat.
Bei 39 Beiträgen bleibt es nicht aus, dass sich einige Aspekte in den einzelnen Beiträgen wiederholen. So ist mal vom Dreiklang, mal vom der Trias und dann auch wieder vom Triumvirat aus Kohle, Stahl und Bier zu lesen, die den Aufschwung Dortmunds nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ganz wesentlich geprägt haben. Gleichzeitig wird in einigen Beiträgen auch deutlich, dass diese drei Wirtschaftszweige in den letzten Jahren fast bedeutungslos geworden sind und sich eine neue Wirtschaftsstruktur eingestellt hat, die ganz wesentlich von einem neuen Dreiklang aus Technologie, Wissenschaft und Dienstleistungen bestimmt wird. In einigen Beiträgen wird erkennbar, welche enormen Anstrengungen erforderlich waren, die Aufgabe des Steinkohlebergbaus Ende der 1980er Jahre und die Stilllegung der drei großen Stahlwerke bis Ende der 1990er Jahre zu kompensieren. Dadurch, dass die einzelnen Autoren in unterschiedlicher Weise in diesen Strukturwandel eingebunden waren und damit die Perspektiven der Betrachtung variieren, aus denen die Veränderungen in der Stadt beleuchtet werden, sind die zeitweiligen Wiederholungen in dem Sammelband aber leicht zu verkraften.
Der Sammelband beschränkt sich nicht nur auf den wirtschaftlichen Strukturwandel der Stadt. Er setzt sich auch mit anderen stadtentwicklungspolitisch relevanten Themenfeldern auseinander. Dazu gehören u.a. klassische Themen wie Wohnungswesen und Einzelhandel, Stadtverkehr und Bildungswesen. Aber auch speziellere Themen werden interessant dargestellt. So lernt der Leser etwa, dass der Westfalenpark in der Nachkriegszeit gleich dreimal Ausrichter einer Bundesgartenschau gewesen ist oder der Dortmunder Regionalflughafen sehr strengen Auflagen beim Nachtflug unterliegt. In anderen Beiträgen geht es um die Entwicklung von Teilräumen in der Stadt. Zu diesen Beiträgen gehört etwa die Darstellung des Brückstraßenviertels, das in den letzten Jahren in Szene gesetzt wurde. Außerdem gibt es Beiträge, die die politischen Rahmenbedingungen des Strukturwandels beleuchten. Die Rolle der Lokalpresse wird hier beispielsweise ebenso dargestellt wie die Entwicklung der kommunalen Planungsverwaltung.
Insgesamt dokumentiert der Sammelband eindrucksvoll, dass sich der Strukturwandel in Dortmund nicht von alleine eingestellt hat. In vielen Beiträgen wird die Rolle der Planung betont, wobei deutlich wird, dass sich die Gestaltung des Strukturwandels über die Jahre verändert hat. Das „dortmund-project“ unterscheidet sich von der integrierten Entwicklungspolitik, die schon in den 1960er Jahren einsetzt und auch heute in der Stadtentwicklung noch eine wichtige Rolle spielt. Insgesamt wird dem Leser trotz der Beschäftigung mit den vielfachen Problemen der Stadt ein recht positives Bild von Dortmund vermittelt. Dies ist zum einen sicherlich dadurch zu erklären, dass einige Autoren in die Politik der Gestaltung des Strukturwandels eingebunden waren. Zum anderen zeigt dies aber auch, dass die Dortmunder Raumplaner eine besondere Beziehung zu ihrer Stadt aufgebaut haben.

Claus-C. Wiegandt




Girnau, Günter und Boeneke, Dirk (Hg.): Nachhaltiger Nahverkehr: Beiträge des ÖPNV zum Umwelt- und Klimaschutz. (deutsch/englisch). Band 1: Ausführungsbeispiele. 657 S., zahlr. Abb., Tab. und Photos. Band 2: Grundlagen. 217 S., zahlr. Abb., Tab. und Photos. Alba Fachverlag, Düsseldorf 2010, € 88,-

