Book reviews 2011 [4]
Borsdorf, Axel und Bender, Oliver: Allgemeine Siedlungsgeographie. 459 S., 78 Abb. und 28 Tab. UTB 3396. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, € 29,90 [D]/30,80 [A]
Der umfassende, weit ausholende Band geht von einem (etwas antiquierten?) „Verständnis des Siedlungsraumes“ aus, den die Verfasser „ganz im Sinne der klassischen Siedlungsgeographie als Einheit“ auffassen (S. 19). Die entscheidende konzeptionelle Frage ist die nach dem Gelingen der „Wiedervereinigung“ der – gerade auch nach den aktuellen Lehrbüchern – international längst getrennten Stadtgeographie und der Geographie der ländlichen Siedlungen (oder des ländlichen Raumes). Die spätere Aussage, dass „im Folgenden die Siedlungsgeographie nicht mehr gegliedert, sondern der Siedlungsraum in seiner Komplexität integrativ dargestellt“ wird (S. 34), erscheint schon bei einem Blick auf das Inhaltsverzeichnis kaum als zutreffend: Es überwiegt die eher additive Folge von Strukturelementen/-formen der Städte und ländlichen Siedlungen und von wichtigen historischen wie rezenten siedlungsgeographischen Prozessen.
Das Buch wendet sich an Studierende und Lehrende (enthält es für diese Neues?) der Siedlungsgeographie (S. 20). Dabei sollen die Kapitel 1–5 und 7 die Bedürfnisse der Bachelor- und Lehramtsstudierenden weitgehend abdecken. Danach würden die ländlichen Siedlungen (Kap. 3–5) nur in dieser Studienphase behandelt. Der zweite Teil (Kap. 6, 8–12), „aktuelle Fragestellungen ...“ darstellend, wendet sich ... mehr an die Studierenden und Lehrenden (?) in Masterstudiengängen“ (S. 20). Aber werden Themen wie Suburbanisierung, Segregation und Fragmentierung, Stadtschrumpfung, Stadterneuerung, Gentrifizierung, Reurbanisierung etc. (Kap. 6) nicht schon in den Bachelor-Studiengängen der Geographie behandelt? Gleiches gilt für das Modell der Zentralen Orte, für Stadtplanung, Dorferneuerung, Stadtmarketing (Kap. 9), die vielleicht nicht Themen siedlungs-/stadtgeographischer, sondern eher speziellerer anderer Veranstaltungen darstellen, oder für „die Stadt in Kulturräumen“ (Kap. 10).
Die ländlichen Siedlungs- und Flurformen sowie die Siedlungsgenese sind auf Unterkapitel (innerhalb der Kapitel 3–5) beschränkt, erscheinen allerdings solide-kompakt strukturiert und können – bei starker Betonung der historisch-genetischen Aspekte – gewissermaßen als klassisch angesprochen werden (u.a. Landnahmezeit und früher Ausbau, Ostkolonisation, Wüstungsperiode). Mit Ausnahme der Ausführungen zum Siedlungsraum (Kap. 3) liegt dabei der Schwerpunkt eindeutig auf Mitteleuropa, speziell auf Deutschland und Österreich, was für eine „Allgemeine Siedlungsgeographie“ eine Einschränkung bedeutet. Vergleichbares ist für die Kapitel über die städtischen Siedlungen zu konstatieren. In den Kapiteln 4 und 5 wechseln sich Unterkapitel über ländliche und städtische Siedlungsformen ab, z.B. Ländliche Hausformen in Mitteleuropa – Aufriss und Bausubstanz in Städten, Grundrisstypen ländlicher und städtischer Siedlungen oder (ländliche) Siedlungsgenese – Stammbaum der mitteleuropäischen Stadt. Ist das Ausdruck der (geglückten?) Lehrbuchkonzeption, die Strukturen und Prozesse des gesamten Siedlungsraumes integrativ darzustellen?
Die der Stadt und dem Stadtumland gewidmeten Kapitel nehmen den weitaus größten Teil des Bandes ein. In diesem Kontext kommt der Einführung (Kap. 1) eine besondere Bedeutung zu, werden doch hier die Postsuburbia als „die (siedlungsgeographische, G.M.) Herausforderung des 21. Jahrhunderts“ angesprochen, wobei die „Städte nicht mehr ‚Kontinente‘ (?) bilden, sondern ‚Archipele‘“ (S. 28) oder „Siedlungsarchipele“ (S. 23). Hier muss die Frage nach dem Inhalt bzw. der Aussagekraft dieser Begriffe erlaubt sein: Archipel (sprachlich-terminologisch meistens für „Inselschwärme“ benutzt; Leser 1997, 45) könnte symbolisch die neue, aus mehreren „Inselgruppen“ bestehende Stadtlandschaft abbilden (Kernstadt, Suburbia, Postsuburbia etc.), wobei sich dann allerdings die Frage nach der Verbindung zwischen diesen „Inseln“ stellt; aber die „Stadt als Kontinent“?
Ein zentraler Ausgangspunkt für die Argumentation und Interpretation von Borsdorf/Bender ist die Ablösung des Land-Stadt-Gegensatzes in den „modernen Industriestaaten der sog. Ersten Welt“ (und was ist mit den anderen Industriestaaten bzw. vielen Regionen der Dritten Welt?) durch ein Stadt-Land-Kontinuum (fließender Übergang)“ (S. 34), d.h. ein immer weiteres Ausgreifen städtischer Kriterien/Elemente in das bis dahin agrare Umland, verbunden mit einer immer stärkeren Über-/Umformung ländlicher Siedlungsstrukturen und der Ansiedlung neuer sekundärer wie tertiärer/quartärer Nutzungsformen. Und wenn schon einleitend – und später wiederholt – von einem „rurbanen Archipel“ (?) oder einem „engen Stadt-Land-Verbund“ (S. 18), von einem „fließenden Übergang von Land zu Stadt“ (S. 27) oder von „einer Vermischung des Städtischen und des Ländlichen“ (S. 26) gesprochen wird, so sollte gleich klar herausgestellt werden, dass dieses z.B. in Deutschland – unter Verweis auf die Karte der siedlungsstrukturellen Kreistypen (Abb. 7–5, S. 253) – für die Agglomerations- und verstädterten Räume gilt, nicht aber für die ländlichen Räume und einen Großteil der ländlichen Kreise. In diesem Zusammenhang wird der Hinweis vermisst, dass in weiten Teilen Europas und erst recht in den Ländern der Dritten Welt, selbst in dem – statistisch gesehen – am stärksten verstädterten Lateinamerika (S. 332) eindeutig die Kategorie „ländlicher Raum“ dominiert.
Noch einmal zurück zu Kap. 1, wo bereits die Kritikpunkte auftreten, die mit wechselnder Frequenz für viele Kapitel – mit Ausnahme derjenigen über die ländlichen Siedlungen – als charakteristisch bezeichnet werden können: (Flüchtigkeits-?)Fehler, fragwürdige Interpretationen, unterlassene oder unzureichende Recherchen und demzufolge ungenaue Darstellungen bzw. Schlussfolgerungen. Das beginnt gleich auf der ersten Seite der Einführung:
„Längst hat die zentripetale Funktionswanderung auch den sekundären Sektor, insbesondere aber den hochrangigen tertiären und quartären Wirtschaftssektor erfasst“ (S. 25). Hier handelt es sich (a) um eine zentrifugale Verlagerung/Wanderung und (b) um die hochrangigen Bereiche/Teile des tertiären Sektors.
„Die Suburbanisierung war hingegen durch Betriebsverlagerungen aus der Kernstadt in die Randzone charakterisiert“ (S. 25). Aber tragen oft nicht Neugründungen bzw. Verlagerungen von außen in die Randzonen viel stärker zur Suburbanisierung des sekundären, vor allem aber des tertiären und quartären Sektors bei als die Verlagerungen aus der Kernstadt?; vgl. Gaebe (1987, 45, 113; 2004, 63); Heineberg (2006, 56, 187).
Die Übernahme des in den USA gebräuchlichen Terminus Postsuburbanisierung für die Entstehung städtischer Strukturen und Funktionen weit vor den Kernstädten, verbunden mit der Entwicklung sogenannter Edge Cities, wird zwar für Europa „als problematisch angesehen“. Gleichzeitig wird aber am Beispiel der „General Leaded Area“ (?) der Vösendorfer Shopping City Süd, die aber schon ca. 1 km südlich der Stadtgrenze Wiens beginnt (!), postuliert, dass „diese die Vorgaben der Edge City-Definition“ bereits übertrifft (S. 25). Verbietet nicht alleine schon der Standort dieser Shopping City, hier von einer Edge City zu reden?
Dazu noch eine Anmerkung: Borsdorf/Bender zitieren auf derselben Seite Garreau (1991), nach dessen Definition eine nordamerikanische Edge City u.a. mindestens 460.000 m² Bürofläche und 24.000 Arbeitsplätze aufweisen sollte. Die Vösendorfer Shopping City Süd hat demgegenüber nur eine ausgesprochen minimale Bürofläche und zählte 2009 nur ca. 4.500 Beschäftigte (www.scs.at/W/do/centre/facts_figures, aufgerufen: 22.08.11), erfüllt also damit keineswegs die Edge City-Kriterien.
Abschließend: Abb. 1-1 (S. 27) zeigt nicht „verschiedene Strukturmodelle der Stadt“. Wohl beinhaltet sie einige davon (Bandstadt, „zerstreute Stadt“?), zeigt aber vor allem städtische Siedlungssysteme (Zentrale Orte, Stadtregion, „Fingerstadt“ u.a.).
Diese für das Einleitungskapitel beispielhaft zusammengestellte, unvollständige Monitaliste könnte auch für die Mehrzahl der anderen Kapitel vorgelegt werden. Jedoch kommt zu den genannten Kritikpunkten ein weiterer, m.E. in z.T. eklatanter Form. Dieser bezieht sich auf Vorstellungen/Standpunkte der Autoren bezüglich bestimmter siedlungs-, speziell stadtgeographischer Sachverhalte, d.h. wie diese aufgefasst, z.T. unter Vernachlässigung bekannter wissenschaftlicher Fakten dargestellt, miteinander in Beziehung gesetzt und interpretiert werden. Signifikante Beispiele stellen verschiedene, z.T. ambivalente Ausführungen zur Sub-/Postsuburbanisierung dar, zum Urban Sprawl, zur Segregation und Fragmentierung, aber auch zur Regionalstadt oder zu einigen „aktuellen Forschungsfeldern der Geographie“ (Kap. 11). Ebenfalls gilt das für mehrere, überwiegend selbst entworfene bzw. zusammengestellte Modelle und Tabellen, z.B. zum Vergleich von Suburbia und Postsuburbia (Tab. 6-1), für das Modell der postmodernen Stadtlandschaft (Abb. 6-1) oder die Matrix der Terminologie des Urban Sprawl (Tab. 6-2). – Als pars pro toto sollen diese Kritiken an einigen Beispielen erläutert/diskutiert werden, was damit auch den Wert gewisser Teile dieses Bandes dokumentiert.
Zunächst noch einmal zur Differenzierung von Sub- und Postsuburbanisierung: Den ersten Prozess wollen die Verfasser aus terminologischen Gründen nur auf die „Wohnquartiere der Vororte“ beziehen (S. 169); die „Suburbia“ hatten zunächst „die klare Funktion eines als „Schlafstadt“ (= Großwohnsiedlung ?, G.M.) fungierenden Komplementärraumes für den Stadtkern“ (S. 146); ihnen kommt nur die Wohnfunktion zu (Tab. 6-1); vgl. aber dagegen die Definitionsmerkmale für die Suburbanisierung bei Gaebe (2004, 62ff.) und Heineberg (2006, 56ff.). Die Postsuburbia stellen eine „neue Raumkategorie mit städtischen und ländlichen Funktionen“ dar (Tab. 6-1), durch nebeneinander stehende Einfamilien- wie Appartementhäuser gekennzeichnet (S. 150). Treten aber gerade Einfamilienhaussiedlungen nicht auch in großer Zahl im suburbanen Raum auf? Ebenfalls soll aus terminologischen Gründen (?) die „Außenverlagerung der Industrie und des Handels“, gewöhnlich als Suburbanisierung des sekundären und tertiären Sektors dargestellt (Gaebe 2004, 63f., 182ff.; Heineberg 2006, 44f.), als Postsuburbanisierung bezeichnet werden (S. 169).
Ferner (unter Bezug auf Tab. 6-1 und Kap. 6.1.1, 6.1.2): Sind (nur) junge Familien der Mittel- und Unterschicht typisch für die Suburbia und sind (wirklich) „alle Sozialschichten“ in den Postsuburbia vertreten? Gibt es eine „ausgebaute und spezialisierte Einkaufs- und Freizeitstruktur“ sowie Arbeitsmöglichkeiten erst in den Postsuburbia, nicht auch schon in erheblichem Umfang in den Suburbia? Diese (und auch andere) Passagen wirken vielfach wie eine nicht selbstkritisch hinterfragte Aneinanderreihung (oft ist es auch ein Durcheinander) von Schlagworten und Allgemeinplätzen und eine z.T. unzutreffende Beschreibung von Prozessen, wobei konkrete Beispiele regelrecht Mangelware darstellen. Stattdessen finden sich unzureichend erklärte Modelle, z.B. das der postmodernen Stadtlandschaft (Abb. 6-1). Hierbei füllen, ohne entsprechende Kriterien bzw. Prozesse aufzuzeigen, periurbane Strukturen (?) größtenteils den Raum zwischen Suburbia und Postsuburbia aus.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Zweifellos gibt es postsuburbane Elemente, Strukturen und Funktionen. Aber diese müssen – gerade in einem Lehrbuch – deutlich herausgearbeitet/identifiziert, definiert/terminologisch fixiert und an Beispielen dokumentiert werden, sehen doch auch die Verfasser die „Schaffung einer exakten Terminologie“ als eine „Hauptaufgabe der Siedlungsgeographie“ an (S. 30). In diesem Zusammenhang reichen Hinweise auf z.T. spektakuläre Ausdrücke nicht aus, wie z.B. auf den der „pepperoni-pizza cities für multi-nucleated metropolitan regions“, der „auf die einer belegten Pizza ähnliche Fragmentstruktur der neuen Kulturlandschaften“ hindeuten soll (S. 24/25).
Einen weiteren Kritikpunkt stellt der Rückgriff auf bzw. das Zitieren von/aus Publikationen dar, um bestimmte Prozesse zu belegen, die aber dort nicht oder in einem anderen Zusammenhang angesprochen sind. So wurden z.B. in einem EU-finanzierten Forschungsprojekt zu sieben europäischen Agglomerationen in sechs davon – nach der Bebauungsdichte – neben der inneren Stadt (core city), dem urbanen Kernraum (rest of the core city) und dem suburbanen Gürtel (suburban belt) noch in einem Abstand von maximal 10 km zum suburban belt eine Randzone (fringe) definiert, „um der Tendenz zur fragmentierenden Raumentwicklung mit ihren neuen post-suburbanen Zentren gerecht zu werden“ (S. 260), wobei als Referenz Pöckl et al. (2003) angegeben ist. Nur: Der zitierte Artikel bezieht sich auf Wien, für die – als einzige Agglomeration in diesem Kontext – keine Randzone definiert wurde; die Bezeichnungen fringe, fragmentierte Raumentwicklung und post-suburbane Zentren tauchen in dem genannten Artikel überhaupt nicht auf! Das zweite Beispiel in diesem Kontext betrifft die soziale Fragmentierung in Städten der verschiedenen Kulturräume. Für Lateinamerika wird dazu pauschal angeführt, dass „die Ober- und Unterschicht durchaus eine räumliche Nähe suchen, da sie ... in vielfältigen sozioökonomischen Beziehungen zueinander stehen (Hausangestellte, persönliche Dienstleistungen u.a.)“; S. 193. Die zitierte Autorin Galleguillos A.-Schübelin (2006) hat das für ein Armenviertel in der comuna Peñalolén/Santiago de Chile untersucht, jedoch auf die Entstehung von „Orten der Begegnung“ oder „neutralen Räumen“ in der Nachbarschaft zu traditionellen Unterschichtvierteln (poblaciones) hingewiesen, die neue Möglichkeiten für eine soziale Integration bieten. Von dem Beispiel eines Armenviertels bzw. vergleichbaren Vierteln in Santiago de Chile wird auf entsprechende Prozesse in den (= allen?) lateinamerikanischen Städten geschlossen!
Ein weiteres Merkmal stellt die m.E. unreflektierte Tradierung von Ungenauigkeiten, z.T. auch von Fehlern, aus eigenen, älteren Publikationen dar, was u.a. die folgenden Beispiele belegen:
Nach dem erstmals von Borsdorf 1982 in dieser Form vorgestellten „Modell der spanisch-amerikanischen Stadtentwicklung“ (S. 500) sowie bei den später publizierten, z.T. modifizierten Formen desselben weist die lateinamerikanische Stadt schon in der Kolonialzeit (1500–1820; Abb. 10-3) eine City auf! An anderer Stelle wird aber richtig ausgeführt, dass der im Deutschen verwendete Citybegriff sich von der (Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen) City of London ableitet (S. 243). Wie passt das zusammen?