Die vorliegenden 2 Bände, die auf mehr als 850 Seiten erstmalig das große Spektrum der Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen im ÖPNV darstellen, wurden mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums, dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen mit seinem Förderkreis und den DEVK Versicherungen mit dem gemeinsamen Forum Verkehr und Logistik erstellt. Was leistet der ÖPNV für den Schutz unserer Umwelt? Was erwarten Öffentlichkeit und Gesetzgeber vom öffentlichen Verkehr? Welches sind die Möglichkeiten der Verkehrsbetriebe, was bieten diese schon jetzt und wohin geht die Entwicklung? Mit diesen Fragen haben sich erstmalig Experten aus Theorie und Praxis in einer großangelegten Untersuchung beschäftigt. Von der Planung über den Bau und die Fahrzeuge bis zum Betrieb der Verkehrsanlagen sowie von Gebäuden und technischen Anlagen geben zahlreiche Anwendungsbeispiele Anregungen zur Umsetzung umweltschonender und energieeffizienter Maßnahmen bei neuen Projekten, der Überarbeitung bestehender Anlagen sowie für Forschung und Lehre.
Band 1 „Anwendungsbeispiele“ zeigt in 8 Kapiteln umweltschonende und energieeffiziente Möglichkeiten für eine Verbesserung des Umwelt- und Klimaschutzes anhand konkreter Beispiele aus allen Bereichen des ÖPNV. Die Ausführungen beginnen mit dem Thema „Stadtentwicklung und Verkehr“ und stellen den Zusammenhang zwischen Stadtentwicklung, Mobilität sowie Umwelt- und Klimaschutz dar. Der Abbau von Zugangshemmnissen und ein umfassendes Mobilitätsmanagement sind die Grundvoraussetzungen für eine umweltfreundliche Stadt durch einen guten ÖPNV. Kapitel 2 widmet sich den jeweils speziellen Anforderungen oberirdischer wie unterirdischer Haltestellen und ihrer energetischen Optimierung. Kapitel 3 stellt die umweltrelevanten Aspekte bei Planung, Bau und Betrieb der Fahrwege des ÖPNV dar. Das Kapitel „Fahrzeuge“ stellt den Stand der Technik bei Bussen und Schienenfahrzeugen vor und umschreibt umweltfreundliche Antriebstechniken sowie Beispiele komplementärer fahrzeugtechnischer und produktionstechnischer Maßnahmen zur Verbesserung der Umwelteigenschaften. Kapitel 5 beschreibt betriebliche Maßnahmen zur betrieblichen Optimierung und zwar unter Umweltgesichtspunkten. Das nächste Kapitel widmet sich den Potenzialen der Energieeinsparung sowie der Verbesserung der Energieeffizienz bei Betriebshöfen und Gebäuden und zeigt Möglichkeiten regenerative Energien auf großen Dächern der Betriebsstätten zu gewinnen. Ein weiteres Kapitel widmet sich der ständig wachsenden Bedeutung des Themas Umweltmanagement. Das letzte Kapitel widmet sich dem wichtigen Thema der Finanzierung und beschreibt den Finanzierungsbedarf sowie neue Möglichkeiten der zukünftigen ÖPNV-Finanzierung unter Berücksichtigung von Umwelt- und Klimaaspekten.
Am Ende der einzelnen Kapitel gibt es jeweils eine Zusammenfassung mit Handlungsempfehlungen. Der erste Band schließt mit Checklisten, die es Verkehrsunternehmen, Kommunen oder Verbünden ermöglicht, Maßnahmen auf ihre Umsetzung zu checken und einzelne Aufgabenbereiche auf bisher nicht genutzte Potenziale hin zu prüfen.
Band 2 „Grundlagen“ setzt sich mit den globalen, regionalen und lokalen Problemen, Auswirkungen und Lösungsansätzen im Umwelt- und Klimaschutz auseinander und welchen Beitrag der ÖPNV zur Problemlösung leisten kann. Mit dem Blick auf die für die Zukunft bedeutenden technologischen Grundlagen im Bereich Energiegewinnung und Energiebereitstellung werden die verschiedenen Energieträger sprich fossile Brennstoffe, die Kernenergie, Solar-, Wind- und Wasserkraft sowie Geothermie und Biomasse erläutert. Band 2 schließt mit einem Überblick über die wichtigsten, aktuellen europäischen und nationalen umwelt- und klimarelevanten rechtlichen Vorgaben und Grundlagen.