Unter Verweis auf Borsdorf (2001) wird – analog zur sozialistischen Stadt bzw. -planung in der ehemaligen Sowjetunion und den COMECON-Staaten – herausgestellt, dass die kubanischen Städte „ebenfalls große Magistralen und Plätze aufweisen“ (S. 321). Nur: Die unter Fidel Castro in Plaza de la Revolución umbenannte „Plaza Cívica” (Bürgerplatz) wurde mitsamt den anliegenden repräsentativen Gebäuden schon 1952–1958 unter dem Diktator Fulgencio Batista als monumentales Statussymbol erstellt! Die Eröffnung der Plaza Cívica fand bereits 1953 statt; dann folgten 1953 die Bauten des Innenministeriums, 1955 des Kommunikations-, 1957 des Justizministeriums, 1957 die Nationalbibliothek, 1958 das Nationaltheater und der 130 m hohe Martí-Obelisk. Die beiden auf die Plaza Cívica führenden „Magistralen“ (= Avenidas) sind als Ausfallstraßen sogar noch einige Jahrzehnte älter (Cieri 2001, 13, 16; Hofer 2007, 49, 50).
Mit Bezug auf Kuba erscheint eine andere (nicht belegte!) Aussage mehr als zweifelhaft: „Fußend auf den Aussagen der Dependenztheorie, wonach Städte als Brückenköpfe des globalen Kapitalismus dienen, wurde die städtische Entwicklung ... bewusst vernachlässigt, so dass es zu starken Verfallserscheinungen in den Altstädten (und nicht nur dort; G.M.) kam“ (S. 331). Hier ist wohl übersehen worden, dass die originäre lateinamerikanische Literatur zur Dependenztheorie (u.a. F.H. Cardoso, A. Córdova, A.G. Frank, C. Furtado, H. Jaguaribe, T. dos Santos, R. Stavenhagen, O. Sunkel) frühestens ab Mitte der 1960er Jahre (meistens 1967–1969/70) erschienen ist (Senghaas 1972, bes. 390ff.; Nitsch 1986, 231ff.). Zu diesem Zeitpunkt bestand das sozialistische Kuba schon fast zehn Jahre und war der erste Generalplan für die nationale, ökonomische und räumliche Planung längst, d.h. seit 1963, in Kraft! Eine dependenztheoretische Beeinflussung der kubanischen Planung ist m.W. bis jetzt nirgends nachgewiesen.
Basierend auf den Publikationen von Wilhelmy (1952, S. 85) und Wilhelmy/Borsdorf (1984, 57f.) wird ausgeführt, dass im „spanischen Kolonialreich der Neuen Welt die Schachbrettgrundrisse auf die Wiederentdeckung der Schriften des römischen Stadtbaumeisters Vitruvius Pollio in der Renaissancezeit zurückgehen“, die „den städtebaulich unerfahrenen Konquistadoren auf der Grundlage einer königlichen Generalinstruktion die einfache und erfolgreiche Anlage von Städten“ ermöglichten (S. 86). Dabei werden neuere Forschungsergebnisse, zusammengefasst bei Bähr und Mertins (1995, 13, 14) übersehen: Den städtebaulichen Schriften des Vitruvius Pollio kam frühestens – wenn überhaupt – ab 1956 Einfluss auf die königlichen Anordnungen (ordenanzas) für die Städteneugründungen zu. Allerdings wurden sie dann 1573 z.T. wörtlich in die Anordnungen über die Siedlungsneugründungen etc. Philipps II. aufgenommen. Jedoch war zu dieser Zeit die Hauptphase der hispanoamerikanischen Stadtgründungen bereits vorbei und der Schachbrettgrundrisse gut ausgebildet!
Ferner wäre es insgesamt sehr wünschenswert gewesen, zur Absicherung gerade fundamentaler Aussagen die Originalquellen/-literatur heranzuziehen anstatt diese nur zu zitieren bzw. im Literaturverzeichnis anzuführen. Ein sehr signifikantes, aber keinen Einzelfall darstellendes Beispiel sind die einleitenden Ausführungen zur „Global City Theorie“ (Kap. 8.5): „Friedmanns world city hypothesis, veröffentlicht 1986, basierte auf dem Studium der Destinationen von Japan Airlines (vgl. dazu Abu-Lughod 1989). ... Aufgrund der von ihm verwendeten Basiskarte liegen die Weltstädte höchster Kategorie im Pazifischen Raum (Tokio, Singapur und Los Angeles), die Städte der amerikanischen Ostküste oder Europa rangieren dagegen auf tieferen Rangstufen (S. 275). Dazu ist festzustellen:
Abu-Lughod bezieht sich auf Friedmann/Wolff (1982; sie gibt 1980 an!) und führt aus: „Significantly, Friedmann and Wolff mapped their „world cities“ using a base map provided by the Japan Airlines“ (1989, 32). Nur findet sich bei Friedmann/Wolff (1982) weder ein Hinweis auf die angebliche Karte der Japan Airlines noch eine Karte der „world cities“. Hier irrte also Abu-Lughod bzw. hatte die entsprechende Quelle nicht genau gelesen und Borsdorf/Bender haben den Fehler aus einem in diesem Kontext eher marginalen Buch übernommen anstatt einen Blick in das Original zu riskieren.
In dem zitierten Aufsatz Friedmanns taucht unter den Auswahlkriterien für die Hierarchie der Weltstädte der Indikator „Internationale Flughäfen“ nicht auf, geschweige denn die „Destinationen von Japan Airlines“, wohl aber – ohne das weiter auszuführen bzw. zu kommentieren – „major transportation node“ (Friedmann 1986, 320). In der dort veröffentlichten Tabelle und Figur zur Hierarchie der Weltstädte finden sich in der „Primary“-Kategorie der „Core countries“ New York, Chicago, Los Angeles, London, Paris, Tokio, aber auch Frankfurt, Rotterdam und Zürich, während z.B. Singapur mit Sâo Paulo als einzige Städte in der „Primary“-Kategorie der „Semi-periferal countries“ angeführt sind (Friedmann 1986, 320f.). Also liegen die Weltstädte höchster Kategorie überwiegend doch an der Ostküste Nordamerikas und in Europa (vgl. auch Friedmann 1995, 24).
Diese Vorgehens-/Arbeitsweise kann durchaus als wissenschaftlich unsauber bezeichnet werden, gerade bei einem Lehrbuch der Allgemeinen Siedlungsgeographie auch als unseriös, vermittelt sie doch den Studierenden sachlich unzutreffende Tatbestände, was zu Verwirrungen und falschen Vorstellungen führt.
Angesichts des voluminösen Bandes und der Intention der Verfasser, den Siedlungsraum mit seinen Strukturen und Funktionen umfassend darzustellen, was sich in der Gliederung widerspiegelt, sei abschließend die Frage gestellt, ob weniger, d.h. eine inhaltliche Beschränkung, nicht „mehr“ gewesen wäre? So nimmt z.B. die „Angewandte Siedlungsgeographie“ (Kap. 9; u.a. Stadtplanung, Dorferneuerung, Stadtmarketing) einen breiten Raum mit z.T. sehr differenzierten Darstellungen ein, wobei der eindeutige Fokus jedoch auf der Bundesrepublik Deutschland liegt. Zwar erscheinen mehr generelle Ausführungen zur Entwicklung, den Aufgaben, der Konzeption und den Instrumenten der Stadtplanung durchaus wichtig, aber hier handelt es sich um eine längst eigenständige Disziplin. Zudem wird an fast allen Geographischen Instituten in Deutschland das Thema Stadtplanung in eigenen Veranstaltungen, z.T. innerhalb des umfassenderen Themas „Raumordnung und Raumplanung“, behandelt. Die Frage nach dem „weniger“ tritt aber unweigerlich auch bei den z.T. geolyrischen Passagen über Symbole und symbolische Elemente in der Siedlung auf (Kap. 11.3.2; 11.3.3), die in Aussage und Auslegung eben oft fragwürdig und zudem in diesem Kontext überflüssig erscheinen.
Fazit: Die eingangs herausgestellte Intention der Verfasser, den Siedlungsraum „in seiner Komplexität integrativ“ darzustellen (S. 34), stellt zweifellos ein zu hohes, aber nicht erreichtes Leitziel dar. Stattdessen bietet der auf den ersten Blick vielversprechende Band eine stark additive Darstellung bestimmter siedlungsgeographischer Bereiche, die mit vielen (nur beispielhaft aufgezeigten) Mängeln bzw. Unzulänglichkeiten behaftet ist. Es ist oft schon peinlich festzustellen, mit welcher wissenschaftlicher Sorgfalt bei der Abfassung von (vielen) Teilen dieses anspruchsvoll sein wollenden Lehrebuches vorgegangen wurde, das z.T. irreführende Vorstellungen bzw. falsches Wissen (gerade den Studierenden!) vermittelt.