Thomas J. Mager




Hatzelhoffer, Lena; Lobeck, Michael; Müller, Wolfgang und Wiegandt, Claus-Christian (Hg.): E-Government und Stadtentwicklung. 130 S., 17 Abb. und 1 Tab. Stadtzukünfte 8. Lit Verlag, Berlin 2010, € 19,90

Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben in den vergangenen Jahren Abläufe und Prozesse in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik nicht nur beeinflusst, sondern auch massiv verändert. IKT generell und das Internet im Speziellen ermöglichen den Kommunen neue Möglichkeiten und Perspektiven der politischen Steuerung gesellschaftlicher Entwicklung (Governance) und des effizienten Handelns der öffentlichen Verwaltung (E-Government) sowie der direkten Bürgerbeteiligung und Einbeziehung der Bürger in Planungs- und Entscheidungsprozesse (E-Partizipation). Diese Themenfelder greift der Sammelband in sieben inhaltlichen Beiträgen auf, wobei sich die ersten beiden Beiträge dem E-Government im Generellen widmen und sich die weiteren Beiträge vor allem mit Formen und Beispielen der E-Partizipation als einem speziellen Teilbereich des E-Government beschäftigen.
Holger Floeting bietet in allgemeiner Form einen Einblick darüber, wie kommunales Handeln sich unter der vermehrten Anwendung von IKT verändert. Die Frage, ob neue Technologien neue Steuerungsformen in den Kommunen ermöglichen, mündet in der Formulierung einer Reihe an Potenzialen (z.B. in Form der Unterstützung interkommunaler Kooperationen durch das Internet), aber auch Herausforderungen, mit denen Kommunen umzugehen lernen müssen (z.B. Kontrollpotenziale durch IKT, Technikgetriebenheit). Am konkreten Anwendungsbeispiel eines E-Government-Projekts der KfZ-Registrierung wird die Raumwirksamkeit der IKT für das Verwaltungshandeln von Tino Schuppan diskutiert. Dieser Beitrag ist aber vor allem wegen seiner allgemeinen Ausführungen zu verschiedenen Perspektiven von Territorialität und den territorialen Wirkungspotenzialen von IT-Funktionen interessant zu lesen.
Der zweite Fokus E-Partizipation wird mit einem sehr knappen Überblicksbeitrag von Steffen Albrecht zu Stand und Perspektiven der E-Partizipation in Deutschland eingeleitet. Etwas konkreter wird Tilmann Schulze-Wolf, wenn er über internetgestützte Beteiligung in formellen Planungsverfahren schreibt. Es werden Vorteile des Einsatzes von E-Partizipation bei Planungsverfahren aufgelistet und über die „noch recht bescheidene“ Akzeptanz realisierter Projekte vor allem bei den Trägern öffentlicher Belange berichtet. Sebastian Basedow, Karsten Lindloff und Oliver Märker konkretisieren Zielsetzungen, Durchführung, Anforderungen und Bewertung von E-Partizipation am Beispiel der Lärmaktionsplanung der Stadt Essen, wobei von einer starken Resonanz mit der Realisierung zügiger Lärmschutzmaßnahmen, aber auch vom hohen Koordinationsaufwand des federführenden Umweltamtes berichtet wird. Max Hennemann und Claus-C. Wiegandt schließlich beschäftigen sich mit Chancen und Grenzen der E-Partizipation in der Stadtplanung. Der Beitrag geht über eine Einzelfallbeschreibung hinaus und stellt die sehr unterschiedliche Praxis der E-Partizipation in 12 Mittelstädten vergleichend vor. Fördernde Faktoren wie veränderte Informations- und Kommunikationsansprüche der Bürger an die Verwaltung oder ein auf Verwaltungsmodernisierung ausgerichtetes Selbstverständnis der kommunalen Verwaltung stehen Vorbehalte wie Unsachlichkeit, Kosten, Komplexität, Anonymität, digitale Spaltung und fehlendes Interesse gegenüber.
Am Ende des Bandes findet sich noch ein Beitrag von Bernd Belina, der das Thema E-Government aufgreift, um aufzuzeigen, welchen Einfluss IKT bei der Videoüberwachung des öffentlichen Raums auf die Form und das Zusammenleben in der Stadt haben. Er kommt zu dem Fazit, dass „vor dem Hintergrund des aktuellen Hypes“ von Regierungen, E-Government Applikationen einzusetzen, die Frage zu klären sei, „welche Bedeutungen dem Einsatz und der Nutzung von Instrumenten des E-Governments im Einsatz eingeschrieben sind und inwieweit diese mit den von den Akteuren eigentlich intendierten Zielen und Zwecken übereinstimmen“ (S. 125).
E-Government und Stadtentwicklung ist ein für sowohl an Governance als auch an Fragen zur Raumrelevanz von IKT interessierten Lesern über weite Strecken lesenswerter und neue Einsichten liefernder Sammelband. Zwar hätten einige unnötige Wiederholungen von Definitionen vermieden werden können, den Herausgebern ist es alles in allem aber gelungen, vielfältige Perspektiven zum Thema zusammenzuführen.