Das „Normale“ einer Lehrbuchrezension ist, dass nach den inhaltlich-sachlichen Kritiken am Ende meistens qualitativ differenzierte Empfehlungen für den „Adressatenkreis“ folgen. Hier ist es eher umgekehrt: Bevor das Werk als Lehrbuch empfohlen werden kann, erscheint – mit Ausnahme einiger Kapitel bzw. Unterkapitel – eine grundlegende Überarbeitung bzw. Revision unumgänglich.
Literatur
Abu-Lughod, J. L. (1989): Before European hegemony: the world system A.D. 1250–1350. New York, Oxford.
Bähr, J. und Mertins, G. (1995): Die lateinamerikanische Großstadt. Erträge der Forschung 288. Darmstadt.
Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt. Zwischenbericht zur Diskussion um ein Modell. In: Geogr. Rundschau 34, 498–501.
– (2001): Stadtgeographie Kubas. In: Ette, O. und Franzbach; M. (Hg.): Kuba heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Bibliotheca Ibero-Americana 75. Frankfurt a.M., 59–82.
Centro de Información y Estudios sobre las Relaciones Interamericanas (CIERI) (2001): Paquete Informativo de Gestión Local y Desarrollo Municipal. Serie Especial, Monografías Municipales 3. La Habana.
Friedmann, J. (1986): The world city hypothesis. In: Development and Change 17.1, 59–83; zitiert nach dem Nachdruck in: Knox, P. L. und Taylor, P. J. (Hg.) (1995): World cities in a world-system. Cambridge NY, 317–331.
– (1995): Where we stand: a decade of world city research. In: Knox, P. L. und Taylor, P. J. (Hg.) (1995): World cities in a world-system. Cambridge NY, 21–47.
Friedmann, J. und Wolff, G. (1982): World city formation: an agenda for research and action. In: International Journal of Urban and Regional Research 4, 309–343.
Gaebe, W. (1987): Verdichtungsräume. Strukturen und Prozesse in weltweiten Vergleichen. Stuttgart.
– (2004): Urbane Räume. Stuttgart.
Galleguillos A. - Schübelin, X. (2006): Armenviertel in Santiago de Chile. Sozialräumliche Segregation und Chancen für eine Rückgewinnung sozialer Heterogenität. In: Kieler Geographische Schriften 111, 457–472.
Garreau, J. (1991): Edge City. Life on the new frontiers. New York.
Heineberg, H. (2006): Stadtgeographie; 3. Aufl. Paderborn.
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Leser, H. (Hg.) (1997): Diercke-Wörterbuch Allgemeine Geographie. München, Braunschweig.
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Pöckl, A.; Hagspiel, E. und Kuffer, M. (2003): Planning conditions for the Vienna metropolitan region. In: Borsdorf, A. und Parnreiter, C. (Hg.): International Research on Metropolises. Milestones and Frontiers. ISR-Forschungsberichte 29. Wien, 87–100.
Senghaas, D. (Hg.) (1973): Imperialismus und strukturelle Gewalt. Analysen über abhängige Reproduktion. Frankfurt a. Main.
Wilhelmy, H. (1952): Südamerika im Spiegel seiner Städte. Hamburg.
Wilhelmy, H. und Borsdorf, A. (1984): Die Städte Südamerikas 1. Urbanisierung der Erde 3. Berlin, Stuttgart.
Akademie für Raumforschung und Landesplanung: Grundriss der Raumordnung und Raumentwicklung. XXIII und 877 S., zahlr. Abb. und Tab. Verlag der ARL, Hannover 2011, € 69,-
36 zumeist renommierte Autoren und ein hochkarätiger Redaktionsausschuss von sieben Praktikern und Wissenschaftlern haben es geschafft, ein umfassendes, fast 900 Seiten starkes Werk zur Raumordnung und Raumentwicklung vorzulegen. Klaus Borchard formuliert im Vorwort den eigenen Anspruch der Herausgeber, das „aktuelle Basiswissen der Disziplin zusammenfassend und systematisch aufgearbeitet“ dazustellen. Damit werden die drei Vorgängerbände, die Grundrisse der Raumordnung aus dem Jahr 1982, der Stadtplanung aus dem Jahr 1983 und der Landes- und Regionalplanung aus dem Jahr 1999, aktualisiert und abgelöst. Neben dem Handwörterbuch der Raumordnung ist so ein weiteres Werk zu diesem Themenfeld erschienen, das die Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover herausgibt. Das Hauptaugenmerk wird bei diesem neuen Sammelband eindeutig auf die überörtlichen Stufen der Raumplanung gerichtet, wobei aber auch die Bezüge zur kommunalen Bauleitplanung und zu ausgewählten Fachplanungen dargestellt werden.
Bemerkenswert ist der Auftakt des Sammelbandes. An den aktuellen Entwicklungen des Frankfurter Flughafens verdeutlicht Jürgen Schultheis, ein Journalist der Frankfurter Rundschau, die augenblickliche Bedeutung der Raumordnungspolitik. Zehn bis zwölf Milliarden Euro werden hier in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren in einen neuen urbanen Knoten investiert, der vielfältige Wirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, aber auch die stadtregionale Entwicklung in der Rhein-Main-Agglomeration haben wird. Die neuen Startbahnen, Terminals sowie Büro- und Gewerbekomplexe müssen planerisch vorgedacht und abgesichert werden. Dabei hat die Raumordnung eine wichtige Schlüsselrolle. Besser kann man nach meiner Einschätzung die auch aktuelle Bedeutung dieses Politikfeldes nicht begründen.
Der Leser hätte sich im Verlauf des Buches noch weitere derart prägnant dargestellte Beispiele gewünscht. Die Konflikte um die Factory Outlet Center an den Autobahnabfahrten im eher ländlich geprägten Raum oder die Debatten um das Steinkohlekraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln wären hier ebenso Anknüpfungspunkte wie die Disparitäten zwischen Ost- und Westdeutschland oder zwischen aufstrebenden Dienstleistungsstädten und schrumpfenden Städten mit alten industriellen Strukturen. Solche Beispiele würden ausreichend Möglichkeiten bieten, die manchmal etwas spröde Materie der Raumordnungspolitik einmal etwas anders darzustellen und sie dadurch noch anregender zu gestalten, um so für dieses Politikfeld ein breiteres Interesse zu wecken.
Stattdessen haben sich die Herausgeber für einen eher klassischen Aufbau entschieden, gegen den natürlich prinzipiell auch nichts einzuwenden ist. Auf rund 70 Seiten ordnet Heinrich Mäding die Raumordnungspolitik zunächst in allgemeine gesellschaftliche Veränderungen ein bzw. stellt Dietrich Fürst die veränderten Steuerungsmöglichkeiten des Staates in der jüngeren Zeit vor. Anschließend geht es auf mehr als 100 Seiten in einer sehr kenntnisreichen Abhandlung um die Geschichte der überörtlichen Planung in Deutschland, die Hans H. Blotevogel verfasst hat. Allein dieser Teil würde bereits den Anspruch eines eigenen Lehrbuchs erfüllen. Ergänzt wird der zweite Abschnitt um die Geschichte der räumlichen Planung in der DDR, die Bruno Schelhaas zu dem Sammelband beiträgt.
Im dritten Abschnitt systematisieren Hans-Jörg Domhardt, Lothar Benzel, Thomas Kiwitt, Matthias Proske, Christoph Scheck und Theophil Weick auf weiteren 70 Seiten die verschiedenen Konzepte der Raumordnung. Im vierten Abschnitt hat der Sammelband dann stellenweise den Charakter eines wenig reflektierten Handbuchs. So lesen sich einige Abschnitte der Autoren Wolfgang Roggendorf, Bernd Scholl, Frank Scholles, Walter Schönwandt und Rolf Signer wie eine Bedienungsanleitung für ein Gesellschaftsspiel: „Vergewissere dich bei einem gegebenen Problem, worum es eigentlich geht“ (S. 364) oder: „Durchdenke Aufbau und Ablauf der gewählten Organisation und überlege eine adäquate Disposition der erforderlichen Mittel dafür“ (S. 365). Hier sind Zweifel angebracht, ob solche Rezepte wirklich irgendjemanden helfen können, Raumnutzungskonflikte zu lösen.
Zu einer umfassenden Darstellung der Raumordnung gehört schließlich der rechtliche und institutionelle Rahmen, den Wolfgang Durner, Stefan Greiving und Frank Reitzig im fünften Abschnitt präsentieren. Wie dieser Rahmen durch Programme und Pläne gefüllt wird und welche Verfahren zur Aufstellung dieser Programme und Pläne genutzt werden, zeigen im sechsten Abschnitt Rainer Danielzyk, Konrad Goppel, Jörg Knieling, Heinz Konze und Petra Ilona Schmidt. Im siebten Abschnitt geht es um die Instrumente der Verwirklichung und der Sicherung der Raumordnung (Ulrich Höhnberg, Christian Jacoby), im achten Abschnitt dann um die Umsetzung der Raumplanung. Dabei wird im Beitrag von Dirk Vallee der besondere Stellenwert der raumbedeutsamen Fachplanung deutlich, die bis hierher nicht ausdrücklich thematisiert wurde. Das Verhältnis zur Bauleitplanung erläutern Gerhard Steinebach und Gerd Schmidt-Eichstaedt. Der Zusammenhang zwischen Raumordnung und anderen Politikfeldern wird dann auch im neunten Abschnitt noch einmal aufgegriffen. Die Bezüge zur Wirtschafts-, Finanz-, Umwelt- und Verkehrspolitik werden von Hans-Friedrich Eckey, Horst Zimmermann, Christina von Haaren und Beate Jessel sowie von Christian Langhagen-Rohrbach herausgearbeitet. Im letzten Abschnitt wird schließlich die Raumordnungspolitik in anderen ausgewählten europäischen Staaten von Stefanie Dühr vorgestellt sowie von Andreas P. Cornett in die verschiedenen Formen der grenzüberschreitenden Planung eingeführt.
Mit diesen Inhalten hat die Akademie für Raumforschung und Landesplanung einen umfassenden Sammelband zur Raumordnungspolitik vorgelegt. Kleine Wiederholungen bleiben bei einem solchen Konzept nicht aus. Sie schaden aber nach meiner Einschätzung nicht, weil kaum ein Leser die fast 900 Seiten vor vorne bis hinten lesen wird. Auch deshalb sind die Kurzfassungen und das Sachregister am Ende des Werkes hilfreich, um den Einstieg in dieses „Schwergewicht“ der Raumordnungspolitik zu erleichtern. Die systematische Darstellung hilft dem Leser sicherlich, sich das Basiswissen der Raumordnung zu erschließen – und damit den Anspruch der Herausgeber einzulösen. Ob es aber auch Begeisterung für dieses Politikfeld auslösen kann, darf bezweifelt werden.
Meynen, Henriette (Hg.): Festungsstadt Köln. Das Bollwerk im Westen. Fortis Colonia 1. 544 S. und zahlr. Abb. Verlag Emons, Köln 2010, € 49,95.
Die Herausgeberin des eindrucksvollen Werks über die „Festungsstadt Köln. Das Bollwerk im Westen“, Henriette Meynen, war über viele Jahrzehnte bis zu ihrer Pensionierung in der städtischen Denkmalpflege tätig. Im Zusammenhang einer Besprechung in einer geographischen Zeitschrift reicht dieser Hinweis auf eine überragende Fachkompetenz im kunsthistorischen Bereich nicht aus. Er muss ergänzt werden durch Daten zu ihrer Qualifikation als Historische Geographin. Sie wurde am Geographischen Institut der Universität Bonn über die Entwicklung des Kölner Stadtteils Ehrenfeld promoviert und war fast ein Vierteljahrhundert als Lehrbeauftragte für Historische Geographie ebenfalls in Bonn tätig.
Meynen hat bereits zahlreiche Veröffentlichungen zur Kölner Festungsgeschichte vorgelegt, in denen sie immer wieder ihrer Verwunderung Ausdruck verlieh, dass nur wenige Kölner einigermaßen befriedigend über die Festungsbauten und -anlagen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts im Gebiet der Stadt Köln Bescheid wüssten. Bereits 1987 fasste sie knapp die wichtigsten Gründe für diese Defizite im Bewusstsein der Bevölkerung zusammen. 1. Die Festung ist als Ganzes heute nicht mehr fassbar. 2. Bei der Kölner Festung bestand nirgends eine Verquickung von städtischer, ziviler und militärischer Bausubstanz. 3. Die komplizierte Struktur war auch vor dem Ersten Weltkrieg wegen umfassender Tarnungen und Aussparungen auf den Stadtplänen kaum zu erkennen. 4. Die Festungssysteme waren nur kurzlebig, da die Verteidigungslinien mehrfach verschoben wurden. 5. Es handelte sich um keinen überschaubaren Verteidigungsschutz wie bei einer mittelalterlichen Stadtmauer, sondern um komplizierte aufgelockerte Systeme mit vielen Einzelwerken. 6. Die überwiegende Mehrzahl aller einschlägigen Bauten und Anlagen wurden zerstört oder umgenutzt; darüber hinaus spielte der Verfall eine große Rolle.
Die hier zu besprechende Veröffentlichung ist der Band 1 der Schriftenreihe von Fortis Colonia e.V. Dieser Verein „setzt sich für die Anerkennung, Bewahrung und sinnvolle Nutzung der noch erhaltenen einzigartigen Bauwerke und der anderen ablesbaren Spuren der einstigen Festungseigenschaft der Stadt ein“ (Klappentext). Diese Aufgabenbeschreibung könnte nun irrtümlicherweise erwarten lassen, dass es sich bei dem Buch hauptsächlich um ein Werk der Denkmalpflege handele. Dem ist nicht so, wie eindeutig aus der Einleitung der Herausgeberin und dem Blick in das Inhaltsverzeichnis hervorgeht. Auf kürzere Ausführungen zu der Zeit vor 1800 folgen sehr detaillierte Fachbeiträge zu der Entstehung der preußischen Festung Köln und ihrer Weiterentwicklung nach der Reichsgründung. Die Geschichte vom Ende des Ersten Weltkriegs bis heute wird demgegenüber nur relativ knapp behandelt. Die Hauptkapitel tragen folgende Überschriften: Die neupreußische Befestigung Kölns 1915–1973; Die neudeutsche Befestigung Kölns 1873–1914; Die Kölner Rheinbefestigung; Die militärische Infrastruktur; Soldaten und Zivilisten. Eingerahmt werden diese Hauptkapitel durch „Vorwort“, „Einführung“ und „Allgemeines“ am Beginn des Buches und „Entwicklung und Wertung“ sowie einem umfangreichen „Anhang“ am Ende.
Die Publikation ist sehr anspruchsvoll gestaltet, was die potenten neben dem Titelblatt genannten Förderer ermöglicht haben. Sie enthält zahlreiche meist bunte Photos, Zeichnungen, Pläne und Karten. Besonders eindrucksvoll sind die großformatigen extra für die Publikation angefertigten dokumentarischen Photos aus der Gegenwart. Sehr aufschlussreich sind auch die vielen auf der Basis von älteren Materialien erstellten Situationsskizzen. Die insgesamt zwölf Mitarbeiter sind ehemalige Berufsoffiziere, die meist nach ihrem Ausscheiden noch ein Studium abgeschlossen haben, sowie Wissenschaftler, die unterschiedliche Positionen innehaben bzw. innehatten. Was die vertretenen Fächer betrifft, handelt es sich durchwegs um Kunsthistoriker oder Historiker. Eine Ausnahme stellt Bernhard Wacker dar, der einen Magisterabschluss im Fach Historische Geographie der Universität Bonn aufweist.
Während die meisten Beiträge sich primär auf die militärischen Bauten und Anlagen konzentrieren, bildet der Aufsatz von Dieter Klein-Meynen über das Leben in der Festungs- und Garnisonsstadt Köln eine Ausnahme. Dort steht die Sozial- und Bevölkerungsgeschichte im Mittelpunkt. Von diesem Beitrag lassen sich aufschlussreiche Verbindungen zu den Ausführungen im Kapitel über die militärische Infrastruktur zu den Kasernen, Werkshallen, Depots, sonstigen militärischen Bauten wie z.B. den Garnisonsbäckereien, Exerzierplätzen und Schießständen, Munitionslagern, Straßenbahnen und Flugplätzen herstellen. Das Literaturverzeichnis, die Anmerkungen und die Quellenzusammenstellung finden sich im Anhang.
Allgemeinere geographisch orientierte Fragen spricht die Herausgeberin Henriette Meynen sowohl in ihrer sehr instruktiven Einführung als auch in mehreren Spezialbeiträgen an (über Rayonbestimmungen, die architektonische Gestaltung der Festungswerke, die festungsbedingten Auswirkungen auf das Stadtbild sowie die Nachfolgewirkungen der Festungsbauten). Der Historische Geograph Bernhard Wacker hat fünf Beiträge aus seinem Forschungsbereich beigesteuert: 1. Die römische und mittelalterliche Stadtbefestigung Kölns. 2. Die Festung Köln innerhalb des preußischen Festungssystems. 3. Die neupreußische Befestigung und die Stadtentwicklung. 4. Das Hinausschieben der Verteidigungslinien und die Stadtentwicklung. 5. Die Stadtentwicklung unter dem Einfluss der Befestigung 1873–1914.