Jürgen Rauh

 

 

 

Bode, Volker; Lentz, Sebastian und Sabine Tzschaschel (Hg.): Deutschland aktuell. Kartenbeiträge zu Wirtschaft. Gesellschaft, Kultur, Politik und Umwelt. 110 S., 55 Abb., 40 Photos und 65 Karten. Leibniz Institut für Länderkunde, Leipzig 2011, € 19,90

Was hat eigentlich der Beginn der Apfelblüte in Deutschland mit dem Anteil nichtehelicher Geburten an allen Geburten in Europa zu tun? Richtig – inhaltlich nichts, aber beide sind Themen in „Deutschland aktuell“, einem ausgesprochen breit gefächerten und reichhaltig illustrierten Materialband, den die Herausgeber in Zusammenarbeit mit dem Institut für Länderkunde in Leipzig (IfL) präsentieren. In diesem betont benutzerfreundlich und allgemein verständlich aufgemachten Dokumentationswerk wird eine Auswahl von insgesamt 22 Karten gezeigt, die in den ersten drei Jahren der online-Zeitschrift „Nationalatlas aktuell“ entstanden sind. Die Karten, Diagramme und Tabellen beziehen sich auf Datenerhebungen zwischen 2007 und Oktober 2010. Sie sind nach verschiedenen Themenfeldern gegliedert und behandeln dabei unter der Überschrift „Mensch und Gesellschaft“ Themen wie Geburtenentwicklung, Ost-West-Migration und Rechtsextremismus, bei „Leben und Alltag“ Aspekte von Gesundheit, Kleinkinderbetreuung, Linguistik oder regionalen Lebensmitteln und sie offerieren unter „Natur und Umwelt“ aktuelle Themen wie Klimawandel und Wintersport bevor sie schließlich mit „Wirtschaft und Kultur“ überregionale Verkehrsprojekte nach der Wiedervereinigung, die Monopolisierung der Tagespresse oder Cross Border Leasing aufgreifen. Damit erhebt „Deutschland aktuell“ keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentanz der vorgestellten Themen, sondern will vielmehr Anreize zur Nutzung der online verfügbaren Zeitschrift „Nationalatlas aktuell“ schaffen und zum Besuch der Seiten „http://aktuell.nationalatlas.de“ bzw. „www.nationalatlas.de“ einladen. Einleitend weisen die Herausgeber auf das Problem der durchschnittlichen Aktualitätshaltbarkeitszeit von gedruckten Nationalatlanten hin, die zwischen 20 und 30 Jahren liege, und weisen daher folgerichtig den Weg zum stets aktuell gehaltenen Deutschen Nationalatlas im Netz.

Andreas Dittmann




Fürst, Dietrich: Raumplanung. Herausforderungen des deutschen Institutionensystems. 268 S. und 18 Abb. Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung 1. Verlag Dorothea Rohn, Detmold 2010