Im Mittelpunkt des Buches steht die Festungsgeschichte. In eindrucksvoller Weise wird dabei das hochgesteckte Ziel erreicht, Gestalt und Funktion aller Festungsanlagen für jede Bauphase zu beschreiben und optisch darzustellen. Dies gelingt unabhängig von dem heutigen schwer zu vermittelnden konkreten Befund in Form von Festungsräumen, Ziegelgemäuern, Erdhügeln, Grüngürteln sowie einschlägigen Straßenbezeichnungen und Straßenverläufen. Sehr hilfreich sind dabei die großformatigen Ausschnitte aus einer farbigen detailstarken Rekonstruktion von André Brauch.
Während die Festungsanlagen der Stadt Köln also erstmalig sowohl im großen Zusammenhang als auch im Detail in einer anspruchsvollen Veröffentlichung vorgestellt wurden, dürfen Hinweise auf Themenfelder nicht fehlen, die in dem Buch nur angerissen werden konnten. Dies soll nicht als Kritik verstanden werden, sondern als eine Hilfestellung bei der Vermeidung einer unangebrachten Erwartungshaltung. Die Verbindung zur Stadtgeschichte ist nicht sehr eng, wobei dies teilweise auf die Rücksichtnahme auf vorhandene oder in Bearbeitung befindliche Spezialveröffentlichungen zurückzuführen ist. Auch die mehrmals angesprochene „Einordnung und Wertung der Kölner Festungswerke in die europäische Festungsbaugeschichte“ wird nur rudimentär geleistet, so dass die Bezeichnung „stärkste Festung im Westen des preußischen Reiches“ etwas isoliert im Raum steht. Nur knapp behandelt wird auch die Entwicklung der Kölner Festungswerke nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Auswirkungen auf die städtischen Strukturen.
Wenn diese Aufgabe geleistet worden wäre, hätte auch die entscheidende Frage nach der Erlebbarkeit der früheren Festung in der heutigen Zeit besser beantwortet werden können. Ob die Aussage im Klappentext, die Auswirkungen auf das heutige Stadtbild seien aktuelles Thema dieses Standardwerks, wirklich berechtigt ist, erscheint fraglich. Das Buch ist kein Leitfaden für die Denkmalpflege und schon gar nicht für die Kulturlandschaftspflege. Welche Aufgaben hier zu leisten sind, geht aus zahlreichen einschlägigen Veröffentlichungen und Vorträgen der Herausgeberin Henriette Meynen hervor. Es verwundert etwas, dass aus diesem reichen Fundus an Erkenntnissen und berechtigten Wünschen für den richtigen Umgang mit den Relikten dieser spezifischen Vergangenheit nur relativ wenig Eingang in das Buch gefunden hat.
Unter Hinweis auf die sehr anregende Veröffentlichung von Matthias Burger über die ‚Bundesfestung Ulm. Deutschlands größtes Festungsensemble. Ulm 2006‘ geht es dabei um die Wiederherstellung der Erlebbarkeit, die Vermittlung der Vorstellung von dem historisch-städtebaulichen Wert der Festungswerke und die Hinführung der Bevölkerung zu einem ausgewogenen Verhältnis beim Umgang zwischen Erhaltung und Nutzung. In diesem Zusammenhang weist Burger mit Nachdruck darauf hin, dass es sich nicht nur um Bauten handle, sondern auch um begrünte Erdwerke, Wälle und Gräben. Diese bauliche Gesamtheit gilt es immer im Auge zu behalten. Während in der Zwischenkriegszeit die zentralen Themen Schließung, Umgestaltung oder Erhaltung hießen, und in der Kriegs- und Nachkriegszeit Nützlichkeitserwägungen die zentrale Rolle spielten, kann die Zeit zwischen 1955 und 1975 als die Phase der Beseitigungsmentalität bezeichnet werden. Erst seit dem Europäischen Jahr der Denkmalpflege 1975 begann man allmählich die Festungsanlagen als Kulturdenkmal zu entdecken. Diese Ansätze verstärkten sich allmählich und mündeten in die gegenwärtigen Aktivitäten der zahlreichen Interessenten für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der vielgestaltigen Teilelemente der Festungsanlagen im Bereich der Stadt Köln.
Abschließend bleibt nochmals festzuhalten, dass in einem sehr aufwändig gestalteten und von zahlreichen Fachleuten in mühseliger Detailarbeit erstellten Buch das Ziel erreicht wurde, die Gesamtanlage der Festungsstadt Köln wieder greifbar zu machen und den Zusammenhang der zahlreichen Einzelelemente in Text und Bild wiederherzustellen. Sicherlich wird diese Bestandsaufnahme der Geschichtswissenschaft im weiteren Sinne eine vorzügliche Grundlage für die erfolgreiche gezielte Arbeit der Denkmal- und Kulturlandschaftspflege darstellen. Noch wichtiger erscheint aber die nun gegebene Möglichkeit, die weitgehend abgehängte Festungsgeschichte wieder in eine enge Verbindung zur allgemeinen Stadtgeschichte zu bringen und die Bevölkerung zu sensibilisieren.
Werlen, Benno: Gesellschaftliche Räumlichkeit 1. Orte der Geographie. 334 S. und 15 Abb. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2010, € 29,-
Werlen, Benno: Gesellschaftliche Räumlichkeit 2. Konstruktion geographischer Wirklichkeiten. 362 S. und 16 Abb. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2010, € 29,-
Benno Werlen stellt mit dem Werk „Gesellschaftliche Räumlichkeit“ einen beträchtlichen Teil seines theoriezentrierten Oeuvres neu zusammen, der in Fachzeitschriften und Sammelwerken erschienen ist. Es ist so umfangreich, dass es auf zwei Bände verteilt ist: Band 1 heißt: „Orte der Geographie“ und Band 2: „Konstruktion geographischer Wirklichkeiten“. Es handelt sich somit nicht um das Opus magnum der Sozialgeographie, sondern um eine persönliche Anthologie aus fast dreißig Jahren Ringen Werlens um die richtige Sozialgeographie. Eine solche Anthologie ist in der Geographie nicht sehr häufig, aber bei Philosophen und Gesellschaftstheoretikern, insbesondere solchen, die bei Suhrkamp veröffentlichen, recht verbreitet. Insofern Benno Werlen in der Disziplin Geographie ein herausragender Philosoph und Gesellschaftstheoretiker und der Steiner-Verlag gleichsam der Suhrkamp für die Geographie ist, passt diese Konstellation in die disziplinäre Landschaft oder – näher beim Titel – ist der Steiner-Verlag der richtige Ort für ein solches Unternehmen.
„Orte der Geographie“, erklärt Benno Werlen gleich auf der ersten Seite des Vorwortes des ersten Bandes, ist nicht konventionell als Geographie des Wo (der Orte) zu verstehen, sondern als Orts- oder Positionsbestimmungen der modernen Sozialgeographie. Ob die Titelgebung also nur im herkömmlichen Sinne metaphorisch gemeint ist oder ob damit gleichzeitig eine konstruktivistische „Realität“ gemeint ist, kann ich nicht abschließend beurteilen, dem Epilog nach, auf den noch einzugehen sein wird, aber eher nicht.
Im Band 1 werden in vier Kapiteln Aufsätze Werlens zur Entwicklung der (Sozial-)Geographie vorgestellt. Im ersten Kapitel geht es um „wissenschaftshistorische und disziplinäre Kontexte“, im zweiten um „Ontologie und Methodologie“. Im dritten schließlich um „theoretische Perspektiven“. Verständlicherweise sind diese Rubriken nicht sehr trennscharf, weil die Texte ja für sehr unterschiedliche Kontexte verfasst wurden, aber doch ein wenig hilfreich für eine erste Einordnung. Im Band 2 werden Segmente präsentiert wie „räumliche Verhältnisse“ (hier geht es vor allem um den Raumbegriff), „kulturtheoretische Wende“ (hier geht es vor allem um Identität und Körper), „Territorialisierung und Globalisierung“ (Regionen und Regionalismus), das alltägliche Geographiemachen in der Praxis sowie die Schnittstellenfunktion der Geographie im ökologischen Kontext.
Sicher ist es verdienstvoll, die verstreuten Publikationen Benno Werlens zusammen zu tragen und redaktionell zu überarbeiten. Denn wie die Analyse von M. Steinbrink et al. gezeigt hat (Steinbrink et al. 2010) gehört Benno Werlen zu den wichtigsten lebenden Humangeographen deutscher Zunge. Für alle kommenden disziplinären „Nabelschauer“ (was nicht abwertend gemeint ist, schließlich zählt sich der Rezensent auch dazu) ist die Zusammenstellung sicher hilfreich, auch wenn man philologisch korrekt besser mit den Originalquellen arbeiten sollte. Insofern ist der Neuigkeitswert dieser Zusammenstellung gering.
Wie kann man ein solches Werk rezensieren? Man könnte auf die konkreten dargestellten Inhalte eingehen, aber zu einem nicht unerheblichen Teil ist darüber einfach die Zeit hinweg gegangen, es hat Diskussionen darüber an anderen Orten gegeben und Benno Werlen selbst hat sich natürlich weiter entwickelt. So hat es wenig Sinn, alte Schlachten nochmals zu schlagen. Ohne konkreten Anlass zu einer intensiven Beschäftigung mit der Geschichte der Sozialgeographie und den Positionen Benno Werlens hierzu hat man wenig Anlass, das Buch von vorne bis hinten durchzulesen, zu sehr sind die Publikationen ihren originären Entstehungszusammenhängen verbunden. Das eine Mal ist dies die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Anthony Giddens, das andere Mal ein Kolloquium zum Gedenken an Wolfgang Hartke oder eine Tagung über den Raumbegriff. Deswegen – es sei offen eingestanden – hat auch der Rezensent das Buch nicht von vorne bis hinten durchgelesen.
Neben seiner Funktion als Nachschlagewerk sagen jedoch die Überarbeitungen, die Überleitungen und die konkrete Zusammenstellung aber natürlich schon einiges über die Sicht Benno Werlens auf die Humangeographie aus. Nicht ohne Grund gibt es in dem Werk in jedem Band ein Vorwort, dann folgt eine Einleitung und schließlich gibt es zu jedem Kapitel nochmals eine Einführung. Im ersten Band ist auch noch ein Prolog dazwischen. Auf diese Weise wird dem Leser also eine Hilfe für die Einordnung der – mehr oder weniger originär wieder abgedruckten – Texte gegeben.
Ganz am Ende des zweiten Bandes gibt es zwar keine Synthese oder eine Conclusio, aber doch einen „Epilog“. Obwohl dieser Epilog mit sechzehn Seiten nicht sehr umfangreich ist, so ist er doch sehr lesenswert. In diesem extra für die beiden Bände geschriebenen Schlusswort manifestiert sich schon so etwas wie das Vermächtnis des Benno Werlen. Dieser Originalbeitrag kreist sehr stark um den Leitbegriff „Gesellschaftliche Raumverhältnisse“. Die Trias von Handeln und Struktur, Handeln und Körper sowie Körper und Raum-Räumlichkeit sind erweiterte Relationierungen der „gesellschaftlichen Raumverhältnisse“ mit dem Fokus auf Macht. Allerdings lässt die Fixierung auf die letztlich doch individualistische Handlungstheorie eine strukturelle Macht – etwa im Foucaultschen Sinne – nicht ernsthaft zu. Unverrückbarer Ausgangspunkt bleibt nämlich die Handlungstheorie von Giddens. Der Wechsel von Raum zu Handlung bzw. Handeln wird als „kategoriale Wende“ bezeichnet. M. E. ist es allerdings nicht ein Wechsel der Kategorie, sondern eher der Perspektivenwechsel gemeint, und dass Werlen mit seiner Betonung des Primates des Handelns gegenüber dem (Container-)Raum die Geographie von den Füßen auf den Kopf gestellt hat. Dieses Bild taucht beim Rezensenten in Abwandlung des Diktums von Karl Marx auf, der von sich sagte, er habe Hegel vom Kopf (des Idealismus) auf die Füße (des Materialismus) gestellt.
Obwohl viel von der gesellschaftlichen Konstruktion des Raumes usw. die Rede ist, hat es den Anschein als hätten die neueren Debatten, zum Beispiel aus der Systemtheorie oder der Actor Network Theorie, und generell der gesamte (De-)Konstruktivismus bei Benno Werlen wenig Spuren hinterlassen. Die Kritik am Biologismus bzw. Naturalismus (Lebensraumkonzept) und an der Geopolitik bzw. dem methodologischen Nationalismus, mit der der Epilog endet, erfasst die modernen Diskurse nur ansatzweise.
Es bleibt Benno Werlen Dank zu sagen, dass er sich die Mühe gemacht hat, seine verstreuten Beiträge zur Position und Weiterentwicklung der Sozialgeographie hier zusammen getragen zu haben. Damit ist ein Hort geschaffen, auf den diejenigen, die sich weiterhin mit der Geschichte und dem Wesen der Sozialgeographie abmühen wollen und sicher nicht an Benno Werlens Argumenten vorbei kommen, zugreifen können.
Literatur:
Steinbrinck M.; Zigmann, F.; Schmidt, J.-B.; Westholt, F.; Schehka, P.; Stockmann, A. und Ehebrecht, A. (2010): http://www.raumnachrichten.de/diskussionen/1162-humangeographie
Küspert, Jasmin: Kunsteinrichtungen im ländlichen Raum. Geographische Aspekte künstlerischer Einrichtungen abseits ihrer kernstädtischen Traditionsstandorte. XIV und 316 S., 51 Abb. und 7 Tab. Bamberger Geographische Schriften 25. Selbstverlag Institut für Geographie der Universität, Bamberg 2011, € 29,90
Auch wenn der Begriff „Kunsteinrichtungen“ im Titel der Arbeit etwas sperrig ist, das, was Jasmin Küspert in ihrer 2008 bei Hans Becker abgeschlossenen Dissertation vorlegt, ist eine gelungene Studie über die Frage, welche Beziehungen zwischen professionellen Konzerten, Betrieb von Theatern und Theateraufführungen, Angeboten der Kunst in Galerien, Kunstausstellungen und an Künstlerwohnsitzen einerseits und dem ländlichen Raum andererseits bestehen. Sie untersucht, gestützt auf eine beeindruckende Zahl selbst erhobener Daten aus vielen deutschen Landstrichen und kartographisch prägnant dargestellt, dieses Verhältnis an suburbanen Standorten ebenso wie in peripheren Räumen, in Orten und Landschaften mit und ohne touristischer Prägung. Damit leistet sie Pionierarbeit, denn Kunst im weitesten Sinne hat die deutsche Geographie bisher bestenfalls für (Groß-)Städte zum Gegenstand ihrer Forschungen gemacht. Zunächst stellt sie die Genese der Verortung künstlerischer Aktivitäten abseits der Städte dar und betont, dass nicht allein der Prozess der Suburbanisierung dafür ausschlaggebend ist, sondern z.B. Persistenzen im Theaterwesen seit dem 18. und 19. Jh. bestehen. Generell hänge es allerdings häufig von dem ausgeprägten Engagement einzelner Persönlichkeiten ab, ob „Kunsteinrichtungen“ im ländlichen Raum entstehen. Gerade die Möglichkeit, historischen Gebäuden damit neues Leben zu bescheren, bilde ein verbreitetes Motiv. Die meist niedrigeren Kosten für die Raumnutzung erwiesen sich zudem für viele Künstler als attraktiv. Lohnt sich der Aufwand für Veranstalter und ländliche Regionen, hier Musik, Theater und Kunst anzubieten? Hier fällt ihre Antwort differenziert aus. Grob vereinfacht könnte man sagen, Musik rechnet sich für die Anbieter besser als Theater und erst recht besser als bildende Kunst, aber so einfach geht das nicht. Im Einzelfall spiele sehr wohl eine Rolle, ob die Veranstaltungen in einem touristischen Umfeld oder in engerer Umgebung einer großen Stadt stattfinden. Hier kehre sich die übliche Zirkulationsrichtung zwischen Stadt und Umland geradezu um. Persistenzen im kulturellen Angebot gelten mehr für Konzerte und vor allem Theater als für die stark vom jeweiligen Künstler abhängige bildende Kunst. Von den durch „Kunsteinrichtungen“ induzierten Wertschöpfungseffekten profitieren besonders Gastronomie und Unterkunftsgewerbe, mehr im suburbanen und touristischen Raum als in der Peripherie. Insgesamt eröffnet Jasmin Küspert mit ihrer Arbeit einen fundierten und erfreulich differenzierten geographischen Blick auf eine zunehmende Art von Veranstaltungen, mit denen ländliche Räume ihre Attraktivität oft saisonal für den Tourismus und zugleich ihre Einwohner unter Beweis stellen oder stellen möchten. Staatliches und privates Sponsoring der „Kunsteinrichtungen“ ist allerdings immer willkommen und häufig unabdingbar.