Raumordnungspolitik ist in Deutschland in den letzten Jahren zumindest auf Bundes- und Landesebene zur Nebensache geworden. Beim zuständigen Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen ist Raumplanung nur noch auf der Referatsebene angesiedelt, was als deutlicher Hinweis auf den derzeit geringen Stellenwert dieses Politikfeldes gewertet werden kann. Nach der Erarbeitung von neuen raumordnungspolitischen Leitbildern und Handlungsstrategien Mitte der 2000er Jahre ist die Raumplanung bundespolitisch heute fast nicht mehr zu erkennen. Auch auf der Ebene der Länder hat die Raumplanung vielfach an Bedeutung verloren. Beispielhaft sei auf das bevölkerungsreichste Land Nordrhein-Westfalen verwiesen, in dem es zwar eine lange Tradition der räumlichen Planung gibt, in der die formalisierte Landesplanung heute aber nur noch bei Einzelvorhaben wie der umstrittenen Genehmigung von Steinkohlekraftwerken oder großflächigen Einzelhandelseinrichtungen in Erscheinung tritt. So wird in Nordrhein-Westfalen seit über zehn Jahren in immer wieder neuen Anläufen an einem neuen Landesentwicklungsplan gearbeitet, ohne dass Anfang 2011 erkennbar ist, was für ein Ergebnis dabei herauskommen wird.
In einer solchen Zeit der weitgehenden Bedeutungslosigkeit eines Politikfeldes zumindest auf Bundes- und Landesebene ist jetzt ein neues Buch zur Raumplanung erschienen, in dem der Hannoveraner Planungswissenschaftler Dietrich Fürst das Institutionensystem der deutschen Raumordnungspolitik umfassend darstellt und untersucht. Fürst hat dieses Politikfeld bereits seit Jahren und Jahrzehnten grundsätzlich und kritisch aus einer eher politik- bzw. verwaltungswissenschaftlichen Sicht begleitet und sich dazu auch schon in zahlreichen Veröffentlichungen geäußert. Das letzte anspruchsvolle und umfassende Werk zu den politischen und verwaltungspolitischen Grundlagen dieses Politikfeldes aus dem Jahr 1993 stammte auch bereits von ihm und Ernst Hasso Ritter. Er ist also ein außerordentlicher Kenner der Szene, der jetzt nach seiner Emeritierung als Hochschullehrer eine wohl begründete und schonungslose Analyse des Politikfeldes Raumplanung vorgelegt hat. Erschienen ist das Buch als erster Band einer neuen Schriftenreihe, in denen universitätsübergreifend unter dem Titel „Planungswissenschaftliche Studien zu Raumordnung und Regionalentwicklung“ Beiträge zu diesem Themenfeld erscheinen werden.
Mit seinem neuen Buch will Fürst nach eigenem Anspruch die „Diskrepanz zwischen den hohen Erwartungen, die an Raumplanung aus theoretischer Sicht vielfach gestellt werden, und den praktischen Schwierigkeiten, diesen gerecht zu werden“ (S. 13) untersuchen. Dazu analysiert er aktuell und umfassend das Institutionensystem der Raumplanung. Er unterscheidet zwischen der Aufbauorganisation, also der Strukturierung einer Organisation, und der Ablauforganisation, also der Gestaltung von Verfahren und Prozessen in der Organisation. Beide Organisationsformen stellt er systematisch für die Bundes-, Landes- und Regionalebene vor. Interessant ist, dass sich auf der regionalen Ebene heute ein breites Spektrum an Organisationsformen und Verfahrensweisen findet, die teilweise auch für neue Governance-Formen stehen. Im Ergebnis verweist Fürst allerdings auf die schwierige Rolle der Querschnittsaufgabe Raumplanung, die geringe Attraktivität dieses Politikfeldes, die Umsetzungsprobleme gegenüber den Kommunen und Fachplanungen, die Einflussnahme anderer Entscheidungen auf dieses Politikfeld sowie das unzureichende Instrumentarium der Raumplanung. In seinem Schlusskapitel klingt dann an, dass neben den Fragen zur Institutionalisierung auch eine stärkere Berücksichtigung der handelnden Personen einen Erklärungsansatz für die Defizite der Raumplanung bieten könnte. Dies könnte neben den Institutionen bezogenen Ursachen eine weitere interessante Ursache für die Diskrepanz zwischen Anspruch und sichtbaren Ergebnissen der Raumplanung sein, die noch weiter untersucht werden könnte.
Das Buch will nach eigenem Anspruch kein Lehrbuch sein. Trotz des systematischen Aufbaus, der zunächst den Eindruck eines Lehrbuchs vermittelt, erfüllt es nach meiner Einschätzung diese Funktion auch nicht, weil es zum einen drei klare Fragestellungen zur Wirksamkeit der Raumplanung verfolgt und auch beantwortet. Zum anderen ist es für ein Lehrbuch sprachlich zu anspruchsvoll. So werden die Diskrepanzen zwischen dem Anspruch und der Realität der Raumplanung sicherlich präzise und exakt herausgearbeitet, doch dabei sind einige Formulierungen stellenweise recht schwerfällig und akademisch, so dass sie keine Begeisterung für dieses Politikfeld wecken können. Nun ist es allerdings auch nicht der Anspruch dieses Buches, für die Anliegen der Raumplanung zu werben. Doch bleibt der Eindruck, dass zwischen der augenblicklichen Bedeutungslosigkeit dieses Politikfeldes und der teils technokratischen Sprache, die dieses Politikfeld bestimmt, eine weitere Erklärung für den geringen Stellenwert der Raumplanung liegen könnte.
Für einen Leser, der die Raumplanungsdebatte schon länger verfolgt, bietet das Buch zahlreiche Aha-Erlebnisse – für einen Leser, der sich bisher nicht mit Raumplanung beschäftigt hat, wird letztendlich keine Werbung für dieses Politikfeld betrieben. Dies war dann aber auch nicht das Ziel des Autors.

Claus-C. Wiegandt

 

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