Zimmermann, Gerd R.: Die Besiedlung Madagaskars durch <Indonesier>. 119 S. und 6 Abb. Edition Matahari, Nackenheim 2010
Der Band beschäftigt sich mit der Rekonstruktion verschiedener Einwanderungswellen nach Madagaskar aus dem südostasiatischen Raum. Als Ursprungsgebiete werden dabei vor allem Borneo, Sumatra, Banka und Java angesehen sowie Inseln östlich von Java im heutigen Indonesien, die unter der Bezeichnung Nusa Tenggara zusammengefasst werden. Dem Autor, der sowohl Südostasien als auch Madagaskar aus jahrelanger Feldforschungs- und Arbeitserfahrung kennt, kommt es dabei darauf an, zu betonen, dass die Menschen der verschiedenen Einwanderungswellen jeweils ihre eigenen materiellen und geistigen Kulturgüter sowie die Wirtschaftsweisen mit nach Madagaskar gebracht und hier sowohl konserviert als auch in einer den Quellgebieten ähnlich strukturierten Naturlandschaft weiter entwickelt hätten. Schlüssig stellt er dar, dass die große Vielzahl von Parallelen der Sozial- und Kulturgeschichte bestimmter ethnischer Gruppen Madagaskars zu solchen im indonesischen Raum nicht allein aus Zufällen oder gar geodeterministischen Erklärungsansätzen abgeleitet werden können. Zunächst sei – wahrscheinlich schon um Christi Geburt – eine erste Einwanderungswelle aus dem indonesischen Bereich aufgebrochen und wohl vornehmlich entlang der Küsten über Südindien und Südarabien bis an die ostafrikanischen Küsten und von dort nach Madagaskar gelangt. Ab dem 7. bis 8. Jahrhundert sei dann aus Südost-Borneo, dem Eindringen von Malaien ausweichend, eine zweite Welle von Auswanderern über verschiedene Zwischenstationen im südostasiatischen Raum nach Madagaskar gekommen, bevor dann zwei Jahrhunderte später eine dritte, die kulturell wohl bedeutendste, Einwanderungswelle mit Menschen, die bereits Nassreisanbau und hierarchische Gesellschaftsstrukturen aus Nusa Tenggara kannten, gestartet und in Madagaskar angekommen sei. Ab der Jahrtausendwende sei die Intensität der Einwanderungen aus Südostasien allmählich zurückgegangen, während schließlich die zunehmende Islamisierung und die beginnende Kolonialisierung diesen Prozess allgemein überlagert bzw. beendet hätten. In Madagaskar hätten sich die verschiedenen Einwanderungswellen u.a. in der Persistenz von verschiedenen Gesellschafts- und Landnutzungssystemen in unterschiedlichen Lebensräumen wie den Hautes Terres, dem Ostabhang der Insel und den küstennahen Gebieten konserviert. Besonders spannend sind Passagen der madagassischen Besiedlungsgeschichte, die danach fragen, welcher Art und Intensität eventuelle Rückbeziehungen von Madagaskar zu den Ursprungsländern gewesen sein mögen und wie lange sie anhielten. Auch die letztlich ungeklärte Frage der direkten Überseeverbindung von Java bzw. Nusa Tenggara über den offenen Ozean, ohne eine stärkere Anbindung an Küstenschifffahrt, gibt weiterhin Rätsel auf.
Eine Ausstattung mit Materialien (Tabellen, Kartenskizzen bzw. anderen Abbildungen) ist im Band zwar vorhanden, im Einzelfall jedoch nicht immer besonders aussagekräftig, da die Abbildungsunterschriften oft nicht klar Auskunft über das Dargestellte geben bzw. ein unmittelbarer Textbezug sich nicht immer direkt ermitteln lässt. Der Wert des Bändchens besteht in der übersichtlichen Zusammenfassung von Fakten zur Besiedlungsgeschichte Madagaskars, die bislang nur selten systematisch geordnet wurden. Zusammengestellt sind vor allem auch ältere Quellen, die einen Forschungsstand widerspiegeln, der am Vorabend einer neuen Generation von zu erwartenden Forschungsergebnissen in Form umfassender Genanalysen die bisherigen, vor allem auf ethno-linguistischen Grundlangen aufbauende Besiedlungsgeschichte Madagaskars präsentiert. Im Band wird zwar angegeben, dass die Untersuchungen auch auf einem intensiven Literatur- und Bibliothekstudium beruhen, dennoch könnten dem interessierten Leser die nicht erwähnten Werke von Chamla (1959) und Schomerus-Gernböck (1975), welche beide schon früh die Grundzüge der im vorzustellenden Band genannten Ergebnisse benannten, weiterhelfen. Sympathisch wirkt die der Völkerverständigung sicherlich zuträgliche Tatsache, dass die Zusammenfassung des Bandes nicht nur in deutscher, englischer und französischer Sprache, sondern auch auf Indonesisch und Madagassisch dargestellt wird.
Literatur
Chamla, M. C. (1958): Recherches anthropologiques sur l’origine des Malguches. Paris.
Schomerus-Gernböck, L. (1975): Madagaskar. In: Baumann, H. (Hg.): Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen 1. Frankfurt, 785–815.
Dang, Hoang Linh: Wirtschaftlicher Strukturwandel und außerlandwirtschaftliche Beschäftigung in Vietnam: Rahmenbedingungen, Potenziale und Hemmnisse der Unternehmensentwicklung. VIII und 144 S., 29 Abb. und 71 Tab. Hannoversche Geographische Arbeiten 60. LIT Verlag, Berlin 2010, € 24,90
Mit der zunehmenden Öffnung einstmals straff planwirtschaftlich-kommunistischer Länder ergeben sich auch für regionalanalytische Forschungen neue Perspektiven. In Vietnam hat mit Doi Moi (Neue Struktur) seit Mitte der 1980er Jahre ein Transformationsprozess hin zu einer Marktwirtschaft eingesetzt, begleitet von einem seitdem beeindruckenden Wirtschaftswachstum. Diesem Aspekt widmet sich die vorliegende Dissertation. Fokussiert auf den nicht-agrarischen Beschäftigungssektor, analysiert die Studie die hemmenden Entwicklungsfaktoren insbesondere für Klein- und Mittelunternehmen. An drei Fallbeispielen (zwei eher ländlich und eine städtisch geprägte Provinz im mittleren Vietnam) werden als Standortprobleme vor allem die schlechte Qualifikation der Arbeitskräfte, eine geringe Qualität der Arbeitsvermittlung, schlechte industrielle Infrastruktur etc. ermittelt, wobei insbesondere die ländlichen Räume benachteiligt sind. Während die zumeist nur wenig verwertbaren offiziellen Statistiken den Rahmen bis etwa 2004/2005 abstecken, beruhen die Untersuchungen des Verfassers auf Feldstudien in den Jahren 2007 und 2008. Ergebnis ist eine weithin nicht überraschende Zustandsbeschreibung, deren Repräsentanz für Vietnam insgesamt indes nicht thematisiert wird. So beachtlich die abschließenden Handlungsempfehlungen an die vietnamesische Politik auch sein mögen: schade, dass etliche sprachliche wie formale Nachlässigkeiten des Textes und der Dokumentation die Lektüre dieser Dissertation nicht gerade befördern. Eine Arbeit, die sich wohl vor allem an Vietnam-Interessierte wendet, ansonsten aber eher verzichtbar ist!
Schmude, Jürgen und Namberger, Philipp: Tourismusgeographie. VII und 144 S., zahlr. Abb. und Tab. Geowissen Kompakt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, € 16,90 / sFr 29,90
Besprechungen von gelungenen Büchern können kurz sein. Das Buch hält alles, was es auf dem Umschlag als Ziel der Reihe „Geowissen kompakt“ und als spezieller Band über Tourismusgeographie verspricht: Grundlegende Begriffe werden ausführlicher als in einem Lexikon, zudem in verständlicher Sprache und mit anschaulichen Abbildungen, aber kürzer als in einem Handbuch erläutert. Die Gliederung in vier Hauptkapitel ist plausibel: Grundlagen und Erfassung, Angebot und Nachfrage, Wirkungen und Effekte, zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen. Die Darstellung ist bei aller Kürze dennoch ausgewogen und um Differenzierung bemüht. Als Zielgruppe sind Studierende gut angesprochen, für die damit ein solides Begleitbuch bei einschlägigen Vorlesungen und Seminaren zur Verfügung steht, das durch seinen knappen, aber prägnanten Stil tatsächlich auch für Prüfungsvorbereitungen geeignet ist. Für Lehrende ist es schlicht praktisch als Nachschlagewerk, für Oberstufenschüler erscheint das Reflexionsniveau allerdings eher zu anspruchsvoll. Das Preis-Leistungsverhältnis ist sehr günstig. Fazit: sehr empfehlenswert!
